Horst Eckert Sprengkraft � 2010 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund Internet:�http://www.grafit.de E-Mail:�info@grafit.de Alle Rechte vorbehalten. eISBN 978-3-89425-806-1 Horst Eckert�wurde 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren. Aufgewachsen in Pressath, in der nordostbayerischen Provinz. Studium in Erlangen und Berlin (Diplompolitologe). Er lebt als Autor in D�sseldorf. Seine Kriminalromane sind ins Tschechische, Franz�sische und Niederl�ndische �bersetzt. Bisher sind erschienen:� Annas Erbe�(1995),� Bittere Delikatessen�(1996),� Aufgeputscht�(1997),� Finstere Seelen�(1999),� Die Zwillingsfalle�(2000),� Ausgez�hlt�(2002),� Purpurland�(2003),� 617 Grad Celsius�(2005),� K�nigsallee�(2007) und� Sprengkraft�(2009). Horst Eckert ist mehrfacher Preistr�ger. Sein j�ngst erschienener Thriller�Sprengkraft�steht auf der Auswahlliste f�r den �Friedrich-Glauser-Preis 2010�. Mehr Informationen �ber den Autor unter:�www.horsteckert.de I�m guided by a signal in the heavens I�m guided by this birthmark on my skin I�m guided by the beauty of our weapons First we take Manhattan, then we take Berlin Leonard Cohen, 1987 Teil I Hass 1. Als Abderrafi Diouri seinen Wagen abschloss, fiel sein Blick auf die sch�ne Tasnim, die keine drei�ig Meter entfernt aus dem Bus stieg. Er wusste, dass es kein Zufall war, sondern Schicksal � gerade noch hatte er an sie gedacht. Die Siebzehnj�hrige trug eine knallgelbe Tasche an einem Riemen �ber der Schulter und schlenderte die Stra�e entlang. Kein Blick zu ihm her�ber. Und keinen Hijab � sie trug ihr Haar schamlos zur Schau. Rafi rieb die vernarbte Stelle an seiner linken Hand und �berlegte, woher Tasnim wohl kam. Hatte die Schule heute l�nger gedauert? Im letzten Herbst war ihm das M�dchen zum ersten Mal als Frau aufgefallen � und seitdem nicht aus dem Sinn gewichen. Aber er hatte keine Ahnung, wie er sie am besten ansprechen sollte. Es war nicht so, dass Rafi mit seinen neunzehn Jahren keine Erfahrung mit dem anderen Geschlecht besa�, denn Noureddine, sein �lterer Bruder, hatte ihn etliche Male mitgenommen, wenn er Weiber in D�sseldorfs Discos aufriss oder Nutten im Puff besuchte. Schampus, Koks und jede Menge Geld waren im Spiel gewesen � als Boss im hiesigen�Bisnes,�wie sie ihr Gesch�ft nannten, hatte Noureddine alles auf Lager gehabt, womit man diese Schlampen herumkriegte. Aber das gab es nicht mehr. Und Tasnim war keine Schlampe. Noch nicht. Rafi unterdr�ckte den Impuls, ihr hinterherzulaufen. Beim letzten Mal war es nicht gut ausgegangen. Sie hatte ihn vor allen Passanten zurechtgewiesen, ohne dass ihm eine treffende Erwiderung eingefallen war. Tasnim hatte ihn angegiftet, er solle sie in Ruhe lassen � als verfolge und bel�stige er sie. Und ihre Freundin, eine Ungl�ubige, hatte ihn einen stinkenden Sardinenh�ndler genannt. In Rafis Ohren klang das Gel�chter der beiden M�dchen nach. Er schnupperte verstohlen an seinen Fingern: Nein, sie rochen nur nach Seife. Vielleicht sollte er mit Tasnims Bruder reden. Rafi �rgerte sich, dass ihn der Gedanke an diese Frau so plagte, obwohl er l�ngst wusste, dass das irdische Leben nicht z�hlte. Nicht Partys, nicht Alkohol, sondern ausschlie�lich Allahs Wort und das Beispiel des Propheten. Der Glaube ist alles, dachte Rafi. Das Leben kotzte ihn an. � Mittwoch, 4. M�rz,�Blitz,�Seite eins: ACHT TOTE BEI BRAND IN MAINZER MEHRFAMILIENHAUS Menschen springen in Panik aus dem Fenster, werfen ein Kleinkind aus dem zweiten Stockwerk, das Polizisten gerade noch auffangen k�nnen. Bei�ender Qualm liegt �ber dem Viertel. Herzzerrei�ende Schreie, dann geht die Feuerwalze durch das ganze Haus. Die Bilanz des verheerenden Brandes in Mainz: acht Tote, darunter f�nf Kinder, mehr als f�nfzig verletzte Menschen. Das Haus wurde vor allem von T�rken bewohnt. Die Brandursache ist noch unbekannt, eine 50-k�pfige Sonderkommission hat die Ermittlungen aufgenommen. Ministerpr�sident Kurt Beck erkl�rte, er sehe keine Hinweise auf ein Verschulden Dritter. Damit lasse sich ein fremdenfeindlicher Anschlag ausschlie�en. � Donnerstag, 5. M�rz,�K�lner Kurier,�Seite sieben: EHRENFELDER CDU GEGEN ZENTRALMOSCHEE Im Streit um die geplante Zentralmoschee im K�lner Stadtteil Ehrenfeld spricht sich nun auch die Ehrenfelder CDU f�r eine �deutliche Verkleinerung� des Bauvorhabens aus und stellt sich damit gegen einen Beschluss der K�lner Parteispitze. Die bisherige Planung von Bauherr und Stadtverwaltung sieht ein f�nfst�ckiges, von einer Kuppel gekr�ntes Geb�ude vor, das zweitausend Gl�ubigen Platz bieten und dar�ber hinaus ein Gesch�ftszentrum mit 35 Ladenlokalen beherbergen soll. Bauherr und alleiniger Geldgeber ist die t�rkisch-staatliche DITIB-Organisation. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet das Projekt durch die Kritik des prominenten Schriftstellers Konrad Rolfes, die Moschee symbolisiere eine �Landnahme durch einen integrationsfeindlichen Islam�. 2. Sie schleppten den Heimtrainer die Stufen hoch. Irgendwas an dem alten Ding klapperte. Rafi fragte sich, warum es so viel schwerer war als ein richtiges Fahrrad. Noch eine Treppe bis zum vierten Stock. Einen Aufzug hatte das Haus im D�sseldorfer Stadtteil Oberbilk nat�rlich nicht. �H�tte nicht gedacht, dass das Teil in deinen Kofferraum passt�, �chzte Said Boussoufa. �Hast ein klasse Auto, Bruder Rafi.� �Von Noureddine geerbt.� �Verstehe.� Rafi war klar, dass sein Freund Said das�Bisnes�und die Lebensweise, die Noureddine gef�hrt hatte, missbilligte. Aber Rafi hatte sich nach dem Tod seines �lteren Bruders ver�ndert und Said wusste das. Die Treppe knarrte. �Alles aus Holz hier�, stellte Rafi fest. �Wie das Haus in Mainz. Du hast von dem Feuer geh�rt?� �Klar. Ist garantiert von den Ungl�ubigen gelegt worden. Sie haben die T�rken abgefackelt. Wie damals in Solingen und M�lln. Auf der ganzen Welt herrscht Krieg.� �Man sollte die Schweinefresser in die Luft jagen,�inschallah.� Sie stellten den Heimtrainer ab. Rafi kratzte an seiner Narbe. �Bleibst du zum Tee?�, fragte Said. �Nein, danke.� �Wirklich nicht?� �Du musst zur Arbeit.� �Erst in einer Stunde.� �Dann okay, aber nur eine Tasse.� Said klingelte, bevor er die T�r aufschloss. Rafi wusste, dass sein Glaubensbruder das tat, um seiner Frau die M�glichkeit zu geben, sich in das Schlafzimmer zur�ckzuziehen. Miriam verlie� die Wohnung fast nie. Und wenn, dann nur verh�llt und in Begleitung eines engen Familienangeh�rigen. Das Paar nahm die Vorschriften ernst. Fast immer war es Said, der die Eink�ufe erledigte. �Bruder Rafi ist hier�, rief Said in Richtung Schlafzimmer, w�hrend sie im Flur die Schuhe auszogen. �Machst du uns Tee?� �Salamu alaikum�, t�nte Miriams Stimme zur�ck. �Alaikum a salam�, antwortete Rafi. Sie trugen das Trimm-dich-Rad ins Wohnzimmer. Ein Freund, der zum Studieren nach �gypten gegangen war, hatte es Said �berlassen. Miriam wollte sich mit dem Ger�t etwas Bewegung verschaffen. Rafi war zum ersten Mal in Saids neuer Wohnung. An der Wand ein gerahmtes Foto, das einen Koranvers in sch�ner Kalligrafie zeigte, darunter ein zerschlissenes Sofa, das aussah wie vom Sperrm�ll. Es gab ein Sideboard, ein Regal mit B�chern auf Arabisch, Drucker, Kassettenrekorder und Fernseher � hoffnungslos antiquierte Modelle. Neu waren nur der Laptop von Aldi und der Satellitentuner, mit dem Said�al-Aqsa-TV�der Hamas aus Gaza oder den Sender der libanesischen Hisbollah empfangen konnte. Bezahlt von Spenden der Moscheegemeinde, wie Rafi wusste. �Warum hat dein Alter euch rausgeworfen?�, fragte er. Said setzte sich auf den Heimtrainer und trat probehalber in die Pedale. �Es war unser Entschluss.� �Ach.� �Miriam ist schwanger.� �Hast du mir erz�hlt. Und?� �Es ging nicht mehr. Zoff, wei�t du?� �Weswegen?� �Mein Vater wollte mir vorschreiben, wie ich das Kind nennen soll.� �Typisch die Alten�, stellte Rafi fest. �Meiner ist noch viel schlimmer. Nicht blo� Marokkaner, sondern einer aus dem Rif, verstehst du? Mein Alter w�rde sogar Terror machen, wenn ich mit deiner Schwester ginge, blo� weil sie keine Berberin ist.� �Was haben wir vereinbart?�, fragte Said d�ster. �Du erw�hnst meine Schwester nicht, sonst frage ich nach deiner.� Mit diesen Worten stieg er vom Fahrrad und ging in die K�che, um den Tee zu holen, den seine Frau inzwischen zubereitet hatte. Rafi wusste, warum Said sauer war. Halima kleidete sich wie eine deutsche Schlampe und kam abends nach Hause, wann sie wollte. Ihre Eltern gaben ihr R�ckendeckung, aus Stolz auf die frisch gebackene Anwaltsgehilfin. Arabische Marokkaner aus der Gro�stadt waren manchmal so. Mit Rafis Schwester Fatima verhielt es sich jedoch weit schlimmer. Sie hatte ihrer Familie gr��te Schande bereitet, denn sie war ausgezogen und hatte sich eine eigene Wohnung genommen � als unverheiratete Frau. Fatima studierte, und obwohl die Eltern schon zwei Mal einen m�glichen Ehemann f�r sie gefunden hatten, weigerte sie sich, solche Vorschl�ge auch nur in Erw�gung zu ziehen. Rafi hatte vergeblich versucht, sie zur�ckzuholen. Zum Gl�ck war sie in ein anderes Viertel gezogen. So wurde er nicht nach jedem Freitagsgebet auf das Verhalten seiner Schwester angesprochen. Rafi musste an Tasnim denken, wie er eine Berberin. Wieder klang in seinem Kopf ihr Gel�chter.�Sardinenverk�ufer. Er wandte sich den B�chern auf Saids Sideboard zu. Ausnahmslos handelten sie vom Koran und der Sunna, dem Leben und den Lehren des Propheten. Im Ausgabefach von Saids Drucker lag ein Blatt, der Ausdruck einer Internetseite. Interessiert griff Rafi danach. Die �berschrift lautete:�Unsere Br�der werden mit unserem Geld get�tet. Said kam mit einem Tablett zur�ck und schenkte Tee in beide Tassen. �Was ist das?�, fragte Rafi. �Kannst du mitnehmen�, antwortete der Freund. Rafi bedankte sich, faltete das Blatt und steckte es ein. �Du legst dich also mit deinem Vater an?� �Klar, wenn es um die Gesetze Allahs geht. Mein Alter passt sich den Deutschen an. Als k�nnte es ein Miteinander mit den Ungl�ubigen geben. Und er duldet, dass Halima gegen den Islam lebt.� �Und dein Sohn, wie willst du ihn nennen?� Said kratzte sich am Bart. �Dschihad. Allah, der Erhabene, will es so, also soll es auch geschehen.� Rafi nickte. Er selbst hatte viele Jahre seines Lebens im Dunkeln verbracht. Auf dem Weg ans Licht war sein Freund viel weiter als er. Als Said noch bei den Eltern wohnte und nicht arbeiten musste, hatte er seine gesamte Zeit auf das Studium des Korans und der Hadithen verwandt und neun Mal am Tag gebetet, �fter noch als vorgeschrieben. Rafi trank seine Tasse leer und stand auf. �Der Tee schmeckt ausgezeichnet. Allah hat dich mit einer Frau gesegnet, die dich gut umsorgt.� �Ja, Allah sei gepriesen.� �Also dann�, sagte Rafi und wandte sich zur T�r. �M�ge Allah dir einen gesunden Sohn schenken. Dschihad ist ein guter Name.� Saids Augen strahlten vor Stolz. � Rafis Mutter hatte Couscous mit Rosinen und Zwiebeln gekocht � ausnahmsweise keine Fischreste. Rafi k�sste die Hand seines Vaters und setzte sich an den Tisch. Der Gedanke an Said und dessen vorbildliches Leben hatte ihn den ganzen Nachmittag nicht mehr losgelassen. Nach einer Weile wandte sich Rafi an seine Mutter: �Wo hast du heute eingekauft?� �Seit wann interessiert dich das?� �Sag schon!� Rafis Vater sah kurz hoch, dann schaufelte er weiter sein Essen in sich hinein. Mostafa Diouri war ein Mann, der nie viel redete. Klein, kompakt und sehr kr�ftig, trotz seiner immerhin schon sechsundf�nfzig Jahre. Das Gesch�ft war ihm das Wichtigste. Ihm Widerworte zu geben, wie es Said mit seinem Vater tat, h�tte Rafi nicht gewagt. �Na, im gleichen Supermarkt, in den ich immer gehe�, antwortete seine Mutter. �Der Besitzer ist Berber. Aus dem Rif-Gebirge wie wir. Wieso fragst du?� �Weil es nicht gut ist, wenn du an Orte gehst, wo fremde M�nner sind. Das geh�rt sich nicht.� �Bist du verr�ckt? Was soll ich tun? Etwa die Wohnung nicht mehr verlassen?� �Zum Beispiel.� �Und wer macht dann die Eink�ufe? Du vielleicht? Der Besitzer des Ladens ist kein Fremder. Seit wir hier leben, gehe ich dorthin.� �Es ist aber nicht recht. Du solltest das nicht mehr tun.� Mostafa Diouri sah Rafi erneut an und kaute langsamer. Dann winkte er, als wollte er seinem Sohn etwas ins Ohr fl�stern. Der Alte sieht es genauso, dachte Rafi und neigte ihm den Kopf zu. Die Ohrfeige kam unvermutet und mit Wucht � f�r Sekunden glaubte Rafi, er k�nne auf der linken Seite nichts mehr h�ren. �Wie redest du mit deiner Mutter?�, knurrte der Alte. �Was mischst du dich ein? M�ge Allah deine Zunge z�geln!� Er holte erneut aus, doch Rafi packte seinen Arm. �Lass mich los!�, rief sein Vater, rot vor Zorn. �Wo bleibt dein Respekt?� �Vertragt euch!�, heulte die Mutter auf. Rafi drohte mit dem Zeigefinger. �Du schl�gst mich nicht noch einmal. Nie wieder, verstehst du?� � Er schloss sich im Badezimmer ein und kontrollierte sein Gesicht im Spiegel. Die Wange brannte, aber eine Schramme war nicht zu entdecken. Schl�ge war Rafi von jeher gewohnt. Klar, dass ein Vater seine Kinder z�chtigen musste. Rafi dachte daran, als er ein kleiner Junge gewesen war und Strafe verdient hatte. Der �ltere Bruder war bereits vollj�hrig und kellnerte in einem Caf� � zumindest gab Noureddine das als Broterwerb an. Er konnte sich alles leisten, was er wollte. Deshalb verstand Rafi die Sparappelle seines Vaters nicht. Er hatte sich einen Gameboy gew�nscht, wie ihn seine Mitsch�ler besa�en. Vermutlich h�tte er seinen Bruder um das Geld bitten k�nnen, aber Rafi nahm es sich aus dem Portemonnaie seiner Mutter und dachte sich nichts dabei. Sie hatte den Diebstahl noch am selben Tag entdeckt. Sein Vater verfluchte Rafi und zerrte ihn in die K�che, wo das �l in der Pfanne rauchte. Er packte den Stiel mit beiden H�nden. Seine Stimme �berschlug sich, sodass Rafi ihn kaum verstand: �MIT WELCHER HAND HAST DU DAS GELD GESTOHLEN?� Rafi schluchzte und schlotterte am ganzen K�rper. Selbst die Mutter heulte. Der Vater br�llte noch lauter. Schlie�lich schloss Rafi die Augen und streckte instinktiv die Linke aus, die unreine Hand, die nicht so wichtig war. ��BER DEN AUSGUSS!� � Rafi k�hlte die Wange mit Leitungswasser und betrachtete seinen Bart. Seit einem Monat rasierte er sich nicht mehr. Sein Vater f�rchtete, dass deshalb die deutschen Kunden wegbleiben k�nnten. Zum Teufel mit der falschen R�cksichtnahme! Sich die Barthaare zu entfernen war�haram�� eine S�nde laut islamischer Lehre. Der Prophet war das Vorbild. Nicht die Schweinefresser, die keine Ahnung vom Glauben hatten. Rafi erinnerte sich an das Blatt Papier, das er bei Said eingesteckt hatte. Er trocknete seine H�nde, setzte sich auf die Toilette, zog den Zettel aus der Jackentasche und strich ihn auf den Knien glatt. Bilder, arabische Schrift und etwas Text auf Deutsch � eine Collage aus popul�ren Markennamen und comicartig gezeichneten Kriegsszenen, die den Preis von Alltagsgegenst�nden zu dem Marktwert der Munition in Beziehung setzten, die im Irak und anderswo gegen Muslime verschossen wurde. Coca-Cola: 4 Schuss Always Ultra: 12 Schuss Hamburger: 40 Schuss Rafi f�hlte sich schuldig. Wie oft hatte er fr�her bei McDonald�s gegessen � v�llig unbedacht! Nike-Turnschuhe: 800 Schuss Rafi sah an sich herab. War Adidas erlaubt? In Afghanistan k�mpften auch deutsche Truppen. Das sind Waren von Kreuzz�glern und Juden. Kauf dein Gl�ck nicht mit dem Blut deiner Br�der! Es klopfte an der T�r. Sein Vater wollte ins Bad. Rafi sp�rte Hass auf diesen Mann. Er regte sich nicht. Nach einer Weile entfernten sich die Schritte � sein Vater hatte aufgegeben. Rafi lie� kaltes Wasser �ber seine verkr�ppelte Hand laufen, damit sie nicht so juckte. Dann holte er sein Handy hervor und w�hlte Saids Nummer. Der Glaubensbruder meldete sich. �Wir sollten es einfach tun�, sagte Rafi. �Was denn?� �Den Schweinefressern Saures geben. In die Luft sprengen, oder so.� �Nicht am Telefon!� Rafi wollte sich entschuldigen, doch Said hatte aufgelegt. � Freitag, 6. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Seite eins: BIN LADEN DROHT EUROPA Terroristenf�hrer Osama bin Laden hat den europ�ischen Staaten wegen der wiederholten Ver�ffentlichung d�nischer Mohammed-Karikaturen mit Anschl�gen gedroht. Die satirischen Zeichnungen seien �Teil eines Kreuzzuges� und �f�r Muslime noch schlimmer als das T�ten wehrloser Zivilisten im Krieg�, hei�t es in einer f�nfmin�tigen Tonaufnahme, die gestern in einem Internetforum von Islamisten ver�ffentlicht und von Experten als authentisch bezeichnet wurde. F�r Deutschland gibt es nach Einsch�tzung des Berliner Innenministeriums jedoch kein erh�htes Terrorrisiko. �F�r uns ist von besonderem Interesse, dass Deutschland nicht genannt wird�, sagte eine Sprecherin. 3. Die Sonne strahlte durch ein Wolkenloch auf K�ln-Ehrenfeld herunter, es war windstill und die gef�hlte Temperatur kletterte h�her, als es der Wetterbericht hatte erwarten lassen. Moritz Lemke war sp�t dran. Er schwitzte in seinem Trenchcoat, als er zum Auto eilte und sich fragte, wann er das letzte Mal einen Stellplatz gefunden hatte, der nicht in der Distanz eines Halbmarathons von seiner Wohnung entfernt lag. Letzte Nacht hatte er den Mondeo auf einem Gewerbehof an der Venloer Stra�e geparkt, in der Ladezone eines Getr�nkemarkts � hoffentlich war das Auto nicht abgeschleppt worden. An der Zufahrt trat ihm ein Kerl in den Weg. Graue Hose und beigefarbener Anorak, ein Packen Papier in der Umh�ngetasche. Er klapperte mit einer Spendenb�chse, Flugblatt in der anderen Hand, und murmelte: �F�r die Freiheit unserer westlichen Werte!� Moritz schnappte sich den Flyer, ignorierte die Bitte nach einer Spende und lief auf den Hof. Sein Wagen stand an Ort und Stelle. Erleichtert entriegelte Moritz die T�r. Bevor er den Motor anlie�, warf er einen Blick auf das eng bedruckte Blatt, das ihm der Aktivist in die Hand gedr�ckt hatte. Wo auch immer jemand protestierte, musste Moritz sich kundig machen. Als Sch�ler in den Siebzigern im wilden Eifer des M�chtegern-Revoluzzers � gegen Antiterrorgesetze, Atomkraft und NATO-Raketen. Nach Studium und Volontariat aus professioneller Neugier. Heute hatte sich seine Begeisterungsf�higkeit merklich abgeschliffen, aber was sich gegen die etablierte Politik und ihre eitlen Vertreter regte, besa� meistens sein wohlwollendes Interesse. Rot gedruckte �berschrift:�Religionsfreiheit ist kein Argument! Moritz h�tte es sich denken k�nnen: Es ging gegen die Gro�moschee mit ihren F�nfundf�nfzig-Meter-Minaretten, die ein t�rkischer Verein auf dem Gewerbehof bauen wollte. Bislang diente hier eine ehemalige Lagerhalle als Gebetsraum, eingepfercht zwischen Getr�nkemarkt und rosafarbenem Schmuddelpuff. Der Text zitierte einen evangelischen Bischof:�Das geplante Geb�ude w�rde einsch�chternd auf Nichtmuslime wirken.�Zu wuchtig die Architektur, zu hoch die T�rme. Au�erdem sei den Anwohnern die erh�hte Verkehrsbelastung nicht zuzumuten. Zumindest da ist etwas dran, dachte Moritz, als er seinen Ford startete. Beim Wenden fiel sein Blick auf das rosa Haus mit den verh�ngten Fenstern. Vielleicht steckte hinter der Partei und ihrem spendensammelnden Flugblattverteiler auch nur der Puffbetreiber, der dem neuen Gotteshaus nicht weichen wollte. Moritz gab Gas, er hatte genug Zeit vertr�delt. � Hinter Dormagen ging es nur im Schritttempo voran. Baustelle. Moritz hatte kalkuliert, die Strecke nach D�sseldorf in h�chstens vierzig Minuten zur�cklegen zu k�nnen. Ein Blick auf die Uhr: Es w�rde eng werden. Er schaltete das Radio ein, Nachrichten: In Sittensen bei Hamburg war ein muslimischer Gebetsraum in Brand gesetzt worden, keine Verletzten, nur Sachschaden. Die Polizei hatte einen einschl�gig bekannten achtzehnj�hrigen Rechtsradikalen als Tatverd�chtigen festgenommen, der in der Umgebung Klebezettel mit islamfeindlichen Parolen angebracht hatte. Hoffentlich steckten hinter dem Gro�feuer in Mainz nicht auch die Neonazis, dachte Moritz und erinnerte sich an Solingen vor sechzehn Jahren: Zwei Frauen und drei kleine M�dchen waren gestorben, nachdem Rechtsradikale Mollis in ein von T�rken bewohntes Haus geschleudert hatten. Als damaliger Redakteur des�K�lner Kurier�hatte Moritz wochenlang dar�ber berichtet. Unl�ngst hatte die Zeitung ein Foto von einer Gedenkveranstaltung in Solingen abgedruckt: die �berlebende Mutter der Opferfamilie in Gro�aufnahme, sie trug den Hijab, das Kopftuch. Moritz fragte sich, ob sie das auch vor f�nfzehn Jahren schon getan oder ob er damals nur nicht darauf geachtet hatte. Woran lag es, dass sich die Kulturen so fremd blieben? Moritz fiel ein Streit ein, den er im letzten Jahr mit seiner Freundin Petra �ber das Kopftuchverbot f�r Lehrerinnen an deutschen Schulen gef�hrt hatte. Moritz tendierte zum Verbot und hatte seinen Standpunkt vehementer vorgetragen, als es seiner �berzeugung entsprochen hatte � Petra hatte kurz zuvor verk�ndet, das Jobangebot der bayerischen Gr�nen anzunehmen und mit Gretchen, ihrer gemeinsamen Tochter, nach M�nchen zu ziehen. Vermutlich war er deshalb so gereizt gewesen. Sein Handy gab Laut. Moritz fummelte das Ger�t aus der Hosentasche. �Lemke.� �Hey, Lemmi, ich bin�s, Tom.� Moritz� Kumpel Thomas Brennecke, ein Freund aus der Studentenzeit, als sie noch gemeinsam auf jede Demo gegangen waren. Auch Tom war l�ngst etabliert. Er fragte: �Nimmst du den Job an?� �Bin gerade auf dem Weg.� �Sieh zu, dass du eine gute Figur machst, Alter, immerhin habe ich dich empfohlen!� Thomas Brennecke betrieb eine PR-Agentur und war den Liberalen beigetreten, die seit vier Jahren in Nordrhein-Westfalen mit regierten. Ob aus �berzeugung oder um das Gesch�ft anzukurbeln, war Moritz nicht ganz klar. �Danke, Tom. Aber du wei�t ja: Wenn ich Minister Andermatt sympathischer f�nde, w�re mir die Zusage leichter gefallen.� �Hey, du bist Profi.� �Klar, keine Sorge.� �Also viel Erfolg, Lemmi!� Moritz bedankte sich und steckte das Handy weg. Er konnte sich pers�nliche oder weltanschauliche Vorbehalte nicht leisten. W�hrend der Zeitungskrise im vorletzten Jahr hatte er die langj�hrige und bombensicher geglaubte Stelle beim�Kurier�verloren � und musste rasch erkennen, dass die rheinische Medienlandschaft nicht auf einen ausgemusterten Politikredakteur gewartet hatte, der stramm auf die f�nfzig zuging. Zum Gl�ck gab es Thomas Brennecke. Der Kumpel hielt ihn mit Auftr�gen �ber Wasser. Der Stau l�ste sich auf. � Dr. Waldemar Weber, Eingang nebenan. Moritz ging zur n�chsten T�r, klopfte und betrat das Vorzimmer. Die Sekret�rin war erstaunlich jung und trug eine helmartige Frisur im Sixties-Retrolook � vermutlich verspr�hte sie jeden Morgen eine Dose Drei-Wetter-Taft. Sie musterte ihn pr�fend, griff zum Telefon, gab ihrem Chef Bescheid und entlie� Moritz in Webers B�ro. Der Pressesprecher des nordrhein-westf�lischen Innenministers erinnerte Moritz an einen Strebertyp aus seiner Abiturklasse, der stets in der ersten Reihe gesessen hatte: blass, feist und ein L�cheln im Gesicht, das so dauerhaft wie falsch war. Waldemar Weber gab Moritz die Hand und wies auf den Besucherstuhl. Dabei zwinkerte der Typ � Moritz konnte nicht erkennen, ob es Absicht oder ein nerv�ses Zucken war. �Nehmen Sie Platz, Herr Lemke. Tja, die Brosch�ren, die Sie f�r Brenneckes Agentur getextet haben, sind wirklich recht brauchbar.� Moritz bem�hte sich um eine freundliche Miene und gedachte der Worte seines Kumpels Tom:�Du bist Profi. Webers neuer Auftrag: Moritz sollte eine Rede verfassen, die Minister Andermatt in B�lde vor irgendwelchen Industriefritzen zu halten hatte. Weil zugleich der turnusm��ige Vorsitz der Innenministerkonferenz auf Andermatt fiel, habe die Pressestelle zu viel um die Ohren, um sich selbst um diese Rede k�mmern zu k�nnen. �Wir brauchen�human touch�und�emotional approach�, erkl�rte Weber. �Also nicht blo� die �blichen Floskeln. Unsere Haltung zu Jugendstrafrecht, Datenvorratsspeicherung und Online-Durchsuchung teilen diese Leute ohnehin. Sie wollen den�Menschen�Andermatt kennenlernen. Sp�ren, dass der Minister einer von ihnen ist. Ein durchsetzungsf�higer Entscheider und so weiter, wenn Sie wissen, was ich meine.� �Klar.� Weil Moritz nicht gefr�hst�ckt hatte, griff er nach dem Keksteller, der den Besprechungstisch schm�ckte. Gleich darauf bereute er es � das Zeug war weich und schmeckte wie Pappe. Er mutma�te, dass die �berlastung der Pressestelle nur eine Ausrede war. Andermatt haftete der Ruf als schlechter Redner an und wahrscheinlich machte der Minister seinem Pressesprecher Druck. Das konnte Moritz nur recht sein. Er brauchte den Auftrag. �Eine Rede ist nat�rlich etwas anderes als ein paar Brosch�ren�, fuhr Weber fort. �Aber Sie wurden mir als der richtige Mann empfohlen, und da will ich es gern mal mit Ihnen probieren.� Moritz nickte. Er w�rde Tom keine Schande bereiten. �Kommen wir zum Finanziellen�, sagte der Pressesprecher und zeigte wieder sein seltsames Zwinkern. �ber das Honorar hatte sich Moritz bereits Gedanken gemacht. F�nfhundert Euro betrug sein Tagessatz. Er veranschlagte vier Tage und hatte sich vorgenommen, die Summe aufzurunden. �Dreitausend�, sagte er. Webers falsches L�cheln wurde breiter. Moritz fragte sich, welche Show der Mann da abzog. �Reden wir Klartext�, antwortete Weber und spielte mit seinem Edelkugelschreiber. �Als Leiter der Pressestelle bin ich bevollm�chtigt, Betr�ge bis zehntausend Euro ohne R�cksprache abzuzeichnen. Also ist erheblich mehr f�r Sie drin. Sagen wir neun statt drei? Davon zahlen Sie mir zwei in bar als Provision zur�ck. M�hsam ern�hrt sich das Eichh�rnchen und ein paar Extran�sse heben die Laune in diesen kalten Zeiten, nicht wahr, Herr Lemke?� Moritz schluckte. Weber wollte ihn zum Komplizen beim Griff in die Kasse machen. Hatte der Kerl noch alle Tassen im Schrank? Der Pressesprecher leckte seine Lippen. �Und ich kann mir gut vorstellen, dass wir zwei noch �fter zusammenarbeiten werden. Vorausgesetzt nat�rlich, dass die Rede gut ankommt.� �Danke f�r das gro�z�gige Angebot�, sagte Moritz z�gernd, �aber��� �Aber was?� �Dreitausend Euro gen�gen v�llig.� �Bitte?� Sein Gegen�ber bekam rote Flecken am Hals. �Verschwinden Sie sofort aus meinem B�ro!� Er schnappte sich irgendwelche Unterlagen, tat besch�ftigt und w�rdigte seinen Besucher keines Blicks mehr. Das war�s dann wohl, dachte Moritz und ging. Auch die Sekret�rin ignorierte ihn, als er ihr Zimmer durchquerte. 4. Martin Zander steuerte den zivil lackierten Omega. Er h�tte das Fahren an seine Kollegin delegieren k�nnen, Anna Winkler, eine Koryph�e der Tatortarbeit, wie es hie�, und gef�hlte zwanzig Jahre j�nger als er. Aber Zander war neu im KK�11 des D�sseldorfer Pr�sidiums, spielte ab und zu gern den Gentleman und wollte den Rest seines Berufslebens in Harmonie verbringen. Winkler/Zander, das neue Team f�r Leichensachen, an denen sich schon andere die Z�hne ausgebissen hatten und die man nur deshalb hervorkramte, damit sie nicht als �ungel�ste F�lle� die Statistik versauten. Kommissariatsleiterin Ela Bach hatte ihnen den Mord an einem jungen Marokkaner zugeteilt, einem Drogendealer, dem vermutlich kein Mensch eine Tr�ne nachweinte. Auf offener Stra�e erschossen. Keine Zeugen. Die Geschichte war schlappe achtzehn Monate alt. Seit Montag hatte Zander die Unterlagen gew�lzt. Der Papierkram m�ffelte bereits, der typische Archivgeruch. Schreibtischarbeit im stillen K�mmerchen � in drei Jahrzehnten Polizeiarbeit h�tte Zander sich nicht tr�umen lassen, einmal den Sesselfurzer zu spielen. Doch er hatte keine Wahl. Seine bisherige Dienstgruppe war wegen Unregelm��igkeiten aufgel�st worden und an neuer Wirkungsst�tte musste sich Zander erst einmal um eine�bella figura�bem�hen. Er h�tte darauf wetten k�nnen: Was seine Person anbelangte, war der neue Posten blo�e Besch�ftigungstherapie. So weit war es also gekommen. Aber vielleicht konnte er trotzdem etwas rei�en. Der tote Dealer war ihm kein Unbekannter: Noureddine Diouri � zu Lebzeiten eine harte Nuss f�r Zanders damalige Truppe. Der Dienstwagen rollte �ber den Stresemannplatz, den eine K�nstlerin bepflanzt hatte. Winterfeste Palmen in alten Reifen. �Du h�ttest hier abbiegen m�ssen�, protestierte Anna. �Der Fischladen liegt an der Eller Stra�e in Oberbilk.� �Ich zeig dir was.� �Muss das sein?� �ber die Karlstra�e zum Worringer Platz. Auch ihn hatte die Stadt umgestaltet, doch eine Wand aus gr�nen Glasbausteinen hatte das Flair der Trostlosigkeit nicht mildern k�nnen. Das schicke D�sseldorf fand woanders statt. �Bis zu seiner Ermordung beherrschte Noureddine den Markt hier im Bahnhofsviertel.� �Ich wei�, Padre. Du bist nicht der Einzige, der die Akten studiert hat.� Padre�� Zander fragte sich, wo die Kollegin seinen alten Spitznamen aufgeschnappt hatte. Bestimmte Dinge wurde man offenbar nie los. Er erkl�rte: �Die Berber nennen es�Bisnes.�F�r sie ist es ein normales Gesch�ft. Zu Hause im Rif-Gebirge leben sie von nichts anderem als Drogenschmuggel.� Anna seufzte und Zander verstand nicht, was sie hatte. Er schob ihre schlechte Stimmung auf den Zoff, den sie mit ihrem Freund hatte. Zumindest hatte sie neulich etwas in dieser Richtung angedeutet. �In diesen Stra�en�, fuhr er fort, �setzte Noureddine seine Verk�ufer ein. Kleine Kinder, unter vierzehn, also strafunm�ndig. Wenn wir sie schnappten, standen sie am n�chsten Tag wieder hier. Sie waren mit Noureddine verwandt oder die kleinen Br�der seiner besten Freunde. Und die Sippe hielt dicht. Keiner packte �ber den anderen aus. Frech wie Oskar. Die Kids wussten, dass wir ihnen nichts anhaben konnten.� Zander wendete umst�ndlich. �Noureddine war die Klammer, die alles zusammenhielt. Heute haben die Pigmentierten die Stelle der Marokkaner eingenommen.� �Wer?� �Die Pigmentierten. Deren Taktik ist eine andere. Sie tragen die Bubbles im Mund und verschlucken sie, sobald die Polizei zugreift.� �Die �Pigmentierten�?� �Du wei�t, wen ich meine.� Zander wies nach rechts, wo ein Afrikaner die Stra�e entlangschlenderte. Annas Stimme bekam einen schneidenden Unterton: �Kennst du diesen Mann?� �Nein.� �Du bist ein verdammter Rassist, Padre!� �Wieso das denn? Habe ich irgendeine Hautfarbe erw�hnt? Hab ich etwa �Neger� gesagt? Ich habe doch nur angedeutet, dass der Kerl � na ja, gewisserma�en � pigmentiert ist.� �Nur weil der Mann dunkelh�utig ist, muss er noch lange kein Dealer sein!� Jetzt seufzte Zander. Sie fuhren an dem Kerl vorbei. Zander verdrehte den R�ckspiegel und behielt ihn im Blick. Seine neue Kollegin war vielleicht gut darin, am Schauplatz eines Verbrechens Fasern und Haare einzusammeln, aber wenn es um die Stra�e ging, hatte er ohne Frage den besseren Durchblick. Nat�rlich trug nicht jeder Farbige abgepackte Heroinportionen in der Fresse spazieren. Aber wenn einer scheinbar ziellos durch das Bahnhofsviertel schlich und sich st�ndig umsah, konnte Zander die Gehhilfe seiner alten Mutter darauf verwetten, dass der Mann ein Stra�endealer auf der Suche nach Kundschaft war. Er �berlegte, wie er sich Anna gegen�ber ausdr�cken sollte. Aber eigentlich konnte es ihm egal sein, selbst wenn die junge Kollegin alles br�hwarm ihrer Chefin zutrug � Ela Bach kannte ihn ohnehin. Zander bog in die K�lner Stra�e und hielt vor einem Internetshop. �Hier war Noureddine Diouris Zentrale. Damals ein Caf� f�r Sportwetten. Noureddines Offiziere lungerten dort herum, die �lteren Br�der der Stra�enkids. Vermutlich lie� Noureddine den Stoff im Keller strecken und portionieren.� �Vermutlich�, wiederholte Anna. �Was willst du damit sagen?� �Der Rauschgift-Einsatztrupp hat sie gew�hren lassen.� �Unsinn! Drei Mal haben wir eine Razzia gemacht, aber jedes Mal fanden wir nur ein leer ger�umtes Kabuff. Man wei� bis heute nicht, wie Noureddine das hinbekommen hat.� �Ganz einfach. Deine Dienstgruppe war korrupt. Es gab einen Maulwurf. Und das ist der Grund, warum es den famosen Einsatztrupp nicht mehr gibt!� Zander beschloss, darauf nicht einzugehen. Das Schlimme war, dass Anna vermutlich recht hatte. Er selbst h�tte zu gern gewusst, wer ihm damals die Blamage eingebrockt hatte. Er w�rde dem Verr�ter den Hals umdrehen. Mit einem Seitenblick auf seine Beifahrerin wechselte Zander rasch das Thema. Sein Lieblingsger�cht aus jener Zeit: �Man sagt, dass die Frauen, die Noureddine f�r das Portionieren des Stoffs besch�ftigte, ihren Job nackt verrichten mussten, damit sie nichts abzweigen und nach drau�en schmuggeln konnten.� Zander stellte sich Anna bei dieser Arbeit vor � ein anregender Gedanke. Sie spottete: �Dann muss es f�r euch ja besonders frustrierend gewesen sein, dass eure Razzien ins Leere liefen.� Zander legte den Gang ein und fuhr weiter. �Noureddine und seine Marokkaner arbeiteten wiederum f�r die Kurden. Genauer gesagt f�r einen Clan ostanatolischer Bergbauern und Warlords, hinter dem die PKK steckte. Wie ist das, Anna: �Ostanatolische Bergbauern� � darf man das noch sagen oder ist das auch inkorrekt?� Die Kollegin verdrehte die Augen. Selbst wenn sie eingeschnappt war, sah sie zum Anbei�en aus, fand Zander. Schade, dass er zu alt war, um zu Annas Zielgruppe zu z�hlen. Er erl�uterte: �Der Kurdenclan schickte einst seine S�hne nach Deutschland, damit sie im Heimatkaff nicht der Blutrache verfeindeter Familien zum Opfer fielen. Hier zeigten die Kerle ihre Narben vor, die ihnen angeblich die t�rkischen Soldaten beigebracht hatten, wurden von den lieben Altachtundsechzigern geh�tschelt und erhielten Asyl. Und wie erweisen diese Burschen ihre Dankbarkeit? Indem sie Heroin nach Europa schmuggeln.� Anna r�usperte sich. �Ich wei�. Die Kollegen glaubten, Noureddine Diouris kurdische Auftraggeber h�tten ihn ermordet, weil er sie betrog.� �Nur dass die Kollegen mit ihrer These nicht weit gekommen sind.� Die damalige Mordkommission hatte sich auf einen gewissen Barat �czelik eingeschossen. Als der Mann abtauchte, wertete man das als Best�tigung des Verdachts. Doch die Fahndung nach �czelik blieb erfolglos. Sp�ter stellte sich heraus, dass der Kurde f�r die Tatnacht ein Alibi besessen hatte. Er war verduftet, weil zugleich der Staatsschutz gegen Kader der verbotenen PKK ermittelte � der Krieg in der Ostt�rkei zog Kreise bis nach Nordrhein-Westfalen. Anna sagte: �Lass uns endlich zu diesem Fischladen fahren. Das Wetter ist zu sch�n, um �berstunden zu machen.� �Du kannst es nicht erwarten, deinen Freund in die Arme zu schlie�en, was?� Anna erwiderte nichts. �Oder herrscht da immer noch dicke Luft?� �Ich w�sste nicht, was dich das angeht.� Er wollte schon den Stadtteil auf der anderen Seite der Bahnlinie ansteuern, als er eine hagere Gestalt erkannte, die �ber den B�rgersteig schlurfte. Halblange, schwarze Haare, hervorstehende Wangenknochen, Zehntagebart. Auf sein Namensged�chtnis konnte Zander sich verlassen: Hiwa Kaplan � sein Anzug war zerknittert und hing drei Nummern zu gro� von den Schultern. Zander glaubte, eine Erscheinung zu haben. Noch vor zwei Jahren w�re der Kerl nicht ohne Pitbull oder Bodyguard auf die Stra�e gegangen. �Hier haben wir einen der T�ter.� �Bl�dsinn�, widersprach Anna. Zander ignorierte die Proteste seiner Beifahrerin und stoppte am Stra�enrand, um den Kurden im Auge zu behalten. � Hiwa Kaplan hatte es auf den Stra�endealer abgesehen. Wie von Magneten gesteuert, strebten die beiden aufeinander zu. Der Schwarze redete mit gesenktem Kopf. Hiwa rieb sich die Arme. Beide sp�hten kurz in alle Richtungen, dann vollzogen sie ihren Tausch. Blitzschnell � Zander bezweifelte, dass Anna es mitbekommen hatte. �Lass uns losfahren�, verlangte sie noch einmal. Zander tat, als gehorche er, und beschleunigte, bis er auf gleicher H�he mit dem Kurden war. Dann stoppte er mit quietschenden Reifen und sprang aus dem Wagen. �Stehen bleiben, Polizei!� Der Hagere lief los, Zander hinterher. Auch mit zweiundf�nfzig konnte er noch sprinten, zumindest schneller als dieser ausgemergelte Typ. Als er Hiwas Anzugjacke zu fassen bekam, strauchelte der Kurde und Zander stolperte �ber ihn. Der Polizist rappelte sich auf und stemmte ein Knie auf Hiwas R�cken, um ihn zu fixieren. Eine Passantin keifte los: �H�r auf! Lass den Mann in Ruhe!� Anna war ausgestiegen und zeigte ihre Dienstmarke, um die Passantin zu beruhigen. Zander zog Latexhandschuhe aus der Tasche, streifte sie �ber und lie� den Kurden aufstehen. �Guten Tag, Hiwa. Lange nicht gesehen, was?� �Effendi?� Der Kerl erkannte ihn offenbar erst jetzt. �Dreh dich um. Du wei�t ja, wie das geht.� Hiwa patschte seine H�nde gegen das Schaufenster einer �nderungsschneiderei und spreizte die Beine. Die Frau, die drinnen an der N�hmaschine sa�, blickte nur f�r einen Moment von ihrer Arbeit hoch. Zander tastete den Anzug ab. Weder Waffe noch Spritzbesteck. Vermutlich hatte der Kurde ein Versteck daf�r. Zander fuhr in die Hosentaschen und f�rderte die frisch erworbene Portion Heroin zutage sowie mehrere klein gefaltete Euroscheine und einen Zettel mit Handynummern. Hiwa Kaplan war also tats�chlich ein Junkie geworden � das h�tte Zander nicht erwartet. Er behielt Geld und Drogenp�ckchen und gab dem Burschen einen Klaps. �Hau ab, Hiwa, bevor ich auf die Idee komme, dich festzunehmen und einen Bericht zu schreiben.� �Das kannst du nicht machen!� Zander trabte zur�ck zum Auto und stieg wieder ein. Der Kurde war stehen geblieben, rieb seine Arme warm und gaffte her�ber. �Was ziehst du hier f�r ein Theater ab?�, wollte Anna wissen. �Du bist nicht mehr beim Rauschgift-Einsatztrupp!� �Wart�s ab.� Der Junkie starrte noch immer. �Glaubte diese Passantin von eben tats�chlich an einen rassistischen �berfall?�, fragte Zander. �Warum wohl?�, spottete Anna. �Mein Haarschnitt hat keine politischen Gr�nde, sondern rein genetische.� �Ich hab deine Spielchen langsam satt.� �Guck ihn dir an. Der Typ wei� etwas, wetten?� �Ich wette nicht. Schon gar nicht mit dir.� In diesem Moment wandte sich Hiwa um und schlenderte los. Wette verloren, dachte Zander. Er wollte bereits den Z�ndschl�ssel drehen, da machte der Kurde kehrt, als sei der Groschen erst jetzt gefallen. Zander lie� das Seitenfenster herunterfahren, hob die Hand aus dem Fenster und rollte die Heroinportion zwischen Zeigefinger und Daumen. Der Kurde tapste auf das Auto zu und wollte sich das P�ckchen greifen, doch Zander zog die Hand zur�ck. �Sag mal, Hiwa, was ist eigentlich los mit dir?� �Wie meinst du das?� �Ha!�, machte Zander und sagte zu Anna: �Seinen Sinn f�r Humor hat er nicht verloren.� Die Kollegin knabberte an einem Fingernagel und erwiderte nichts. Zander wandte sich an den Junkie. �Schon mal in den Spiegel geschaut in letzter Zeit?� �Was willst du, Effendi?� �Wer von euch kurdischen Helden hat Noureddine Diouri erschossen?� �Wen interessiert das nach so langer Zeit?� �Nach einem Jahr, sechs Monaten und zehn Tagen.�Ich�will das wissen und du nennst mir jetzt einen Namen.� �Von uns war es keiner, ehrlich.� �Verarsch mich nicht!� �Noureddine war ein Schlitzohr, aber die PKK wollte ihm noch eine Chance geben. Das hei�t, wir mussten. Wir hatten sonst niemanden, der unseren Stoff absetzte.� �Ich glaub dir kein Wort.� �Ein Muslim l�gt nicht. Allah verbietet uns das.� �H�r mir auf mit deinem Allah.� �Akif meint, es war eine Frauengeschichte.� Akif � die Nummer eins des hiesigen Kurdenclans. �H�rt, h�rt�, sagte Zander. �Wo steckt Akif denn?� Hiwa lachte und lie� Goldkronen und unbehandelte, br�unliche Zahnstummel sehen. �Liest du keine Zeitung, Effendi? �mer und Azad stehen im gro�en PKK-Prozess vor dem Landgericht �� �Da soll noch mal einer behaupten, die Polizei arbeite nicht effizient.� �� und wer nicht in U-Haft sitzt, hat sich in die T�rkei abgesetzt. Akif lebt im Dorf seiner Familie.� �Wo im Sommer die Armee Jagd auf ihn macht und im Winter der Schnee drei Meter hoch liegt?� Der Kurde zuckte mit den Schultern. �Nur du l�ufst also noch frei herum�, sagte Zander. �Ich war nie Mitglied der PKK.� �Du meinst, die Kollegen vom Staatsschutz konnten es dir nicht nachweisen.� �Kommt das nicht aufs Gleiche raus?� �Was treibst du so?� �Reiseb�ro.� �Heroin als Ticket und Nirwana als Ziel.� �Nein, ehrlich.� Zander steckte dem Junkie ein K�rtchen zu. �Ruf mich an, wenn dir noch etwas zu Noureddine Diouri einf�llt. Versprichst du mir das?� Der Kurde nickte. �Sag mal, eure Vornamen bedeuten doch meistens etwas.� �Ja, und?� �Was bedeutet Hiwa auf Deutsch?� �Hoffnung.� Zander blickte seine Kollegin an. �Den Sinn f�r Humor hatten also schon die Eltern.� Hiwa rieb sich erneut die Arme. Wer d�nn ist, friert leicht, dachte Zander. Und wenn sich der Entzug einstellt, wird es nicht besser. �Wegen einer Weibergeschichte soll Nourredine also gekillt worden sein?�, fragte er nach. ��rger wegen einer Deutschen. Das ist alles, was ich wei�.� �Okay, ich will dir Glauben schenken. Halt die Hand auf, Hoffnung!� Der Kurde gehorchte. Zander gab ihm Heroin und Geld zur�ck. Schei� drauf, was Anna dar�ber dachte. �Danke�, sagte der Junkie. �Dank deinem Allah�, erwiderte Zander, lie� das Fenster nach oben gleiten und startete den Omega. Er wandte sich an seine Beifahrerin: �Hattest du nicht eine Idee, wohin wir als N�chstes fahren sollten?� �Du bist unm�glich, Padre.� Zander beschloss, das als Kompliment aufzufassen, und lie� beim Losfahren die Reifen quietschen. 5. Auf der Heimfahrt geriet Moritz erneut in einen Stau, von dem der Verkehrssender nichts mitbekommen hatte. Es kochte in ihm bei dem Gedanken an Webers korrupte Zumutung. Moritz sagte sich, dass er alles richtig gemacht hatte. Er war sauber geblieben. Allerdings musste ihm nun wieder sein Kumpel helfen. Andernfalls w�rde Moritz erstmalig die Bank anpumpen m�ssen, um den Unterhalt f�r seine Tochter �berweisen zu k�nnen. Gretchen wollte ein Schuljahr in Bordeaux verbringen, was nicht billig werden w�rde. Ihre Mutter damit alleinzulassen, kam f�r Moritz nicht infrage. Sein Handy meldete sich. �Lemke.� �Ich bin�s, Thomas.� �So ein Zufall. Ich wollte dich gerade auch anrufen.� �Sag mal, Lemmi, was war da eben in D�sseldorf los?� �Woher wei�t du �� �Weber hat mich angeklingelt und zur Sau gemacht, als h�tte ich ihm ein faules Ei ins Nest gelegt.� �Es war gespenstisch, Tom. Eine ganz unglaubliche Geschichte! Ich erz�hle sie dir in unserem Lieblingsbrauhaus bei einem gepflegten K�lsch. Oder bei zwei oder drei. Mir ist jetzt danach.� �Tut mir leid. Bei mir h�uft sich die Arbeit.� �Ich nehme dir gern etwas ab.� �H�r mal, Alter �� �Was ist?� �Ich musste Weber versprechen, dich nicht l�nger in meiner Agentur zu besch�ftigen.� �Bitte?� �Er streicht mir sonst s�mtliche Auftr�ge.� �Und?� �Na ja �� �Du hast dich nat�rlich nicht darauf eingelassen!� �Versteh das doch, Lemmi, im Unterschied zu dir habe ich einen Riesenapparat zu unterhalten. Ich bin nicht in deiner luxuri�sen Position, dass ich einem Auftraggeber einfach sagen k�nnte: Nein danke, mir passt Ihre Visage oder Ihre politische Linie nicht. Ohne die Jobs der Landesregierung m�sste ich Leute entlassen. An diesen Auftr�gen h�ngen Existenzen!� Moritz unterlie� es, auf seine Existenz hinzuweisen. Er kam zu dem Schluss, dass es keinen Zweck hatte, seinem Kumpel zu erkl�ren, warum es in Webers B�ro zum Eklat gekommen war. Er hatte nichts gegen den geschniegelten Doktor in der Hand. Wenn Moritz �ffentlich machte, dass Andermatts Sprecher bei der Vergabe �ffentlicher Auftr�ge die Hand aufhielt, w�rde der Kerl ihn vermutlich wegen Verleumdung verklagen. Und das sogar erfolgreich � es gab keine Zeugen. Moritz beendete das Telefonat und umklammerte das Lenkrad fester. Luxuri�se Position�� von wegen! Ausfahrt K�ln-Ehrenfeld. Moritz �berlegte, wie Thomas auf das Angebot des Pressesprechers reagiert h�tte. Dann fiel ihm ein, dass sein Kumpel der gleichen Partei angeh�rte wie Andermatt und dessen Sprecher.�Brennecke-Mediaconsult�pflegte beste Beziehungen zu diversen Regierungsstellen. Moritz wollte nicht dar�ber nachdenken, wer sich alles schmieren lie�. Wen Thomas Brennecke f�r jeden seiner Auftr�ge schmierte. � Moritz schleuderte seine Aktentasche auf das G�stesofa. Die Katze kam ins Arbeitszimmer, streckte sich und g�hnte. Moritz ging in die K�che, sp�lte den Fressnapf und f�llte ihn neu. In die zweite Sch�ssel gab er Milch, die er mit Leitungswasser verd�nnte. Dann f�llte er eine Entscheidung, ging zur�ck zum Schreibtisch und griff nach dem Telefon. Die Durchwahl seines langj�hrigen Kollegen Andreas Wilke im innenpolitischen Ressort des�K�lner Kurier�kannte er noch auswendig. Moritz wollte vorf�hlen, ob es dort vielleicht wieder einen Job f�r ihn gab. Zumindest als freier Mitarbeiter. Bei der Zeitung, die ihm den Laufpass gegeben hatte � nie h�tte Moritz gedacht, dass er so tief sinken w�rde. Das Freizeichen � vielleicht war Wilke in einer Sitzung. M�glicherweise hatte er das B�ro gewechselt und jemand anders w�rde rangehen. Moritz lie� es weiter klingeln. Er �berlegte, dass er eine Reportage �ber den Streit um den geplanten Moscheebau anbieten k�nnte. Einen Stimmungsbericht aus seinem Viertel, inklusive dem beigefarbenen Flugblattverteiler. Moritz k�nnte auch den Puffbesitzer und seine M�dels interviewen. Den Umgang der Deutschen mit ihrer muslimischen Minderheit erforschen, das Auseinanderdriften der Kulturen. Endlich hob jemand ab. Es war Wilke. �Sch�n, mal von dir zu h�ren. Wie geht�s, Moritz?� �Man schl�gt sich so durch.� �Und die Familie?� �Wir haben uns getrennt.� �Tut mir leid f�r dich.� �Petra lebt jetzt in M�nchen und arbeitet als Pressesprecherin der bayerischen Gr�nen. Gretchen ist mit ihr gegangen. Wir sehen uns nur selten, aber wir schreiben uns ab und zu.� �Briefe?� �Ja, warum nicht?� �Und die zwei leben in�M�nchen?� Wilke war in K�ln aufgewachsen und geh�rte zu den Menschen, die sich nicht vorstellen konnten, dass jemand die Domstadt freiwillig verlie�. �Wie steht�s beim�Kurier?�, erkundigte sich Moritz. �Frag nicht! Sei froh, dass du nicht mehr bei uns malochen musst. Es wird von Tag zu Tag schlimmer!� �Ich dachte, die Zeitung h�tte sich wirtschaftlich berappelt?� �Hat sie auch, aber Hagedorn, der neue Chefredakteur, pflegt einen Ton wie bei der Bundeswehr. F�hrerprinzip, die leitenden Positionen sind nur noch mit Jasagern besetzt. Und an jedem Ende wird gespart. Nicht einmal in der L�nge unterscheiden sich unsere Artikel noch von der Zeitung mit den dicken Schlagzeilen. Lesefreundlichkeit nennt das der Chef. Leider gibt ihm der Erfolg auch noch recht. Der Verlag f�hrt Profite ein wie nie zuvor, seit die Redaktion verschlankt wurde und sich das Anzeigengesch�ft erholt hat.� Verschlankt�� als sei ich ein St�ck �bersch�ssiges Fett, das man absaugt, dachte Moritz. �Warte�, sagte Wilke, �ich mach mal die T�r zu.� Moritz h�rte Ger�usche, dann war der Kollege wieder in der Leitung. �Du, ich beneide dich noch heute um deine Abfindung, und wenn ich keine Kinder h�tte, w�re ich dir schon l�ngst ins freie Leben gefolgt. Hier lugt einem st�ndig ein Controller �ber die Schulter und stoppt die Zeit, die man braucht, um einen Artikel zu schreiben. Recherchen d�rfen nichts kosten, weder Zeit noch Geld. Und freie Autoren einzusetzen, hat uns der Chef ebenfalls verboten.� Damit ist die Frage beantwortet, die ich noch nicht gestellt habe, dachte Moritz. �Neulich wollte eine junge Kollegin allen Ernstes wissen, wie wir denn recherchiert h�tten, als es Google noch nicht gab. Dass wir fr�her nicht blo� PR-Meldungen abgeschrieben haben, sondern auch einmal nachhakten und die andere Seite anh�rten, kann sich heute keiner mehr vorstellen. Aber die Kollegin wird mit ihrem angegoogelten Halbwissen Karriere machen, da bin ich mir sicher.� �Du �bertreibst.� �Kein bisschen.� Wilke senkte die Stimme. �Sei froh, dass du den Absprung geschafft hast, Lemmi! Wei�t du, wer jetzt die Buchbesprechungen und die Konzertkritiken im Kulturteil macht? Der Redaktionshospitant. Weil er nichts kostet. Beim Sport und im Lokalen verh�lt es sich genauso.� Moritz hatte das Klagen des Kollegen satt. Es kam ihm vor, als wollte Wilke nur das schlechte Gewissen desjenigen �berspielen, der nicht gefeuert worden war. Der Kerl beschwerte sich auf hohem Niveau. �Ich muss jetzt zur Konferenz�, sagte Wilke rasch. �Aber wir sollten unbedingt mal ein K�lsch miteinander trinken.� �Ja, unbedingt�, antwortete Moritz und legte auf. Der Kollege hatte ihn nicht einmal nach dem Grund seines Anrufs gefragt. Moritz war froh dar�ber. Aber wom�glich w�rde er sich bald nicht einmal mehr einen Abend im Brauhaus leisten k�nnen. 6. Ein deutsches P�rchen stand vor Rafi und konnte sich nicht entscheiden. �Wolfsbarsch oder Dorade?�, fragte der Typ seine Begleiterin. �Dorade hatten wir letztes Mal�, antwortete sie. �Wie du meinst.� Ein Weichei wie alle deutschen M�nner, dachte Rafi. �Also zwei Wolfsbarsche, bitte�, sagte die Frau und l�chelte ihn an, statt den Blick zu senken. Eine Schlampe wie alle deutschen Frauen. Rafi nahm die Fische aus der Auslage, packte sie auf die Edelstahlplatte und schlitzte sie auf. Von der Kasse rief sein Vater auf Berberisch her�ber: �Gut ausnehmen und gr�ndlich schuppen!� Rafi wusste, dass der Alte stolz war auf jeden deutschen Kunden, der sich in seinen Laden verirrte. Sie kauften meist die teuerste Ware. Und Mostafa Diouri hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich endlich unter den D�sseldorfern herumsprechen w�rde, dass der Fisch in seinem Gesch�ft g�nstiger war als anderswo. Dagegen fragte sich Rafi, wie das P�rchen �ber den Einsatz deutscher Tornados gegen seine Glaubensbr�der in Afghanistan dachte. Und �ber die Verh�hnung des Propheten � auch deutsche Zeitungen druckten die d�nischen Karikaturen immer wieder nach. Die Respektlosigkeit der Ungl�ubigen schrie zum Himmel. �Noch etwas?�, fragte er, an den Typen gewandt. Der blickte seine Frau an, dann verneinte er und nahm die T�te mit den Fischen entgegen. �Auf Wiedersehen�, sagte die Frau. Rafi ignorierte sie. Noch ein deutsches P�rchen hatte den Laden betreten. Dem Alter nach konnten sie Vater und Tochter sein. Aber es waren keine Kunden � sie blieben vor der Kasse stehen und zeigten dem Alten ihre Ausweise. Polizei. Zivilbullen. Rafi fing den ratlosen Blick seines Vaters auf, sp�lte die H�nde ab und schlenderte nach vorn. �Mein Sohn�, erkl�rte Mostafa Diouri, m�hsam nach den deutschen W�rtern suchend. Sein devotes Getue war Rafi peinlich. �Abderrafi sein Name.� Die beiden Zivilbeamten reichten ihre Hand zum Gru�. Rafi z�gerte, dann sch�ttelte er die Pranke des Mannes. Den massigen Kommissar mit dem kahl geschorenen Kopf kannte er von fr�her. �Wir haben ein paar Fragen�, sagte die Frau. Aus mir kriegt ihr nichts raus, schwor sich Rafi. 7. Moritz hatte sich vorgenommen, seine Bude aufzur�umen. Er sortierte die Zeitungen, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatten. Der Katze wurde es offenbar zu hektisch, sie verschwand durch das gekippte Fenster und schlich �ber das Dach des Garagenanbaus in den Hof, um Singv�gel zu t�ten oder Artgenossen zu drangsalieren. Der Stapel f�r den Altpapiercontainer wuchs und wuchs. Moritz fand, dass er mit dieser Aktion Petra widerlegte, in deren Augen er ein Messie war. Ihm fiel ein, dass er einige der Bl�tter abbestellen k�nnte, um Kosten zu sparen. Und das Abonnement f�r den Sender k�ndigen, der die Bundesligaspiele �bertrug. Es gab noch gr��eres Sparpotenzial, wenn er sein Auto gegen ein kleineres eintauschte � den Mondeo Ghia X mit seinen 220�PS hatte er sich angeschafft, als er noch nichts von seinem bevorstehenden Rausschmiss ahnte. Und er k�nnte nat�rlich die Wohnung aufgeben, in der er zw�lf Jahre lang mit Freundin und Tochter gelebt hatte. Ein kleines Apartment w�rde es auch tun. Dann erinnerte er sich an das letzte Weihnachtsfest: Petra und Gretchen waren aus M�nchen angereist und sie hatten sich gut verstanden. So ganz hatte Moritz die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Petra zur�ckkehren w�rde. Seines Wissens war sie nicht gl�cklich in ihrem Job und noch ohne neue Beziehung. Aber selbst wenn Petra in M�nchen blieb, brauchte Moritz ein Zimmer f�r seine Tochter, damit sie ihn wenigstens ab und zu besuchen kam. Er beschloss, die Wohnung zu behalten, solange es irgendwie ging. Als Moritz vom Container zur�ckkehrte, vernahm er schon im Treppenhaus das Klingeln des Telefons. Er rannte nach oben, suchte den H�rer, doch als er ihn fand, hatte der Anrufer aufgegeben. Nichts auf dem Anrufbeantworter. Das Telefon klingelte wieder. Moritz hielt den H�rer noch in der Hand. �Lemke.� �Sch�n, dass ich Sie doch an der Strippe habe�, meldete sich eine Stimme, die Moritz sofort erkannte. �Herr Bucerius?� �Korrekt. Wie geht es Ihnen?� Edwin A. Bucerius, einer der gr��ten mittelst�ndischen Bauunternehmer des Ruhrgebiets mit Sitz in Duisburg. Tochterfirmen und Beteiligungen in Asien und Amerika. Das eine Mal, als Moritz f�r die�Bucerius KG�gearbeitet hatte, war er f�rstlich bezahlt worden. Es war typisch, dass der Chef pers�nlich anrief. Der Mann delegierte nicht, wenn ihm etwas wichtig war. Cool bleiben, sagte sich Moritz. �Ich h�tte da etwas f�r Sie�, sagte Bucerius. �Einen Projektauftrag. Interesse?� �Worum geht es?� �Das l�sst sich nicht so einfach am Telefon besprechen, Herr Lemke. Es hat mit Politik zu tun und ich dachte mir, dass Sie der richtige Mann daf�r w�ren. Aber vermutlich haben Sie keine Zeit, denn ich br�uchte Sie mindestens f�r die kommenden drei Monate.� �M�sste ich mal checken�, antwortete Moritz und wusste auch ohne Konsultation seines Kalenders, dass seine Verf�gbarkeit kein Problem darstellte. �Im Erfolgsfall k�nnte aus dem Projekt eine l�ngerfristige Aufgabe entstehen�, sagte der Unternehmer. �Falls Sie interessiert sind und die Chemie stimmt.� �Was hei�t das konkret?� �Kennen Sie das�Sheraton�am D�sseldorfer Flughafen? In zwei Stunden im Restaurant? Tut mir leid, dass ich Sie so kurzfristig �berfalle, aber zu diesem Meeting kommen Leute aus dem ganzen Bundesgebiet und die Planung war nicht einfach.� F�r die kommenden drei Monate�� die Miete seiner Wohnung w�re vorerst gesichert. Dass ich Sie so kurzfristig �berfalle�� Moritz ahnte, dass er nicht Bucerius� erste Wahl war. Jemand war abgesprungen und der Baul�we brauchte raschen Ersatz. Egal, beschloss Moritz. 8. Als sich die beiden Polizisten endlich verabschiedet hatten, wusch sich Rafi noch einmal die H�nde und verlie� ebenfalls den Laden. Er ging zu Fu�, es war nicht weit bis zur Moschee. Ein Schild am Eingang zum ehemaligen Druckereigeb�ude im Hinterhof:�Marokkanischer Kulturverein.�Seit Neuestem hing dort auch eine �berwachungskamera � Rafi zeigte ihr das Victory-Zeichen. Der Gebetsraum war ein gro�er Saal im ersten Stock, das Muster des Teppichs war nach Mekka ausgerichtet. Auf rund eintausend M�nner sch�tzte Rafi die Zahl der Anwesenden. Sie sa�en in kleinen Gruppen und plauderten oder lie�en stumm die Holzperlen ihrer Gebetsketten durch die Finger gleiten. Fr�her, zu Zeiten des�Bisnes,�hatte Rafi die Moschee als einen Ort f�r Greise angesehen, die dort den Tag absa�en, weil sie nichts Besseres zu tun wussten. Wie verblendet war er gewesen! Rafi entdeckte Said und lie� sich neben ihm nieder. Ab jetzt will ich so leben wie mein Glaubensbruder, sagte sich Rafi. Keine Kompromisse mehr. Yassin gesellte sich zu ihnen, auch er ein Vorbild. Der F�nfundzwanzigj�hrige hatte in Kairo bei einem angesehenen Shaik den Koran studiert, zumindest einige Monate lang, wie es hie�. Rafi kannte ihn schon lange, denn Yassin war Noureddines bester Kumpel gewesen, als sie noch in Haan gewohnt hatten. Damals hatte Yassin noch Dennis gehei�en. Das war, bevor er Muslim geworden war. In den letzten zwei Jahren hatte ihn Rafi nie ohne Vollbart gesehen, filzig und nach Art des Propheten meist eine Faust lang, doch heute war Yassin frisch rasiert. Der Anblick verunsicherte Rafi. �Salamu alaikum�, gr��te der Deutsche. �Die Bullen waren bei uns�, raunte Rafi leise. �Was wollten sie?�, fragte Said. �Wegen dem Mord an Noureddine. Es soll neue Infos geben oder so.� �Was denn f�r Infos?�, mischte sich Yassin ein. �Dass es nicht die Kurden waren.� �Wer sonst?� Rafi zuckte mit den Schultern. �Angeblich Weibergeschichten. V�llig absurd. Die Bullen spinnen.� Ihm tat es bereits leid, die Br�der damit behelligt zu haben. Sie brauchten nicht zu wissen, wie sehr ihn der Bulle mit dem runden Sch�del beunruhigt hatte. � Der Zeiger der gro�en Uhr an der Stirnseite sprang auf zw�lf. Der Muezzin r�usperte sich ins Mikrofon, die M�nner formierten sich in Reih und Glied, Schulter an Schulter. Salat�� das Gebet. Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt au�er Gott und dass Mohammed sein Prophet ist. Der Imam stellte sich vor den M�nnern in Richtung Mekka auf. Allahu akbar. Er legte die H�nde an die Ohren � zum Zeichen, dass sich jeder Muslim dem Wort Gottes �ffnen solle. Dazu rezitierte der Imam al-Fatiha die erste Sure des Korans. Ihdin?�s-sir?ta l-mustaq?m, sir?ta l-ladh?na an�amta �alayhim ghayri l-maghd?bi �alayhim wa-l?�d-d?ll?n. Er presste die H�nde auf die Brust, um Gott ins Herz zu schlie�en, und ging auf die Knie. Samia Allahu liman hamidah. Der Imam warf sich nach vorn und ber�hrte mit der Stirn den Boden � die Unterwerfung vor Gott. Eintausend M�nner machten jede seiner Bewegungen nach. Dann stieg der Imam zur Kanzel empor, einem Verschlag aus rohen Brettern, zu dem drei Stufen f�hrten. Chutba ��die Predigt. �Verehrte Muslime, wie ich h�re, scheint es Mode geworden zu sein, Tarotkarten zu legen und Geister zu beschw�ren, um das Schicksal zu erfahren. Aber wer sich der Zauberei hingibt, begeht eine gro�e S�nde! Alles ist vorherbestimmt. Nur Gott kennt unser Schicksal. Wollt ihr in Gottes Handwerk pfuschen? Wie k�nnten Menschen versuchen, ihr Schicksal zu �ndern? Legt keine Karten, schaut euch keinen Zauber an. Euer Kismet liegt allein in Gottes Hand, alles andere w�rde euch vom Glauben abhalten! Der Koran sagt: Wer Falsches s�t, wird Falsches ernten. Die Welt ist der Acker, den ihr im Jenseits wiederfinden werdet, wie ihr ihn verlassen habt. Und ein Muslim muss jederzeit darauf vorbereitet sein, diese Welt zu verlassen. Gehorcht also Gott in jedem Augenblick, lasst ab vom Kartenlegen und von der Wahrsagerei, nur dann werdet ihr auf der anderen Seite belohnt.� Der Imam rezitierte weitere Verse und segnete die Gemeinde. �Allah, besch�tze alle Muslime und sorge daf�r, dass kein Muslim seine Eltern verr�t, dass kein Muslim einen anderen Muslim betr�gt und dass ein Muslim immer gut ist zu einem Muslim. Und denkt daran, wie viele eurer Br�der noch keine Moschee haben. Helft mit, dass sich dies �ndert! Gebt eure Spende, damit sich die Waagschale eurer guten Taten weiter nach unten neigt.� Der Imam verlie� die Kanzel, das Freitagessen wurde ausgeteilt. Viele M�nner blieben und hockten sich um die Plastikteller voller Couscous, von denen sie mit blanken Fingern a�en, w�hrend sie die Neuigkeiten des Viertels austauschten. �Tarotkarten � als g�be es keine wichtigeren Themen�, schnaubte Said ver�chtlich. Ein Wei�b�rtiger mit Strickm�tze hatte ihn geh�rt und wurde laut: �Wo bleibt dein Respekt? Dein Vater sollte dich z�chtigen!� Yassin legte den Arm um Said. �Lass uns gehen. Kommst du mit, Rafi?� Eigentlich erwartete ihn sein Vater im Laden zur�ck, aber Rafi z�gerte nur kurz. � Said ereiferte sich weiter �ber die Ignoranz des Imams. Der Typ hatte gepredigt, als g�be es weder Afghanistan noch Tschetschenien, Somalia, Irak oder Pal�stina � lang war die Liste der L�nder, in denen die Ungl�ubigen Krieg f�hrten gegen die Umma, die islamische Nation. Vier Millionen Muslime waren in den letzten Jahren get�tet worden, darunter zwei Millionen Kinder. �Und da f�llt diesem weichgesp�lten Integrationsprediger nichts anderes ein, als vor Kartenlegerei zu warnen. M�ge Allah uns von solchen Imamen verschonen!� Rafi stimmte ihm zu. �Vergesst diesen dummen Imam�, versuchte Yassin zu beschwichtigen. �Regt euch nicht auf, Br�der. Das ist vergeudete Energie.� Sie betraten das Caf�, w�hlten einen Tisch im hinteren Bereich, um ungest�rt zu bleiben, und bestellten Tee. �Yassin�, fragte Rafi, als der Kellner gegangen war, �warum hast du deinen Bart abgenommen?� �Er will nicht auffallen�, warf Said ein. �Was hast du vor?� �Der Koran erlaubt es, sich zu verstellen�, erkl�rte Yassin. �Eine Kriegslist gegen die Schweinefresser?� �Nicht so laut!� Der Kellner brachte den Tee. Die Glaubensbr�der warfen sich Blicke zu. Es war ein muslimisches Caf�, in dem keine Musik gespielt wurde. Die meisten G�ste unterhielten sich �ber die Religion. Sie diskutierten, welche Dinge des Lebens f�r Muslime verpflichtend oder empfohlen, verp�nt oder verboten waren. Doch keiner von ihnen w�re bereit f�r den Kampf. Feiglinge, dachte Rafi. Sie dachten den Glauben nicht konsequent zu Ende. Als sie wieder unter sich waren, erz�hlte Yassin von einer Moschee in M�nchengladbach, wo der Imam besser predigte als hier. Sie k�nnten am n�chsten Freitag mit Rafis BMW dorthin fahren. Said hielt das f�r eine gute Idee. Rafi r�hrte Zucker in seine Tasse und sagte: �Predigten helfen nicht weiter. Im Land des Propheten sind Ungl�ubige stationiert. In Afghanistan werfen sie Bomben. In Gaza sterben Frauen und Kinder. Und hier werden wir immer nur B�rger zweiter Wahl sein.� �Das stimmt�, antwortete Said. �Wir m�ssen endlich ein Zeichen setzen. In dieser Stadt.� �Wenn du am Telefon dar�ber sprichst, wird garantiert nichts daraus.� Yassin warnte: �Du wei�t nie, wer mith�rt. Jeder k�nnte ein Spitzel sein.� �Und deshalb soll ich die H�nde in den Scho� legen? Wenn ich nichts tu, dreh ich noch durch, ich schw�r�s!� �Es kommt nicht darauf an, Bruder, wie du dich auf dieser Welt f�hlst. Das Leben ist nur eine Pr�fung, ob wir des Paradieses w�rdig sind.� �Und wie kann ich diese Pr�fung bestehen?� �Indem du den Koran liest und dich als Gl�ubiger unter Muslimen fragst: Welche Aufgabe hat Allah mir gegeben?� �Die Aufgabe kenn ich�, behauptete Rafi. �Dann warte ab, bis Allah uns das Zeichen gibt. All unser Tun kann nur mit seiner Unterst�tzung gelingen.� Abwarten � das lag Rafi �berhaupt nicht. Yassin notierte etwas auf einen Zettel. Said schrieb noch etwas dazu und schob das Blatt zu Rafi hin. �Du musst den Islam studieren. Die Pr�fung ist manchmal hart.� �Das ist mir klar.� Rafi warf einen Blick auf den Zettel. Internetadressen. Eine davon kannte er bereits. Ihm wurde klar, dass seine Glaubensbr�der das gleiche Ziel verfolgten wie er. Die Seite enthielt Anleitungen zum Bombenbau. 9. Der Imbiss bot eine bunte Mischung aus Gerichten dieser Welt: Pizza, Gyros und Schnitzel, auf Wunsch mit Mayo oder s��sauer. Die Betreiber waren Koreaner � Zander fiel ein Scherz �ber deren bekannte Vorliebe f�r Hundefleisch ein und Anna begn�gte sich mit Salat. Nicht deshalb, betonte sie streng. Danach fuhren sie zum Pr�sidium zur�ck, um ihren Bericht zu schreiben. Sie parkten den Dienstwagen, gaben die Papiere bei der Fahrbereitschaft ab und ratterten im h�lzernen Paternoster nach oben. �Schon geh�rt?�, fragte Zander seine Kollegin. �Wegen des Wohnhausbrands will der t�rkische Staatspr�sident eigene Ermittler nach Mainz schicken. Die T�rken m�chten der EU beitreten, aber sie misstrauen uns. Und unser Innenminister gibt auch noch seinen Segen dazu, dass die T�rken den Kollegen auf die F��e steigen. Unglaublich!� �Damit demonstrieren wir, dass wir nichts zu verbergen haben. Eine wichtige Geste, finde ich.� �Musst du immer anderer Meinung sein?� �Denkst du, es waren die Nazis?� �Hoffentlich nicht.� �Na, in diesem Punkt sind wir uns einig.� Zweiter Stock. �ber die Galerie zur Glast�r, dahinter der lange Gang. Zanders neues Kabuff lag unmittelbar neben dem von Anna. Acht Quadratmeter mit Waschbecken, Schrank, Tisch und zwei St�hlen. Die Verbindungst�r lie�en sie ge�ffnet. �Was h�ltst du von den Diouris?�, rief Anna her�ber. Zander schaltete seinen Computer ein und antwortete: �Es gibt drei Dinge, die nach Fisch riechen. Aber nur eines davon ist Fisch.� Im Nachbarzimmer herrschte Schweigen. Wieder etwas Falsches gesagt, vermutete Zander und erg�nzte: �Hast du Vater und Sohn gesehen, als ich sie mit Hiwas Aussage konfrontierte? Das wird seine Wirkung nicht verfehlen.� �Wirkung? Die war gleich null, wenn du mich fragst.� Zander stand auf und trat in die Verbindungst�r. �Diese Typen ticken nicht so, wie du glaubst, Anna. Das sind marokkanische Berber. Ziegenhirten, die mental noch im Mittelalter leben.� �Deinen rassistischen Schei� will ich nicht mehr h�ren!� �Klar, nicht alle Berber sind gleich, aber die Diouris schon. Die w�rden niemals eingestehen, dass ihr geliebter Sohn und Bruder zu Lebzeiten mit Heroin gedealt hat. Zumal auch der andere noch mitgemischt hat. Den habe ich mehr als einmal �berpr�ft, als er fast noch ein Kind war.� �Rafi?� �Abderrafi Diouri, der h�bsche Kerl mit der komischen Hand, die er immer versteckt. Neunzehn Jahre alt und tut so, als k�nne er keiner Fliege etwas antun, hat es aber faustdick hinter den Ohren. Der knackige Araberbengel hat dir gefallen, gib�s zu!� �H�r auf damit.� �Meinst du, ich habe deine Blicke nicht bemerkt? Hast den armen Kerl ganz verunsichert.� �Idiot.� Zander zuckte mit den Schultern. Wenn Anna Humor besa�, dann von einer anderen Sorte. Er sagte: �Mit siebzehn war Rafi bereits Noureddines Stellvertreter. Wenn sie im Hildener�Soul-Center,�ihrer Lieblingsbar, abfeierten, haben sie locker ein Beamtengehalt auf den Kopf gehauen. In nur einer Nacht, versteht sich.� �Wir sind heute keinen Schritt weitergekommen. Wieso sollen es�nicht�die Kurden gewesen sein? Wir haben nur diesen Junkie, der selbst nur ein Ger�cht vernommen haben will.� �Die Diouris werden sich umh�ren. Vater oder Sohn. Das gebietet die Familienehre. Wir bleiben ihnen auf den Fersen, lassen nicht locker und gewinnen einen von beiden vielleicht als Zeugen. Heute haben wir dazu den Grundstein gelegt.� �Tr�um weiter, Padre.� �Was wetten wir? Einen Zwanziger?� �Ich wette nicht.� �Hatte ich ganz vergessen.� Zander kehrte an seinen Platz zur�ck. Er st�pselte sein Handy ans Ladeger�t, weil neuerdings der Akku so rasch schlappmachte, und suchte auf dem Desktop seines Computers nach dem passenden Formular f�r den Bericht. Pl�tzlich stand Anna neben ihm und knallte einen Geldschein auf den Tisch. �Ich wusste, dass ich dich rumkriege�, sagte Zander und grinste. Seine Kollegin verschr�nkte die Arme. �Wei�t du, was mich stutzig macht?� �Nein.� Er zog seinen Einsatz aus dem Portemonnaie und steckte beide Banknoten in die Kaffeedose. �Diese Vertrautheit zwischen dir und der Gegenseite. Du kennst all die Gangster beim Vornamen, wei�t, wo sie feiern, und sie nennen dich �Effendi�.� Ruhig bleiben, sagte sich Zander. �Glaubst du, Hiwa und ich h�tten etwas miteinander?� �Wer wei�?� �Du nennst mich �Padre��und wir haben auch nichts miteinander, oder?� Ein vages L�cheln huschte �ber Annas Gesicht. Vielleicht ist sie doch nicht so verbiestert, dachte Zander. Er blickte auf seine goldene Uhr. Auch seine neue Partnerin sah hin. �Was ist denn das f�r ein Angeberteil?�, fragte sie. Zander plusterte sich auf. �Eine Yacht-Master-Zwo von Rolex. Schick, nicht wahr?� �Eindeutig zu schick f�r ein Kommissarsgehalt.� Ihr L�cheln war vergangen. �Was willst du damit andeuten?� �Hat Noureddine sie dir geschenkt?� �H�r zu, Anna, jedem anderen w�re ich jetzt m�chtig b�se. Dieses Teil habe ich in Bangkok erstanden. Die chinesische Version einer Rolex. Nicht wasserdicht und meistens geht sie nach.� �Sorry, Padre, tut mir leid�, sagte Anna und wirkte ehrlich zerknirscht. �Woher hast du das eigentlich?� �Was?� �Meinen alten Spitznamen.� �Hat Ela mir verraten. Sie sagt, sie hatte schon fr�her einmal mit dir zu tun. Klang allerdings nach sehr gemischten Erfahrungen.� Zander hatte keine Lust, an diese Zeit erinnert zu werden. �Lange her�, antwortete er und widmete sich wieder dem Formularordner. 10. Als Moritz den D�sseldorfer Flughafen erreichte, folgte er der Ausschilderung, die ihn zun�chst in das Parkhaus gegen�ber der Abfertigungshalle leitete, auf dessen oberstem Deck das�Sheraton�errichtet worden war. Ein Strom von Reisenden �berquerte die Fahrbahn, sie zogen ihre klappernden Rollkoffer, scherzten und hatten es nicht eilig. Endlich fand Moritz eine L�cke f�r seinen Mondeo. Er schloss ab, orientierte sich an den Schildern, die zum Ausgang wiesen, und nahm den Aufzug nach oben. Das Hotel besa� zwei Restaurants. Die�T�lzer Stube�war noch geschlossen. Moritz betrat die�Brasserie�und ersp�hte Edwin A. Bucerius an einem Fenstertisch mit Blick auf die verzweigte Flughafenzufahrt und das dahinter gelegene Gewerbegebiet, in dem sich Kr�ne drehten. Der Baul�we wies aus dem Fenster. �Hier bauen wir auch.� Dann stand er von seinem Stuhl auf und packte mit beiden H�nden Moritz� Rechte. �Sch�n, dass Sie kommen konnten!� Bucerius war ein kleiner, runder Mann mit Stirnglatze. Er trug einen grauen Dreiteiler mit dezent gestreifter Krawatte und Moritz war froh, dass er sich zu einem �hnlichen Schlips entschlossen hatte. Sie tauschten H�flichkeiten aus und bestellten Cappuccino, Bucerius dazu ein St�ck Cremetorte. Moritz dachte an den Job, den er im letzten Jahr f�r das Bauunternehmen erledigt hatte. Auch dabei war es um Politik gegangen: eine Expertise �ber die Firmengeschichte der�Bucerius KGw�hrend der Nazizeit. Die Unterlagen, die ihm der Unternehmer zu diesem Zweck zur Verf�gung gestellt hatte, lie�en darauf schlie�en, dass sein Gro�vater, der Firmengr�nder, sich nicht an beschlagnahmtem j�dischem Eigentum bereichert hatte. Zudem waren zwar in den letzten Kriegsjahren zahllose Zwangsarbeiter aus Osteuropa auf den Baustellen eingesetzt worden. Einige von ihnen waren jedoch auch nach 1945 geblieben und regul�r weiterbesch�ftigt worden, was sich als Indiz daf�r deuten lie�, dass der alte Bucerius diese Leute relativ menschlich behandelt hatte. Moritz hatte insgeheim erg�nzende Recherchen angestellt und nichts Gegenteiliges gefunden. Anscheinend war Bucerius� Gro�vater nur als Karteileiche Mitglied der Nazipartei gewesen. Dass ihn die zahllosen Kriegsauftr�ge reich gemacht hatten, stand auf einem anderen Blatt. Die Studie hatte dazu gedient, der Firma den prestigetr�chtigen Auftrag eines US-Konsortiums zu sichern � die amerikanischen Partner hatten wissen wollen, mit wem sie es zu tun hatten. Bucerius� Laune nach zu schlie�en, lief sein Gesch�ft nach wie vor recht passabel. �Ah, Champagnercreme ist meine gr��te Leidenschaft!� Mit der Stoffserviette tupfte sich der Unternehmer Kr�mel vom Mund. �Herr Lemke, Sie werden gleich interessante Menschen kennenlernen.� Moritz wollte nicht zu eifrig nachfragen, worum es ging. Wenn er den Eindruck erweckte, auf den Job angewiesen zu sein, w�rde das vielleicht die Gro�z�gigkeit des Baul�wen schm�lern. �Ich habe einen Konferenzraum angemietet. Wir werden ein intimer Kreis sein. Darunter Konrad Rolfes und Roswitha Reimer-Rothenbaum. Kennen Sie die beiden?� �Nicht pers�nlich�, antwortete Moritz. �Aber es wird mir eine Freude sein.� Rolfes war Auschwitz-�berlebender und ein international bekannter Schriftsteller, der in K�ln lebte. Schwul, links und eine oft zitierte moralische Instanz unter den Intellektuellen der Republik. B�chner-Preistr�ger, wie Moritz sich zu erinnern glaubte. Und in jedem Herbst fiel sein Name als m�glicher Kandidat f�r den Literaturnobelpreis. Reimer-Rothenbaum galt als�die�Koryph�e der Meinungsforschung in Deutschland. Gr�nderin des Hamburger Rothenbaum-Instituts, als dessen Seniorchefin sie noch immer fungierte. Ganz anders gestrickt als Rolfes: eine streng konservative Dame, die alles hasste, was nach Sozialismus roch, und Generationen von CDU-Vorsitzenden als Beraterin zur Seite gestanden hatte. Beide Namen waren schon in Moritz� Jugend ein Begriff gewesen. Fernsehprominenz der ersten Stunde � die Herrschaften mussten inzwischen �ber achtzig sein. Bucerius erg�nzte: �Und als K�lner ist Ihnen sicher auch Carola Ott-Petersen ein Begriff.� Moritz nickte und schl�rfte den Milchschaum vom Kaffee. Es geht um Politik�� Ott-Petersen sa� f�r die CDU im Bundestag, ihr Wahlkreis lag im Norden der Domstadt. Moritz rekapitulierte seinen Eindruck: Die Frau war jung, dynamisch und h�chst kreativ, wenn es darum ging, den W�hlern zu gefallen. Gern verbreitete ihre Partei Fotos, auf denen die Abgeordnete als Rockerbraut in rotem Leder posierte, und tats�chlich besa� sie eine schwere Harley � seine Stimme hatte Moritz ihr trotzdem nicht gegeben. Er war beim letzten Mal gar nicht zur Wahl gegangen. Pl�tzlich fiel ihm ein, was alle drei Namen verband: Carola Ott-Petersen hatte sich gegen den Bau der Moschee in Ehrenfeld ausgesprochen � im Unterschied zur Mehrheit ihrer Partei. Auch der Schriftsteller Rolfes lehnte das Muslimprojekt ab, obwohl er bislang als unersch�tterlicher Verteidiger von Minderheitsrechten gegolten hatte. Und die ebenso steinalte wie streitfreudige Meinungsforscherin Reimer-Rothenbaum hatte j�ngst der deutschen Politik eine falsche Toleranz gegen�ber dem Islam vorgeworfen � in einem Interview der�Frankfurter Allgemeinen,�das hohe Wellen geschlagen hatte, weil Reimer-Rothenbaum sogar die Bundeskanzlerin angegriffen hatte, zu deren Freundeskreis sie bislang gerechnet worden war. Moritz dachte an das Flugblatt, das ihm am Morgen auf dem Weg zum Auto in die Hand gedr�ckt worden war. Unterzeichnet hatten es die �rtliche B�rgerinitiative sowie eine junge Partei, die sich�B�rgerbewegung Pro Freiheit � die Freiheitlichen�nannte und es mit dem Sch�ren antiislamischer Ressentiments immerhin schon in den K�lner Stadtrat geschafft hatte. Bucerius wandte den Blick zum Restauranteingang und wedelte mit dem Arm. Ein hagerer Typ in Moritz� Alter eilte mit weiten Schritten heran. Dunkle Locken, auf der Nase eine Brille mit eckigem Gestell. Er hielt sich leicht gebeugt, wie es gro� gewachsene M�nner tun, die lieber kleiner w�ren, sch�ttelte dem Unternehmer die Hand und musterte Moritz. �Das ist Herr Lemke, �ber den wir gesprochen haben�, erkl�rte Bucerius, �Journalist und PR-Fachmann aus K�ln-Ehrenfeld.� Er betonte den Namen des Stadtteils und Moritz war sich endg�ltig sicher, dass das Moscheeprojekt eine Rolle bei diesem Treffen spielte. �Und das ist Herr Still aus dem Innenministerium. Die Idee zu diesem Treffen haben wir gemeinsam entwickelt. Stimmt doch, Herr Still, nicht wahr?� Der Angesprochene gab Moritz die Hand. Seine Brillengl�ser wirkten wie Lupen � f�r einen Moment kam sich Moritz unter dem Blick des Hageren vor wie ein aufgespie�tes Insekt.�Innenministerium�� ausgerechnet, dachte Moritz. �Sch�n, dass Sie mit von der Partie sind�, sagte Still. �Ich habe schon vernommen, dass Ihnen in meiner Beh�rde �bel mitgespielt wurde, deshalb lassen Sie mich versichern, dass ich voll und ganz auf Ihrer Seite stehe.� Moritz fragte sich, woher der Mann Bescheid wusste. Still wandte sich an Bucerius: �Haben Sie Herrn Lemke bereits eingeweiht?� Der Baul�we sah auf seine Uhr. �Ich dachte, wir lauschen erst einmal unseren Referenten.� � �Mitten unter uns, meine Damen und Herren, gibt es eine Parallelgesellschaft, in der Abschottung, Unterdr�ckung und Gefangenschaft muslimischer Frauen als Norm herrschen, bis hin zur Perversit�t der sogenannten Ehrenmorde. In diesen Familien tobt sich tagt�glich aus, was von unserer Politikerklasse �ber Jahrzehnte hinweg verdr�ngt, geleugnet und sch�ngef�rbt worden ist. Die Frage, die sich uns stellt, lautet: Ist der Islam reformierbar, mit unserer Welt vereinbar?� Der fensterlose Tagungsraum des�Sheraton�wirkte �berdimensioniert f�r den Kreis von gut zwanzig Leuten, die dem Vortrag lauschten. Moritz hatte die meisten Namen schon wieder vergessen, obwohl Bucerius ihm jeden Gast einzeln vorgestellt hatte. Carola Ott-Petersen hatte neben ihm Platz genommen. Verstohlen musterte er die CDU-Frau: schwarzes Kost�mj�ckchen, blaue Jeans, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden � die flotte Aufmachung stand ihr, auch wenn sie, aus der N�he betrachtet nicht ganz so jung und knackig wirkte wie auf ihren PR-Fotos. Dem betagten Schriftsteller ging es offenbar nicht gut. Er krallte sich ans Rednerpult, als k�nne er sich nur dadurch aufrecht halten. Aber seine Stimme klang fest und die dramatischen Worte, das zerfurchte Gesicht und der entschlossene Blick zogen die Zuh�rer in ihren Bann. �Ist die Scharia in Einklang zu bringen mit Demokratie, Meinungsfreiheit und der Gleichstellung der Geschlechter?�Ist der Islam bereit zur kritischen Hinterfragung seiner Tradition und Dogmen? Zur Anpassung an die Lebenswirklichkeit moderner Gesellschaften? L�sst er das zu? L�sst er wenigstens mit sich reden? Immer wieder erleben wir das Gegenteil: Wer die Reformierung des Islam fordert, wird mit Mord bedroht wie mein Kollege Salman Rushdie oder auf offener Stra�e ermordet wie�Farag Foda in �gypten. Auch der Nobelpreistr�ger Nagib Mahfuz wurde von einem Messerstecher schwer verletzt.� Konrad Rolfes hustete mit rasselnden Bronchien in sein Taschentuch. Dann fuhr er fort: �Wie geht unsere Gesellschaft damit um, meine Damen und Herren? Alles andere als angemessen. Hilflos, konfliktscheu und mit falsch verstandener Toleranz. Da wird in Br�ssel eine Demo gegen die fortschreitende Islamisierung Europas vom B�rgermeister verboten, weil ein Teil seiner W�hler muslimisch ist. Eine zweite Demonstration, bei der die Terrorakte des 11. September von Islamisten als Verschw�rungswerk westlicher Geheimdienste dargestellt werden, wird dagegen erlaubt. In der gleichen Stadt werden die Polizeibeamten angewiesen, w�hrend des Ramadan nicht in der �ffentlichkeit zu essen, weil das die Muslime beleidigen k�nnte. In Z�rich sollen Polizisten einen Tag lang mitfasten, um die islamische Kultur besser zu verstehen. In London ist der Name Mohammed bereits der beliebteste Vorname bei Neugeborenen und der Erzbischof von Canterbury schl�gt allen Ernstes vor, Elemente der Scharia in britisches Recht einzubinden. In Frankreich scheint das bereits praktiziert zu werden. Da erkl�rt in Lille ein Gericht die Eheschlie�ung zweier Muslime f�r nichtig, weil die Braut keine Jungfrau mehr sei und damit die Ehre des Br�utigams verletze. Und in Deutschland? Unser Staat sieht zu, wenn muslimische M�dchen dem Schulunterricht entzogen werden, Stichwort Schwimmunterricht, Sexualkunde und Klassenfahrten. Wir sehen zu, wenn diese M�dchen in den Ferien in ihre Herkunftsl�nder verschleppt und mit fremden M�nnern zwangsverheiratet werden. Da verweigert eine Amtsrichterin die sofortige Scheidung einer misshandelten Frau mit dem Argument, es sei doch Sitte, dass muslimische Ehefrauen geschlagen w�rden. Und nach einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofs ist nicht einmal mehr der allgemeine Aufruf zu islamisch motiviertem Terror strafbar � w�hrend noch vor einiger Zeit RAF-Sympathisanten wegen �hnlicher �u�erungen bis zu zehn Jahre Haft erwarten durften.� �Sehr wahr�, murmelte die K�lner Bundestagsabgeordnete, warf Moritz einen Seitenblick zu und hob dabei eine Augenbraue, als frage sie ihn nach seiner Meinung. Moritz nickte, denn er musste sich eingestehen, dass die Argumentation des Alten in weiten Teilen Hand und Fu� besa�. �Der Staat biedert sich islamischen Organisationen an, die Menschenrechte und Demokratie ablehnen und Terror rechtfertigen. Mehr noch: Wir erleben Versuche, Teile der Scharia auch in die deutsche Rechtsprechung aufzunehmen. Dieses stete Nachgeben l�dt die muslimischen Fanatiker ein, den Druck auf unsere Gesellschaft weiter zu erh�hen. Wir erleben eine schleichende Islamisierung unseres Landes, eine Aush�hlung unserer Grundwerte. Die in K�ln-Ehrenfeld, Berlin-Pankow, Frankfurt-Hausen und anderswo geplanten Moschee-Neubauten, meine Damen und Herren, sind in ihrer Zahl � 187 bundesweit � und schieren Gr��e Ausdruck fremder Landnahme, Symbole einer integrationsfeindlichen Islamisierung, eine Kriegserkl�rung gegen Aufkl�rung und Freiheit.� Es wurde unruhig im Saal. Als warteten die Zuh�rer nur auf ein Zeichen, um Rolfes auf die Barrikaden zu folgen. Der Schriftsteller hob die Stimme. �Es w�re fatal, verehrte Zuh�rerinnen und Zuh�rer, wenn wir all das nicht mehr auszusprechen wagten, aus Furcht, in eine ausl�nderfeindliche Ecke gestellt zu werden, oder aus Angst vor Ausbr�chen islamisch motivierter Gewalt. Wo sind wir denn, dass wir uns �berlegen, ob unser Tun und Handeln den muslimischen Fanatikern gef�llt? Dass wir uns in vorauseilendem Gehorsam vorschreiben lassen, was wir sagen d�rfen? Dass wir in die Knie gehen vor den allzeit abrufbaren Emp�rungskollektiven zwischen Kairo und Jakarta? Dass wir strammstehen vor Traditionen, Sitten und Gebr�uchen, die jede Kritik in Beleidigung umf�lschen, selbst aber jederzeit zur Gewalt gegen Andersdenkende bereit sind? Verhindern wir die Islamisierung unserer Gesellschaft, den schleichenden Selbstmord unserer Kultur!� Jemand klatschte � Rolfes brachte ihn mit einer schroffen Geste zum Verstummen. �Meine Damen und Herren, der Islam tr�gt den Keim zum Totalitarismus des 21. Jahrhunderts in sich. Seine eifrigsten Vertreter verfolgen das erkl�rte Ziel, die Demokratien des Westens durch die weltweite Herrschaft der Scharia zu ersetzen. Dieser Angriff ist in vollem Gang � in Europa, in Deutschland. Man braucht kein �berlebender des Holocaust zu sein, um aufzustehen und der Gefahr die Stirn zu bieten. Sie wissen, meine Damen und Herren, dass ich es als zweite Schuld betrachte, dass die Deutschen den Nationalsozialismus �ber Jahrzehnte nicht aufgearbeitet, sondern lediglich verdr�ngt haben. Eine dritte Schuld, eine Schuld der Toleranz der Unfreiheit, darf es nicht geben!� Bucerius sprang als Erster auf und applaudierte eifrig. Still, der hagere Schwarzgelockte aus dem Innenministerium, hastete zum Podium, um den Schriftsteller zu seinem Stuhl zu geleiten. Die Bundestagsabgeordnete neigte sich Moritz zu und fl�sterte: �Der Mann ist eine moralische Instanz. Er ist Gold wert, wenn wir ihn f�r uns gewinnen.� F�r uns�� Moritz fragte sich, wen zum Teufel Ott-Petersen damit meinte. Roswitha Reimer-Rothenbaum brauchte keine Hilfe, um zum Podium zu gelangen. Die Grande Dame der deutschen Meinungsforschung wirkte deutlich r�stiger als der Gro�schriftsteller, wenn auch spr�der in ihrem Vortrag. Ihre Rede war mit Umfrage-Statistiken gespickt: wie gro� der Anteil der entt�uschten Unionsw�hler war, denen die Bundeskanzlerin zu liberal sei. Wie tief das Misstrauen gegen�ber der muslimischen Minderheit in der Bev�lkerung. �berall in der Republik gebe es B�rgerinitiativen gegen Moscheebauvorhaben, die sich zunehmend vernetzten. In K�ln seien sie bereits im Stadtrat vertreten, formierten sich nun bundesweit als Partei und w�rden erstmalig zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen kandidieren. Reimer-Rothenbaum nannte die Gruppierung beim Namen:�B�rgerbewegung Pro Freiheit � die Freiheitlichen. Moritz sp�rte einen Klo� im Hals. War er in eine Versammlung dieses Haufens geraten? Ewiggestrige Vereinsmeier, die es in anderen Zirkeln und Parteien zu nichts gebracht hatten und es jetzt unter dem F�hnchen des Antiislamismus versuchten? Moritz hatte noch vor seinem Rausschmiss beim�K�lner Kurier�f�r einen Artikel �ber den Gr�nder der Freiheitlichen recherchiert: Der Mann war Funktion�r der rechtsextremen�Liga f�r Volk und Heimat�und Herausgeber der Zeitschrift�Nation und Europa�gewesen, er hatte in den Neunzigern als Parteiloser auf der NPD-Liste zur Bundestagswahl kandidiert und danach eine Weile als stellvertretender Bundesvorsitzender der Republikaner amtiert � bis er selbst diesen Leuten zu radikal erschien. Hatte sich nicht Konrad Rolfes stets geweigert, vor den Karren der Freiheitlichen gespannt zu werden? Sollte der greise Schriftsteller seine Haltung gedreht haben? Und was verband einen intelligenten Menschen wie Bucerius mit dem rechtspopulistischen Haufen? Die Meinungsforscherin malte die Zukunft der j�ngsten Parteigr�ndung der Republik in rosigen Farben. Zwar rangierten die Freiheitlichen in Umfragen bei lediglich zwei Prozent, doch die Zeit sei reif und das W�hlerpotenzial gro� genug, um die Parlamente zu erobern. Bei jedem Zischlaut verspr�hte die alte Dame Speicheltr�pfchen, die im grellen Saallicht aufblitzten. Sie lobte die geplante Neuausrichtung der Partei als Kraft der Mitte � das war Moritz neu. �Die Frau hat Feuer�, raunte Ott-Petersen und ber�hrte dabei seinen Schenkel. Das ist keine Anmache, sagte sich Moritz. Du hast seit Weihnachten keine Frau mehr im Bett gehabt und bildest dir nur etwas ein. Zum Abschluss nannte die Seniorchefin des Rothenbaum-Instituts Bedingungen f�r einen Erfolg: Damit der Kurswechsel in der �ffentlichkeit ankomme, m�ssten die Freiheitlichen verst�rkt an ihrem Image arbeiten. Und sie br�uchten eine neue Spitzenkraft, die Kompetenz ausstrahle und glaubhaft vermittele, weder der etablierten Politikerklasse anzugeh�ren noch dem braunen Sumpf der Rechtsextremen. Zw�lf Prozent der Bev�lkerung in Nordrhein-Westfalen k�nnten sich vorstellen, zur Landtagswahl einer solchen Person ihre Stimme zu geben. Bis zu zwanzig Prozent seien es in anderen Bundesl�ndern. Vor allem bei Jungw�hlern seien die Chancen enorm. Wieder gab es Standing Ovations. Bucerius sprang zum Pult und dankte der Rednerin mit einem Handkuss. Er wippte nerv�s auf den Zehenspitzen und winkte kurz in Moritz� Richtung. Die bisherige Bundestagsabgeordnete der CDU stand auf und gesellte sich an die Seite des Gastgebers. Der Applaus wurde rhythmisch. In diesem Moment erkannte Moritz, wer zur neuen F�hrungsfigur erkoren war. Und ihm d�mmerte, was�seine�Rolle in diesem Zirkus sein sollte. Ott-Petersens Blick ruhte auf ihm. Moritz gestand sich ein, dass die Freiheitlichen so ziemlich das Gegenteil von dem waren, was Moritz in seiner Jugend politisch vertreten hatte. Er malte sich aus, was Petra, seine fr�here Lebensgef�hrtin, und Gretchen, seine sechzehnj�hrige Tochter, sagen w�rden, wenn sie ihn hier sehen k�nnten � ihm wurde schwindlig und er sagte sich, dass die Freiheitlichen nie und nimmer die F�nfprozenth�rde �berspringen w�rden. � Die Gruppe war ins Foyer gezogen. Sie bestand aus ausgew�hlten Funktion�ren und ein paar wohlhabenden Unterst�tzern der Freiheitlichen, wie Moritz inzwischen wusste. Stehtische, Platten mit H�ppchen, Pianomusik vom Band. Carola Ott-Petersen lie� sich ein paar Meter weiter hofieren. Still beugte seinen R�cken zu Bucerius und verriet: �Konrad Rolfes wird ebenfalls der Partei beitreten.� �Tats�chlich?� �Sobald unsere neue Vorsitzende gew�hlt ist. Mit diesen beiden Meldungen kann unser Herr Lemke, wenn er wirklich so gut ist, ein PR-Feuerwerk z�nden, das uns geradewegs in den Landtag katapultieren wird.� Moritz fragte: �Wie haben Sie Rolfes �berreden k�nnen?� �Gar nicht. Er kam zu uns. Ein Demokrat und Totalitarismus-Ver�chter, wie er im Buche steht. Er hasst die Judenhasser und glaubt, gleich zwei Fliegen zu schlagen, die Mekkaverneiger�und�die Nazispinner.� �Es k�nnte ihn den Nobelpreis kosten�, spekulierte Bucerius. �Der geht seit Jahren nur an stramme Linke.� �Ich f�rchte, Rolfes hat andere Probleme.� �Welche?� �Er hat vielleicht Auschwitz �berlebt, aber was ist schon das KZ gegen diesen schrecklichen Husten?� Nur Still selbst lachte �ber den vermeintlichen Scherz. Ein Kellner servierte Sekt. Moritz wehrte ab. �Ich muss noch fahren.� �Heute nicht mehr�, widersprach der Unternehmer und dr�ngte ihm ein Glas auf. �Es ist ein Zimmer f�r Sie reserviert. Sie werden doch noch mit uns essen. Oder etwa nicht?� �Eine Sache verstehe ich nicht, Herr Bucerius.� �Fragen Sie!� �Sie krempeln kurz vor der Landtagswahl eine ganze Partei um. F�hrung, Image, Programm � alles neu.� Der Bauunternehmer wies auf den Langen aus dem Innenministerium. �Herr Still ist Vorstandsmitglied und wei� die wichtigsten Leute in den Landesverb�nden hinter sich. Und die letzten Zweifler wurden heute Abend �berzeugt, nicht wahr, Herr Still?� �Es bleibt ihnen nichts anderes �brig, wenn sie den Erfolg wollen.� �Aber wird sich die Parteibasis darauf einlassen?�, fragte Moritz. �Da braucht es doch satzungsgem��e Beschl�sse, Delegiertenversammlungen �� Still be�ugte ihn durch seine Lupengl�ser. �Glauben Sie, Herr Lemke, in anderen Parteien l�uft es anders? H�chstens bei den Gr�nen in ihren Anfangsjahren, als sie noch an all diesen Mist glaubten. Wie hie� das damals? Basisdemokratisch �� �� gewaltfrei, sozial und �kologisch�, erg�nzte Moritz. Still verzog den Mund. �Klingt fast, als w�ren Sie ein verkappter Gr�ner.� �Ich war Delegierter des Gr�ndungsparteitags in Karlsruhe. Mit zwanzig Jahren einer der j�ngsten.� �Bravo�, lobte Bucerius. �Wie sagte einst ein kluger Mann: Wer in seiner Jugend kein Kommunist war, hat kein Herz, wer es aber im Alter noch ist, hat keinen Verstand.� �Franz Josef Strau߫, stellte Moritz fest. �Hab ich Ihnen nicht gesagt, dass unser Herr Lemke ein heller Kopf ist? Einer, der sich noch an Strau� erinnert!� �Und warum haben Sie die Gr�nen verlassen?�, fragte Still misstrauisch. �Weil sie begannen, den Mist, wie Sie es nennen, �ber Bord zu werfen.� Moritz sch�tzte die �kopartei inzwischen so gering wie jede andere und mit Petra hatte er sich deshalb oft gekabbelt. Aber es machte ihm Spa�, dem Langen aus dem Innenministerium Paroli zu bieten. Still wandte sich an Bucerius. �Langsam beginne ich daran zu zweifeln, dass Lemke uns weiterhelfen kann.� �Nichts da. Er ist ein kluger Kopf und versteht sich auf das PR-Gesch�ft. Was man von den Parteisprechern, die der bisherige Vorsitzende aus dem Hut gezaubert hat, nicht behaupten konnte.� Der Bauunternehmer dr�ckte Moritz� Schulter und senkte die Stimme. �Ich h�rte, Ihr Honorar betr�gt dreitausend pro Woche?� �Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch�, antwortete Moritz. �F�r Sie w�rde ich jederzeit arbeiten, Herr Bucerius. Aber mit Verlaub, f�r eine Partei, die eindeutig rechtsradikal��� �Ach was�, unterbrach ihn Bucerius. �Das war sie fr�her nicht und das wird sie in Zukunft noch viel weniger sein. Ich verrate Ihnen mal was. Unser Herr Still ist langj�hriger Beamter des Landesamts f�r Verfassungsschutz. Kann es einen besseren Garanten daf�r geben, dass die Partei auf dem Boden des Grundgesetzes steht?� F�r einen Moment war Moritz sprachlos. Er �berlegte, ob Still ein Rechter war, der seinen Posten im Ministerium f�r politische Ziele missbrauchte, oder ein Geheimdienstmann, der die Protestpartei unterwanderte. Dann fragte er: �Verfassungsschutz? Klingt ganz sch�n spannend.� �Von wegen�, antwortete Still. �Ein Job wie jeder andere auch. Ich sitze den ganzen Tag am Schreibtisch und �rgere mich �ber meinen Chef.� Sie lachten. Bucerius raunte Moritz zu: �Ich gebe Ihnen f�nfzigtausend bis zum Wahltag und die gleiche Summe als Bonus, wenn wir den Einzug in den Landtag schaffen.� Ruhig bleiben, sagte sich Moritz. Carola Ott-Petersen kam herangeschlendert. �Und? Haben Sie sich entschieden?� �Wer von Ihnen ist eigentlich der Boss bei den Freiheitlichen?�, fragte Moritz. �Das wird nat�rlich Frau Ott-Petersen sein�, antwortete Bucerius und strahlte die Abgeordnete an. �Attraktiv, redegewandt und charismatisch. Sie, Herr Lemke, werden daf�r sorgen, dass die gewandelten Freiheitlichen und ihre Vorsitzende in den Medien gut r�berkommen.� Ott-Petersen hob ihr Sektglas und stie� mit Moritz an. �Wir werden die Leute von den politischen Notwendigkeiten �berzeugen, ehrlich und geradeheraus. Daf�r braucht es eine Politikerin mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und einen PR-Fachmann, der die Medienlandschaft kennt und an die Kraft der Argumente glaubt. Wir zwei K�lner werden ein gutes Team abgeben!� Die kurze Ansprache hatte Moritz verwirrt. Von Charisma zu reden, war �bertrieben, aber die Frau hatte etwas. �Also?�, fragte Bucerius. Drei Augenpaare musterten Moritz. Er leerte sein Glas. Er brauchte das Geld. Die Worte seines alten Schulfreunds Thomas Brennecke:�Du bist Profi. Ein seltsamer Haufen, diese Freiheitlichen. �Geben Sie mir einen Tag Bedenkzeit�, antwortete Moritz und lie� sich nachschenken. 11. Rafi lag auf seinem Bett, starrte zur fleckigen Decke und dachte an Noureddine. Obwohl sein �lterer Bruder nicht nach dem Koran gelebt hatte, vermisste er ihn manchmal. Es war Noureddine gewesen, der sich um seine Hand gek�mmert und die Operationen bezahlt hatte. Als Rafis Linke dennoch verkr�ppelt blieb, verpr�gelte sein Bruder jeden, der den Kleinen deshalb auch nur schief ansah. Sie waren jahrelang unzertrennlich gewesen. Noureddine � lediglich eine nach Mekka ausgerichtete Grabst�tte im muslimischen Abschnitt des S�dfriedhofs war von ihm geblieben, der BMW und eine vollgepackte Reisetasche unter Rafis Bett. Den Eltern war es egal gewesen, womit ihr Erstgeborener sein Geld verdiente, solange er nicht Schande brachte, indem er aufflog. Mit zw�lf hatte Rafi begonnen, Noureddine zur Hand zu gehen, Heroin in Bubbles zu wickeln, den Stoff auf den Stra�en des Viertels zu verkaufen. Mit f�nfzehn gab ihm Noureddine eine schwere Neunmillimeterpistole � Rafis Aufnahme in die Gemeinschaft der Erwachsenen. Drei Jahre sp�ter war sein Bruder tot aufgefunden worden. Durchsiebt von feindlichen Kugeln. Rasch hatte Rafi erfahren, wer der M�rder gewesen war: der Kurde Barat �czelik, ein Gesch�ftspartner Noureddines, immer misstrauisch und zum Streit aufgelegt � die Bullen hatten �czelik mehrmals ins Pr�sidium gefahren und nur deshalb wieder laufen gelassen, weil sie bestochen waren. Zumindest war Rafi bislang davon ausgegangen. Rafi zog Noureddines Tasche hervor.�Louis Vuitton,�feinstes Leder. Rafi �ffnete den Rei�verschluss. Obenauf lagen die Pistole und ein Reservemagazin. Etwas Bargeld, Rafis Ersparnisse, nicht der Rede wert. Darunter hellgrauer, fast wei�er afghanischer Stoff, noch unverschnitten und kiloweise in Klarsichtbeutel gef�llt. Die Tasche vor den Bullen, den Kurden und dem Rest der�Bisnes-Bande in Sicherheit zu bringen, war ein Kinderspiel gewesen. Sp�ter hatte er sie nach Hause geschafft. Vielleicht sollte er sie lieber woanders verstecken, jetzt, da die Bullen erneut schn�ffelten. Aber Rafi hatte noch eine andere Idee. Er kannte den aktuellen Marktpreis nicht, aber er sch�tzte, dass ihn die f�nfzehn T�ten wohlhabend machten, sobald er sie verkaufte. Rafi rollte den kleinen Teppich aus und begann zu beten. Er rief Allah an, damit es Noureddine im Jenseits an nichts fehlen m�ge. Und er flehte um Rat, wie er mit den Neuigkeiten umgehen sollte, die der Bulle mit dem runden Sch�del heute Vormittag gebracht hatte. Kein Kurde habe Noureddine get�tet. Nicht Barat �czelik. Die Bullen liegen falsch, sagte sich Rafi. �czelik muss es gewesen sein. Sieben Tage nach Noureddines Tod hatte er den M�rder gerichtet. Er hatte �czelik aufgelauert, ihn erschossen und in einem Baggersee nahe der Autobahn bei Neuss versenkt � den Fall nicht den Beh�rden zu �berlassen, war f�r Rafi Ehrensache gewesen. Er verneigte sich, doch das Gebet, das ihm sonst Kraft gab, half diesmal nicht weiter. Rafi schob den Teppich und die Tasche mit dem Heroin zur�ck unter das Bett und setzte sich an seinen Laptop. Klopfenden Herzens besuchte er die Internetadressen, die ihm Said und Yassin aufgeschrieben hatten. Die erste Homepage zitierte ein Heldengedicht auf der Startseite. Bruder, erheb dich zum Kampf und nimm die Spitze ein. Besinge den Sturm und das Sterben der Tapferen. Nur so ist das Leben erstrebenswert! Was ist ein Dasein unter Dem�tigung? Was ist ein Leben unter Erniedrigung? Rafi klickte weiter und las einen Dialog, Fragen und die richtigen Antworten: Darf ein Muslim einen Ungl�ubigen zum Freund haben? � Nein, denn der Muslim w�rde negativ beeinflusst werden. Kann Integration unser Ziel sein? � Nein, denn sie kommt der Anbetung Satans gleich. Kann es Frieden mit den Ungl�ubigen geben? � Nein, denn ihre Regierungen begehen fortw�hrend Grausamkeiten der Umma gegen�ber. Gibt es Unschuldige unter den Ungl�ubigen? � Nein, denn sie haben ihre Regierungen gew�hlt. Wir leben unter Feinden im Dar-al-Harb, im Haus des Krieges. Wir haben keine Wahl. Jedes Mittel ist recht. Der Dschihad ist Realit�t. Die T�r wurde aufgerissen. Rafi fuhr herum. Sein Vater war ins Zimmer getreten. Er trug noch immer seinen wei�en Verk�uferkittel. Die fleischigen Wangen und die Spitzen seines Schnurrbarts bebten. �Wo warst du die ganze Zeit?� �In der Moschee.� �Und danach?� Rafi antwortete nicht. �Du hast mir im Laden gefehlt!� �Ich gehe nicht mehr dorthin.� �Und wer vertritt mich in den Sommerferien, wenn ich in die Heimat fahre?� �Ich bediene keine Ungl�ubigen mehr.� �Du hast deinem Vater zu gehorchen!� �Nicht, wenn es gegen Allahs Gesetze ist.� Sein Vater ballte die F�uste und lief rot an. �Ich zeig dir gleich Allahs Gesetze!� Rafi wich nicht zur�ck. �Ich warne dich. Du ziehst den K�rzeren.� Der Alte schrie: �Verlass meine Wohnung! Ich will dich nicht mehr sehen!� Er marschierte hinaus und lie� die T�r ins Schloss krachen. Rafi begann zu zittern. Es dauerte ein paar Momente, bis er wieder klar denken konnte. Dann fielen ihm Yassin und Said ein. Sie hatten recht: Das Leben war nur die Aufnahmepr�fung f�r etwas viel Gr��eres. Er bewegte die Maus und klickte. Die Anleitung zum Bau der Bombe. Ich bin auserw�hlt, dachte Rafi.�Inschallah. 12. U-Bahnhof Oststra�e. Zander verlie� den Zug und steuerte die Treppe an. Ein bei�end kalter Wind schlug ihm entgegen. Seit ihn Benedikt Engel, Leiter der Direktion Kriminalit�t, angerufen hatte, war Zander ins Gr�beln verfallen. �ber all das, was er im Leben verkorkst hatte. Und wie vergeblich es war, sich bessern zu wollen. Die Anweisung des Kripochefs als SMS auf Zanders Handy:�Wir m�ssen reden, sagen wir zwanzig Uhr im Schumacher an der Oststra�e. Fragen Sie nach der Radschl�gerstube. Zander unterteilte sein Leben in die Zeit vor dem Tod seiner Frau und in die danach. Beate war depressiv gewesen, und so oft sich Zander auch sagte, dass nicht er, sondern die defekte Chemie in Beas Gehirn der Grund f�r ihren Selbstmord gewesen war, meldete sich zugleich eine Stimme, die behauptete, er h�tte es verhindern k�nnen. Der Martin Zander zuvor: ein Zyniker, der nichts anbrennen lie�. Der Einbrecher schnappte und heimlich ihre Beute beiseiteschaffte, um sie selbst an einen Hehler zu verscheuern. Der einmal sogar mit seinem Partner Arnie Haffke einen Juwelierladen ausger�umt hatte. Nie war etwas aufgeflogen. Nachdem Arnie von einem Irren ermordet worden war, hatte Zander zum ersten Mal seinen Job ernst genommen, sich in die Ermittlungen gest�rzt und war darin aufgegangen. So sehr, dass er die Hilferufe seiner kranken Frau nicht wahrgenommen hatte. Bea hatte ihn sogar gebeten, das�Tavor�ins Klo zu werfen, das sie s�chtig gemacht hatte. Er dagegen hatte geglaubt, die Pillen w�rden helfen � warum sonst verschrieb der Hausarzt das Zeug ein ums andere Mal? Eines Tages hatte sie ein ganzes R�hrchen von dem Mittel geschluckt. Nichts ahnend hatte sich Zander an jenem Abend zu ihr gelegt, um am n�chsten Morgen neben einer Toten aufzuwachen. Die Erinnerung w�rde ihm immer gegenw�rtig bleiben: Bea in ihrem blassgr�nen Lieblingspyjama, ausgek�hlt und fast steif. Sie hatte nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen. W�hrend er auf den Notarzt gewartet und die Hand einer Toten gehalten hatte, war ihm klar geworden, dass sie ihn weit dringender gebraucht h�tte als Arnie Haffke und die �brigen Opfer des irren M�rders. Sein Leben danach: ein einziger Versuch, alles gut zu machen. Zander musste zugeben, dass er es dabei nicht weit gebracht hatte. Doch nie h�tte er darauf gewettet, dass ihn ausgerechnet sein Scheitern im Rauschgift-Einsatztrupp an einen Schreibtisch in Ela Bachs Kriminalkommissariat�11 sp�len w�rde. Er zog die alte Holzt�r auf und betrat das Brauhaus. L�rm schlug ihm entgegen und der Dunst von Bier, Schweinshaxen und Sauerkraut. Es herrschte Hochbetrieb, D�sseldorf l�utete das Wochenende ein. Touristen blockierten den Gang und �ugten nach Pl�tzen, die vielleicht frei werden w�rden. Der �berforderte K�bes ignorierte Zander. Eine Holztreppe f�hrte in den ersten Stock. Hier ging es ruhiger zu. Hinter den Toiletten fand Zander die T�r zur Radschl�gerstube, an der ein gelber Klebezettel hing. Geschlossene Gesellschaft�� wetten, dass das Engels Handschrift war. Zander klopfte und trat ein. Das Gastzimmer war komplett mit dunklem Holz verkleidet. Ein einziger Mann sa� im tr�ben Licht einer schmiedeeisernen Deckenfunzel am Ecktisch und winkte Zander zu. Benedikt Engel, Leitender Kriminaldirektor, knapp zwei Meter lang und wenige Jahre j�nger als Zander. Das Haar noch dicht, die Schl�fen nur leicht angegraut. Im schicken Anzug wirkte Engel, als sei er einem Modekatalog entsprungen und nicht die Nummer drei der D�sseldorfer Polizeibeh�rde. Doch Zander lie� sich nichts vormachen. Er wusste, dass der Lange mit allen Wassern gewaschen war. Ihn konnte man nicht �bert�lpeln, allenfalls sich mit ihm arrangieren. Engel erhob sich. �Sch�n, dass Sie gekommen sind.� Als h�tte ich eine Alternative gehabt, dachte Zander. Vor Engels Platz standen ein T�sschen Espresso sowie ein Glas Wasser, daneben ein Tablett mit einer Auswahl verschiedener Getr�nke. Offenbar wollte der Kripochef nicht, dass ein Kellner das Treffen st�rte. �Bin ich sp�t dran?�, fragte Zander. �Manchmal geht meine Uhr etwas nach.� Engel winkte ab. Eine Sitzung zu zweit, fernab der Festung, dienstlich, aber inoffiziell � Zander �berlegte, was das f�r ihn bedeutete. �Wie steht�s im Mordfall Noureddine Diouri?�, fragte der Leitende Kriminaldirektor. �Kann ich noch nicht sagen.� �Ein erster Eindruck?� �Dass es nicht irgendeine kalte Akte ist. Ela Bach hat mich eigens daf�r angefordert, stimmt�s?� �Wieso sollte sie das tun?� Die Gegenfrage irritierte Zander f�r einen Moment. �Vielleicht, weil ich ihr mal bei Ermittlungen in einem Mordfall geholfen habe.� �Irrtum, Zander. Ela hat sich mit H�nden und F��en gegen Ihre Umsetzung ins KK�11 gewehrt. In ihr scheinen Sie nicht gerade einen Fan zu haben.� Also ist die Idee auf Engels Mist gewachsen, fuhr es Zander durch den Kopf. Er griff sich ein Alt vom Tablett und fragte: �Warum liegt Ihnen so viel an dem toten Marokkaner?� �Weniger an Noureddine Diouri�, antwortete der Lange, �als an der undichten Stelle in Ihrer alten Truppe.� �Das hei�t, Sie tappen diesbez�glich noch immer im Dunkeln? Obwohl der Innere Dienst jeden durchleuchtet hat, der infrage kommt?� Engel nickte und schl�rfte Espresso. Zander wartete. �Wir haben auch Sie durchleuchtet�, sagte der Kripochef. �Klar.� �Ich nehme an, Sie erinnern sich an Walter Schmiedinger und seinen Tr�delladen � Wo war der noch mal?� �Rossstra�e.� Zander wurde unwohl in dem stickigen, �berheizten Raum � sein altes Leben hatte ihn eingeholt. Schmiedinger war der Hehler gewesen, der ihm und Haffke den Schmuck aus dem Bruch an der K�nigsallee abgekauft hatte. Zander fragte sich, welchen Druck Engel auf den alten Tr�dler ausge�bt hatte. Oder war Schmiedi nicht mehr der Alte? Neun Jahre waren eine lange Zeit und Zander hatte sich seit damals nicht mehr im Laden an der Rossstra�e blicken lassen. Diebstahl verj�hrt nach f�nf Jahren, �berlegte er. Bei besonderer Schwere erst nach zehn. In jedem Fall w�re er seinen Job los. Doch der Kripochef hatte ihn in das Hinterzimmer einer Gastst�tte bestellt, nicht in sein B�ro in der Teppichbodenetage des Pr�sidiums. Zander gewann seine Fassung einigerma�en wieder. �Und jetzt?�, fragte er. �Im Moment sind Sie dem Milieu wieder nahe, das Sie mit dem Rauschgift-Einsatztrupp beackert haben. Die Figuren von damals haben sich nicht in Luft aufgel�st. Es gibt sie noch, die Marokkaner und einige ihrer kurdischen Hinterm�nner, auch wenn sie nicht mehr im Gesch�ft sind. Der Maulwurf hatte Kontaktpersonen. Bearbeiten Sie die Szene mit Ihren Methoden. Finden Sie jemanden, der �ber den Maulwurf auspackt.� Zander sp�rte, wie es in seinem Hals wieder eng wurde.�Mit Ihren Methoden�� glaubte der Kripochef, er w�rde noch immer Gewalt anwenden? �Warum ich?�, fragte Zander. �Und warum jetzt? Der Einsatztrupp ist seit �ber einem Jahr Geschichte.� Engel ging nicht darauf ein, sondern zog sein Portemonnaie und legte einen Zwanziger f�r die Getr�nke auf das Tablett. �Ich habe Sie etwas gefragt.� �Ich gebe Ihnen zwei Wochen, Kollege Zander. Am 20.�M�rz sprechen wir uns wieder.� �Und wenn es gar keine undichte Stelle gab?� �Reden Sie keinen Schei�, Zander. Wenn Sie mir den Maulwurf nicht liefern, muss ich davon ausgehen, dass Sie ihn decken.� Unsinn, dachte Zander. Warum sagte ihm der Kripochef nicht ins Gesicht, dass er ihn selbst f�r den Verr�ter hielt? �Und dann�, fuhr Engel fort, �w�rde ich Ihre alten Geschichten auffliegen lassen. Ihre Gesch�fte mit Schmiedinger und die krummen Dinger, die Sie mit Haffke drehten. Sie w�ren alles los, woran Sie sich seit dem Selbstmord Ihrer Frau noch klammern. Und zwar schneller, als Sie Hoppla sagen k�nnen.� Zander begann zu zittern. Er stand auf und kramte einen Zehner aus der Hosentasche. �Lassen Sie stecken�, sagte Engel g�nnerhaft. Doch Zander schleuderte den Geldschein auf den Tisch und verlie� gru�los die Stube; die T�r krachte ins Schoss. Der Kripochef h�tte Bea nicht erw�hnen d�rfen. 13. Moritz duschte hei� und kalt und hoffte, einen klaren Kopf zu bekommen. Es war Samstagmorgen. Die Dusche befand sich im Bad einer Juniorsuite des�Sheraton�am D�sseldorfer Flughafen. Wie er in die Suite gelangt war, wusste Moritz nur noch bruchst�ckhaft. Zu viel Schampus, zu viel Wein. Bucerius hatte alles bezahlt. Auch diese Suite sowie eine weitere, die nicht benutzt worden war. Als Moritz ins Schlafzimmer zur�ckkehrte, um in seine Klamotten zu steigen, sah er, dass Carola aufgewacht war. Er hielt seine Hose in der Hand und z�gerte. Sie schlug wortlos die Bettdecke zur�ck. Moritz nahm die Einladung an. Wozu es in der Nacht gekommen war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht war da etwas Gefummel und Geknutsche gewesen. Den Rest holten sie jetzt nach. Es gab nichts Peinliches, kein langes Herantasten. Moritz stellte sich Petra vor, die eines Nachts w�hrend ihres Weihnachtsbesuchs unter seine Decke gekrochen war � es steigerte seine Erregung noch. Carola bewegte sich heftig und wurde laut. Moritz kam es geschauspielert vor, aber er lie� sich davon nicht ablenken. Sie waren erwachsen und wussten, was sie wollten. Danach schmiegten sie sich aneinander, fast wie ein langj�hriges Paar. Nach einer Weile geriet Moritz ins Gr�beln � die Erinnerung an den gestrigen Abend kehrte zur�ck. Bucerius und Still. Der obskure Parteienschei�, das sagenhafte Angebot. �Warum, Carola?�, fragte er und musterte ihr Gesicht. Kein Make-up � Moritz konnte die Sommersprossen auf ihrer Nase z�hlen. �Du gef�llst mir�, sagte sie. �Ist das kein guter Grund?� �Danke, aber ich meinte die Freiheitlichen.� �Warum ich da mitmache?� �Ja. Du gibst deine CDU-Karriere auf und riskierst alles f�r eine dubiose Splitterpartei.� �Soll ich ehrlich sein?� �Bitte.� �Eigentlich habe ich die Politik satt.� �Das kann ich nicht glauben.� F�r einen Moment dachte er, sein Widerspruch h�tte ihre Stimmung getr�bt, doch sie redete weiter, den Blick gegen die Decke gerichtet. �In der Politik darfst du niemals du selbst sein. Du musst dich st�ndig verbiegen. Allen nach dem Mund reden. Den Leuten an der Parteibasis, den Bonzen an der Spitze, den W�hlern. Denen vor allem. Nur nicht vom Mainstream abweichen.�Magst du Dixieland-Jazz?� Moritz sch�ttelte den Kopf. �Wenn auf einer Wahlveranstaltung eine Dixie-Band spielt und du stehst mit auf der B�hne, musst du so tun, als sei es das Gr��te, auch wenn du diese Art von Musik nicht leiden kannst. Das meine ich. Es ist zum Kotzen.� �Ich dachte, Dixie wird bei der SPD gespielt.� �Die Parteien gleichen sich immer mehr an. Und wei�t du, was das Schlimmste ist?� �Nein.� �Dass du alles schluckst, obwohl es so widerlich ist, weil du dir einredest, dass du es ver�ndern k�nntest, sobald du erst mal an der Spitze stehst. Mein eigener Ehrgeiz hat mich verbogen.� �Aber du hast etwas erreicht und das wirst du verlieren.� �Das Abgeordnetenmandat in Berlin k�nnen sie mir nicht nehmen. Und wenn es ausl�uft, wechsle ich in die�Bucerius KG.�Meine Position wird sich nicht verschlechtern, keine Angst.� Moritz zog die Decke zurecht, weil ihm k�hl wurde. Carola fuhr fort: �Wenn es allerdings mit den Freiheitlichen klappen sollte, werde ich Fraktionsvorsitzende im Landtag. Das w�re erst recht keine Verschlechterung.� �Du verbiegst dich wieder.� �Wieso? Wir bestimmen den Kurs!� �Wir?� �Ich als Vorsitzende und du als mein Sprecher.� �An der Leine von Edwin Bucerius und Norbert Still.� �Das sehe ich anders. In ein paar Tagen stehen wir am Ruder.� Carola r�ckte etwas von Moritz ab und betrachtete ihn. �Du warst tats�chlich bei den Gr�nen?� �Vor ewigen Zeiten.� �Nannten die sich am Anfang nicht eine Anti-Parteien-Partei?� �Stimmt.� �So sehe ich auch die Freiheitlichen. Als Dorn im Filz der etablierten Parteien. Als ehrliche Stimme.� Moritz beugte sich �ber Carola und k�sste sie auf die Sommersprossen, die er nicht nur im Gesicht fand. Der Hals, die Br�ste. Er musste sich Carolas Worte merken.�Ehrliche Stimme�� ein sch�ner Slogan. Wenn er den Beraterjob annahm, durfte allerdings Petra nichts davon erfahren. Sonst w�rde sie niemals zu ihm zur�ckkehren. Seine Vorsitzende in spe erblickte den Wecker auf dem Nachtk�stchen. �Oha, mein Flieger! Ich muss in vierzig Minuten am Gate sein!� Sie sprang aus dem Bett und lief ins Bad. Moritz lauschte dem Prasseln der Dusche und dem Klappern diverser Kosmetiktiegel. Er selbst hatte es nicht eilig. Zu Hause wartete nur die Katze. Er dr�ckte die Fernbedienung der Hotelglotze, um im Videotext der ARD die j�ngsten Nachrichten zu lesen. Mainz � die Stimmung kochte hoch: T�rkische Jugendliche hatten Feuerwehrleute verpr�gelt, denen sie vorwarfen, mit vors�tzlicher Versp�tung beim brennenden Wohnhaus eingetroffen zu sein. Dabei sei der L�schzug in Rekordzeit am Brandort gewesen, hie� es. In Carolas Handtasche, die im Sessel lag, schrillte ged�mpft ihr Handy. Carola eilte aus dem Bad, nackt und mit nassem Haar, kramte in der Tasche und klappte das Mobiltelefon auf. �Ott.� Moritz knipste den Fernseher aus und zog sich an. Es war ihm unangenehm, die Unterw�sche vom Vortag zu benutzen, aber bei seinem Aufbruch in K�ln hatte er nicht ahnen k�nnen, was auf ihn zukommen w�rde. Carola wandte sich zum Fenster und klang �berraschend barsch. �Am Flughafen, in D�sseldorf. Es ist gestern sp�t geworden und ich muss gleich nach Berlin. Hoffentlich gibt es kein Problem mit dem Flieger. Da drau�en schneit es.� Moritz band sich die Krawatte um, damit das Ding auf dem Heimweg nicht knitterte. Er konnte nicht umhin, Carolas Telefonat mit anzuh�ren, denn er wollte das Zimmer nicht verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ein Blick hinaus: Tats�chlich wirbelten Schneeflocken im Wind, aber nichts davon blieb liegen. �Im Flughafenhotel, nat�rlich allein, was meinst du denn?� In seiner Hosentasche entdeckte Moritz die Schl�sselkarte f�r sein Zimmer, das er nicht einmal betreten hatte. �Tu nicht so, als h�ttest du mich vermisst! Meinst du, ich wei� nicht, wo du dich rumtreibst, wenn ich in Berlin bin?� Ohne weitere Worte klappte Carola das Handy zusammen. Sie wandte sich Moritz zu, atmete tief durch und zeigte ein bitteres L�cheln. �Mein Mann.� Hektisch w�hlte sie in ihrer Handtasche und warf Tabletten ein, ohne etwas nachzutrinken. �Ole beschei�t mich. Das geht schon seit einem halben Jahr so.� Moritz kommentierte das nicht. Ein wenig kam er sich vor wie das Mittel ihrer Rache. �Ich brech dann mal auf�, sagte er. Carola machte einen Schritt auf ihn zu, dr�ckte ihre Br�ste gegen sein Sakko und streichelte seine unrasierte Wange. �Was ist?�, fragte sie, eine Augenbraue hebend. �Machst du�s?� 14. Er w�hlte die �wichtige Nummer�, wie er sie nannte. Vor Aufregung vertippte er sich zun�chst. �Ja?�, meldete sich die Stimme am anderen Ende. Am Telefon nannte Michael Winner seinen Namen nie. �Ja, hallo?� �Ich bin�s�, antwortete er. Eine ganze schlaflose Nacht lang hatte er sich seine Worte zurechtgelegt, doch pl�tzlich war er sich ihrer nicht mehr sicher. �Von wo aus rufst du an?� �Keine Angst, Prepaidhandy.� �Und was gibt�s?� �Unsere alte Sache �� �Red schon. Du stiehlst meine Zeit.� �Noureddine. Noureddine Diouri.� �Keine Namen am Telefon! Hast du das vergessen?� �Nein, aber �� �Was willst du?� �Die Polizei hat die Ermittlungen wieder aufgenommen.� �Na und?� �Es soll einen Zeugen geben.� �Wer sagt das?� Keinen Namen, �berlegte er fieberhaft. �Sein � sein kleiner Bruder.� �Der Schei�er hat doch keine Ahnung.� �Er nicht, aber wenn es tats�chlich �� �Was wei�t du dar�ber?� �Nichts.� Er nahm all seinen Mut zusammen. �Au�er dass ich ein ziemliches Risiko trage.� �Was soll das hei�en?� �Wir � wir m�ssen reden.� �Nicht am Telefon!� Die Verbindung war tot. Michael Winner hatte aufgelegt. Aber es gab keinen Zweifel � Winner w�rde sich bald bei ihm melden. Teil II Die Bombe Mittwoch, 11. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Seite eins: OTT-PETERSEN VERL�SST CDU � FREIHEITLICHE IM BUNDESTAG VERTRETEN Die Bundestagsabgeordnete Carola Ott-Petersen erkl�rte gestern ihren Austritt aus der CDU und wechselt zur rechtspopulistischen B�rgerbewegung Pro Freiheit. Zur Begr�ndung warf die 42-j�hrige K�lnerin ihrer bisherigen Partei vor, wegen eines falschen Verst�ndnisses von Religionsfreiheit muslimischen Fanatikern, die das Grundgesetz aushebeln wollten, den Boden zu bereiten. In ihrer Heimatstadt z�hlt Ott-Petersen zu den Gegnern eines geplanten Moschee-Neubaus. �berregional bekannt wurde die Politikerin durch Illustrierten-Fotos, auf denen sie als Rockerbraut posierte. Im Bundestag gilt sie als Hinterb�nklerin, ihr Mandat will sie behalten. Damit verf�gen die Freiheitlichen �ber ihren ersten Sitz im deutschen Parlament. Donnerstag, 12. M�rz,�K�lner Kurier,�Landespolitik: CAROLA OTT-PETERSEN SOLL FREIHEITLICHE ZUR MITTE F�HREN Weichenstellung bei der B�rgerbewegung Pro Freiheit: Das Pr�sidium der Protestpartei nominierte �berraschend die K�lner Bundestagsabgeordnete Carola Ott-Petersen zur neuen Bundesvorsitzenden. Zugleich soll sie die Partei als Spitzenkandidatin in den NRW-Wahlkampf f�hren. Die neue F�hrung stehe f�r einen Kurswechsel der Freiheitlichen, die sich von �Spinnern und Fremdenhassern� abgrenzen und sich als �ehrliche Stimme� in der Parteienlandschaft etablieren wollen, so ein Sprecher gestern in D�sseldorf. Die endg�ltige Entscheidung f�llt ein Sonderparteitag am kommenden Wochenende. Florian Sommer, bisheriger Chef der Splitterpartei und ehemaliger Aktivist der rechtsradikalen Republikaner, war f�r eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Freitag, 13. M�rz,�Blitz,�Aufmacher: SCH�NE CAROLA: FREIHEIT F�R MUSLIMISCHE M�DCHEN �Es darf nicht sein, dass fanatische V�ter ihre T�chter in die Burka zwingen�, erkl�rt Carola Ott-Petersen, 42, und fordert striktes Kopftuchverbot f�r Sch�lerinnen. Auch im Strafrecht sieht die K�lner Bundestagsabgeordnete gro�e Defizite: �Siebzig Prozent aller Mehrfach- und Intensivt�ter in Deutschland sind orientalisch-muslimischer Herkunft. Warum weisen wir sie nicht endlich aus? Die etablierten Parteien sind viel zu defensiv.� Nach der NRW-Wahl im Juni will die attraktive Harley-Fahrerin im Landtag gr�ndlich aufr�umen. �Filz und Korruption regieren dieses Land. Ich war achtzehn Jahre in der CDU und wei�, wovon ich rede.� Um deutliche Worte ist die k�nftige Vorsitzende der Freiheitlichen nicht verlegen: �Ich habe schon in meiner Jugend gegen jede Form von Ungerechtigkeit rebelliert.� 15. Moritz Lemke verlie� die Autobahn �ber die Ausfahrt Bilk und ordnete sich vor der Ampel am D�sseldorfer S�dring in eine der Linksabbiegerspuren ein. Er hasste die Vorstellung, in den zw�lf Wochen bis zur Wahl t�glich in diese Stadt fahren zu m�ssen. Seinen Einwand, dass ein Parteib�ro in K�ln praktischer sei, da auch die Vorsitzende aus der Domstadt komme, hatte Bucerius mit dem Hinweis auf den Landtag abgeb�gelt. Schei�d�sseldorf � das Meer bl�hender Narzissen links und rechts der Stra�e konnte an seinem Urteil nichts �ndern. Freitagmorgen, acht Uhr, Nachrichten im Autoradio: Gleich die erste Meldung betraf seinen neuen Job. Ministerpr�sident Fahrenhorst, CDU, schlie�t kategorisch aus, nach der Landtagswahl mit der B�rgerbewegung Pro Freiheit ein B�ndnis einzugehen oder sich mit deren Stimmen w�hlen zu lassen. Sein Ziel sei eine eigene Mehrheit oder die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition. Er sei zuversichtlich, so Fahrenhorst, dass die W�hler in Nordrhein-Westfalen der rechtspopulistischen Propaganda der sogenannten Freiheitlichen eine klare Abfuhr erteilen werden. Kursst�rze an den asiatischen B�rsen, Bomben in Bagdad, Raketenangriffe auf Israel. Die letzte Meldung kam aus Berlin, wo Muslime gegen eine Ausstellung religionskritischer Plakate protestierten. Eines davon nannte die Kaaba, das ber�hmte Pilgerziel in Mekka,�dummer Stein.�Man bef�rchte einen neuen Karikaturenstreit, so der Nachrichtensprecher. Moritz nahm sich vor, mehr dar�ber in Erfahrung zu bringen. Offenbar fand in der Landeshauptstadt eine Messe statt. Der Verkehr qu�lte sich �ber die V�lklinger Stra�e ins Zentrum. Moritz unterquerte das Stadttor, den transparent wirkenden Glasquader, in dessen oberen Stockwerken Ministerpr�sident Fahrenhorst und seine Staatskanzlei residierten. Wenn die Freiheitlichen im Juni die F�nfprozenth�rde �berspringen w�rden, w�ren sie fast automatisch in der Regierung, �berlegte Moritz, denn ihre Stimmen w�rden vor allem zulasten der jetzigen Koalitionsparteien gehen. Moritz linste hinauf zum schicken Glaspalast. Falls Fahrenhorst eine neue Mehrheit brauchte, w�rde er seine heutige Absage an jede Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen schnell revidieren. Oder �ber seine Weigerung stolpern � Moritz g�nnte ihm den Gewissenskonflikt. Carolas gut besuchte Pressekonferenz in dieser Woche, ihr souver�ner Auftritt, den er mit ihr einstudiert hatte, sowie die beachtliche Medienresonanz auf ihren Parteiwechsel hatten ihn mit guter Laune infiziert. Moritz fand Gefallen an dem Gedanken, die politische Landschaft durcheinanderzuwirbeln und die herrschende Funktion�rskaste zu �rgern. Morgen der n�chste Schritt: der Parteitag der Freiheitlichen und die Wahl Carolas zur neuen Vorsitzenden. An ihrer Rede hatte Moritz sorgf�ltig gefeilt. Es war ein Kraftakt, den Kursschwenk von Rechtsau�en zur Mitte glaubhaft zu vermitteln. Dass einige der alten Gr�ndungsmitglieder Verrat witterten und ausgetreten waren, war der Sache dienlich. Moritz beackerte die Medien, schulte Funktionstr�ger der Partei, erfand Tag f�r Tag Neuigkeiten, die ein positives Licht auf die Freiheitlichen werfen sollten. Moritz lobte sich selbst f�r den Kunstgriff, das islamfeindliche Image ins Positive zu wenden, indem er die Emanzipation der muslimischen Migranten von �berkommenen Traditionen propagierte, insbesondere die Befreiung der Frauen. Zudem r�ckte er den Kampf gegen Kungelei und Korruption in den Vordergrund, was auch Carola am Herzen lag:�Dorn im Filz der etablierten Parteien, ehrliche Stimme. Er und die designierte Vorsitzende, ein gutes Team � in jeder Hinsicht. Im Tunnel wechselte Moritz auf die rechte Spur und nahm die Ausfahrt. Vor dem Innenministerium, einem Kasten aus Aluminium und Glas, gelangte er zur�ck ans Tageslicht. Sofort musste er an Pressesprecher Weber denken, den Herrn �ber den PR-Etat des Hauses:�Betr�ge bis zehntausend Euro kann ich ohne R�cksprache � Moritz spekulierte: Wenn die Freiheitlichen der FDP gen�gend Stimmen abgruben, w�rde die Landtagswahl das Ende Andermatts als Minister bedeuten und damit auch das Aus f�r Weber. Wom�glich lie�en sich im Nachhinein Belege f�r dessen Machenschaften finden � der Gedanke daran befl�gelte Moritz noch mehr. Er lenkte seinen Mondeo in die Tiefgarage des neuen Hochhauses an der Graf-Adolf-Stra�e. Die�Bucerius KG�hatte den eleganten Turm vor drei Jahren errichtet und noch nicht komplett vermietet. Die B�ros der�B�rgerbewegung Pro Freiheit � die Freiheitlichen�lagen im vierten Stock, gemeinsam mit der�Bucerius-Beteiligungsgesellschaft,�der�Bucerius Immobilien GmbH,�der�Edwin-A.-Bucerius-Stiftung,�der parteinahen�Arbeitsgruppe Mittelstand Pro Freiheit�und dem Verein�Jugend Pro Freiheit. Moritz trat aus dem Aufzug und fand sich inmitten eines staubigen Chaos aus Umzugskisten und M�belteilen. Handwerker montierten mit ratternden Drehschraubern einen Empfangstresen aus lackierten Spanplatten. Moritz stieg �ber Kabel, betrat den Flur und gr��te Heike, die Sekret�rin. Sie reichte ihm eine Liste mit Interviewanfragen. Moritz �berflog die Namen. Alle Achtung: Die Redaktion der Anne-Will-Show w�nschte sich Carola als Talkgast f�r �bermorgen � besser konnte es gar nicht laufen. Beschwingt ging Moritz in sein B�ro, warf seinen Trenchcoat �ber einen Karton, zog die Schutzfolie vom Polster eines nagelneuen Stuhls und nahm Platz. Sein neues Reich. Er testete Telefon und Internetleitung: Alles war angeschlossen und funktionierte sogar. Die Bucerius-Leute hatten ganze Arbeit geleistet. Simon Gr�fe trat ein und legte ihm einen Stapel d�nner Schnellhefter auf den Tisch. Gr�fe galt als kaufm�nnisches Wunderkind und Bucerius� rechte Hand in der Duisburger Firmenzentrale. Auch ihn w�rde der Parteitag am Samstag w�hlen � zum neuen Bundesgesch�ftsf�hrer. Nebenher leitete der Mann die parteinahen Vereine, die zum Teil erst auf dem Papier existierten. �K�nnten Sie bitte mal einen Blick darauf werfen?�, fragte Gr�fe. �Was ist das?� �Bewerbungen f�r unser Wahlkampfteam. Mehr als die durchschnittlichen Praktikantenverg�tungen m�ssen wir diesen Uni-Absolventen nicht bezahlen, also sollten wir uns f�nf oder sechs davon leisten k�nnen.� Moritz bl�tterte die Lebensl�ufe durch: frisch diplomierte Politikwissenschaftler und zu allem bereite Vertreter der ImM-Generation �Irgendwas mit Medien. Bislang bestand das Team nur aus Hartz-IV-Empf�ngern, die von der Stra�e weg angeheuert worden waren, in ausgew�hlten St�dten Flugbl�tter verteilten und mit Spendenb�chsen klapperten. Einem war Moritz neulich begegnet. Die armen Schweine arbeiteten auf Provisionsbasis. Die H�lfte ihrer Einnahmen durften sie behalten. Laut Gr�fe erwirtschaftete dieses Stra�enheer einen Gro�teil des Wahlkampfetats, den Rest schossen Bucerius und weitere Spender zu. Der designierte Bundesgesch�ftsf�hrer verschwand, einen deutlichen Geruch nach Knoblauch und Zigarren hinterlassend. Moritz schob die Akten beiseite. Die Medienarbeit hatte Vorrang. Er sagte der Anne-Will-Redaktion zu und bat um ein Fax mit inhaltlichen Angaben zur geplanten Sendung, damit er Carola entsprechend vorbereiten konnte. Die Zeitungsanfragen beantwortete Moritz der Reihe nach. Eine heikle Aufgabe, denn er musste die Kollegen hinhalten. Er hatte n�mlich mit Alex Vogel, dem Chefredakteur des�Blitz,�eine Exklusiv-Vereinbarung getroffen, die noch bis zur morgigen K�rung der Parteivorsitzenden galt. Seit Wochenbeginn rief Vogel jeden Nachmittag pers�nlich an und erhielt Moritz� Kommentar zum aktuellen Geschehen. Daraus bastelte derBlitz-Chef euphorische Meldungen �ber die wahlweise �attraktive�, �entschlossene� oder �mutige� Carola. Der Preis daf�r war, dass Moritz die Parteichefin in spe bis zu ihrer Inthronisierung vor den �brigen Gazetten abschirmte. Vogel war den Ideen der Freiheitlichen gegen�ber aufgeschlossen. Solange ihm seine Verlagsleitung nicht dazwischenfunkte, war er gewillt, der neu formierten Partei publizistischen R�ckenwind zu geben. Mit dem Boulevardblatt auf seiner Seite rechnete Moritz mit einer glatten Verdopplung der W�hlerstimmen. Dass die anderen Zeitungen aus Trotz umso h�rter auf die Freiheitlichen einhacken w�rden, musste er riskieren. Er arbeitete die Liste ab, h�rte sich Beschimpfungen entt�uschter Redakteure an und vertr�stete sie auf die Pressekonferenz, die er f�r Samstagabend plante. Danach hatte er einen Moment Zeit, um Erkundigungen �ber die umstrittene Ausstellung in Berlin einzuziehen, und erfuhr, dass der Kunstverein Tiergarten eine d�nische K�nstlergruppe namens�Surrend�in seine Galerie an der Turmstra�e eingeladen hatte. Der Laden wurde vom Bezirksamt finanziert und war bislang nur von lokaler Bedeutung gewesen. Die jetzt gezeigten Poster machten sich �ber religi�sen Fanatismus jeglicher Art lustig, auch �ber den von Christen. Schon wieder die D�nen, dachte Moritz. Als er einen Vertreter des Kunstvereins an der Strippe hatte, erfuhr Moritz, dass die Ausstellung gerade geschlossen wurde, weil vor der Galerie ein Tumult tobte: W�tende T�rkenkids drohten mit Steinw�rfen, falls das Poster, das ihr Heiligtum als�dummen Stein�titulierte, nicht abgeh�ngt w�rde. Der Typ vom Kunstverein lie� durchblicken, dass er nicht so schnell nachgegeben h�tte, wenn nicht das Bezirksamt Druck ausge�bt h�tte. Moritz fragte auch dort nach. Die Dame vom Amt sprach von gebotener R�cksichtnahme auf religi�se Gef�hle und tadelte die Unsensibilit�t der Ausstellungsmacher. Das darf doch nicht wahr sein, dachte Moritz. Die Rede des Schriftstellers Rolfes hallte in seinem Kopf nach:�Wer sind wir denn, dass wir uns �berlegen m�ssten, ob unser Tun und Handeln den muslimischen Fanatikern gef�llt? Moritz beschloss, den Zoff um das Poster zum Skandal aufzublasen, und formulierte die ersten S�tze einer Presseerkl�rung der Partei. Das Telefon klingelte und Heike verband Moritz mit einer weiteren Zeitungsredaktion. �Moritz Lemke, was kann ich f�r Sie tun?� �Lemmi, du?�, staunte sein Exkollege Andreas Wilke vom�K�lner Kurier. Obwohl Moritz gedacht hatte, mit sich im Reinen zu sein, waren seine Zweifel wieder da, so heftig, dass ihm fast schwindelte. Wilke wiederholte:��Du�arbeitest f�r die Freiheitlichen?� �Auf freier Basis und nur bis zur Landtagswahl�, antwortete Moritz und versuchte, ruhig und gelassen zu klingen. �Ausgerechnet unser Lemmi macht PR f�r Rechtsradikale?� �Die Freiheitlichen sind nicht rechtsradikal. Die Partei hat sich gewandelt. Au�erdem muss endlich mal der Filz in NRW aufgemischt werden. Das siehst du doch auch so.� �Red keinen Schei�, Moritz!� �Die Etablierten haben l�ngst die Bodenhaftung verloren. Die Politbonzen brauchen einen D�mpfer. Ein Erfolg der Freiheitlichen w�re auch ein Erfolg der Demokratie.� �Dein Wahlkampfgeschw�tz glaubst du doch selbst nicht. Eure Basis besteht aus rechten Chaoten, die genauso gut bei der NPD aufgehoben w�ren. Schau dir blo� mal die Internetseiten an.� Moritz hatte bislang keine Zeit gefunden, sich darum zu k�mmern. Noch ein Punkt auf seiner To-do-Liste. �Und eure neue Vorsitzende ist vom gleichen Kaliber. Das Motorradsch�tzchen ist publicitygeil bis zum Gehtnichtmehr und im Herzen tiefbraun.� �Du kennst sie nicht wirklich.� �Aber du, Moritz, was? Komm, h�r auf, gib mir lieber einen Termin mit ihr.� �Ach, mit dem tiefbraunen Sch�tzchen?� �Mein Chef will ein Interview im Blatt sehen. Hagedorn besteht darauf. Ich brauche deine Parteivorsitzende noch heute. Aber erwarte von mir keine blinde Lobhudelei wie im�Blitz.� �Versuch�s mal in Berlin.� �Hab ich schon. Dort hei�t es, sie sei nicht zu erreichen.� �Ich kann dir leider erst behilflich sein, wenn Frau Ott-Petersen zur Parteivorsitzenden gew�hlt worden ist. Also fr�hestens �� Wilke unterbrach ihn: �So lange kann ich nicht warten. Du kennst doch Hagedorn. Der orientiert sich am�Blitz�und mit dem redet sie ja wohl jeden Tag.� �Andreas �� �Du hast sie doch nicht etwa exklusiv an den�Blitz�verkauft?� �Reg dich nicht auf. Sie spricht derzeit mit keinem Blatt.� �Und was ist mit dem heutigen Aufmacher in diesem L�genblatt? Moritz Lemke ist ein verdammter Freiheitlicher geworden und kungelt mit der Verdummungspresse. Das h�tte ich dir zuallerletzt zugetraut! Jetzt verstehe ich, warum sich deine Ex von dir getrennt hat.� Moritz atmete tief durch. �Petra wei� nichts davon. Au�erdem l�uft mein Vertrag nur bis Juni.� �Was willst du damit sagen?� �Halt meinen Namen raus, wenn du �ber�Pro Freiheit�schreibst.� �Du willst mit deinem Br�tchengeber nicht in Verbindung gebracht werden? Warum machst du es dann? Vergolden dir die Freiheitlichen den Hintern? Kannst du �berhaupt noch in den Spiegel schauen?� Moritz legte auf und sa� wie gel�hmt in seinem fabrikneuen Sessel. Ja, er machte den Job wegen des Geldes. Aber nicht nur. Zum ersten Mal im Leben habe ich Einfluss, sagte sich Moritz. Zumindest ein bisschen. 16. Rafi war aufgeregt, als transportiere er die Bombe bereits im Kofferraum. Mit Bruder Said auf dem Beifahrersitz gondelte er durch die Stadt. Sie hielten Ausschau nach einem Ziel, das die Kriterien erf�llte. Es regnete heftig, die Scheibenwischer arbeiteten im zweiten Gang. Vor der neuen Fu�ballarena hielt Rafi an und kratzte seine Narbe. �Was meinst du?�, fragte er und �rgerte sich �ber das Zittern in seiner Stimme. Ein Polizeiwagen fuhr vorbei. Cool bleiben, sagte sich Rafi und rieb mit dem �rmel �ber das beschlagene Seitenfenster. Das Stadion war eine gute Idee, fand er. �Bis zu zwanzigtausend Menschen bei Heimspielen.� �Zwanzig?�, zweifelte Said. �Fortuna spielt dritte Liga, Bruder. Vergiss es.� �Dann eben zehntausend, was wei� ich? Ist doch auch nicht schlecht. Wo sonst erwischst du so viele?� �Mit einem Koffer voller Sprengstoff kommen wir da nicht rein.� �Und wenn wir die Bombe vor der Arena z�nden? Die Leute kommen von den Parkpl�tzen und stauen sich dr�ben an den Kassen.� �Zehntausend?� �Nein, aber Hunderte. Und sobald die Sanit�ter anr�cken, z�nden wir die zweite Bombe,�inschallah.� �Zwei Bomben?� �Oder drei, warum nicht?� �Ich wei� nicht. Fu�ball ist nicht gegen den Koran.� �Mann, Said, ich dachte, es sollten einfach m�glichst viele Ungl�ubige draufgehen!� �Ich kenne auch Br�der, die zur Fortuna gehen.� �Echte Br�der, ohne Schei�?� �Klar, Mann.� Rafi sah ein, dass er Said f�r seinen Vorschlag nicht begeistern konnte. Er legte den Gang ein und fuhr weiter, das Rheinufer entlang nach S�den, zur�ck Richtung Innenstadt. �Wei�t du, was gegen den Koran ist?�, fragte Said nach einer Weile. �Sag schon.� �Karneval.� �Der war im letzten Monat. Willst du noch ein Jahr lang warten?� �Und wie w�r�s mit der Kirmes? Tausende auf einem Fleck. Lauter besoffene Schweinefresser.� �Kirmes ist erst im Juli. Was ist los mit dir, Said? Willst du die Aktion hinausz�gern, oder was?� �Nicht so laut, Bruder. Ich hab eine schwere Nachtschicht hinter mir und bin m�de.� Eine Weile sagte keiner etwas. Dann beteuerte Said: �Ich will die Sache nicht verz�gern, Ehrenwort.� Er senkte die Stimme und neigte sich Rafis Ohr zu, als g�be es jemanden, der mith�ren konnte. �Ich hab Peroxid gekauft.� �Wasserstoffperoxid? In echt?� �Klar, Bruder.� �Wie viel?� �Noch nicht genug. Du kannst nicht mehrere Kilo auf einen Schlag kaufen, ohne dich verd�chtig zu machen. Denk dran, was Yassin gesagt hat. Der Staat hat seine Spitzel �berall.� �Du willst den Sprengstoff selbst herstellen?� �Ganz easy, Bruder,�inschallah.�Du nimmst Peroxid, Aceton und etwas starke S�ure. Die Br�der in London haben das auch so gemacht.� �Hab ich gelesen. Und schon beim Trocknen explodiert das Zeug, sobald ein Sonnenstrahl darauf f�llt oder wenn du aus Versehen gegen den Tisch st��t. Es kann sogar ganz von allein hochgehen, Mann.� �Hast du etwa Schiss davor, im Dschihad als M�rtyrer zu sterben?� �Nein�, antwortete Rafi. �Nat�rlich nicht.� �Also�ich�hab keine Angst.� �Ich auch nicht, Said. Hab ich gerade Nein gesagt oder nicht?� �Bleib cool, Bruder. Du hast keinen Schiss und ich will nichts verz�gern. Sind wir uns einig?� Sie fuhren an einer Kirche vorbei. Rafi deutete aus dem Fenster. �Hier erwischen wir garantiert keine Br�der.� Said fragte: �Wie sollen wir es sonst machen, wenn nicht mit Eigenbau?� �Wenn du hochgehst, ohne Ungl�ubige mitzunehmen, bist du kein M�rtyrer, sondern nur ein verdammter Loser, Mann.� �Vielleicht wei� Yassin einen Weg.� Rafi rieb die Linke und gab etwas mehr Gas. �Ich k�nnte eine Bombe kaufen,�inschallah.� �Was sagst du da?� �Profisprengstoff, der nur hochgeht, wenn du es willst, verstehst du?� �Woher willst du das Zeug kriegen?� �Kontakte.� �Aus deiner Zeit mit Noureddine?� Rafi ging nicht weiter darauf ein. Nat�rlich meinte er die Kurden und ihre PKK. Und falls die ihm nichts gaben, konnte er es bei den Russen probieren, die jetzt das Drogengesch�ft beherrschten. Said fragte: �Ist das nicht riskant?� Der Regenschauer fand ein Ende, die Sonne brach durch die Wolken und lie� den nassen Asphalt leuchten. Entlang der Stra�e bemerkte Rafi Plakate, die eine aufreizend leicht gekleidete Frau zeigten � die Schlampe warb f�r eine Fotoausstellung in einem der vielen Museen, die es hier gab. Unwillk�rlich fiel ihm Tasnim ein. Er sah genauer hin. Unglaublich, wie verdorben dieses Land war: Bilder von Nutten in aller �ffentlichkeit. Hier regierte zweifellos der Teufel. Aber ein Museum w�re kein gutes Ziel, �berlegte Rafi. Zu wenige Besucher. �Kino�, sagte Said unvermittelt. Rafi blickte ihn fragend an. Said spann seinen Gedanken weiter: �Zum Beispiel das Ufa am Bahnhof oder das UCI im Hafen,�inschallah.� Vor ihnen tat sich die Tunneleinfahrt auf. Rafi schaltete das Licht ein. Er �berlegte und kam zu dem Ergebnis, dass ihm der Gedanke ebenfalls gefiel. �Saal eins im UCI ist der gr��te in der ganzen Stadt�, sagte Said. �Samstagabend um halb neun ist der knallvoll.� �Da laufen amerikanische Filme�, erg�nzte Rafi. �Denkst du, wir kommen mit einem Koffer rein?� �Wir verteilen den Sprengstoff auf zwei Rucks�cke oder so und verstecken das Zeug unter dem Sitz.� �Mit Bruder Yassin sind wir zu dritt. Drei Bomben in drei S�len, die gleichzeitig hochgehen.� Rafi hob die Hand und Said klatschte ihn ab. �Amerikanische Filme sind auf jeden Fall gegen den Koran�, stellte Rafi fest. �Und wenn Allah es will, bleiben wir nicht im Saal, sondern fahren zum Flughafen und tauchen unter.� �Afghanistan?� �Ich dachte an mein altes Dorf im Rif-Gebirge. Das weckt keinen Verdacht bei den Beh�rden. Und wenn sie uns nicht aufsp�ren, kommen wir zur�ck,�inschallah,�und schlagen wieder zu. Zack-wumm, verstehst du?� Sie lachten. Rafi nahm die Ausfahrt Landtag/Hafen, bog an der Ampel rechts ab und folgte der Vergn�gungsmeile entlang des sogenannten Medienhafens. Am Ende der Stra�e erhob sich der gl�serne Kinokomplex. Obwohl es erst Mittag war und noch keine Vorstellung lief, standen drei Schlampen vor der Dreht�r und rauchten. Eine vierte kam heraus, vermutlich hatte sie Karten besorgt. Trotz des nasskalten Wetters war ihr Bauch zwischen Jeans und Pulli eine Handbreit nackt. Rafi musste wieder an Tasnim denken und an seine eigene Schwester, Musliminnen auf dem Weg ins Verderben. Dann rief er sich die Bilder vom Heiligen Krieg im Irak ins Ged�chtnis, die er im Internet gesehen hatte. Sprengfallen, Autobomben, die Heldentaten der M�rtyrer. Er sp�rte eine seltsame Erregung. Er sah zur gew�lbten Glasfassade hoch und stellte sich die Detonation in Zeitlupe vor. Wie in einem Actionfilm, made in USA: Die Druckwelle l�sst s�mtliche Scheiben in Milliarden kleiner Splitter zerbersten, die im Licht glitzern und auf den Asphalt regnen. Schnitt, Innenaufnahme, immer noch Slow Motion: Hunderte von Menschen, Schock in ihren Gesichtern, platzende Haut � Gewebeklumpen und K�rperteile stieben empor wie ein Schwarm Stare, in dessen Baum man schie�t. Und Blut, Blut, Blut, das auf die Kinoleinwand spritzt, bis sie v�llig davon bedeckt ist. �Genial�, sagte Rafi. Doch Said wirkte auf einmal betr�bt. �Was ist los, Bruder?�, fragte Rafi. �Wir haben nicht das Geld f�r Profisprengstoff.� �Lass das mal meine Sorge sein.� 17. Moritz ging nach vorn ins Sekretariat. Heike war bislang als Einzige mit einer Kaffeemaschine ausgestattet. Er goss sich einen Becher voll und warf einen Euro in die Dose, die als Kasse diente. Die Sekret�rin sagte: �Gro�es Lob soll ich Ihnen ausrichten. Frau Ott findet die Berichterstattung im�Blitz�genial. Sie ist vor einer Stunde in Berlin-Tegel gestartet und m�sste bald da sein.� Moritz nippte vom Kaffee und verbrannte sich den Gaumen. Das Telefon klingelte. Heike reichte den H�rer weiter. Es war die Redaktion der Anne-Will-Talkshow. Eine junge Frau war dran und sagte den Termin f�r Sonntag wieder ab. Moritz �rgerte sich. Die Talkrunde w�re die perfekte Plattform f�r die Freiheitlichen gewesen. Im Faxger�t lag noch die schriftliche Best�tigung der Einladung. Moritz angelte danach und las:�Zersplitterung der Parteienlandschaft � Gefahr f�r die Demokratie? �Haben Sie das Konzept der Sendung ge�ndert?� �Nein, eigentlich nicht�, antwortete die Anruferin. Eine Redaktionsassistentin oder Praktikantin, vermutete Moritz. Jemand, den der Chef vom Dienst vorschickte, wenn die Aufgabe unangenehm und nicht so wichtig erschien. �Was ist dann der Grund?� Die Praktikantin druckste herum. �Wir dachten, �h �� Moritz �berflog die Namen der �brigen G�ste, namhafte Vertreter der etablierten Parteien sowie der Linken. Carola w�re die einzige Frau gewesen und h�tte garantiert eine gute Figur gemacht. Ein Schuss ins Blaue: �Hat etwa der FDP-Vorsitzende gedroht, die Sendung zu boykottieren, falls Carola Ott teilnimmt?� ��h �� �Das w�re nicht das erste Mal. Sie k�nnen es mir verraten. Es bleibt unter uns.� Moritz griff �ber den Telefonkasten und dr�ckte die Lautsprechertaste, damit er Heike als Zeugin hatte und sie mitstenografieren konnte. Stille am anderen Ende. �Also hat dieser Schn�sel Ihrer Redaktion die H�lle hei�gemacht?� �Nicht nur. Auch der CDU-Fraktionschef. Und der Gr�nen-Sprecher. Eigentlich alle au�er dem Typen von den Linken.� �Vermutlich haben sie sich abgesprochen. Und dann ist Ihre Chefin eingeknickt. Bestellen Sie ihr sch�ne Gr��e. Mit R�ckgrat kommt man besser durchs Leben.� �Es lag nicht an Frau Will.� �Sondern?� �Der ARD-Programmdirektor ��, begann das M�del und stockte. �Danke f�r die Info.� �Sie sagen es wirklich keinem weiter?� �Wenn Sie einen neuen Job brauchen, junge Frau, dann melden Sie sich bei den Freiheitlichen. Wir suchen pfiffige Leute f�r unser Wahlkampfteam.� Moritz schaltete den Lautsprecher aus, legte auf und zeigte Heike den erhobenen Daumen. Er hatte ein Thema f�r die morgige Ausgabe des�Blitz�gefunden, mit dem es die Freiheitlichen erneut auf den Titel schaffen w�rden: das Kartell der Filzokraten � wie machtgeile Funktion�re und folgsame Medienmanager missliebige Meinungen mobbten. Und wie die �couragierte Carola� dagegen ank�mpfte, um der schweigenden Mehrheit im Lande Geh�r zu verschaffen. Durch die ge�ffnete T�r bemerkte Moritz, dass die designierte Vorsitzende eintraf. Sie gr��te im Vorbeigehen und ging nach hinten in ihr B�ro. Arne, der junge Fahrer, den Bucerius ebenfalls den Freiheitlichen �berlassen hatte, folgte mit zwei Rollkoffern. Als der Fahrer gegangen war, schnappte sich Moritz seine Sony-Amateurkamera und schlenderte zu Carola hin�ber. Er klappte das Display auf und filmte, wie sie �ber Briefen sa�, die Gr�fe ihr zum Unterschreiben hingelegt hatte. Carola wehrte ab. Sie wirkte m�de. Zwei steile Falten auf der Stirn � als missfalle ihr, was sie da las. Moritz schwenkte �ber einen �ppigen Rosenstrau� und weiter zum Freiheitlichen-Plakat an der Wand. Dann schaltete er das kleine Ger�t aus, lie� sich auf dem zweiten Stuhl nieder, der noch in der Schutzfolie steckte, und griff nach dem K�rtchen, das zwischen den Blumen lag: ein Willkommensgru� von Edwin A. Bucerius, dem Baul�wen und Parteim�zen. Carola schluckte eine Tablette, schraubte eine Wasserflasche auf und nahm einen Schluck. �Kopfschmerzen�, sagte sie. �Wie war�s in der Hauptstadt?� �Ein Spie�rutenlauf. �Judas� war noch die harmloseste Beschimpfung. M�ller-Winterberg spuckte vor mir aus. Von Krosigk warf mir einen angebissenen Apfel an den Kopf. Ich war so fertig, dass ich jedes Mal, wenn ich einen Raum verlie�, zuerst durch das Schl�sselloch gepr�ft habe, ob drau�en ein CDU-Kollege vorbeiging.� �Bereust du deine Entscheidung?� �Weniger denn je.� �F�r die W�hler bist du eine Heldin. Die Jeanne d�Arc des Politikbetriebs.� �Du meinst, man wird mich verbrennen?� Immerhin zeigte sie nun ein L�cheln. Moritz fragte: �Wollen wir die Parteitagsrede noch einmal durchgehen?� �Nicht n�tig. Sie ist perfekt, wie du sie formuliert hast.� �Die Medien rennen uns die Bude ein.� �Wird das Fernsehen kommen?� �Nat�rlich.� Moritz hob seine kleine Kamera hoch. Carola lachte. Dann sagte sie: �Allenfalls k�nnten wir einige Stellen etwas sch�rfer formulieren. Schau dir mal den Koran an. Ein im Grunde faschistoides Machwerk, aufgeschrieben f�r ein W�stenvolk, das davon lebte, anderen die K�pfe einzuschlagen.� �Du �bertreibst�, widersprach Moritz. �Solche Stellen findest du in der Bibel auch.� �Nicht im Neuen Testament.� �Trotzdem, wir sollten vorsichtig sein, Carola.� Sie verzog das Gesicht. �Angst vor den Islamisten, Moritz?� �Nein. Aber wir d�rfen nicht denen in die H�nde spielen, die uns als rechtsradikale Muslimhasser und Ausl�nderfeinde darstellen wollen.� Carola neckte ihn: �Angst vor dem Mainstream der Gutmenschen. Einknicken gegen�ber der Political Correctness.� F�r einen Moment musste Moritz an das Urteil seines Exkollegen Wilke denken:�Publicitygeil bis zum Gehtnichtmehr und im Herzen tiefbraun. �Wir m�ssen nicht alle Tabus auf einmal sprengen�, sagte er. �Nicht gleich zu Beginn.� �Wie du meinst. Du bist das Kommunikationsgenie.� Sie klang nicht �berzeugt. Moritz beugte sich zu ihr und senkte die Stimme. �Treffen wir uns heute Abend?� Die Parteichefin in spe sch�ttelte den Kopf. �Heute nicht. Ich bin todm�de. Au�erdem habe ich das dumpfe Gef�hl, dass mein Mann etwas ahnt.� 18. Anna Winkler freute sich auf das Wochenende. Jonas, ihr Freund, war von einer Dienstreise zur�ckgekehrt und sie hatten sich zum Essen verabredet. Die Mordbereitschaft, zu der sie eingeteilt gewesen war, hatte sie mit einem Kollegen getauscht, und so waren keine St�rungen zu bef�rchten. Das war Annas Plan: ein romantisches Dinner im Restaurant, als w�re nichts gewesen, danach zu ihr oder ihm. Morgen, beim Fr�hst�ck, die f�llige Aussprache, aber ohne die Nachtragende zu spielen und seine Worte von neulich auf die Goldwaage zu legen. Die Harmonie wiederfinden � warum sollte das nicht m�glich sein? Beim Aufr�umen ihres Schreibtisches fiel Anna eine Brosch�re in die Hand:�Polizei und Moscheevereine � Leitfaden zur Zusammenarbeit. �Gehst du noch mit ein Bierchen trinken?�, rief Zander durch die offene Verbindungst�r. �Keine Zeit, Padre.� �Verstehe. Ihr vertragt euch also wieder?� Anna schlug die Brosch�re auf und las:�In vielen arabischen Familien empfindet es der Mann als Missachtung seiner Autorit�t, wenn man zuerst die Frau begr��t oder eine Frage an sie richtet. Deshalb gilt hier allein der Ehemann als kompetenter Ansprechpartner. Das darf doch nicht wahr sein, dachte Anna. �Ich dr�ck euch die Daumen�, lie� ihr Zimmernachbar sich vernehmen. Anna ignorierte ihn. Kinder sind im muslimischen Kulturkreis hoch angesehen und mit einem Begriff von �Ehre� verbunden. Daher ist es schon vom Grundsatz her problematisch, Eltern mit einem Fehlverhalten ihrer Kinder zu konfrontieren. Nebenan spielte ein Handy altmodische Rockmusik. Verzerrte Gitarre, Orgelt�ne, h�mmerndes Schlagzeug, bis Zander endlich ranging. Anna bl�tterte weiter. Anscheinend war bei Muslimen alles problemgeladen. Ein Kind anzusprechen, eine Frau zu ber�hren, selbst bei einem Unfall. Bei der Entwicklung interkultureller Kompetenz hat die Po-lizei die Aufgabe, auf Basis ihrer umfassenden sozialen Fertigkeiten auch in Interaktion mit Einwanderer- oder Migrantengruppen stets situationsad�quat zu handeln. Weltfremdes Soziologenlatein, dachte Anna. Sie warf den Leitfaden in die Schublade und ging zur T�r, um sich von Zander ins Wochenende zu verabschieden. Der �ltere Kollege winkte sie ganz aufgeregt zu sich. Z�gernd trat Anna n�her. Zander stand von seinem Drehstuhl auf und hielt sein Handy so, dass sie die Worte des Anrufers aufschnappen konnte. Ein schwacher Geruch nach Zanders Rasierwasser drang in ihre Nase. �� und deshalb dachte ich, dass ich dir Bescheid geben sollte, Effendi.� Anna kannte nur einen, der ihren Kollegen so nannte: Hiwa Kaplan, der kurdische Junkie von neulich. �Gut so�, lobte Zander. �F�nfzehn Kilo, sagst du?� Anna strengte sich an, die Stimme aus dem Handy zu verstehen. �Ja, was soll ich ihm antworten?�, fragte Hiwa, die einstige Hoffnung seiner Eltern. �Verlang erst einmal eine Probe davon, und zwar nicht zu wenig, damit du den Reinheitsgrad analysieren kannst. Schlag ihm vor, dass ihr euch in dem Internetcaf� an der K�lner Stra�e trefft. Du wei�t schon. Der Schuppen, den sein Bruder einst als Caf� f�r Sportwetten gepachtet hatte.� Anna �berlegte: Bot etwa Abderrafi Diouri Rauschgift an? �Er wird mir die Probe nur geben wollen, wenn ich ihm Geld zeige.� �Kein Problem. Das besorgen wir.� �Und wenn er nicht darauf eingeht?�, kr�chzte es aus dem Handylautsprecher. �Du sagtest doch, dass es ihm eilig ist. Also werden wir die Bedingungen diktieren.� �Aber die Info sollte euch Bullen schon jetzt etwas wert sein. Mein Honorar, verstehst du?� �Erst m�ssen wir den Jungen drankriegen, dann bekommst du die Belohnung. Also streng dich an. Und kein Wort zu irgendwem!� �Ist klar.� Zander beendete das Gespr�ch, steckte das Mobiltelefon weg und hob den Daumen. Anna wusste: Das romantische Wochenende mit ihrem Freund konnte sie knicken. � Der Besprechungsraum des f�r Drogendelikte zust�ndigen KK�15 befand sich auf dem gleichen Flur. Sie waren zu viert: Zander, Anna, Mordchefin Ela Bach und Benno Gr�ter, Leiter der Rauschgiftleute und Zanders fr�herer Vorgesetzter. Der Raum war eine Mischung aus B�ro, Teek�che und Rumpelkammer. Sechs Telefone auf vier Tischen, die in der Mitte zu einer Insel zusammengeschoben worden waren. An der Wand zwei Computerarbeitspl�tze. Zudem gab es eine Mikrowelle, mehrere Kaffeemaschinen sowie eine Sp�le und ganz vorn drei gro�e Tafeln, auf denen noch die Lageskizzen des letzten Einsatzes aufgemalt waren. Zander versuchte, sich den Kollegen gegen�ber seine Unruhe nicht anmerken zu lassen. Die ganze Woche �ber hatte er nebenher nach dem Maulwurf im ehemaligen Rauschgift-Einsatztrupp gefahndet, mit alten Kollegen geredet und in den Akten der Schn�ffler vom Inneren Dienst gest�bert, die der Kripochef ihm �berlassen hatte. Die erste Woche war ohne jeden Fortschritt vergangen, doch nun glaubte Zander, einen Lichtstreif am Horizont zu erkennen. Er hielt es f�r denkbar, dass Rafi die Identit�t des Maulwurfs kannte. Als rechte Hand seines Bruders Noureddine war der Kleine wahrscheinlich in die Abl�ufe des Warnsystems eingeweiht gewesen. Und wenn Zander den jungen Marokkaner mit dem angebotenen Heroin schnappte, h�tte er das n�tige Druckmittel, um ihn zur Aussage zu zwingen � mit jeder Minute, die Zander dar�ber nachdachte, sah er die Chancen wachsen, heil aus seinem Schlamassel zu kommen. �F�nfzehn Kilo�, staunte Benno Gr�ter, ein sportlicher Vierziger mit faltendurchzogener Stirn. Zander hatte sich immer gut mit ihm verstanden, denn Gr�ter hatte ihm freie Hand gelassen und dem Einsatztrupp den R�cken gest�rkt, solange es ging. �Kommt nicht oft vor, oder?�, fragte Bach. �Neulich haben die Kollegen fast so viel auf der A2 geschnappt, aber in der Stadt gab�s diese Gr��enordnung noch nicht. Zumindest nicht, seit ich hier bin. Das wird nat�rlich auch die OK-Leute interessieren. Wir m�ssen unseren Inspektionsleiter einschalten. Am besten auch den Kripochef.� Ela nickte nachdenklich. �Mach halblang, Benno�, widersprach Zander. �Wir nehmen Diouri bei der �bergabe einer Probe fest, und basta. Das kriegen wir auch ohne gro�en Klimbim hin!� �Was sind f�nfzehn Kilo wert?�, fragte die KK-11-Chefin dazwischen. �Dreihundertf�nfzigtausend Euro, vielleicht auch mehr.� Zander sagte: �Das Heroin ist zweitrangig. Wir ermitteln das T�tungsdelikt zum Nachteil des Noureddine Diouri vom August vorletzten Jahres. Wir verdrahten das Lokal, setzen uns an die Nachbartische und greifen zu, wenn Rafi die Probe auspackt. Sobald wir ihn zur Mordsache vernommen haben, kannst du ihn �bernehmen, Benno.� Gr�ter sch�ttelte den Kopf. �So l�uft das nicht, Padre.� Zander blickte seine Chefin an, doch sie reagierte nicht. �Versteh doch�, erkl�rte Gr�ter. �Wir brauchen ein Mobiles Einsatzkommando und kommen auch um die Unterst�tzung durch das Landeskriminalamt nicht herum. Inspektionsleiter Thann wird die Einsatzleitung �bernehmen wollen. Selbst wenn es zwei Kilo w�ren oder nur ein halbes, es geht um eine Rauschgiftsache und das KK�11 kommt erst ins Spiel, wenn wir den Anbieter gefasst haben.� �Wof�r das LKA?�, fragte Anna. �Wir m�ssen einen Scheink�ufer einschalten. Einen verdeckten Ermittler, der auf diese Gesch�fte spezialisiert ist. �ber solche Leute verf�gt nur das Landeskriminalamt. Auch wenn Martin sich das anders vorstellt, ist das keine Geschichte, die wir mal rasch zu viert stemmen k�nnten. Das sollten wir aus dem Scheitern des Rauschgift-Einsatztrupps gelernt haben.� Zanders Handy spielte seinen Lieblingsrocksong. Er kramte es hervor und nahm das Gespr�ch an, ohne sich bei den anderen daf�r zu entschuldigen. Betont barsch fragte er: �Was gibt�s?� Hiwa Kaplan. �Rafi hat sich gemeldet�, sagte der Kurde. �Ihm gef�llt die Geschichte mit der Probe nicht. Er braucht das Geld so rasch wie m�glich und will mindestens ein Kilo verkaufen. Er verlangt daf�r drei�igtausend Euro. Wir haben uns f�r den kommenden Montagabend verabredet. Ich hoffe, das ist okay f�r dich, Effendi.� �Warte.� Zander deckte das Handymikrofon ab und informierte die Runde. Gr�ter beschied: �Dein Informant soll nicht der K�ufer, sondern nur der Mittelsmann sein. Sag ihm, er soll dem Anbieter erz�hlen, dass er einen zahlungskr�ftigen Interessenten mitbringen wird. Die drei�igtausend gehen in Ordnung.� Zander gab die Anweisung an Hiwa weiter und beendete das Gespr�ch. �Dass der Anbieter Druck macht, ist ein gutes Zeichen�, sagte der KK-15-Leiter. �Wir brauchen die Anordnung einer Kommunikations�berwachung, und zeitgleich zur Festnahme m�ssen wir die Wohnung des Verk�ufers durchsuchen. Wer redet mit der Staatsanwaltschaft?� �Du�, antwortete Ela. �Das ist eine Rauschgiftsache.� �Rafi lebt bei seinen Eltern�, warf Anna ein. �Der Durchsuchungsbeschluss muss auch f�r sein Auto gelten und f�r den v�terlichen Fischladen, in dem der Junge arbeitet. Wer wei�, wo Rafi den Stoff gebunkert hat.� �Okay.� Gr�ter machte sich Notizen. Zander sah seine Felle davonschwimmen: �Hiwa ist�mein�Informant, verstehst du, Benno? Ich muss dabei sein, wenn Rafi Diouri vernommen wird!� �Mensch, Padre, es gibt kein Privateigentum an Informanten oder T�tern.� Ela mischte sich ein: �Inspektionsleiter Thann wird sicher einen Platz f�r dich im Einsatzteam finden, Zander.� Anna fragte: �Warum ist es ein gutes Zeichen, dass Rafi Druck macht?� Zander �berlegte, ob seine Kollegin die Naive nur spielte, um die Sitzung in ruhigere Bahnen zu lenken. �Er will viel Geld und er will es rasch�, antwortete Gr�ter mit g�nnerhaftem L�cheln. �Das hei�t, er ist bereit, ein h�heres Risiko einzugehen als sonst bei solchen Deals �blich.� �Hoffentlich�, sagte Ela, sah auf die Uhr und erhob sich. �Wir haben drei Tage zur Vorbereitung. Ich rede mit dem Inspektionsleiter. �bernimmst du LKA und MEK, Gr�ter?� Der Rauschgiftmann nickte. �Dann sehen wir uns morgen in der gro�en Runde, hier um zehn, w�rde ich sagen. Falls sich etwas �ndern sollte, bekommt ihr telefonisch Bescheid. In Ordnung?� Zander zuckte mit den Schultern. Ihm war die Aussicht auf einen Gro�einsatz nicht geheuer. Je mehr Dienststellen und Obermuftis mitmischten, desto leichter schlich sich ein Fehler ein. Oder es sickerte schon wieder etwas zur Gegenseite durch. Rafi durfte nicht entwischen. Beim Hinausgehen murmelte Anna ihm zu: �Den Samstag hatte ich mir anders vorgestellt.� �Wenn dein Freund dich liebt�, antwortete Zander, �wird er deinen Beruf respektieren.� �Verschon mich mit solchen Spr�chen, Padre. Du glaubst doch selbst nicht daran.� Zander gefiel die Kollegin immer besser. ��brigens�, sagte sie, �was ist das f�r ein bescheuerter Klingelton auf deinem Handy?� �In-A-Gadda-Da-Vida.� �Wie bitte?� �Die Band hie� Iron Butterfly, und als sie ihren gr��ten Hit hatten, warst du noch gar nicht geboren.� �Ein Steinzeit-Hardrock-Fan. Ich h�tt�s mir denken k�nnen.� Zander lachte. Er blickte der Kollegin nach, die zu ihrem Auto spurtete. Beziehungsstress, dachte er. Ich habe nicht einmal das. 19. Moritz leerte den Briefkasten. Jedes Mal war er gespannt, ob er einen Umschlag aus M�nchen finden w�rde. Nichts als Werbung und Rechnungen � wenigstens konnten ihn Letztere nicht mehr in Panik versetzen. Petra hatte schon seit drei Wochen nicht mehr geschrieben. In der Wohnung angekommen, warf Moritz den Mantel �ber den n�chstbesten Stuhl, sch�ttete dem Kampftiger Trockenfutter in den Napf und machte es sich mit den Zeitungen auf dem Sofa bequem. Er war noch kaum zum Lesen gekommen. Eine �berschrift im�Kurier�sprang ihm sofort ins Auge:�Fr�nkischer Taliban � mehrere Tote bei Selbstmordanschlag. Im Osten Afghanistans war ein Attent�ter mit einem Kleinlaster voller Sprengstoff in einen US-Milit�rst�tzpunkt gerast. Er selbst sowie zwei Amerikaner und mehrere Zivilisten waren bei der Detonation zerfetzt worden. Der Mann stammte aus Bayern. Ein sechsundzwanzigj�hriger T�rkischst�mmiger, geboren in Freising, der zuletzt mit Frau und zwei Kindern im fr�nkischen Ansbach gewohnt und bei Bosch gearbeitet hatte. Moritz fand es unheimlich, dass solche Leute aus Deutschland kamen. Der Argwohn der Freiheitlichen war nicht ganz unbegr�ndet: Die geplante Zentralmoschee in seiner unmittelbaren Nachbarschaft w�rde nicht blo� Andachtsst�tte sein, sondern ein Prunkbau mit angeschlossenem muslimischem Gewerbezentrum � Sammelplatz der Parallelkultur, Ort der Abgrenzung statt Symbol der Integration. Die Worte stammten von Rolfes. Der Schriftsteller traf den Nagel auf den Kopf. Das Telefon riss Moritz aus seinen Gedanken. Es war Carola. �Eine Frage, Moritz.� �Was gibt�s?� �Woher stammt das Geld der Freiheitlichen?� Moritz z�hlte auf: �Gr�fe und ich werden von Bucerius bezahlt, Heike und dein Fahrer auch. Der Rest sind Spenden, ein paar gro�e und viele kleinere. Unsere Flugblattverteiler scheinen recht eifrig zu sammeln. Wahlkampfkostenr�ckerstattung gibt�s jedenfalls erst im Sommer.� �Irgendetwas stimmt da nicht.� �Wieso?� �Gr�fe hat mir da ein paar Sachen zum Unterschreiben gegeben. Wozu eigentlich? Hat er als designierter Gesch�ftsf�hrer noch keine umfassende Vollmacht? Und ich kann nicht glauben, dass man auf der Stra�e so viel Knete sammeln kann. Ich wollte wissen, was es damit auf sich hat. Gr�fe war gerade nicht da, deshalb habe ich mir die entsprechenden Ordner in seinem B�ro selbst rausgesucht. Wusstest du, dass ich eine Banklehre absolviert habe, bevor ich zur Uni ging?� �Steht in deinem Lebenslauf.� �Jedenfalls kenne ich mich mit dem Kram ganz gut aus. Ich hab mir Gr�fes PC vorgenommen. Stell dir vor, der Mann hat seine Passw�rter auf Klebezetteln notiert und an den Monitor gepappt.� �Du hast tats�chlich �?� �Nat�rlich war keine Zeit, alle Dateien zu studieren. Vielleicht h�tte ich sie kopieren sollen.� �Wozu?� �Ich muss doch wissen, wof�r ich in Zukunft als Vorsitzende den Kopf hinhalte.� �Carola, wir sind eine Partei und ziehen am selben Strang.� �Das dachte ich auch, zumindest bislang. Aber es sieht danach aus, dass Gr�fe oder Bucerius Schwarzgeld �ber die B�rgerbewegung waschen!� �Schwarzgeld?� Im Hintergrund brummte eine M�nnerstimme: �Mit wem telefonierst du da?� �Wer ist das?�, fragte Moritz. Carola fl�sterte fast: �Du bist doch sicher schon mal einem dieser Parteiaktivisten �ber den Weg gelaufen. Hast du jemals gesehen, dass irgendwer eine M�nze in die Spendendose gesteckt hat?� �Gr�fe kann sicher alles erkl�ren.� �Das muss er auch. Ich habe keine Lust, wegen Steuerhinterziehung oder Beihilfe vor ein Gericht gezerrt zu werden.� Erneut diese M�nnerstimme, jetzt n�her und aggressiver: �Flirtest du mit deinem Schei�geliebten?� �Ole tobt mal wieder�, erkl�rte Carola, fast belustigt. �Bedroht er dich? Ich kann in zwanzig Minuten bei dir sein.� Pl�tzlich protestierte Carola aufgebracht: �Ole, was machst du da?� Moritz f�hlte sich hilflos. Er wusste nicht, was abging, und konnte nicht eingreifen, falls der Typ gewaltt�tig wurde. �Hallo?�, rief Moritz in den H�rer. Keine Antwort. Stattdessen vernahm er eine verschlafen klingende Kinderstimme. Und gleich darauf wieder das barsche Organ des Ehemanns: �Franzi, h�r dir an, wie deine Mutter uns mit ihrem Schei�geliebten betr�gt!� Endlich war Carola in der Leitung. Sie klang verst�rt. �Er hat unsere Tochter aus dem Bett geholt.� �Will er euch etwas antun?� Im Hintergrund quengelte das Kind. �Geh ins Bett, Franzi!�, rief Carola. �Ole, lass Franzi los!� Moritz entschied: �Ich bin in zwanzig Minuten da.� �Nein, warte!� Ein Knall � Moritz erschrak, dann wurde ihm bewusst, dass Carola nur den H�rer abgelegt hatte. Sie stritt weiter mit ihrem Mann, doch jetzt in einem anderen Raum. Den Inhalt ihrer Worte konnte Moritz nicht verstehen. Nach einer Weile resignierte er und legte auf. � Samstag, 14. M�rz,�Blitz,�Titelseite: ANNE WILL: MAULKORB-SKANDAL! ARD-PROGRAMMDIREKTOR VERBIETET AUFTRITT VON CAROLA OTT-PETERSEN Es wirkt wie das letzte Aufb�umen der etablierten Parteien: Gemeinsam torpedierten ihre Vertreter die Einladung von Carola Ott-Petersen, B�rgerbewegung Pro Freiheit, drohten mit Boykott der Talkrunde. Der Skandal: ARD-Programmdirektor Nettelbeck gab dem peinlichen Dr�ngen nach, verbot seinem TV-Star Anne Will, mit Ott-Petersen zu reden. In der morgigen Sendung werden die Herren der im Bundestag vertretenen Parteien unter sich bleiben. Zensur in der ARD � wie gro� muss die Angst vor der mutigen Carola sein, die nicht nur auf dem Motorrad eine gute Figur macht? BLITZ ruft auf zum deutschlandweiten Quotenstreik: Wir boykottieren das Kartell der Meinungszensoren. Nach dem Tatort schaltet die Nation ab! � Samstag, 14. M�rz,�Blitz,�Seite zwei: FREIHEITLICHE FORDERN: ZEIGT UNS DIE UMSTRITTENE KUNST!� D�rfen Fundi-Randalierer der Kunstfreiheit Grenzen setzen? Das Grundgesetz antwortet eindeutig: Nein! Doch in der Berliner Verwaltung sieht man das anders. Als Islamisten mit Gewalt drohten, schloss das Bezirksamt Tiergarten kurzerhand die Pforten einer satirischen Plakatausstellung zum Thema Religion. D�rfen wir in unserem Land nicht mehr sagen, was wir denken? Ein Sprecher der Freiheitlichen stellt klar: �Diese Krawallmacher wollen Scharia statt Freiheit. Deutschland muss sich dagegen wehren. Die Grundrechte sind unantastbar.� Bezirksamt Tiergarten, mach die T�ren wieder auf! Zeig, was uns die Extremisten verbieten wollen! � Samstag, 14. M�rz,�K�lner Kurier,�Seite drei: AUCH KONRAD ROLFES UNTERST�TZT FREIHEITLICHE Der international bekannte K�lner Schriftsteller Konrad Rolfes hat �berraschend seinen Beitritt zur B�rgerbewegung Pro Freiheit erkl�rt. Dies ist bereits der zweite prominente Zugang f�r die rechte Protestpartei in dieser Woche. Zuvor war die K�lner Bundestagsabgeordnete Carola Ott-Petersen von der CDU zu den Freiheitlichen gewechselt. Ihre Wahl zur neuen Vorsitzenden der umstrittenen Gruppierung steht f�r heute an. Rolfes sagte, Ott-Petersen sei der Garant daf�r, dass sich die Partei aus dem Milieu der Ewiggestrigen gel�st habe. Er nannte die Gr�nen als Vorbild: �So wie es die �kopartei geschafft hat, das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft zu verankern, d�rfen auch wir nicht ruhen, bis der Widerstand gegen die Islamisierung Deutschlands das Ziel aller Demokraten ist.� Freunde des 83-J�hrigen zeigten sich verwundert �ber diesen Schritt. �Gerade ein Mann wie Konrad Rolfes sollte wissen, dass das Sch�ren von Vorbehalten gegen Muslime die Gesellschaft spaltet und die Freiheit bedroht�, so der Verleger und Publizist Hendrik Oehme. Dagegen begr��te ein Sprecher der Freiheitlichen den prominenten Neuzugang. Rolfes zeige sich als unbestechlicher K�mpfer f�r westliche Werte und Freiheitsrechte. 20. �Ich zeig�s dir�, k�ndigte Carola an und eilte Moritz voraus. �Ich bin gespannt, wie du das Ganze deutest.� Ihm gefiel die Aktion nicht. Die Zeit war zu knapp, um in irgendwelchen Unterlagen zu w�hlen. In einer Stunde w�rde der Parteitag beginnen und es gab vor Ort noch eine Menge zu organisieren. Carola packte die Klinke und r�ttelte an der T�r zum Zimmer des designierten Parteigesch�ftsf�hrers. �Lass es sein, meine Liebe.� �Seit wann verriegelt Gr�fe sein B�ro? Hier schlie�t doch sonst keiner ab!� Sie machte kehrt, verschwand im Sekretariat und pr�sentierte stolz einen Schl�ssel, als sie zur�ckkam. �Der General!� Sie versuchte, den Schl�ssel in das Schloss zu fummeln, doch er passte nicht. �Gib�s auf, Carola�, bat Moritz. Sie lief in das Nachbarzimmer, das Gr�fe f�r zuk�nftige Wahlkampfhelfer reserviert hatte. Es hatte eine Verbindungst�r. Hier passte der Schl�ssel. Carola stie� die T�r auf. Moritz protestierte: �Du kannst nicht einfach �� Z�gernd folgte er ihr. Abgestandener Zigarrenqualm hing zwischen den W�nden. Carola ging vor einem Regal in die Hocke, zog Ordner aus den F�chern und schob sie hastig zur�ck. Dann stand sie auf und blickte Moritz mit gro�en Augen an. �Was ist los?�, fragte er. �Die Unterlagen, die ich meinte, fehlen.� �Bist du dir sicher?� �Frag nicht so bl�d.� �Wahrscheinlich hat Gr�fe sie nach Hause mitgenommen, um am Wochenende zu arbeiten.� Carola zog den Stuhl heran und startete den Computer. Sie wies auf den Monitor. �Die Klebezettel sind auch weg!� �Lass uns gehen, Carola.� �Glaubst du etwa, ich h�tte die Geschichte erfunden?� �Nein.� �Wie erkl�rst du dir dann, dass die Klebezettel pl�tzlich verschwunden sind?� �An Gr�fes Stelle h�tte ich sie auch abgenommen. Sonst kommt doch jeder an die Dateien.� Carola begann hektisch zu tippen. Im Monitor spiegelte sich ihr konzentrierter Blick. Und ein siegesbewusstes L�cheln. �Was machst du?�, fragte Moritz. �Ich hab mir das Passwort gemerkt.� Sie tippte eine rasche Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Mehrmals hintereinander. Offenbar erfolglos. �Schei�e. Er hat es ge�ndert. Gr�fe hat das Passwort �� Carola unterbrach sich, legte den Finger an die Lippen, fuhr den PC wieder herunter und zog Moritz aus dem Raum. Sie schlich in Heikes B�ro und legte den Generalschl�ssel an seinen Platz. Moritz wollte fragen, was ihr Getue sollte, doch Carola winkte ihn hektisch in das Foyer und verriegelte die Glast�r hinter ihnen. Als sie im Aufzug standen, fl�sterte sie: �Sie h�ren dein Telefon ab.� �Was?� �Oder meinen Anschluss.� �Wen meinst du mit�sie?� �Oder beide Telefone. Deins und meins.� �Du spinnst.� �Es kann nur so gewesen sein: Nachdem ich dir von meinem Verdacht erz�hlt habe, geht Gr�fe noch einmal in sein B�ro, beseitigt die Klebezettel, �ndert sein Passwort und schafft die Ordner fort. Das hei�t, sie haben gestern Abend unser Gespr�ch belauscht. Anders ist das nicht zu erkl�ren. Moritz, wach auf! Sie h�ren uns ab. Wir m�ssen aufpassen, was wir miteinander reden!� Moritz fragte sich, ob Carola unter Verfolgungswahn litt. Hoffentlich beruhigte sie sich wieder � f�r vierzehn Uhr war ihre Rede terminiert. Dann musste sie entschlossen und mitrei�end wirken. Und nicht wie jemand, der pl�tzlich an der eigenen Partei zweifelte. � Und wie sie es geschafft hat, dachte Moritz, als sie am sp�ten Abend �ber die Fleher Br�cke auf die richtige Rheinseite rasten, der Domstadt entgegen. Ein gigantischer Rosenstrau� auf dem R�cksitz lie� das Wageninnere wie einen Blumenladen duften. Ein rundum gelungener Parteitag lag hinter ihnen, gewaltiger Medienandrang, minutenlange Ovationen f�r die neue Vorsitzende. Zuletzt ein Interview in den Tagesthemen � Carola war live aus dem D�sseldorfer WDR-Studio zugeschaltet worden. Sie war Gold wert f�r die Freiheitlichen. Eine Frau, die �berzeugte. Keine Spur von Irritation, auch nicht, als sie auf dem Parteitagspodium neben Gr�fe Platz genommen und nach dem Wahl-Brimborium aus der Hand des ebenfalls gew�hlten Bundesgesch�ftsf�hrers die Rosen empfangen hatte. Als h�tte Carola nie an der Buchf�hrung gezweifelt. �Du warst gro�artig�, sagte Moritz. �Meinst du?� �Gro�e Klasse, auch die Interviews.� �Ich f�hl mich urlaubsreif.� Regen setzte ein und die Scheibenwischer quietschten. In den Schlieren auf dem Fenster verschwammen die Lichter der Autos zu bunten Streifen. Moritz drosselte das Tempo. �Ich bin nicht, was ich vorgebe zu sein�, bemerkte Carola. �Werd bitte nicht philosophisch. Es l�uft doch alles prima.� �Diese dummen Etiketten. Freiheitliche Idealistin, Jeanne d�Arc der kleinen Leute und so ein Quatsch.� �Was ist los mit dir, Carola?� �Ob CDU oder die Freiheitlichen. �berall der gleiche Schwindel. Du hattest recht. Ich verbieg mich schon wieder.� �Das stimmt nicht�, widersprach Moritz. �Doch, mein Lieber. Wir sind Huren der Macht.� �Wie kannst du so reden?� �Hast du dich mal gefragt, warum Bucerius die Partei so sehr unterst�tzt?� �Um Schwarzgeld zu waschen. Willst du schon wieder darauf hinaus?� Sie schwieg. �Carola, bald gibt es Wahlkampfkostenr�ckerstattung vom Steuerzahler, du f�hrst die Landtagsfraktion und die Partei kann v�llig unabh�ngig vom Geld einzelner Spender arbeiten. Seit deinem heutigen Auftritt glaube ich fest daran, dass die Freiheitlichen die F�nfprozenth�rde knacken. Und du hast das Zeug zur Ministerin.� Endlich schenkte sie ihm ein L�cheln. Moritz schaltete das Radio ein. Ruhiger Jazz im Deutschlandfunk. �Hat sich dein Mann wieder eingekriegt nach seinem Anfall gestern Abend?� �Sch�n w�r�s. Ole hat einen an der Waffel. Ich habe ihm schw�ren m�ssen, dass es keinen Liebhaber g�be und dass er der Gr��te sei. Der beste Ficker. Der l�ngste Schwanz. Garant f�r die heftigsten Orgasmen.� Moritz lachte. Blaue Autobahnschilder flogen heran. Noch zwei Kilometer bis zum Kreuz K�ln. Wenn er Carola zu Hause abliefern sollte, musste er dort abbiegen. �Wohin soll ich dich fahren?� �Nach Hause, was sonst?� Das n�chste Schild. Noch ein Kilometer. �Andererseits � der Gedanke an Ole ist mir v�llig zuwider.� Moritz blieb auf der linken Spur. Die �bern�chste Ausfahrt war seine. Er verdr�ngte den Gedanken an get�rkte Finanzen und L�gen in der Politik. Er freute sich einfach nur auf eine schnelle Nummer. � Sonntag, 15. M�rz,�Blitz am Sonntag,�Titelseite: MUTIGE CAROLA WILL FREIHEITLICHE IN DIE PARLAMENTE F�HREN Der Delegiertenjubel wollte kaum enden. Ein Arm voller Rosen f�r die frisch gew�hlte Bundesvorsitzende der Freiheitlichen. Eindringlich hat Carola Ott-Petersen die �arroganten und ignoranten F�hrungsriegen der Altparteien� aufs Korn genommen. Die K�lner Politikerin wurde auch zur Spitzenkandidatin f�r die kommende Landtagswahl in NRW bestimmt. Sie wandte sich leidenschaftlich gegen Filz und B�rokratie und rief unter Beifall: �Wir haben die Faxen dicke!� Auch Konrad Rolfes, weltber�hmter Schriftsteller und Gewissen der Nation, hat den Parteitag besucht. Sein Res�mee: �Wir brauchen Carola Ott-Petersen, weil sie den Mut hat, die Wahrheit auszusprechen.� � Montag, 16. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Seite vier: TERRORGEFAHR VIRULENT Das Bundeskriminalamt sieht Deutschland unvermindert im Visier islamistischer Terroristen. Es sei davon auszugehen, dass die h�chste Ebene des Terrornetzwerkes El Kaida Anschl�ge plane, sagte BKA-Chef J�rg Ziercke in Wiesbaden und zeigte sich �berzeugt, dass �in Deutschland intakte Netzwerkstrukturen� best�nden. Besorgt �u�erten sich die Ermittler �ber das Video, das den aus Deutschland stammenden Selbstmordattent�ter C�neyt C. zeigt und das eine �stimulierende Wirkung auf andere� haben k�nnte. Bei einem Anschlag in Afghanistan am Donnerstag letzter Woche hatte der �fr�nkische Taliban� mehrere Soldaten und Zivilisten mit sich in den Tod gerissen. Im Fokus der Sicherheitsbeh�rden stehen vor allem Konvertiten. In der Rekrutierung solcher Menschen scheine die aktuelle Strategie El Kaidas zu liegen, denn diese k�nnten sich unauff�llig im potenziellen Anschlagsgebiet bewegen. Derzeit werden laut Ziercke sieben Konvertiten in Deutschland als sogenannte Gef�hrder eingestuft. 21. Gut gelaunt fuhr Moritz nach D�sseldorf. Die Zeitungen, die er bereits beim Fr�hst�ck ausgewertet hatte, waren voller Berichte �ber den Parteitag und die neue Vorsitzende. Moritz war gespannt auf die Ergebnisse der j�ngsten Meinungsumfragen. Jeden Montag versorgte das Rothenbaum-Institut die Partei mit aktuellen Zahlen. Das Medienecho konnte nicht ohne Auswirkung geblieben sein. Das Bucerius-Hochhaus an der Graf-Adolf-Stra�e, vierter Stock. Moritz �ffnete die Glast�r und rief: �Was machen die Umfragen?� Heike stand in ihrem B�ro am Kopierer. �Noch nicht eingetroffen.� �Und Frau Ott?� �Auch noch nicht. Sie haben doch nicht schon Entzugserscheinungen?� �Wie meinen Sie das?� �Nur ein Scherz.� Moritz nahm seine Post aus dem Eingangskorb. �Herr Lemke, ich muss Ihnen etwas gestehen�, sagte Heike und strahlte. �Was denn?� �Dieser Teamgeist, diese Lust, etwas aufzubauen und zu bewegen. Da schimpfen alle �ber die Politik. Aber nie zuvor hat mir ein Job so viel Spa� gemacht. Ich bin froh, hier zu sein.� �Geht mir auch so.� Als er an Gr�fes B�ro vorbeikam, sprach ihn der Parteigesch�ftsf�hrer an: �Diese Computerschei�e � muss das sein? Ich habe Beschwerden erhalten. Alle PCs sind blockiert!� �Das kann nicht sein. Das Programm l�uft nebenher.� Ein Bekannter von Moritz hatte ein Programm gebastelt, das alle Computer der Parteizentrale sowie die PCs von�Jugend Pro Freiheit�undMittelstand Pro Freiheit�wie auch s�mtlicher Bucerius-Firmen auf dieser Etage fortlaufend ein und dasselbe Video auf�YouTube�anw�hlen lie�:�Wir haben die Faxen dicke�� Ausschnitte aus Carolas Parteitagsrede, die Moritz gefilmt und mit allerlei Archivmaterial zu einer Art Werbeclip montiert hatte. Der amateurhafte Look erh�hte die Authentizit�t. Wahlkampf im Internet, der letzte Schrei. Gr�fe hatte zugestimmt, lediglich seinen eigenen PC f�r tabu erkl�rt. �Geben Sie mir noch eine Stunde�, bat Moritz. Kopfsch�ttelnd dr�ckte der Gesch�ftsf�hrer seine Missbilligung aus. Moritz betrat sein eigenes B�ro. Er packte das gerahmte Foto aus und platzierte es neben dem Telefon: Gretchen, sein Ein und Alles � auch beim�Kurier�hatte er immer ein Bild von ihr auf dem Schreibtisch stehen gehabt. Dann startete er seinen Computer und warf einen Blick auf�YouTube�� bis jetzt fast f�nfzigtausend Klicks auf seinen Spot. Das Telefon schellte. Heike stellte einen Anruf durch. Die Redaktion der Beckmann-Talkshow fragte, ob Konrad Rolfes bereit sei, als Gast in der heutigen Sendung aufzutreten. Der Schriftsteller m�sste daf�r nach Hamburg kommen. Der Parteitag wirkt sich aus, dachte Moritz. Die Freiheitlichen werden wichtig. Niemand kann uns jetzt noch ignorieren oder ausladen. Moritz informierte Rolfes. Nat�rlich brannte der Alte darauf, via Fernsehen seine Litanei von der drohenden Landnahme der Scharia-J�nger zu predigen. Moritz wusste, dass der Schriftsteller kein Coaching brauchte. Rolfes besa� Routine, au�erdem war Reinhold Beckmann bekannt daf�r, seine G�ste mit Samthandschuhen anzufassen. Ein Blick in die E-Mails: immer noch keine Umfrageergebnisse. Moritz kn�pfte sich den Internetauftritt der Freiheitlichen vor. Ein weites Feld, das er da zu beackern hatte. Der Inhalt war wirr, die st�mperhafte Rechtschreibung machte das Bild komplett. Die �rgsten Seiten l�schte Moritz sofort. Carola winkte einen Gru� durch die offen stehende B�rot�r und verschwand in ihrem Zimmer, um ihre Tasche abzulegen. Dann kam sie zur�ck, schloss die T�r, dr�ckte Moritz einen Kuss auf die Lippen und lehnte sich gegen die Fensterbank. �Mein Gott�, sagte sie mit sp�ttischem L�cheln. �Sogar meine Putzfrau hat mir heute fr�h gratuliert.� �Und dein Mann?� �Frag lieber nicht.� �Wegen Bucerius und der Parteifinanzen �� Carola winkte heftig ab und legte den Finger vor den Mund. Glaubte sie etwa, auch sein B�ro sei verwanzt? Moritz zeigte ihr das Video bei�YouTube.�Carola beklagte sich, wie alt sie wirke: ung�nstiges Saallicht, Schatten um die Augen � dabei sah sie gut aus, fand Moritz. Schnitt auf Archivbilder: die Flugzeuge, die in die New Yorker Zwillingst�rme krachten, steinewerfende Pal�stinenser, hasserf�llte Demonstranten in Pakistan, Moscheebauten in Deutschland � neben Kircht�rmen ragten Minarette auf, die pl�tzlich unheilvoll wirkten. Dann der H�hepunkt des Films, die neue Vorsitzende, feurig und mitrei�end, herangezoomt in Gro�aufnahme:�Wir haben die Faxen dicke! �Das habe ich tats�chlich gesagt?�, fragte Carola und hob eine Augenbraue. �Stand auch im Manuskript.� In der Schlusseinstellung schwenkte sie ihre Rosen. Schrift wurde eingeblendet:�Die Freiheitlichen � ehrliche Stimme f�r Deutschland. Schon mehr als sechzigtausend Klicks. Es klappt, dachte Moritz. Dank seines Computerkumpels Henning. Er griff zum Telefon, um daf�r zu sorgen, dass sich das angebliche Interesse der Internetuser herumsprach. � Gegen Mittag meldete�Spiegel Online,�dass der Parteitag der Freiheitlichen und Carola Ott-Petersens Rede der aktuelle Renner auf�YouTubeseien. Fast einhunderttausend Betrachter in den letzten vierundzwanzig Stunden � kein anderes deutsches Polit-Video war je so h�ufig angeklickt worden. Moritz rief Henning an und bedankte sich. Dann gab er Gr�fe Bescheid, dass das Einw�hlprogramm von den Rechnern der diversen Bucerius-Tochterfirmen und�Pro-Freiheit-Vereine gel�scht werden konnte. Das Ziel war erreicht, die Meldung w�rde die Runde machen und f�r eine Flut weiterer Klicks sorgen. Die Freiheitlichen als Liebling des Internets � moderner konnte sich eine Partei nicht pr�sentieren. Ein Zehn-Punkte-Programm zur Konjunkturbelebung h�tte l�ngst nicht diese Wirkung gehabt. Sie haben eine E-Mail bekommen:�Edwin A. Bucerius gratulierte zum Erfolg. Das Telefon klingelte: Die Beckmann-Redaktion wollte nun auch die Vorsitzende der Freiheitlichen als Gast. Moritz sagte zu und rieb sich die H�nde. Er informierte Carola und beauftragte die Sekret�rin, einen zweiten Flug nach Hamburg zu buchen. Dann kam endlich die E-Mail des Rothenbaum-Instituts � die Meinungsforscher �bermittelten das Ergebnis ihrer bundesweiten Telefonumfrage vom Wochenende. Drei n�chterne Zeilen, die auf den Anhang verwiesen. Moritz �ffnete das Dokument. Die Zahl stach ihm sofort ins Auge. Zweieinhalb Prozent. Moritz konnte es nicht fassen. Er las den Text wieder und wieder. Es waren tats�chlich die neuesten Werte. In Nordrhein-Westfalen lagen sie nicht �ber dem Bundesdurchschnitt. Ein kaum sp�rbares Plus, das auch auf einem rechnerischen Fehler beruhen konnte � war das die ganze Ausbeute seiner Arbeit? Das Telefon klingelte. Der Bauunternehmer pers�nlich. �Die Zahlen gelesen, Herr Lemke?� �Ja.� �Wir m�ssen uns etwas einfallen lassen.� Moritz versuchte, zuversichtlich zu klingen. �Unsere Vorsitzende ist heute Abend zu Gast bei Reinhold Beckmann, gemeinsam mit Rolfes.� �Trotzdem. Zwo Komma f�nf sind eine Katastrophe!� �Abgerechnet wird am Wahltag.� �Ihre Durchhalteparolen in Gottes Ohr, Herr Lemke. Aber das Umfragetief ist noch nicht alles. Ich habe gerade mit unserem Mann im Innenministerium telefoniert.� �Und?� Moritz sah Norbert Stills Brillengl�ser vor sich. �Ministerpr�sident Fahrenhorst hat das Landesamt f�r Verfassungsschutz beauftragt, die Freiheitlichen als verfassungsfeindlich einzustufen.� �Unm�glich.� �Meinen Sie? Es steht schon ein Termin f�r die Pressekonferenz fest, auf der die Partei an den Pranger gestellt werden soll.� �Was kann der Verfassungsschutz schon bei uns finden? Da gibt es nichts!� Moritz nahm sich vor, den Internetauftritt auf der Stelle vom Netz zu nehmen und aufs Neue zu �berpr�fen. �Wir haben es mit dem Geheimdienst zu tun. Tricksen und t�uschen ist das Metier dieser Leute.� �Das w�re illegal!� �Tun Sie nicht so naiv, Herr Lemke.� �Kann Still etwas tun?� �Dazu reicht sein Einfluss nicht aus. Sein Amtsleiter ist dem Ministerpr�sidenten treu ergeben, denn Fahrenhorst hat den Mann eigenh�ndig auf diesen Posten gehievt, wobei es au�er seiner Loyalit�t nichts gibt, was ihn qualifiziert. Fahrenhorst wei�, wie man Machtstrukturen absichert. Er k�nnte behaupten, die Erde sei eine Scheibe, und der Gro�teil seiner Beamten w�rde schw�ren, dass es stimmt. Sie k�nnen sich vorstellen, wie der gute Still sich im Moment f�hlt. Ein Verfassungssch�tzer als Vorstandsmitglied einer angeblich verfassungswidrigen Partei.� �Wird man ihn aus dem Amt werfen?� �Das ist jetzt nicht wichtig, Herr Lemke. Es geht um die Zukunft der ganzen Partei. Lassen Sie sich etwas einfallen! Wir kennen Sie als Propagandagenie. Zeigen Sie, was Sie draufhaben! Reden Sie mit dem�Blitz.�Wenigstens steht das Boulevardblatt auf unserer Seite.� Moritz beteuerte seinen Willen, das Beste zu geben, murmelte einen Gru� und legte auf. Er tippte die Nummer von Alex Vogel in die Tasten. �Vogel. Was soll ich Ihnen zwitschern?� �Ich bin�s, Moritz Lemke.� �Lemmi, altes Haus, was haben Sie mir da eingebrockt?� �Eingebrockt?� �Wissen Sie, wie viele Leute gestern Anne Will geschaut haben? Rekordeinschaltquote! Wir sind mit unserem Boykottaufruf ganz sch�n blamiert. Offenbar haben wir die Leute nur hei�gemacht auf dieses Theater. Ihr mit eurer sch�nen Carola! Den R�ffel meines Herausgebers h�tten Sie mal h�ren sollen! Ich h�tte zu sehr auf die Kacke gehauen f�r eure kleine Schei�partei. Na ja, er hat sich nicht ganz so vornehm ausgedr�ckt. Jedenfalls darf ich eure Gruppierung bis auf Weiteres nicht mehr erw�hnen. Kein Rockerbraut-foto mehr, kein Propheten-Bashing, kein Freiheitsgeschwurbel. Die Luft ist raus.� �Haben Sie schon unseren Spot auf�YouTube �� �Sorry, alter Freund, aber so lautet die Ansage und ich bin letztlich auch nur ein Befehlsempf�nger, genau wie Sie. Adios, hombre, vaya con dios!� Moritz starrte den H�rer an. Vogel hatte aufgelegt. Carola klopfte an den T�rrahmen. �Ich esse unten einen Happen, bevor ich zum Flieger muss. Kommst du mit?� � Das asiatische Lokal im Erdgeschoss des Hochhauses hatte irgendein teurer K�nstler eingerichtet. Moritz und Carola nahmen an einem runden Glastisch Platz. �ber ihnen schwebte eine Lampeninstallation, die W�nde hingen voller Fotos, deren Rahmen spiegelten und glitzerten. Sie w�hlten von der Karte: Kabeljau im Bananenblatt und Gehacktes von der Ente mit Lotuswurzelsalat. Typisch D�sseldorfer Bling-Bling-Glamour-Schei�, dachte Moritz und sehnte sich nach seiner Ehrenfelder Lieblingskneipe. Aus Trotz bestellte er ein K�lsch. Zu seiner �berraschung gab es das sogar. �Schicker Laden�, sagte Carola. �F�r G�ste, die keine Jeans anziehen, sondern Designerjeans�, antwortete Moritz. �Und keine Brille aufsetzen, sondern eine Designerbrille. Und daheim steht kein Sofa, sondern �� �� ein Designersofa.� �Genau.� �Du hast doch selbst Designerm�bel zu Hause.� Carola probierte ihr Fruchtsaftgetr�nk namens�Monsun Master.��Und ich dachte, du w�rst gegen schlechte Laune immun.� �Zwei Komma f�nf Prozent�, gab Moritz zur Antwort. �Ja, ich wei�.� �Bucerius sagt, ich soll mir etwas einfallen lassen.� �Bucerius. Immer wieder Bucerius.� Moritz raunte ihr zu: �Fang jetzt nicht wieder mit der Schwarzgeld-Story an.� Sie stocherte in seinen Lotuswurzeln. �Wer ist eigentlich dieser Computerfreak, dem wir den Erfolg bei�YouTube�zu verdanken haben?� �Sag ich dir nicht. Du w�rdest Henning nur dazu anstiften, Gr�fes neues Passwort zu knacken.� �Er hei�t also Henning.� �Mehr erf�hrst du nicht.� Moritz schmeckte die Entenfrikadelle vorz�glich. Von seinem K�lsch nippte er nur. Bier um diese Uhrzeit machte ihn m�de. �Alle meinen�, sagte Carola und zerteilte ihren Fisch, �ich sollte heute Abend bei Beckmann einen Zahn zulegen und kein Blatt vor den Mund nehmen. Klare Worte zum derzeitigen Moschee-Boom. Was denkst du, Moritz? Sch�rfe gibt Schlagzeilen. Populismus kann ich ganz gut.� �Vorsicht�, warnte Moritz. �Fahrenhorst lauert darauf, uns als Extremisten hinstellen zu k�nnen. Provokationen helfen uns nicht aus dem Umfragetief.� �Was sonst?� �Wenn wir unserem Projekt noch eine Chance geben wollen �� �Was bleibt uns anderes �brig?� �� dann sollten wir Kurs halten und die W�hler in der Mitte suchen. Es wird sich �ber kurz oder lang auszahlen.� In der T�r wartete bereits der junge Fahrer, der Carola zum Flughafen bringen sollte. Sie trank ihr Monsun-Dingsda leer und verabschiedete sich mit einem Kuss auf Moritz� Wange. �Warte�, sagte er und notierte die Nummer seines Computerkumpels Henning auf einen Zettel, den er Carola in die Hand dr�ckte. Sie zeigte ein fl�chtiges L�cheln und bedankte sich. 22. Rafi parkte unweit des S-Bahnhofs. Mit Said im Schlepptau erklomm er die Treppe zum Bahnsteig. Yassin wartete bereits auf der hintersten Bank. Sie begr��ten sich mit Handschlag. �Wir denken an ein Kino�, sagte Rafi leise. �F�r den Anfang.� Ein ICE brauste vorbei. F�r einige Sekunden war keine Unterhaltung m�glich. Bl�tter vom letzten Jahr wirbelten auf. Staub lie� Rafi husten. Dann sagte Said: �Ich hab Wasserstoffperoxid besorgt. Bin extra nach Belgien gefahren, damit es keiner registriert. Die Menge m�sste jetzt ausreichen.� �Vorsicht, Br�der!�, warnte Yassin. �Rafi k�nnte auch versuchen, professionellen Sprengstoff zu besorgen.� �Wie lange wollen wir noch warten?�, fragte Rafi. �Ich hab mir das Kinoprogramm angeschaut. Der kommende Samstag w�re ideal.� Eine S-Bahn hielt, Leute stiegen aus. �Psst!�, machte Yassin und richtete den Blick auf seine Schuhe. Heute Nacht bin ich um drei�igtausend Euro reicher, dachte Rafi. Gen�gend Kohle, um nicht auf Saids Peroxid angewiesen zu sein. M�nner und Frauen hasteten vorbei. Ein Typ blieb stehen, z�ndete sich eine Zigarette an und schlenderte weiter. �Rafi hat recht�, fl�sterte Said. �Wir k�nnen auch ohne deine Verbindungen losschlagen.� �Kommt nicht infrage, kein Alleingang!� Yassin legte Rafi den Arm um die Schultern und fragte feierlich: �Bist du bereit f�r deinen Test, Bruder?� Rafi wunderte sich. An seinem Test arbeitete er doch l�ngst. 23. Die Erkennungsmelodie der Talkshow erklang. Moritz hastete ins Wohnzimmer und kontrollierte den Rekorder, um sicherzugehen, dass das Ding die Sendung aufnahm. Die gemalten Ziegelmauern des Studios sollten offenbar die Hamburger Speicherstadt darstellen, die Musik verhie� fr�hliche Unterhaltung. Der Moderator trug einen dunklen Anzug, keine Krawatte, die obersten Hemdkn�pfe offen. Er blickte in die Kamera, als hinge sein Leben davon ab, das Publikum von seiner Aufrichtigkeit zu �berzeugen. �Zu Gast bei mir heute, meine sehr verehrten Zuschauerinnen und Zuschauer, ist eine Frau, die polarisiert. Den einen gilt sie als mutig, den anderen als gef�hrlich. Sie ist attraktiv und versteht, sich in Szene zu setzen. Vor wenigen Tagen ist sie �berraschend von der CDU zu den Freiheitlichen gewechselt und gilt seitdem als eine Art Oskar Lafontaine der Rechten. Begr��en Sie mit mir in meinem Studio: Carola Ott-Petersen!� Schnitt in die Totale. Carola sa� Beckmann gegen�ber und strahlte Gelassenheit aus. �Ott gen�gt. Wir wollen Ihre Sendezeit ja nicht �berziehen.� �Wie Sie w�nschen.� Der Moderator l�chelte und lehnte sich nach vorn. Carola wich nicht zur�ck. Der Tisch stand zwischen ihnen, doch ihre Gesichter waren sich ganz nah. �Was alle Welt sich derzeit fragt, Frau Ott: Ist Provokation Ihr Gesch�ft?� � Zander benutzte die Durchfahrt am Ende des J�rgensplatzes, die der Polizei vorbehalten war, und steuerte den Omega in Richtung Innenstadt. Ihm fiel auf, wie schweigsam seine Beifahrerin war. �Was ist eigentlich das Problem mit deinem Freund?�, fragte Zander. Sie antwortete nicht. Ich bin zu indiskret, dachte er. �Hast du den Durchsuchungsbeschluss bei dir?� Anna klopfte gegen ihre Tasche, in der auch der Laptop war. Die Graf-Adolf-Stra�e f�hrte geradewegs ins Bahnhofsviertel. Ihr Ziel war das Lokal, in dem sich Hiwa und der verdeckte Ermittler des Landeskriminalamts mit Abderrafi Diouri und einem Kilo Heroin verabredet hatten � einem von angeblich f�nfzehn. Zander hatte das Gef�hl, schon lange nicht mehr an einem Einsatz teilgenommen zu haben, der so penibel vorbereitet gewesen war. Karl Thann, Leiter der Kriminalinspektion eins, lenkte pers�nlich die Aktion, beraten von Benno Gr�ter, Ela Bach und einem kompletten F�hrungsstab. Wir sind allenfalls bessere Zaung�ste, �berlegte Zander. �Jonas geht mit seinen Gef�hlen um wie ein Eichh�rnchen mit der Haselnuss�, sagte Anna pl�tzlich. �Er versteckt sie, bis er sie vergisst.� �War das immer so?� �Am Anfang nicht.� Dieser Jonas verdient einen Tritt in den Arsch, dachte Zander. �Pass auf, dass du nicht irgendwann auch deine Gef�hle einbuddelst.� �Hey, mich fragst du aus, aber �ber dein Privatleben wei� ich gar nichts!� �Ist auch nicht so prickelnd.� �Sag schon, dann sind wir quitt.� �Meine Ehe � sie war harmonisch, aber trotzdem �� �Geschieden?� �Nein, Beate wurde depressiv.� �Und wie geht es ihr jetzt?� �Sie hat sich umgebracht. Vor neun Jahren schon.� �Schei�e, tut mir leid.� Sie erreichten die K�lner Stra�e und fuhren an dem Internetcaf� vorbei. In Sichtweite parkte der Wagen, in dem der Leiter des Mobilen Einsatzkommandos seinen Posten bezogen hatte. �Ich fass es nicht�, schimpfte Anna. �Eine Zuh�lterkarre!� Zander musste lachen. Es war ein hochbeiniger, schwarz lackierter Hummer-Gel�ndewagen mit verchromten Trittstufen und get�nten Scheiben. Auf den Seitent�ren r�kelten sich nackte Frauen mit goldenen Brustwarzen. Puffwerbung � in der Bahnhofsgegend nicht die schlechteste Tarnung, sagte sich Zander. � �Wer sich �ber mich �rgert, ist selbst schuld. Ich spreche die Dinge nur aus, wie sie sind. Ich stehe nicht rechts, sondern bin fest in der Mitte unserer Gesellschaft verankert. Und von einem Gesch�ft kann man wirklich nicht sprechen, Herr Beckmann.� Das Telefon klingelte. Moritz ging nicht ran. Als er bemerkte, dass sein Anrufbeantworter nicht eingeschaltet war, �berlegte er es sich anders, doch das Klingeln h�rte auf, bevor er den H�rer fand. Zur�ck zum Fernseher. �Carola, ich darf doch Carola sagen?� Moritz gefiel das souver�ne L�cheln, mit dem die Vorsitzende der Freiheitlichen reagierte. Sie w�rde sich nicht aufs Glatteis f�hren lassen. Der Moderator holte mit weiter Geste aus. �Wie muss man sich das vorstellen? Ist man die Carola, die einfach dorthin geht, wo sie sich mehr Macht verspricht, oder ist man die Carola, die so ungl�cklich mit ihrer bisherigen Partei war, dass es nur des sprichw�rtlichen Tropfens bedurfte, der das Fass zum �bersch�umen brachte? Und was f�r ein Tropfen war das konkret in dieser tr�ben Br�he des politischen Alltagsgesch�fts?� � Zander klopfte. Eine T�r schwang auf. �Macht schnell�, mahnte eine Stimme von drinnen. Das Interieur wurde der �u�eren Erscheinung gerecht. Pl�schbez�ge in Pink, ein Bose-Soundsystem und eine DVD-Anlage mit Monitor unter der Decke. Sie gaben dem MEK-Leiter die Hand. Er trug spitze Koteletten zum bestickten Hemd und bearbeitete wie in Zeitlupe einen Kaugummi � beim L�cheln zeigte er schmatzend seine Z�hne. �Wo sind die Weiber?�, fragte Zander und handelte sich einen strafenden Blick seiner Kollegin ein. Der Mann im Westernhemd gab die Geschichte des Gel�ndewagens zum Besten: Der Vorbesitzer war ein Bordellier, der Illegale ins Land geschleust und wie Sklavinnen gehalten hatte. Bei seiner Festnahme war der Hummer beschlagnahmt worden. Sie hatten Funkverbindung mit der F�hrungsgruppe um Inspektionsleiter Thann, die im Pr�sidium versammelt war. Das gesamte Wochenende hatten diese Leute Leitlinien ausgebr�tet. Im Internetcaf� sa�en Kollegen und mimten Kundschaft, an Monitoren sitzend und im Netz surfend. Weitere Mitglieder des Mobilen Einsatzkommandos warteten in zivil lackierten Autos � bereit f�r die m�gliche Verfolgungsjagd. Zanders Handy klingelte: die Dolmetscherin, die f�r den Fall engagiert worden war, dass Rafi nach seiner Festnahme pl�tzlich nur noch Arabisch verstand. Die Frau wollte wissen, wo sie sich einfinden solle. �Wissen Sie, was ein Hummer ist?�, fragte Zander. �Ich meine nicht das Vieh mit den Scheren � � Richtig, der schwarze Gel�ndewagen. Ich hoffe, Sie st�ren sich nicht am Dekor.� Es klopfte an die Scheibe und die Dolmetscherin stieg ein. Die Frau trug Kopftuch. Auch das noch, dachte Zander. Der kleine Monitor zeigte die Stra�e. Autos, die sich auf der rechten Bildseite n�herten, fuhren unmittelbar darauf links an ihnen vorbei. �Zur Ausstattung geh�rt eine R�ckfahrkamera�, erkl�rte der MEK-Mann. �Nat�rlich�, antwortete Zander. �Da kommen sie�, sagte Anna. Auf dem Bildschirm erschienen Hiwa und ein weiterer s�dl�ndisch wirkender, gro� gewachsener Typ. F�r einen Moment hielt der Gro�e inne, trat seine Zigarette aus und zwinkerte in die Kamera am Wagenheck. Hiwa bekam es nicht mit. �Der Scheink�ufer vom LKA�, kommentierte Anna. Zander stellte seine nachgemachte Rolex nach der Uhr am Armaturenbrett. In wenigen Minuten w�rde auch Rafi eintreffen. � �Es geht mir darum, frei auszusprechen, was mehr und mehr Menschen bewegt seit dem 11. September 2001, seit den Anschl�gen in Madrid und London, seit den gottlob vereitelten Anschlagsversuchen in unserem Land. In meinem K�lner Wahlkreis soll eine Gro�moschee gebaut werden, eine von 187 neuen Moscheen, die in ganz Deutschland �� Moritz stellte den Ton lauter, lief in die K�che und holte sich ein Bier aus dem K�hlschrank. Beim Einschenken schoss der Schaum �ber den Glasrand. Moritz trank etwas vom Bier ab. Sein Blick fiel aus dem Fenster. Die Mondsichel stand �ber der Stelle, an der die Ehrenfelder Zentralmoschee geplant war. Mit dem tropfenden Glas in der Hand kehrte er vor den Bildschirm zur�ck. Er hatte den Rest von Carolas Antwort verpasst. �Fanatismus, das ist ein gutes Stichwort. Das gef�llt mir. Lassen Sie uns dar�ber reden, Carola. Gibt es nicht auch einen Fanatismus der Antifanatiker, eine Abwehrhaltung, die selbst zum Ismus werden kann? Schl�gt die Verteidigung der Freiheit nicht irgendwo um in die Beschneidung der Freiheit der anderen? Beispiel Antiislamismus.� Berechtigte Frage, dachte Moritz. Doch darauf gab es eine Antwort. �Gegen�ber Intoleranz darf es keine Toleranz geben.� Richtig. �Und wo bleibt die viel beschworene Religionsfreiheit?� Vorsicht, Carola. Moritz nahm einen kr�ftigen Schluck. � Per Funk verfolgten sie die Gespr�che im Caf�. Der Scheink�ufer war verdrahtet. Er unterhielt sich mit Hiwa �ber Qualit�ten und Handelswege afghanischen Heroins. Ein wahrer Fachmann, dachte Zander. �Hat er die drei�igtausend bei sich?�, fragte Anna. �Wohl kaum. Rafi wird auch kein Rauschgift mit sich herumtragen. Die beiden m�ssen sich erst einmal beschnuppern. Erst wenn sie Vertrauen fassen, kommt es zum Deal. Wir sollten uns auf mindestens einen Ortswechsel gefasst machen. Aber das MEK wird daf�r sorgen, dass wir dranbleiben, stimmt�s?� Der Typ auf dem Fahrersitz wandte den Blick in den R�ckspiegel und nickte. Anna zog ihr Notebook aus der Tasche. Das Handy von Abderrafi Diouri wurde �berwacht und die Signale des Mobilfunkbetreibers landeten nicht nur auf einem Computer im Besprechungsraum des KK�15. Aufgrund eines technischen Wunders, das Zander nicht begriff, konnte Anna drahtlos mith�ren, sobald Rafi telefonierte. Doch es tat sich nichts. �Habt ihr was gegen ein bisschen Musik?�, fragte der MEK-Leiter. �Ich schlaf sonst ein.� �Solange es keine Country-Musik ist�, antwortete Zander. Er fing einen langen Blick aus dem R�ckspiegel ein. �Dann eben nicht�, sagte der Kollege, schloss die Augen und schmatzte. Zander bezweifelte, dass der Kaugummi noch nach etwas schmeckte. Er beugte sich verstohlen nach vorn. Der Typ hatte tats�chlich Cowboystiefel an, spitz zulaufend und mit Applikationen. Ein schlaksiger Pigmentierter, kaum vollj�hrig, blieb drau�en neben dem Hummer stehen, im Schlepptau einen Gleichaltrigen, der einen Geldschein in der Faust hielt und sich nerv�s umsah. Unmittelbar vor den get�nten Scheiben der Polizei schlossen sie blitzschnell ihren Handel ab � am liebsten h�tte Zander die beiden Kerle sofort aus dem Verkehr gezogen. Er kontrollierte seine Uhr. Sie lief tadellos. Der junge Marokkaner war jetzt �berf�llig. � �Religion ist in unserer Gesellschaft Privatsache und in seinem Glauben ist jeder von uns autonom. Religionsfreiheit bedeutet �brigens noch etwas Zweites, und zwar Freiheit von Religion. Sie darf niemandem aufgezwungen werden, ob Christentum �� Moritz applaudierte in Richtung des Fernsehers. Gut pariert. Carola lehnte sich zur�ck und schlug die Beine �bereinander. Sie sah blendend aus. �� oder Islam. Und hier beginnt das Problem, Herr Beckmann. Der Islam ist n�mlich weit mehr als ein pers�nlicher Glaube. Er erhebt den Anspruch einer Gesellschaftsordnung und als solche ist er durch und durch totalit�r und faschistoid.� Moritz hielt den Atem an. Das war gegen ihre Abmachung. �Frauen m�ssen darunter am meisten leiden. Auch bei uns werden schon M�dchen im Kindergartenalter unter das Kopftuch gezwungen. Dahinter steckt brutalstes Patriarchat. Wer die Haare nicht verh�llt, gilt als unrein. Als Freiwild, das sich nicht wundern darf, wenn es beschimpft und vergewaltigt wird. Das l�uft kontr�r zu allem, was unsere Wertegemeinschaft ausmacht.� �Aber sagte der Prophet nicht auch, dass nur miese M�nner ihre Frauen mies behandeln?� �Dazu ein Beispiel. Das Leben des Propheten Mohammed gilt gl�ubigen Muslimen als vorbildhaft. Seine dritte Frau Aischa wird als Mutter der Muslime verehrt. Mohammed war �ber f�nfzig, als er sie heiratete. Und sie? Laut einschl�giger �berlieferung sechs Jahre alt. Mit neun musste sie erstmals die Ehe vollziehen. Sex mit einem neunj�hrigen Kind. Vorbildhaft? Ich finde da andere Vokabeln. Unser Strafgesetzbuch verbietet P�dophilie. Und so soll es auch bleiben.� Moritz wurde flau im Magen. Carola hatte gerade eine der gr��ten Religionsgemeinschaften des Planeten beleidigt. � Wieder klingelte ein Handy, Zander kannte den Sound inzwischen: Hiwas�cep telefonu. Bisher war jeder Anruf blinder Alarm gewesen. Doch diesmal tutete es zugleich aus Annas Laptop. Die Erwartung, Rafis Stimme zu h�ren und ihn bald auch zu schnappen, lie� Zanders Puls schneller gehen. Hallo?�� Hiwas Stimme. Salam�� eindeutig Rafi. �Guten Abend�, �bersetzte die Kopftuchtr�gerin. �Er telefoniert�, meldete der MEK-Mann aus dem Caf�. �Wir h�ren es�, antwortete sein Chef, der Westernheld. �Sie haben Verbindung�, gab er an die Zentrale im Pr�sidium durch. Quatscht nicht so viel, dachte Zander. Wo steckst du, Mann? Zu Hause. Der Kurde und der Marokkaner verst�ndigten sich auf Deutsch. Die Sorge, ob die Dolmetscherin zuverl�ssig war, konnte Zander sich sparen. Komm r�ber, der Kunde wartet schon. Ich kann nicht. Wieso? Ich dachte, du h�ttest es eilig. Mir ist etwas dazwischengekommen. H�r zu, ich ruf dich morgen wieder an. Du blamierst mich bei meinem Kunden, h�rst du? Wo bleibt dein Respekt? Salam. �Guten Abend�, gab die Dolmetscherin zum Besten. Rafi hatte aufgelegt. � �Sure 47, Vers 4: Und wenn ihr die Ungl�ubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt. Sure 5, Vers 51: Ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sure 4, Vers 89: Und so die Ungl�ubigen den R�cken kehren, ergreift sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet. � Mit den Ungl�ubigen sind wir gemeint. Nett, nicht wahr, Herr Beckmann?� Moritz hoffte, dass sie zum Ausgleich auf die Mehrzahl der friedlichen Muslime im Land verweisen w�rde. Auf die g�tige und soziale Seite, die diese Religion auch hatte. Doch den Gefallen tat Carola ihm nicht. � �Was sollte das bedeuten?�, wunderte sich Anna. Zander fielen seine vergeblichen Versuche ein, Rafis �lterem Bruder das Handwerk zu legen. Ein Maulwurf, dachte er. Irgendwer hat uns schon wieder verraten. Sie h�rten mit, wie der Scheink�ufer im Pr�sidium anrief und sich mit Polizeirat Thann beriet. Der Zugriff wurde vertagt. �Woher kam Rafis Anruf?�, fragte Zander. Anna tippte etwas in den Laptop. �Ganz in der N�he, Oberbilk.� Der MEK-Typ runzelte die Stirn. �Kein Alleingang, Leute. Ihr habt geh�rt, was der Einsatzleiter beschlossen hat.� �Kommt!�, sagte Zander zu den beiden Frauen, dr�ckte die T�r auf und sprang aus dem Wagen. Der Cowboy lie� sein Fenster heruntergleiten. �Was habt ihr vor?� Die Pferde satteln, dachte Zander und rannte zum Dienstwagen. Anna und die Dolmetscherin folgten ihm. � �Kein muslimischer Religionsf�hrer hat bislang erkl�rt, solche Stellen seien nicht w�rtlich zu nehmen. Im Gegenteil. Satz f�r Satz gilt der Koran als g�ttliche Offenbarung. Und es macht den Menschen hierzulande Angst, wenn sie sehen, dass immer mehr Migranten in Moscheen str�men, die mit ausl�ndischem Geld gebaut werden und in denen wom�glich all diese Verse gepredigt werden.� Der Moderator legte die Stirn in Falten. Sicher hatte er diesen Ausdruck vor dem Spiegel ge�bt. �Glauben Sie nicht, dass Sie damit Tausende, ja Hunderttausende von Mitb�rgern in unserem Land vor den Kopf sto�en, wenn Sie ihre Religion als faschistoid bezeichnen?� �Lassen Sie mich den Gedanken begr�nden, Herr Beckmann.� Lieber nicht, dachte Moritz. � Zander hielt in zweiter Reihe vor dem Wohnhaus der Diouris. Die Eingangst�r war unverschlossen. Gemeinsam mit Anna st�rmte er die Treppe hoch. Die Dolmetscherin folgte schwer atmend. Zander musste riskieren, dass Rafi �ber den Hof ausb�xte. Verst�rkung war nicht drin. Er legte die Hand auf den Griff seiner Waffe und klingelte. Nach einer Weile �ffnete jemand, knallte aber sofort wieder die T�r zu. Zander klopfte dagegen. Eine Frauenstimme antwortete. �Das ist Berberisch, nicht Arabisch�, erkl�rte die Dolmetscherin und �berpr�fte den Sitz ihres Kopftuchs. �Hei�t das, Sie verstehen es nicht?� �Ein bisschen. Sie sagt, sie sei allein zu Hause. Und sie darf nicht mit Fremden sprechen.� Ohne Zanders Erwiderung abzuwarten, rief die Dolmetscherin etwas in Richtung T�r und erhielt Antwort. �Ihr Mann ist in der Teestube�, sagte die Dolmetscherin, �ihr Sohn h�lt sich in der Moschee auf und �ber den Tod ihres ersten Sohnes wei� sie nichts.� Anna fragte ungl�ubig: �Rafi Diouri soll in der Moschee sein? Um diese Uhrzeit? Zu Hiwa Kaplan hat er gesagt, er sei zu Hause.� Zander bemerkte, dass die gegen�berliegende Nachbart�r einen Spalt weit offen stand. Ein kleines M�dchen lugte heraus. Es trug einen Schlafanzug und war barfu�. Zander machte eine Armbewegung, doch die Kleine lie� sich nicht verscheuchen. Er h�mmerte wieder gegen die T�r der Diouri-Wohnung. Ein verzweifeltes Heulen antwortete. �Sie wei� nichts�, wiederholte die Dolmetscherin. �Schluss mit dem Theater! Erkl�ren Sie der Frau, dass wir uns gewaltsam Zutritt verschaffen, wenn sie nicht sofort aufmacht. F�r den Schaden muss sie dann selbst aufkommen.� Ein kurzer Dialog in Arabisch oder Berbersprache. �Sie sagt, sie muss sich zuerst verh�llen.� �Ich z�hle bis drei. Eins �� Anna widersprach: �So geht das nicht! Du verziehst dich jetzt mal eine Treppe tiefer. Wir Frauen regeln das.� �Und mittlerweile haut der Sohn durch das Fenster ab.� �Nicht im dritten Stock.� Die Frauen redeten auf Deutsch und Arabisch gegen die T�r. Endlich �ffnete sie sich. �Vorsicht, der Kerl k�nnte bewaffnet sein!�, fl�sterte Zander. Anna deutete auf die Kevlar-Weste, die sie unter ihrer Jacke trug, doch ihr Kopf war ungesch�tzt. Die beiden Frauen verschwanden in der Wohnung. Zander bekam mit, wie sie ihre Schuhe auszogen, dann schloss sich die T�r. � �Aber ist denn Islam gleich Islam? Machen Sie nicht die Maus zum Elefanten? Das Fremde zum Schreckgespenst? Harmlose Mitb�rger zu heiligen Kriegern?� Moritz� Telefon klingelte wieder. Das Display zeigte eine M�nchner Nummer. Petra, seine Exfreundin, die Mutter seiner Tochter. Moritz ging ran. �Ich hoffe, ich st�re nicht, so sp�t am Abend�, meldete sich Petra. �Gar nicht�, antwortete Moritz. �Sch�n, dich zu h�ren!� Sein Herz schlug schneller. Der Fernsehton: �Die Scharia gilt als gottgegebene Rechtsform, die weltweit durchgesetzt werden soll. Dagegen m�ssen wir uns wehren. Daf�r stehen die Freiheitlichen und daf�r stehe ich.� �Stell mal die Glotze leiser, Moritz, ich versteh dich kaum. Guckst du Beckmann? Nicht zu ertragen, was diese rechtsradikale Tante da absondert, nicht wahr?� � Zander presste das Ohr gegen die T�r. Von drinnen kein Krach, kein Streit. Nichts, was auf eine bedrohliche Situation schlie�en lie�. Ungeduldig sprach Zander seine Partnerin �ber Funk an. Ein Rauschen war die Antwort. �Ich versteh dich nicht!�, rief er in die Handpuste und verfluchte, dass die nordrhein-westf�lische Polizei noch immer nicht �ber digitalen Funk verf�gte. Das Treppenlicht erlosch, Zander knipste es wieder an. Aus dem ge�ffneten Spalt der Nachbart�r glotzte nach wie vor das Kind, offenbar k�mmerte sich niemand um das Balg. Zander machte Grimassen, um es aufzuheitern. Endlich verschwand das M�dchen und lie� die T�r zuknallen. Zander hob erneut das Funkger�t und dr�ckte den Sprechknopf. In diesem Moment lie� Anna sich blicken. �Wo steckt der Kerl?�, fragte Zander. �In der Moschee gibt es angeblich ein G�stezimmer f�r Imame, die von ausw�rts kommen. Der Vorstand des Kulturvereins l�sst Rafi dort �bernachten, bis er etwas Eigenes gefunden hat.� �Er ist ausgezogen?� �Hat sich wohl mit seinem Vater �berworfen. Den Grund will die Mutter nicht nennen.� �Und das Heroin?� �Frau Diouri leugnet, dass ihr Sohn etwas mit Rauschgift zu tun h�tte. Aber sie hat eine Tasche erw�hnt, die Rafis Bruder hinterlassen hat. Eine lederne Reisetasche von�Louis Vuitton,�die Rafi mitgenommen hat, angeblich keine Replik wie dein toller Chronometer. Ich w�rde sagen, wir fahren zur Moschee.� �Erst schauen wir uns rasch in der Wohnung um�, beschloss Zander. �Dann musst du die Schuhe ausziehen.� �Bitte?� �Im muslimischen Kulturkreis ist das �blich.� �Ich mach mich doch hier nicht zum Deppen!� �Komm runter von deinem Ross.� Zander r�usperte sich. �Meine rechte Socke hat ein Loch.� �Wir schauen nicht hin, Padre.� Er streifte seine alten Treter ab und sie machten sich an die Arbeit. Sie fanden nichts. Weder Rafis Klamotten noch seinen Laptop. Und vor allem nicht die omin�se Tasche. �Weiter�, sagte Zander. � Reinhold Beckmann in Gro�aufnahme, Nachdenklichkeit vermittelnd: �Ist das Ihre Mission, Carola? Lassen Sie uns dar�ber reden. Ich spiel jetzt mal M�uschen und stelle mir vor, wie Sie zu Hause vor Ihrem Spiegel stehen und sich fragen, wie kann ich daf�r k�mpfen, dass unsere Gesellschaft ihre Freiheit nicht preisgibt? Empfinden Sie sich so? Wie sieht das aus? Was geht da ab? Und was wollen Sie tun, Carola? Den Koran verbieten?� Petras Stimme aus dem H�rer: �Bist du noch dran, Moritz?� Schnitt, Gro�aufnahme Carola, Moritz konnte ihre �berschminkten Sommersprossen nur erahnen. Sag jetzt bitte nichts Falsches! �Mein Kampf�von Adolf Hitler ist auch verboten. Und zwar zu Recht.� �Was hat die Tante gerade �ber Hitler gesagt? Ist das nicht typisch? Ihren F�hrer haben diese Leute immer im Kopf, selbst wenn sie sich von ihm distanzieren!� F�r einen Moment f�hlte sich Moritz von Petra und dem, was seine Familie h�tte sein k�nnen, entfernter denn je. Er fand die Fernbedienung und stellte den Fernseher stumm. �Ich hab ausgeschaltet�, log er, die Mattscheibe im Blick behaltend. Der Moderator und die Vorsitzende der Freiheitlichen neigten sich wieder einander zu. Ohne Ton wirkte es, als flirteten sie. Wenn es Beckmanns Absicht gewesen war, Carola ein paar Skandals�tze zu entlocken, dann war ihm das gelungen, dachte Moritz: Islam faschistoid, Koran verbieten ��Populismus kann ich ganz gut. � Es war nicht weit zur Moschee, doch Zander grummelte, als ginge ihm alles nicht schnell genug. Sie hatten Rafis Mutter eingesch�rft, dass sie ihren Sohn nicht warnen d�rfe, aber sie konnten sich dessen nicht sicher sein. Im Dienstwagen zog Anna wieder ihren Laptop aus der Tasche und fuhr ihn hoch. Sie erkannte sofort, dass der Junge eben erst telefoniert hatte. Anna startete die Audiodatei, in der das Gespr�ch gespeichert war. Salam�� ein Mann in jungen Jahren. �Guten Tag�, �bersetzte die Dolmetscherin, die auf dem R�cksitz sa�. �Das wissen wir allm�hlich�, giftete Zander und lenkte den Omega bei Rot �ber eine Kreuzung. Hi, Yassin�� Rafis Stimme. Bin gleich da. Wie sieht�s aus, Bruder? Alles klar. Bist du allein? Said ist hier. Wo soll ich klingeln? Klopf an das Fenster rechts neben dem Eingang. Okay. Ende der Aufzeichnung. �Ras nicht so�, sagte Anna. �Kennst du einen Yassin oder Said?�, fragte Zander. �Nein.� �Drogen-Connection�, spekulierte der Kollege. �Rafi verkauft den Stoff an andere. Macht nichts, wir kriegen die Bande in flagranti.� Er ging viel zu schnell in eine Kurve. Anna wurde gegen die T�r gepresst. Weiter vorn parkte ein Kleinwagen in zweiter Reihe. Ein Taxi kam ihnen entgegen. Zander bet�tigte die Lichthupe, beschleunigte und umkurvte den Kleinwagen, nur knapp der Kollision mit dem Taxi entgehend. �Hier rechts�, stellte die Dolmetscherin klar. �Danke�, brummte Zander, bremste scharf und bog ab. Sie rollten an der Hofeinfahrt vorbei und hielten in der n�chsten L�cke. Zander bat die �bersetzerin, sitzen zu bleiben, und stieg aus. Anna folgte ihm. �Warte. Die sind zu dritt und wom�glich bewaffnet. Wir brauchen Verst�rkung.� Sie dr�ckte die Sprechtaste des Funkger�ts und forderte von der n�chstgelegenen Wache eine Streife an. Zander hatte bereits die Stra�e �berquert. �Bleib hier!�, rief Anna leise. �Sei vern�nftig!� �Nur mal die Lage sondieren. Bin gleich wieder da.� Der Kollege verschwand im Dunkeln. � Petra klang aufgekratzt. �Ich bin am Mittwoch in K�ln und dachte, ich k�nnte vielleicht bei dir �bernachten, wenn du nichts dagegen hast.� �Du bist jederzeit willkommen, das wei�t du doch.� �Und wie geht�s dir? Hast du eine Stelle gefunden? Oder jobbst du noch f�r diesen Kumpel, wie hei�t er noch, Brennecke?� �Zurzeit hat mich ein Bauunternehmer angeheuert, f�r den ich schon einmal etwas �ber die Geschichte seines Unternehmens geschrieben habe.� �Firmen-PR?� �So �hnlich. Und du in M�nchen?� �Ach, nicht so toll.� �Ich dachte, die Stadt gef�llt dir?� �Schon, aber Mobbing und Grabenk�mpfe hatte ich bereits in der Ratsfraktion in K�ln. Daf�r h�tte ich nicht nach Bayern ziehen m�ssen.� Moritz machte sich bewusst, dass Petra bei den Gr�nen den gleichen Job tat, den er f�r die Freiheitlichen machte. Lediglich mit anderen Inhalten. Dann lenkte ihn das Fernsehbild ab. Rolfes nahm neben der Parteivorsitzenden Platz. Die wei�e M�hne des Schriftstellers stand wirr ab, sein durchfurchtes Gesicht strahlte Kampfeslust aus. Carola sch�ttelte seine Hand. �H�rst du mir zu?�, fragte Petra. �Ja, was hast du in K�ln vor?� �Erz�hl ich dir, wenn ich da bin.� �Du machst es spannend.� �St�re ich wirklich nicht, wenn ich eine Nacht bei dir penne? Wahrscheinlich hast du eine neue Freundin und sie wird genervt sein.� Petras unverhohlene Neugier gefiel Moritz. � Anna funkte ein zweites Mal den Wachdienstleiter an und sch�rfte ihm ein, dass der Streifenwagen auf Blaulicht und Martinshorn verzichten sollte. Sie musste den Satz zweimal ins Ger�t sprechen, bis der Kollege verstand. Dann hielt sie Ausschau nach dem gr�n-silbernen Passat, der jeden Moment eintreffen musste. Die Zeit dehnte sich. Anna wurde ungeduldig und beschloss, Zander zu folgen. In diesem Moment ersch�tterte ein Donnerschlag die Stille. Der Nachhall war ein kurzes Klirren, als regne es Glas. Etwas war explodiert. Eine Bombe. � Moritz hatte das Gespr�ch beendet. Rasch die Fernbedienung, Ton an. Er konnte es noch immer nicht fassen. Carola nahm kein Wort zur�ck. Rolfes versuchte, sie als Scharfmacher noch zu �bertreffen. Beckmann kaute den B�gel seiner Brille, sichtlich zufrieden, dass die Republik morgen �ber seine Sendung reden w�rde. �Aber was sagen Sie den Muslimen in unserem Land, Frau Ott-Petersen, Herr Rolfes? Ich hab mich da mal schlaugemacht. Die Sch�tzungen schwanken zwischen drei Komma zwo und drei Komma f�nf Millionen. Was empfehlen Sie all diesen Leuten? Macht Schluss mit eurem Glauben? Nichts, nada, rien? Klappe zu, aus die Maus, Schicht im Schacht? Oder gibt es nicht doch einen Weg, den Islam mit unserer Gesellschaft zu vers�hnen?� Der Schriftsteller hustete. Carola l�chelte. �Ich sage allen Muslimen, die mit uns in Deutschland leben wollen: Wendet euch gegen die menschenverachtenden Seiten eurer Religion! Im Sinne der Freiheit, im Sinne der Integration: Rei�t die schlimmen Stellen heraus aus eurem Koran!� Moritz fragte sich, wie er das Porzellan kitten sollte, das seine Vorsitzende zerschlug. Er kam sich vor wie Sisyphos. Sein Versuch, den Freiheitlichen ein neues Image zu verpassen, war gr�ndlich vergeigt. Er sah eine Flut w�tender E-Mails auf die Partei zukommen. Beschimpfungen, Morddrohungen. Den Rest der Sendung bekam Moritz nur wie durch einen Schleier mit. Seine Gedanken kreisten um den n�chsten Tag. Um seinen Exkollegen Wilke, f�r den er nun endg�ltig unten durch sein musste. Um Petra, die ihn bald besuchen w�rde. Und um ihre gemeinsame Tochter � und was w�re, wenn die beiden erf�hren, dass er � Ich sollte k�ndigen, dachte Moritz. 24. Die Zeit schien anzuhalten. Es fiepte in Annas Ohren. Endlich konnte sie sich aus ihrer Erstarrung l�sen und rannte los. �Martin!�, schrie Anna, als sie den Hof erreichte und Zander sah. Ihr Kollege kniete auf dem Asphalt. Sie packte ihn bei den Schultern. Er st�hnte, als er aufstand. �Bist du verletzt?� �Nur der Schreck.� Anna blickte sich um. Im schwachen Mondlicht hob sich ein zweigeschossiges Geb�ude ab, eine typische ehemalige Hinterhoffabrik. Drei Stufen einer Stahltreppe f�hrten zu einer zweifl�gligen T�r. Ein Schild:�Marokkanisches Kulturzentrum. Die Moschee. Daneben ein einst�ckiger Anbau mit Flachdach und dem Fenster, das Rafi am Handy erw�hnt hatte. Die �ffnung war schwarz und leer. Zargen und jede Menge Scherben lagen vor der Mauer. �Gerade war da noch Licht�, murmelte der Kollege. Drau�en auf der Stra�e sprang der Motor eines Wagens an und das Ger�usch entfernte sich. Nicht die Verst�rkung, folgerte Anna. Ruhig bleiben, ermahnte sie sich und �berlegte die n�chsten Schritte. Hof, Moschee und Anbau � ein Tatort. Absperren und einen Pfad festlegen, um das Geb�ude zu betreten, ohne Spuren zu zerst�ren. Verletzte Personen bergen. Anna zog die Taschenlampe aus dem kleinen Holster, das sie am G�rtel trug, und knipste sie an. Als sie auf das Fenster zuging, knirschte es unter ihren Sohlen � verbogene N�gel, Metallsplitter und Glasscherben auf dem Pflaster. Der Schein ihrer Lampe fiel auf den Kollegen und Anna stellte fest, dass er doch etwas abbekommen hatte: Aus einer breiten Schramme an der Wange sickerte Blut. Zander ber�hrte die Wunde, als habe er sie erst jetzt bemerkt. Wieder brummte ein Motor. Diesmal war es der richtige. Reifen quietschten, T�ren schlugen. Mit einem Mal schwollen weitere Ger�usche an. Schritte und Stimmen, Rufe aus dem Vorderhaus. In der Ferne ein Martinshorn. Weitere Sirenen aus verschiedenen Richtungen � als erwache die Stadt aus einer Schrecksekunde. Zwei Uniformierte hasteten herbei. Einer fragte atemlos: �Was war das f�r ein Krach?� Statt einer Antwort b�ckte sich Zander und hob etwas Helles auf. Anna leuchtete darauf. Es war ein St�ck Knochen mit Fleischresten, in dem menschliche Z�hne steckten � die H�lfte eines Unterkiefers. �Das Ding hat mich getroffen�, staunte Zander. Anna lief zum Anbau, leuchtete durch das zerst�rte Fenster hinein und lie� den Lichtstrahl wandern. Der Anblick schn�rte ihr den Atem ab. � Zander riss sich zusammen. Nur eine Schramme, sagte er sich, trat neben die Kollegin und leuchtete ebenfalls durch das Loch. Staub tanzte im Lichtstrahl. �berall Tr�mmer und Blut. Ein Paar nackter Beine in der Zimmermitte. Den Rest des K�rpers bedeckten Teile eines Schranks oder Regals. Zander erkannte einen Arm, dem die Hand fehlte, und eine zweite Person, deren Hals als Stumpf in einem Durcheinander aus Gewebefetzen und Knochensplittern endete. Auch W�nde und Decke waren blutbesudelt. Risse im Putz, gro�e L�cher in einer Verbindungswand, die offenbar nur aus Gipsplatten bestanden hatte. Davor ein weiterer K�rper, der bekleidet war � reglos. �Schei�e�, entfuhr es Zander. Als auch Anna ihre Lampe auf den dritten Kerl richtete, hatte Zander den Eindruck, als flie�e in rhythmischem Schwall Blut aus einem Hosenbein. �Der lebt noch!�, rief Zander. �Du kannst da nicht reingehen�, warnte seine Partnerin. Doch Zander hastete bereits die Stufen zur Eingangst�r hinauf. Unverschlossen � er riss sie auf und stand in einer Wolke von Dreck. �Es kann noch weitere Bomben geben!�, h�rte er Anna rufen. �Sprengfallen!� Hustend suchte er den Weg in den Anbau. Das Licht seiner Funzel durchdrang kaum den Staub. Zander tastete sich voran und kletterte �ber eine T�r, die samt Zarge quer im Flur lag. Ein Fehltritt � er geriet ins Straucheln und st�tzte sich an einer Wand ab, die unter seinem Gewicht wankte. Das Geb�ude konnte jeden Moment zusammenst�rzen. Endlich erreichte er die Gestalt am Boden und ging in die Hocke. Die Blutung oberhalb des Knies hatte nachgelassen. Zander betastete das Handgelenk. Ein schwacher Puls � oder war es nur die Hoffnung, etwas zu f�hlen? Das Sweatshirt des Jungen war zerfetzt, das Gesicht von Wunden entstellt. Zander konnte nicht erkennen, ob es Rafi war oder einer seiner Besucher. Er musste erneut husten, dann w�rgen, schluckte das saure Zeug aus seinem Magen wieder hinunter und sagte sich, dass der Verletzte auf keinen Fall sterben durfte, vor allem, wenn es Rafi war. Den Oberschenkel schien es am schwersten erwischt zu haben. Zander nahm seine Taschenlampe in den Mund, um die H�nde frei zu haben, und zerrte den G�rtel aus der Jeans des Jungen, um das Bein abzubinden. Ein leises St�hnen. Fieberhaft verknotete Zander den Lederriemen. Er fand ein St�ck Holz, das einmal Teil eines Stuhlbeins gewesen sein mochte, steckte es unter den Knoten und drehte den G�rtel noch enger. �Wir holen dich hier raus, Junge�, sagte Zander. Wieder musste er husten und zugleich mit dem Brechreiz k�mpfen. Ihm fiel ein, dass er das Holz nicht l�nger festhalten musste, wenn er es mit seinem Taschentuch am G�rtel fixierte. Anna leuchtete durch das Fenster herein. Ein Martinshorn t�nte ganz nah � hoffentlich der Rettungswagen. Zander bef�hlte das nasse Bein. Noch immer verlor der Junge Blut. Halt durch, dachte Zander. Schritte, Stolpern, Fluchen � die Sanit�ter waren endlich da. � Verzweifelte Menschen in Jogginghosen und Badem�nteln liefen auf den Hof � Bewohner des Vorderhauses, an dessen R�ckseite s�mtliche Fenster von der Druckwelle oder umherfliegenden Metallsplittern zerst�rt worden waren. Frauen und M�nner unterschiedlicher Herkunft und Muttersprache, die ihr Leid beklagten und die Beamten mit Fragen best�rmten. Zander dr�ngte sie ins Treppenhaus zur�ck und erkl�rte das Areal jenseits der Hintert�r f�r tabu. Dann holte er die Dolmetscherin aus dem Auto und versuchte mit ihrer Hilfe, brauchbare Zeugen zu finden. Zwei t�rkische Jugendliche behaupteten in h�chster Erregung, Neonazis h�tten den Anschlag ver�bt. Sie zerrten eine Frau herbei, die kaum Deutsch sprach. Weil T�rkisch wiederum nicht das Metier der Dolmetscherin war, spielten die Kids die �bersetzer. Sie fielen sich st�ndig selbst ins Wort und es dauerte eine Weile, bis Zander verstand: Die Frau sei unmittelbar nach der Explosion einem Fremden auf der Treppe des Vorderhauses begegnet. Um die Umstehenden zu beruhigen, tat Zander interessiert und versuchte, eine brauchbare Beschreibung zu erfahren, doch wieder redeten alle gleichzeitig. Der Unbekannte habe dunkles Haar gehabt, sei jedoch mit Sicherheit ein Deutscher gewesen. Zander erinnerte sich an den Brand in Mainz zu Monatsbeginn. Auch dort wollten zwei M�dchen einen Deutschen beobachtet haben, doch in einer zweiten Befragung hatte sich deren Aussage als Wichtigtuerei herausgestellt. Zander warf der Dolmetscherin einen fragenden Blick zu � sie zuckte nur mit den Schultern. Die Uniformierten spannten rot-wei�es Flatterband quer �ber die Einfahrt. Immer mehr Nachbarn, Schaulustige und Presseleute dr�ngten heran, darunter zwei Fernsehteams, die sich beschwerten, weil sie von der Absperrung aus weder Leichen noch Ruinen vor ihre Linsen bekamen. Zander vertr�stete sie auf die morgige Pressekonferenz. Zwar hatte noch keiner eine solche Konferenz angesetzt, doch dass es sie geben w�rde, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Als Zander zu der �berzeugung gelangt war, dass die Anwohner nichts weiter �ber den Tathergang wussten, gesellte er sich zu Anna, die lebhaft in ihr Handy sprach. �Der Hof ist mit N�geln �bers�t und im Geb�ude ist alles zerfetzt. � Ja, buchst�blich zerfetzt.� Ihr Blick traf Zander. Sie beendete das Gespr�ch und erkl�rte: �Mein Freund Jonas. Er ist selbstst�ndiger Chemiker und Sachverst�ndiger f�r Brandsachen und wird gleich hier sein. Aber er meint, es sei nicht sein Metier, weil eindeutig Sprengstoff im Spiel gewesen sein muss und nicht blo� irgendein Brandbeschleuniger.� Anna begann, die Tasten ihres Mobiltelefons zu bearbeiten. �Das hei�t, wir brauchen die Tatortgruppe des LKA.� Zander hob das Funkger�t an seine verletzte Wange und bat die Leitstelle, Ela Bach zu verst�ndigen, die m�glicherweise noch mit Benno Gr�ter vom KK�15 und Polizeirat Thann, dem gemeinsamen Vorgesetzten, bei der Nachbesprechung des missgl�ckten Scheinkaufs sa�. Er selbst hatte keine Lust, sie anzurufen � wegen seines Alleingangs bei den Diouris w�rde er sich einen R�ffel einfangen. Anna fragte ihn: �Tut�s arg weh?� Zander gefiel es, dass sie sich sorgte, doch er winkte ab. �Ein Indianer �� �� kennt keinen Schmerz. Ist klar, Padre.� Er folgte ihrem ungl�ubigen Blick und stellte fest, dass seine Klamotten komplett versaut waren. Nicht nur sein Gesicht schmerzte, die Splitter hatten ihn an weiteren Stellen getroffen. Doch um tiefe Wunden konnte es sich nicht handeln. Kein Vergleich mit dem, was den Kerlen im Anbau zugesto�en ist, dachte Zander. � Der Tumult vor dem Flatterband nahm weiter zu. Anna best�tigte den Fragestellern, dass es eine Explosion gegeben habe. Die Todesopfer und den Schwerverletzten unterschlug sie � Pressearbeit war nicht ihre Baustelle. Als Fotografen und Kameraleute in das Haus dr�ngten, um von einem der zerborstenen Treppenhausfenster aus Bilder vom Tatort zu machen, schritt Anna nicht ein. Sie werden schon keinen Schaden anrichten, dachte sie. Die Stra�e war von Streifenwagen und zivilen Autos verstopft, selbst die Feuerwehr hatte sich mit drei Einsatzfahrzeugen eingefunden. Jonas Freyer traf ein und Anna war froh, ihn an ihrer Seite zu haben. Sie hatte mehrfach erlebt, wie er an Orten der Zerst�rung professionelle Ruhe bewahrte. Sie stiegen �ber das Absperrband und betraten den Hof. Kein Begr��ungskuss, keine freundschaftliche Ber�hrung � es war auch nicht der Ort daf�r, sagte sich Anna. Aus Neugier werde er etwas bleiben, erkl�rte Jonas. Mit den LKA-Leuten war er gut bekannt, sie w�rden nichts dagegen haben. Anna hielt sich abseits, w�hrend Jonas durch die Fenster�ffnung lugte. Sie hatte genug von den Leichen gesehen, der Anblick w�rde ihr in den n�chsten N�chten mit Sicherheit Albtr�ume bereiten. �Als h�tte der eine die Bombe gehalten�, spekulierte Jonas, �und der andere sein Ohr drangedr�ckt, vielleicht � weil etwas getickt hat?� Anna zuckte mit den Schultern. Im Moment war eine Mutma�ung so gut wie die andere. Mindestens so verheerend wie die Druckwelle hatten die N�gel gewirkt, die um den Sprengstoff gepackt gewesen waren. Die Explosion hatte sie verformt und in rasende Rotation versetzt � daher die gro�fl�chigen und tiefen Wunden und der enorme Blutverlust. Der Rechtsmediziner hatte angedeutet, dass die Obduktion den ganzen morgigen Tag beanspruchen w�rde. Es hatte wie eine Beschwerde geklungen. Als sei das Ungl�ck eine Zumutung f�r sein Institut, eingebrockt von der Polizei. Anna hoffte, dass wenigstens das dritte Opfer durchkommen w�rde. � Sie suchte Zander und fand ihn im Hauseingang, wo ihn der Rechtsmediziner untersuchte. Dem Padre war die Aufmerksamkeit, die der Wei�kittel ihm schenkte, sichtlich peinlich. Anna vernahm, wie der Arzt ihm dringend nahelegte, sich im n�chsten Krankenhaus versorgen zu lassen. Anna fragte den Kollegen: �Soll ich mitkommen?� Zander zeigte ein L�cheln. �Danke, aber ich werde schon eine Krankenschwester zum H�ndchenhalten finden.� Er senkte die Stimme. ��brigens, wenn unsere Chefin auf getrennten Berichten besteht, dann sollten wir uns nicht widersprechen. Wir schreiben beide, dass du dagegen warst, eigenm�chtig nach Diouri zu suchen, und mich nur begleitet hast, um mir im Notfall beistehen zu k�nnen.� �Kommt nicht infrage.� �Doch. Du willst in unserem Verein doch noch etwas werden. Ich stehe ohnehin auf der Abschussliste.� Ein weiteres Polizeifahrzeug fuhr vor, Ela Bach und Polizeirat Thann stiegen aus. �Wenn man vom Teufel spricht�, sagte Zander. Anna ging den beiden Chefs entgegen. Der Inspektionsleiter war kaum �lter als vierzig, aber vorzeitig ergraut. Sein H�ndedruck war fest, die Gesichtsz�ge verrieten Anspannung. Anna schilderte den Ablauf des Abends. Schlechten Gewissens folgte sie dabei der Version, die ihr Partner vorgegeben hatte. Thann enthielt sich eines Kommentars, aber Ela wurde zusehends ungehaltener. Sie entdeckte Zander, der gerade in den Omega steigen wollte. Anna versuchte, die KK-11-Leiterin zu beschwichtigen. �Du h�ttest sehen sollen, wie er sich um den Schwerverletzten gek�mmert hat. Wenn der junge Kerl durchkommt, dann hat er es allein Martin zu verdanken.� Doch Ela schritt auf Zander los und herrschte ihn an: �Was ist in deinem kahlen Sch�del los, dass du entgegen aller Leitlinien �� �Schei� drauf!�, unterbrach Zander. �Habe�ich�hier die Bombe gelegt, oder was?� Presseleute blickten her�ber, die Kollegen am Absperrband schwiegen betreten. Polizeirat Thann verschr�nkte die Arme und mischte sich nicht ein. Ela beruhigte sich nicht � vielleicht wollte sie Durchsetzungsf�higkeit demonstrieren. �Du h�ltst du dich wohl f�r kompetenter als die Einsatzleitung! Wei�t du, wie dieser Abend auf mich wirkt? Wieder einmal ist ein Festnahmeversuch gegen marokkanische Drogenh�ndler unter deiner Mitwirkung in die Hose gegangen. Dein Verhalten stinkt zum Himmel und wird Konsequenzen haben!� �Danke f�r das Fachgespr�ch.� Zander startete den Motor und wollte die T�r schlie�en, doch Ela hielt sie fest. �Willst du mich etwa daran hindern, meine Wunden behandeln zu lassen?� Die KK-11-Leiterin drehte sich weg. Zander knallte die T�r zu und begann zu rangieren. Als sein Blick auf Anna fiel, zeigte er den erhobenen Daumen, doch sie erkannte, wie fertig der Kollege war. � Ohne die Spezialisten vom LKA wollte Anna nicht mit der Tatortarbeit beginnen. Ein Blick auf die Uhr: Der neue Tag war bereits �ber eine Stunde alt. Drei aufgeregte M�nner best�rmten Anna mit einem Redeschwall in gebrochenem Deutsch. Erst im dritten Anlauf verstand sie, dass es sich bei ihnen um den Vorstand des marokkanischen Kulturvereins handelte, der das Hinterhaus gemietet hatte. Die drei hatten sich in Schale geworfen, wei�es Hemd zum dunklen Anzug, wom�glich ihre vornehmste Kluft. Der �lteste wollte wissen: �Haben Sie die Nazis schon festgenommen?� �Welche Nazis meinen Sie?� �Die Leute, die unsere Moscheen zerst�ren!� Polizeirat Thann mischte sich ein und stellte sich vor. Sein Dienstrang schien den Vereinsvorst�nden Respekt einzufl��en. Anna war froh, dass sie sich nicht weiter um diese Leute k�mmern musste, zumal jetzt endlich die Tatortgruppe des Landeskriminalamts eintraf. Ein gro�er Transporter und zwei Pkw � die Stra�e war endg�ltig dicht. Das Team bestand aus sechs Beamten in Zivil, darunter zwei Kollegen, die sich schwere Helme aufsetzten und eingemummt in dicke Schutzkleidung �ber das Absperrband kletterten, um den Hof und die R�ume der ehemaligen Druckerei nach weiteren Sprengs�tzen zu durchsuchen � der Entsch�rfertrupp. Der Leiter der Tatortgruppe, ein Mann von Mitte vierzig mit Bierbauch und buschigem Schnauzbart, stellte sich als Klaus Bisping vor und sch�ttelte erst Ela Bach die Hand, dann Kriminalrat Thann, bevor er Jonas zuwinkte und sich von Anna die Lage beschreiben lie�. Allm�hlich hatte sie Routine darin: �Die Detonation ereignete sich im Hinterhaus. Zwei Tote, ein Schwerverletzter. Einer der jungen M�nner ist uns bekannt, Abderrafi Diouri, neunzehn Jahre, Sohn marokkanischer Migranten. Wir haben die Vornamen der beiden anderen, zwei Bekannte Diouris namens Said und Yassin, aber eine Identifizierung war noch nicht m�glich. Diouri wollte gestern Abend Heroin an einen Bekannten verkaufen, der sich uns anvertraut hatte. Doch dann erschien Diouri nicht am vereinbarten Treffpunkt.� Bisping nickte. �Stattdessen zog er es vor, sich hier mit seinen Kumpels zu treffen�, sagte Anna. �Und in die Luft zu fliegen�, erg�nzte der Mann vom LKA unger�hrt. Anna atmete tief durch. Sie sp�rte, dass sie noch immer unter Strom stand. �Hinweise auf weitere Beteiligte?�, fragte Bisping. �Noch nicht.� Der Leiter der Tatortgruppe zw�ngte sich in einen Overall, der am Bauch spannte, streifte Handschuhe �ber und zog Plastikh�llen um die Schuhe. Dann scharte er seine Leute um sich und teilte die Spurenbereiche ein. Das Entsch�rferteam kehrte zur�ck und gab Entwarnung. Keine Sprengfallen, keine weiteren Bomben, zumindest nicht hier. Die Arbeit konnte beginnen. 25. Moritz ging die Talkshow nicht aus dem Kopf. Er f�hlte sich zu aufgedreht, um ins Bett zu gehen. Im Fernsehen lief nichts Gescheites. Stattdessen schnitt Moritz ein paar Artikel aus den Zeitungen der letzten Tage, um sie zu archivieren, und r�umte schmutziges Geschirr in die Sp�lmaschine. Als er begann, den Herd zu putzen, klingelte das Telefon. Es war bereits kurz nach zwei. Carola war am anderen Ende der Leitung. �Habe ich dich geweckt?� �Nein, ich kann auch nicht schlafen.� �Hast du von der Bombe geh�rt?� �Welche Bombe?� �In D�sseldorf.� �Warte.� Moritz eilte mit dem H�rer ins Wohnzimmer und schaltete das Fernsehger�t ein. ARD, Videotext, Tafel 120 � tats�chlich. Nur wenige Zeilen: Eine schwere Detonation in einem Hinterhofgeb�ude ersch�tterte am sp�ten Montagabend die D�sseldorfer Innenstadt. In dem gleichen Haus befindet sich auch ein muslimischer Gebetsraum. Nach Angaben von Nachbarn wurde mindestens ein Mensch verletzt und in eine Klinik gebracht. Zu weiteren Opfern machte die Polizei bislang keine Angaben. �Ich hab�s von Beckmann erfahren�, sagte Carola. �Wir haben an der Bar einen Absacker getrunken, als er die Nachricht bekam. Jetzt sitze ich vor der Hotelglotze, aber im Videotext steht nicht viel.� �Hab�s gerade gelesen.� Am liebsten h�tte sich Moritz in seinen Mondeo gesetzt und w�re zum Ort des Geschehens gefahren. Wie in alten Zeiten, als er noch f�r denK�lner Kurier�unterwegs gewesen war. �Was meinst du, waren es Nazis?� �Ich wei� es nicht, Carola.� �Beckmann hielt das f�r m�glich.� Moritz erinnerte sich daran, dass erst vor wenigen Tagen in Norddeutschland ein junger Neonazi einen Gebetsraum in Brand gesetzt und in der Umgebung Zettel mit islamfeindlichen Parolen verteilt hatte. Gerade war er in einer Zeitung auf diese Meldung gesto�en, hatte sie aber nicht f�r archivierenswert gehalten. Dann fiel ihm ein, dass zu Beginn der Neunzigerjahre die CDU mit Stimmungsmache gegen sogenannte Wirtschaftsasylanten in ihre Wahlk�mpfe gezogen war � kurz darauf hatten die Wohnungen der Vietnamesen in Rostock-Lichtenhagen gebrannt. Wenn Rechtsradikale hinter der D�sseldorfer Bombe steckten, w�rde die �ffentlichkeit die Freiheitlichen als geistige Wegbereiter in die Mitverantwortung nehmen. Erst recht nach Carolas Auftritt in der Talkshow. Moritz kannte die Mechanismen �ffentlicher Emp�rung. �Hast du ein schlechtes Gewissen?�, fragte er. �Wieso, findest du, ich bin in der Sendung zu weit gegangen?� �Und wie! Das war Sprengstoff. So provokant hatten wir es nicht geplant.� �Willst du�mich�wegen dieser Bombe f�r schuldig erkl�ren?� �Um Himmels willen, nein, so war das nicht gemeint.� �Nicht einmal Beckmann hat mir das vorgeworfen.� Aber gedacht hat er es vielleicht, �berlegte Moritz. Doch das Telefon war ein schlechtes Medium f�r Diskussionen. Deshalb wechselte er das Thema: �Wie ist dein Hotel?� �Das Fr�hst�ck soll gut sein.� �Versuch zu schlafen, Carola. Uns steht ein turbulenter Tag bevor.� F�r einen Moment war Stille in der Leitung. Dann sagte Carola: �Mir geht noch etwas durch den Kopf.� �Was denn?� �Was w�rdest du dazu sagen, wenn ich Ole verlasse?� Das fehlte noch, dachte Moritz und stellte sich das Medienecho vor. Die Freiheitlichen hatten jetzt genug Probleme. 26. Jeder Nagel wurde einget�tet, jeder Fleck fotografiert. Scheinwerfer tauchten den Hof in grelles Licht, das Brummen des Generators hallte in Annas Sch�del als bohrender Schmerz wider. Sie fror und ihr fiel ein, dass sie seit bald vierundzwanzig Stunden auf den Beinen war. Ein Beamter des Landeskriminalamts verlie� den Anbau. Er schleppte einen blau und grau lackierten Kasten sowie einen Laptop, eine Kollegin folgte mit einem Alu-Stativ � die beiden arbeiteten f�r die Tatortvermessung und waren nach Zander und dem Entsch�rferteam die Ersten, die den einsturzgef�hrdeten Geb�udeteil betreten hatten. Anna hatte den Eindruck, dass der Riss, der quer �ber die Au�enwand verlief, gewachsen war. �Fertig�, meldete die Kollegin mit dem Stativ. Bisping erhob sich und legte die Stirn in Falten. �Der Anbau ist unterkellert.� �Hei�t das, du willst, dass wir �� �Die Kellerdecke hat sich aufgrund der Detonation gesenkt. Mit eurem Wunderding k�nnt ihr bestimmen, wo genau der Knick in den Stahltr�gern liegt. Damit h�tten wir die exakte Stelle, an der die Bombe explodierte.� Anna fragte sich, ob die Kellerdecke halten w�rde, falls der Anbau zusammenkrachte. Die beiden Tatortvermesser schleppten ihre Ger�tschaften zum Hinterhaus zur�ck. �Danke�, brummte Bisping hinter ihnen her und machte sich wieder ans Einsammeln der N�gel. Anna streckte sich und dehnte den Nacken. Ein silbergrauer Himmel �berspannte das Viertel. Es wurde Tag. � Zur ersten Besprechung versammelten sich die Beamten der�Mordkommission Moschee�im Gebetsraum der ehemaligen Hinterhoffabrik. Im Gegensatz zum Anbau bestand hier keine Einsturzgefahr. Sogar die Fensterscheiben waren heil geblieben � sie hatten im toten Winkel der Explosion gelegen. Anna betrat zum ersten Mal eine Moschee. Sie wunderte sich, wie gro� und kahl der Raum war. Teppichboden, Neonr�hren an der Decke. Der Ort hatte nichts Sakrales, abgesehen vielleicht von der h�lzernen Kanzel, die jedoch aussah wie von einem Hobbybastler gezimmert. Jemand hatte Tische und Technik herbeigeschafft, damit die Polizei arbeiten konnte. Wenn es eine Heizung gab, dann sp�rte Anna nichts davon. Sie z�hlte rund vierzig Personen, darunter der diensthabende Staatsanwalt, Kripochef Engel sowie der Sprecher der D�sseldorfer Polizeibeh�rde. Weil die St�hle nur f�r einen Teil der Anwesenden gereicht h�tten, konferierten die Beamten im Stehen. Listen und Stapel kopierter Berichte wanderten durch die Reihen. Der Kripochef hie� die versammelten Kollegen willkommen. Er betonte die Brisanz des Falls und teilte mit, dass der Verfassungsschutz eingeschaltet sei. Dann �bergab er das Wort dem Leiter der Mordkommission. Ela Bach hatte ihren Stellvertreter Thilo Becker dazu bestimmt. Der Kriminalhauptkommissar trug einen orangefarbenen Strickpulli, der nicht gerade der letzte Schrei war, und h�tte dringend einen Haarschnitt gebraucht, wie Anna fand. Thilo bat die Spezialisten vom Landeskriminalamt um ihre bisherigen Ergebnisse. Die beiden Tatortvermesser hatten Beamer und Leinwand aufgebaut. Die Projektion bestand aus einer Wolke von Messpunkten und wirkte verbl�ffend dreidimensional. Der Tatort: Per Mausklick konnten die Techniker ihn drehen und heranzoomen, sodass es Anna vorkam, als fliege sie �ber das Gel�nde. Ein weiterer Klick � jetzt erkannte sie den Hinterhof gleichsam aus dem Blickwinkel einer subjektiven Kamera, die sich auf den Anbau zubewegte, hineinglitt und sich am Ort der Explosion umsah. Der Kollege zeigte den Keller und den Punkt der tiefsten Deckenabsenkung. Schlie�lich den Grundriss des dar�berliegenden Zimmers, das Abderrafi Diouri als provisorische Bleibe gedient hatte � ein Kreuz bezeichnete die Stelle, an der sich die Bombe befunden haben musste. Seine Partnerin kommentierte: �Ein Zeuge, der im Moscheeverein aktiv ist, hat das Mobiliar beschrieben. Dazu geh�rt auch ein Couchtisch mit Granitplatte. Von diesem Tisch gibt es nur noch das Messinggestell. Ihr seht es hier, unmittelbar neben dem Kreuz. Die Platte wurde komplett zu Staub pulverisiert.� Anna erkannte verbogene Tischbeine, ein paar Zeitungen, daneben Tr�mmer eines Schranks und die Leichen. Ihre Kleidung war bis auf Reste um die H�ften verschwunden � weggeblasen. Klaus Bisping sagte: �Nach Schwarzpulver oder �hnlichem Kram braucht das Labor erst gar nicht zu suchen. Wir haben es mit einem brisanten Sprengstoff in nicht geringer Menge zu tun, wie das Ausma� der Verw�stung im Nahbereich zeigt. Welcher Stoff es genau und wie der Z�nder beschaffen war, wird hoffentlich die Analyse der R�ckst�nde zeigen. Detonationsdruck und Splitterwirkung haben die Wand aus Rigipsplatten und St�nderwerk zerfetzt, die den Raum zum Gang und zur Toilette hin abgrenzte. Ich will der Obduktion nicht vorgreifen, aber eigentlich hatte keiner in dem G�stezimmer eine realistische Chance. Es w�re ein Wunder, wenn der Dritte �berlebt.� �Weitere Aufschl�sse kann uns hoffentlich eine �berwachungskamera geben�, erg�nzte Thilo. �Der Moscheeverein hat erst k�rzlich ein solches Ding im Nahbereich der Eingangst�r angebracht, um m�gliche Attent�ter abzuschrecken.� �Hat leider nichts geholfen�, lie� sich jemand vernehmen. Der Kollege am Laptop lie� ein letztes Mal die Wolke der Messpunkte kreisen, bis die fiktive Kamera den Standpunkt des Explosionsherdes einnahm und durch das Fenster des Anbaus lugte. Der Hof, die Sechzigerjahrefassade des Vorderhauses, die zerborstenen Scheiben. �Wie weit k�nnen die Splitter geflogen sein?�, fragte Thilo. �Habt ihr schon in der Dachrinne nachgesehen?� �Eins nach dem anderen�, antwortete Bisping. �Erst sind die Zimmer zur Hofseite dran, bevor die Bewohner dort alles sauber machen. Und nat�rlich das Explosionszentrum selbst. Haben wir jetzt endlich Helme?� Zander schlich herein und gesellte sich zu Anna. Auf seiner rechten Gesichtsh�lfte klebte ein dicker Verband, fixiert mit Leukoplast. �Wie macht sich mein Sch�nheitspfl�sterchen?�, fragte er leise. Anna zog einen Stuhl f�r ihn heran, doch der Padre winkte ab. Sie reichte ihm die Liste, damit er sich eintrug wie alle anderen. Name, Dienststelle, Handynummer. Zander neigte sich zu ihrem Ohr: �Habt ihr das Heroin gefunden?� �Nein�, fl�sterte sie zur�ck. �Wir konnten drinnen noch nicht viel machen und der Drogensp�rhund wird nicht vor neun Uhr da sein.� Die Stimme des MK-Leiters t�nte durch den Raum: �Hallo, Martin, wie geht�s dir?� Ein wenig verlegen ber�hrte der Angesprochene seine Wange. �Nur ein Kratzer. Es war kein Schrapnell, sondern nur ein St�ck von ��, Zander r�usperte sich, �� von einem Unterkiefer.� Betretenes Schweigen. ��brigens�, fuhr Zander fort, �der Typ, der �berlebt hat, ist Rafi Diouri. Wir konnten seine Fingerabdr�cke zuordnen. Und laut seinen Eltern war Yassin, einer der zwei Toten, ein Konvertit.� Anna wusste, was der Kollege damit andeutete: Vom Konvertiten zum Attent�ter war es nur ein kleiner Schritt. Zumindest legten das diverse Zeitungsberichte nahe. Allerdings sprengten Islamisten keine Moscheen in die Luft. Kurz darauf war die Besprechung vor�ber. Zander brachte Anna ungefragt einen Becher Kaffee und sagte: �Rate mal, mit wem dieser Yassin ebenfalls gut bekannt war?� �Sag schon.� �Mit unserem Noureddine. Alte Freunde aus Schulzeiten, hei�t es.� �Befragen k�nnen wir Yassin allerdings nicht mehr.� �Aber Rafi wird durchkommen, oder nicht?� �Ich wei� nur, dass die �rzte an ihm herumflicken.� Zander nickte nachdenklich. �Das Geschrei der Mutter h�ttest du h�ren sollen.� 27. Ein schrecklicher Dienstagmorgen, dachte Moritz. In der Parteizentrale war an Arbeit nicht zu denken. Die meisten Mitarbeiter hatten sich in Heikes Zimmer versammelt und diskutierten. Sie teilten Moritz� Bef�rchtung, dass hinter dem Anschlag Neonazis steckten. Nur Gesch�ftsf�hrer Gr�fe mochte sich nicht an den Spekulationen beteiligen, sondern verabschiedete sich in das asiatische Bling-Bling-Restaurant im Erdgeschoss des Bucerius-Hochhauses, wo er eine Reihe von Einstellungsgespr�chen anberaumt hatte. Moritz gr�belte dar�ber nach, wie sich die Freiheitlichen weiterhin mit Islamkritik profilieren und trotzdem glaubhaft Distanz zu fremdenfeindlichen Attent�tern demonstrieren konnten. Ihm fiel nichts ein. Er studierte E-Mails, die �ber das Kontaktformular der Homepage bei den Freiheitlichen eingegangen waren. Reaktionen auf Carolas provokanten Auftritt in der ARD, ihr Tenor war einhellig � die Mails stammten ausschlie�lich von emp�rten Gutmenschen oder aufgebrachten Muslimen. Einer nannte sich�Salah ad-Din�und drohte unverhohlen: Wer das Ansehen des Gesandten Muhammad (Allahs Segen und Heil auf ihm) sch�ndet, hat seine Ehre verwirkt und ist des Teufels. Allah wird die Ehrlosen strafen und von der Erde tilgen! Noch gestern w�re Moritz damit an die Presse gegangen, um daraus Kapital f�r die Partei zu schlagen � als Beweis f�r die Intoleranz der Scharia-Anh�nger und f�r den Mut der Freiheitlichen, sich von solchen Kampfansagen nicht beirren zu lassen. Seit heute verfing seine Propaganda nicht mehr. Und morgen w�rden die Tageszeitungen �ber die Beckmann-Sendung und die Explosion in der Moschee berichten und unweigerlich Zusammenh�nge konstruieren. Die Freiheitlichen als Brandstifter. Die Welle der Wut w�rde erst richtig anrollen. W�hrend Moritz las, gingen neue Mails ein. Darunter auch ein Lob auf die Vorsitzenden: Endlich mal wer, der sich nix um die Denkverbote der vom Ausland gelenkten Systemparteien schert. Moslems sind Parasiten im Volksk�rper. Wenn sie nicht freiwillig das Land verlassen, findet die deutsche Chemieindustrie mit Sicherheit ne L�sung. Es lebe der nationale Widerstand! Solid. Gr��e, Whiteboy88 In Moritz� Augen erf�llte diese Mail den Tatbestand der Volksverhetzung. Sie war unter Pseudonym verschickt worden, aber ein Spezialist k�nnte vielleicht den Absender ermitteln. Ich sollte zur Polizei gehen, dachte Moritz. Den Nazi anzeigen. Und wegen der �brigen Mails Personenschutz f�r Carola beantragen. Dann erkannte Moritz, wie peinlich alles vermutlich war. Im Internet suchte er nach aktuellen Meldungen zur D�sseldorfer Explosion. Inzwischen war die Rede von zwei Toten und einem Schwerverletzten. Keine weiteren Informationen. Es hat keinen Zweck, dachte Moritz, �ffnete ein neues Dokument und begann, ein K�ndigungsschreiben an Edmund A. Bucerius aufzusetzen. Als er damit fertig war, fand er die Begr�ndung viel zu weitschweifig, l�schte den Text und fing von Neuem an. Die zweite Fassung traf es schlie�lich auf den Punkt. 28. Anna verstellte das Band im Inneren der Helmschale auf ihre Gr��e und st�lpte sich das gelbe Plastikding auf den Kopf. Gemeinsam mit Bisping und zwei weiteren Beamten der Tatortgruppe betrat sie den Anbau und stieg in das Tr�mmerfeld, das einst die G�steunterkunft des Moscheevereins gewesen war. Der Staub hatte sich etwas gelegt. Das Mauerwerk war von der Feuerwehr abgest�tzt und als halbwegs stabil deklariert worden. Die Leichen waren bereits weggeschafft � Anna war froh, dass ihr der nochmalige Anblick der zerschundenen K�rper erspart blieb. Aufr�umarbeit. Jeder Splitter, jede Faser, jeder Blutstropfen konnte eine wichtige Spur sein. Alles musste fotografiert werden, katalogisiert, abgekratzt, in Beutel gepackt oder auf Folien gezogen und ins Labor verfrachtet. Die M�digkeit �berfiel Anna in immer h�ufigeren Sch�ben, aber sie wollte durchhalten, so lange es ging. Nach einiger Zeit pfiff Bisping leise durch die Z�hne. Er hielt einen Flyer in seinen behandschuhten Fingern. �H�rt euch das mal an: �Wir werden �ber dem Atlantischen Ozean, wo er am tiefsten ist, die islamische Atombombe abwerfen, damit sie eine Flutwelle erzeugt, die so hoch ist, dass sie die Freiheitsstatue auf Liberty Island und s�mtliche Wolkenkratzer Manhattans zerschmettert.�� Bisping legte die Stirn in Falten. �Die Explosion hat dem Zettel offenbar nichts angehabt.� Anna stieg zu ihm hin�ber und zog weiteres Material aus dem Dreck. Ebenfalls fast unversehrt: CDs, Seiten eines TV-Programmhefts auf Arabisch und ein Flugblatt, das in Gedichtform die Freuden des M�rtyrertums feierte sowie die Verpflichtung der Muslime, in den Heiligen Krieg zu ziehen. Tiefer unter den Tr�mmern gab es noch mehr von dieser Sorte. Anna betrachtete Ausdrucke von Internetseiten, teils auf Arabisch, das meiste auf Deutsch: eine Auflistung der Kreuzz�ge und dessen, was der anonyme Verfasser daf�r hielt, vom elften Jahrhundert bis zum j�ngsten Einmarsch der Amerikaner und Briten im Irak. Berichte angeblicher Gr�ueltaten der Besatzer. Haarstr�ubende Hetze gegen westliche Demokratien, Juden und die USA, immer wieder untermauert mit Koranzitaten und Glaubenss�tzen irgendwelcher Religionsgelehrten, die darlegten, warum Muslime und Ungl�ubige sich angeblich prinzipiell nicht vertrugen. Und so weiter. Zuletzt hielt Anna Teile eines schmalen Faltblatts in der Hand. Sie f�gte sie zusammen, blies den Staub vom Hochglanzpapier und erkannte das Kinoprogramm dieser Woche. Eine Zeichnung, die zwischen den Seiten gesteckt hatte, rutschte heraus und segelte zu Boden. Anna b�ckte sich danach. Laienhaftes Gekritzel, blauer Kugelschreiber auf kariertem Papier. Anna drehte es auf den Kopf, dann noch einmal um neunzig Grad, bis sie begriff, was es darstellte. Ihre H�nde zitterten. Grundrisszeichnungen: die drei Etagen des Kinocenters im Medienhafen � dorthin ging auch sie gelegentlich. Die Aufg�nge. Die S�le. Drei davon waren mit Kreuzen markiert. Anna verglich die Skizzen mit dem Kinoprogramm. In den gekennzeichneten S�len w�rden ab Donnerstag Hollywoodproduktionen von Blockbuster-Qualit�t laufen. Volles Haus, zumindest am kommenden Wochenende. Daf�r war die Bombe also bestimmt gewesen. Annas anf�ngliches Mitleid mit den Marokkanerjungs war verflogen. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, um dem Leiter der Mordkommission Bescheid zu geben. Der Fund w�rde Furore machen. Deutschland hatte ein El-Kaida-Problem. Anna sp�rte, wie ihr schlecht wurde. Sie brauchte dringend eine Pause. 29. Es klopfte an seiner B�rot�r. Norbert Still, der Lange mit dem Lupenblick, lugte herein. �Ist Frau Ott schon da?�, fragte das Mitglied des Parteivorstands und schob sich ins Zimmer. Moritz sch�ttelte den Kopf. �Sie sehen m�de aus, Lemke.� �Haben�Sie�etwa geschlafen?� Still entdeckte Gretchens Foto auf dem Schreibtisch. �Ihre Tochter?� Moritz nickte. �Aufgeweckt und intelligent, ganz der Vater. Wie alt?� �Sechzehn.� �Schwieriges Alter.� �Sie lebt bei ihrer Mutter. Wir haben uns getrennt.� Das Vorstandsmitglied nahm seine Brille ab, um sie zu putzen. Pl�tzlich wirkte sein Gesicht sensibel und verletzlich.�Kein sch�nes Kapitel. Ich kenne das sehr gut. Denken Sie auch manchmal daran, wie es anders h�tte laufen k�nnen?� Moritz nickte. �Immerzu.� �Ist ein Schei�gef�hl, wenn einem die Kontrolle �ber das eigene Kind entgleitet.� Kontrolle � Moritz h�tte es anders ausgedr�ckt, aber der Mann hatte verdammt recht. Still legte sein Taschentuch zusammen, verstaute es in der Hosentasche und setzte die Brille wieder auf. �Wir d�rfen trotzdem nicht schlappmachen. Gerade heute.� �Sie haben also nicht vor, die Partei zu verlassen?� �Wie kommen Sie darauf?� �Ich dachte, aus R�cksicht auf Ihre Beamtenstelle beim Verfassungsschutz.� Das Telefon klingelte. Auf dem Display eine Duisburger Nummer. Moritz entschuldigte sich bei Still und nahm das Gespr�ch an. �Schon geh�rt, Herr Lemke?�, fragte Bucerius aufgeregt, fast hysterisch. �Was denn?� �Wissen Sie, was das bedeutet? Die Republik ist seit heute eine andere, Herr Lemke! Die Menschen kriegen Angst, es wird sein wie im Krieg. Wir gegen die anderen. Deutschland gegen die ausl�ndischen Fanatiker, die das Leben der B�rger bedrohen. Der Traum vom Multikulti ist ausgetr�umt, die Menschen werden nach Antworten verlangen. Und es werden unsere Antworten sein! Die Politik wird sich �berschlagen, die Etablierten werden den Freiheitlichen nacheifern, aber wir werden glaubw�rdiger sein als die anderen. Nach der Wahl wird Ministerpr�sident Fahrenhorst auf Knien rutschen, damit die Freiheitlichen die Regierung mit ihm bilden, und unsere Partei wird die Bedingungen diktieren! Der Anschlag von heute Nacht war schrecklich, keine Frage, aber f�r die Freiheitlichen eine historische Chance und wir m�ssen jetzt sofort � H�ren Sie mir zu, Herr Lemke?� �Ja, aber �� �Die Welt schaut jetzt auf Sie, Herr Lemke. Machen Sie etwas daraus!� Bucerius hatte aufgelegt. �Wer war das?�, fragte Still. Moritz brauchte einen Moment, um sich zu fangen. �Die Bombe � welche Erkenntnisse hat eigentlich der Verfassungsschutz?� �Wir stehen in Kontakt mit der Polizei, aber �ber Details darf ich nicht reden.� �Kein rechter Anschlag?� �Nein, wie es aussieht, haben sich die Opfer selbst in die Luft gejagt. Ihr Sprengsatz ist vorzeitig explodiert, aber sie hatten offenbar eine Art Nine/Eleven f�r Deutschland geplant mit Hunderten oder Tausenden von Toten. Das ist ein v�llig neues Niveau der Bedrohung! Vor zwei Jahren die Kofferbomben in den Regionalz�gen, die zum Gl�ck nicht hochgingen. Letztes Jahr die Bande, die im Sauerland Autobomben aus Bleichmitteln basteln wollte. Und jetzt detoniert erstmals ein Sprengsatz. Alle haben es bef�rchtet, aber niemand hat sich wirklich darauf eingestellt!� �Wir m�ssen darauf reagieren, sobald die Polizei damit an die �ffentlichkeit geht.� �Auf das Timing kommt es an, nicht wahr?� Der Geheimdienstmann l�chelte und zog einen Zettel aus der Innentasche seines Sakkos. �Ich hab schon mal was vorbereitet. Sie sind zwar ein heller Kopf, Lemke, aber Sie sind mir noch viel zu liberal.� Teil III Staatsgeheimnisse 30. Sein Blick schweifte aus dem Fenster des Sitzungssaals ins Gr�ne. Baumschulen und Felder, so weit das Auge reichte. Dar�ber tief h�ngende Regenwolken � f�r den Nachmittag waren Schauer vorhergesagt. Paul Veller langweilte sich. Um neun Uhr hatte die Dienstbesprechung beim Bundeskriminalamt in Meckenheim-Merl begonnen. Sie sollte dem Austausch neuer Erkenntnisse dienen, doch nach einer Stunde drehte sich die Diskussion nur noch im Kreis. Zwei Dutzend Sachbearbeiter von BKA und einigen Landeskriminal�mtern aus dem Westen und S�den Deutschlands dr�ngten sich um den Tisch. Ein hessischer Kollege referierte mit Laptop und Beamer. In seinem Bundesland stand ein bislang unbekannter Unterst�tzer der Ansar al-Islam unter Beobachtung, vermutlich ein Geldeintreiber. Im Irak verheizte die Terrororganisation Selbstmordattent�ter am laufenden Band und musste die Familien mit Barem locken, damit der Zustrom neuer M�chtegern-M�rtyrer nicht abriss � auf f�nftausend Euro belief sich der derzeitige Kurs. Der Eintreiber, den die Hessen im Auge hatten, tourte durch die arabischen Gemeinden von Frankfurt, Offenbach und Darmstadt. Wer nicht freiwillig spendete, wurde bedroht oder angegriffen, sein Gesch�ft demoliert, so hie� es. Veller, der seit zehn Jahren beim D�sseldorfer Landeskriminalamt arbeitete und dort eine von vier Ermittlungskommissionen f�r islamistisch motivierte Straftaten leitete, hatte seine Erkenntnisse aus einschl�gigen Verfahren in Nordrhein-Westfalen beigesteuert � in einigen St�dten an Rhein und Ruhr war die Schutzgelderpressung arabischer H�ndler und Gastronomen ebenfalls g�ngige Praxis. Die Runde beriet Kriterien zur Erstellung eines neuen Merkblatts, das solche F�lle besser erfassen sollte. Veller lie� das Gr�n vor dem Fenster auf sich wirken. Er freute sich auf den Feierabend und den Hobbykick mit seinen Kumpels auf den D�sseldorfer Rheinwiesen. Egal, ob es regnen w�rde. Sie spielten bei jedem Wetter. Die letzten Male hatten ihn Tagungen wie diese am Sport gehindert und Veller begann, um sein Idealgewicht zu f�rchten. Seit seiner Scheidung im vergangenen Sommer hatte er das Gef�hl, sich um seine Figur k�mmern zu m�ssen. Er h�tte gern wieder ausgesehen wie vor zehn Jahren, als seine Welt noch in Ordnung gewesen war � eine zerbrochene Ehe war damals ebenso wenig ein Thema gewesen wie Geldeintreiber von Ansar al-Islam. Sein Mobiltelefon vibrierte. Veller kontrollierte das Display:�Neue Nachricht von VV. Veller dr�ckte auf�Lesen.�Die Mitteilung bestand nur aus drei Zeichen. Te1�� sein Vater, mit dem er Fernschach spielte, ihre t�gliche Art der Kommunikation. Also geht es ihm gut, dachte Veller. Noch in seiner Hand vibrierte das Ding schon wieder. Diesmal war es keine SMS, sondern ein Anruf. Auf dem Display seine eigene B�ronummer � Weiterleitung. �Paul Veller�, meldete er sich leise, um die Merkblattberatung nicht zu st�ren. Polizeidirektor Meerhoff war dran, Leiter der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts NRW. �Kann ich zur�ckrufen?�, wisperte Veller. �In einer Stunde sind wir fertig.� �Nein, es eilt�, beschied Meerhoff. Veller schlich mit einer entschuldigenden Geste aus dem Raum, sein Handy am Ohr. �Es geht um die Explosion in D�sseldorf�, erkl�rte Meerhoff. �Die Generalbundesanw�ltin ersucht uns, die Ermittlungen zu f�hren.� Auf dem Flur roch es nach Kaffee. Eine BKA-Kollegin eilte vorbei. Veller winkte ihr zu. �Uns?�, fragte er in das Telefon. �Ja, es gibt Hinweise auf einen religi�s-politisch motivierten Anschlag.� �Das habe ich mir gedacht. Aber warum nicht das BKA?� �Wei� der Geier. Vielleicht weil die Abteilung in Berlin zu viel am Hals hat. Oder weil der Anschlag nur ein Fehlschlag war, wie�s aussieht. Trotzdem eine hei�e, h�chst sensible Kiste. In Abstimmung mit Karlsruhe geben unsere Presseleute gerade eine erste Mitteilung �ber den terroristischen Charakter des Ungl�cks heraus. Ich bin dabei, die BAO zu bilden. Sie, Veller, stellen Ihre Ermittlungskommission zusammen. Geben Sie mir Bescheid, falls Sie ohne Verst�rkung nicht auskommen.� BAO stand f�r �Besondere Aufbauorganisation�,�die von der Tatortarbeit �ber den Kontakt mit allen m�glichen Staatsschutzdienststellen und Geheimdienstbeh�rden bis hin zu den einsatzbegleitenden Presseerkl�rungen alles koordinierte. Auch die Ermittlungskommission z�hlte dazu. Wieder nichts mit dem Dienstagskick, dachte Veller und ging zur�ck in den Konferenzraum, um Tasche und Laptop zu holen. � Veller gab seinem Alfa Spider Stoff, die R�ckfahrt nach D�sseldorf dauerte nur knapp eine Stunde. W�hrenddessen stand sein Handy nicht still. �ber die Freisprechanlage telefonierte er mit dem Leiter der Mordkommission des D�sseldorfer Pr�sidiums, einem gewissen Thilo Becker, in dessen H�nden der Fall bisher gelegen hatte, und lie� sich auf den Stand der Dinge bringen. Zwei Tote � �ber keinen von ihnen besa�en die Staatssch�tzer des Pr�sidiums einschl�gige Erkenntnisse. Stattdessen hatte der �berlebende eine Akte wegen mutma�licher Beteiligung an Drogendelikten. Vom Dealer zum religi�sen Fanatiker � Veller wunderte sich schon lange �ber nichts mehr. Er rief seine eigene Dienststelle an, vergewisserte sich, mit wie vielen Kollegen er f�r die Ermittlungskommission rechnen konnte, und bestimmte den Aktenf�hrer. Er verteilte die ersten Aufgaben: Abfragen bei Verfassungsschutzbeh�rden und Bundesnachrichtendienst � dass die D�sseldorfer Polizei gegen die drei Bombenbastler nicht wegen politisch motivierter Straftaten ermittelt hatte, schloss nicht aus, dass sie l�ngst auf dem Schirm der Schlapph�te gewesen waren. Veller bat den zust�ndigen Kontaktbeamten des BKA in Berlin, die amerikanischen Dienste einzubinden � die Kerle, die 2007 im Sauerland Anschl�ge vorbereitet hatten, waren zuerst der US-amerikanischen NSA aufgefallen, die verd�chtige E-Mails zwischen dieser Zelle und Pakistan abgegriffen hatte. Schlie�lich telefonierte Veller mit der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und bat darum, beim Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof eine Reihe von Beschl�ssen zu beantragen: Wohnungen mussten durchsucht, Verbindungsdaten von Telefonen und Handys beschafft werden. Jeder neue Name, der dabei auftauchte, war ebenfalls zu �berpr�fen. Ein Wust an Schreibtischarbeit stand bevor. Z�hfl�ssiger Verkehr auf der A3 im Osten K�lns. Veller dachte �ber das Angebot seines Chefs nach:�Geben Sie mir Bescheid, falls Sie ohne Verst�rkung nicht auskommen.�Es hatte eher wie ein Appell geklungen, Meerhoff nicht damit zu behelligen. Der Abteilungsleiter hatte auf Vellers Handy die Kurzwahlnummer 002 � die 001, fr�her die Handynummer seiner Frau, hatte Veller seit der Scheidung nicht wieder vergeben. Er musste es lange klingeln lassen. �Meerhoff, Landeskriminalamt.� �Paul Veller hier. Verst�rkung w�re tats�chlich nicht schlecht. Ich habe au�er dem Aktenf�hrer nur acht Kollegen f�r die Kommission zur Verf�gung. Wenn das PP D�sseldorf aus der bisherigen Mordkommission wenigstens zwei oder drei Leute abstellen k�nnte �� �Ich frag nach. Wer leitet dort die Kriminalinspektion eins?� �Keine Ahnung. Chefin des KK�11 ist Ela Bach, wenn ich mich richtig erinnere.� �Mal schauen, was sich machen l�sst.� Veller dr�ckte die Taste am Lenkrad, mit der er auflegte. Er schaltete das Radio ein � Nachrichtenzeit. Die Pressemitteilung war raus und die Neuigkeit gegen�ber der Meldung vom Morgen bestand darin, dass eines der Opfer ein zum Islam �bergetretener deutscher Staatsb�rger war. Die Toten galten zugleich als mutma�liche T�ter � die Bombe sei offenbar in Vorbereitung eines Anschlags detoniert. Anschlag, Attentat � die b�sen A-Worte waren in der Welt. Veller konnte sich ausmalen, wie Berlin jetzt rotierte: Der Bundesinnenminister rollt vor die Kameras, Hektik in seiner Beh�rde, Alarmstufe Rot. Das Gleiche in D�sseldorf, jeder macht sich wichtig, so gut er kann. Dass die Kerle es anscheinend auf ein Kinocenter abgesehen hatten, hatten die Presseleute von Bundesanwaltschaft und LKA verschwiegen. Gut so. Eine allgemeine Panik nutzte niemandem. Der Empfang wurde schlechter, Veller drehte das Radio lauter. Die n�chste Meldung zitierte Reaktionen der Politik. Die Freiheitlichen waren die erste Partei, die reagiert hatten. Sie verurteilten die �Gewaltbereitschaft der islamischen Parallelwelt� und forderten ein Einreiseverbot f�r Muslime sowie die Internierung aller Hassprediger und Gef�hrder. Wen auch immer diese Schlaumeier damit meinten. Dreieck D�sseldorf-S�d, Veller raste durch den Kreisel, der in die A46 m�ndete. Die letzten Anrufe: Tatortgruppe und Labor � wieder einmal machte er sich bei Kollegen unbeliebt, denen er auf die F��e trat, obwohl sie ohnehin unter Hochdruck arbeiteten. Um welchen Sprengstoff es sich handelte, stand noch nicht fest. Die Laborratten hatten die Hoffnung nicht aufgegeben und fahndeten weiter nach Resten oder Zwischenprodukten. Im schlimmsten Fall hatte sich das Material vollst�ndig in Allerweltsmolek�le wie Wasser, Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid umgesetzt und war somit nicht mehr nachweisbar. Die Frage nach der Z�ndvorrichtung k�nnte ebenso unbeantwortet bleiben, erkl�rten die Spezialisten. Wenn sie vollst�ndig in den Explosivstoff eingepackt gewesen war, w�rde nichts davon �brig sein. Veller erreichte die V�lklinger Stra�e und bog in die Zufahrt zum Landeskriminalamt. Am Ende des Parkplatzes fand er eine L�cke f�r seinen roten Alfa. Mit dem Material der Arbeitstagung in Meckenheim in seiner Tasche erreichte er sein B�ro. Eine Frau erhob sich von einem der St�hle am Besprechungstisch, als Veller eintrat. Gro� und br�nett. Sie wirkte m�de, wom�glich seit dem fr�hen Morgen auf den Beinen. Aber recht h�bsch. Anfang bis Mitte drei�ig, sch�tzte Veller. Hellbraune Augen, nicht zu schmale Lippen. Kein L�cheln. �Kriminaloberkommissarin Winkler vom Polizeipr�sidium D�sseldorf�, stellte sie sich vor. �Ich soll euch verst�rken, hat man mir gesagt.� �Veller�, antwortete er und ergriff die hingestreckte Hand. �Wo sind die anderen?� �Es gibt keine anderen.� Er stellte die Laptoptasche ab, lie� das BKA-Material aus Meckenheim auf seinen Tisch klatschen und �ffnete das Fenster. Baul�rm und Staub. Er schloss es sofort wieder. Ein kurzer Blick auf die Titten der Kollegin. Sehr h�bsch sogar. �Erfahrung mit Islamismus?� Winkler sch�ttelte den Kopf. �Staatsschutzsachen? Politisch motivierte Gewaltdelikte? Erfahrungen mit der hiesigen Marokkanerszene?� �Nein, aber �� �Aber was?� �Ich kann ermitteln.� �Aha.� Veller nahm den H�rer ab, um die Kollegen, die seine Dienststelle aufbieten konnte, zusammenzutrommeln. Zuerst Stefan Dombrowski, der die Akten f�hren w�rde. Die Frau, die das �rtliche Pr�sidium geschickt hatte, verschr�nkte die Arme und fragte: �Hast du auch einen Vornamen oder bleiben wir bei Winkler und Veller?� Sch�n, dass du fragst, dachte er und war gespannt darauf, sie einmal lachen zu sehen. Dombrowski ging ran und meldete sich. �Paul hier�, antwortete Veller und zwinkerte der Kollegin zu. �Kommt ihr bitte zur Besprechung r�ber?� Hinterher w�rde er einen seiner Fu�ballkumpel anrufen, der im D�sseldorfer Pr�sidium arbeitete und sicher etwas �ber Winkler erz�hlen konnte. Veller legte auf und lud die Kollegin mit einer Handbewegung ein, wieder Platz zu nehmen. �Ich hei�e Anna�, sagte sie. Nicht die Spur eines L�chelns. 31. Moritz surfte durch die Internetseiten der wichtigsten deutschen Medien, um mitzuverfolgen, welchen Niederschlag die Presseerkl�rung der Freiheitlichen fand. Kurz vor elf Uhr hatte die Generalbundesanw�ltin beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Ungl�ck in D�sseldorf zum terroristischen Gewaltakt und zur Straftat gegen die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland erkl�rt � womit ihre Beh�rde f�r die Strafverfolgung zust�ndig war. Als mutma�liche T�ter galten drei junge M�nner im Alter zwischen neunzehn und f�nfundzwanzig Jahren, zwei Marokkaner der zweiten Zuwanderergeneration und ein zum Islam konvertierter Rheinl�nder. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf m�gliche Mitt�ter und die Herkunft des Sprengstoffs. Ein islamistischer Hintergrund wurde vermutet � es war, wie Still gesagt hatte. Sofort hatte Moritz den gemeinsam verfassten Text per Mail und Fax an s�mtliche Adressen seines Verteilers versandt. Stills Bemerkung, halb im Scherz:�Sie sind mir noch viel zu liberal�� dabei hatte Moritz aus freien St�cken jedem Punkt zugestimmt, den der Verfassungssch�tzer auf dem Zettel hatte. Nicht nur die Republik war nicht mehr dieselbe. Moritz war sich bewusst, dass auch er sich ge�ndert hatte. Unter dem Druck der Tatsachen. Bucerius hatte recht: Das Land befand sich im Krieg, selbst ernannte Dschihadisten riefen zum Sturm gegen Demokratie und Freiheit. Die Explosion der vergangenen Nacht war wom�glich nur ein Anfang. Tagesschau.de�z�hlte s�mtliche Forderungen der Freiheitlichen-Erkl�rung auf, ohne sie als �berzogen oder rechtsradikal zu denunzieren. Das w�re noch gestern undenkbar gewesen. Die Internetausgabe des�Focus�zitierte w�rtlich Moritz� Einleitungss�tze. Er hatte sie als O-Ton der Parteivorsitzenden Carola Ott-Petersen ausgegeben und fand sie selbst besonders gelungen:�Deutschland wurde gestern kurz vor Mitternacht aus dem sch�nen Traum der friedlich-multikulturellen Koexistenz geweckt. Es liegt an unserer entschlossenen Gegenwehr, dass sich die Katastrophen von Madrid und London nicht auch in deutschen St�dten wiederholen. Spiegel Online�kommentierte, dass es jetzt absurder denn je sei, die Ablehnung menschenverachtender Ideologien und Praktiken als �rassistisch� oder �fremdenfeindlich� zu brandmarken. Der Staat habe Wichtigeres zu tun, als den Verfassungsschutz auf Islamkritiker wie die Freiheitlichen anzusetzen. Fast buchst�blich mein Text, erkannte Moritz mit Genugtuung. Heike schaute herein. �Im Hotel hei�t es, Frau Ott h�tte heute fr�h ausgecheckt. Eigentlich m�sste sie l�ngst gelandet sein. Ich verstehe das nicht.� �Versuchen Sie es doch mal bei ihr zu Hause�, antwortete Moritz. �Okay.� Die Sekret�rin verschwand wieder in ihr B�ro. �berall wurde erw�hnt, dass die Partei f�r den kommenden Samstag zu einer Demonstration gegen Islamismus und Gewalt aufrief, zeitgleich in mehreren St�dten der Republik.�Zeichen setzen f�r die Freiheit!�� diese Aktion war Moritz� Idee gewesen. Er dachte an Petra. Unter dem Eindruck der Geschehnisse k�nnte sicher auch sie den Demo-Aufruf unterschreiben. Rechts und links waren als Begriffe der politischen Unterscheidung obsolet geworden. Ab heute sollte es nur noch den gemeinsamen Abwehrkampf gegen die islamistische Bedrohung geben. Moritz las Meldungen, wonach in der CDU Streit �ber den Umgang mit den Freiheitlichen ausgebrochen war. Eine Reihe von Fraktionsmitgliedern im NRW-Landtag kritisierte die starre Haltung von Ministerpr�sident Fahrenhorst und pl�dierte f�r eine Kooperation im Fall eines Verlustes der schwarz-gelben Mehrheit. Als Moritz seine E-Mail-Eing�nge abfragen wollte, entdeckte er den Entwurf seiner K�ndigung. Ihm war, als seien Wochen vergangen, seit er diesen Schritt in Erw�gung gezogen hatte. Er l�schte das Dokument und staunte �ber sich selbst. Dann f�llte er bei Heike seinen Kaffeebecher auf und kehrte gerade rechtzeitig zur�ck, um den ersten Anruf entgegenzunehmen. Das ZDF wollte die Vorsitzende der Freiheitlichen als Studiogast f�r die Maybrit-Illner-Talkshow am kommenden Donnerstag einladen. Der Inhalt der Sendung wurde gerade aus aktuellem Anlass umgestellt � die Terrorgefahr hatte die Entlassungswelle der deutschen Industrie in den Hintergrund gedr�ngt. Nat�rlich sagte Moritz zu. Die Redaktion des ARD-Brennpunkts w�nschte Konrad Rolfes als Islamkritiker. F�r den heutigen Abend war eine Sondersendung angesetzt worden. Moritz versprach seine Unterst�tzung. Das Telefon stand nicht mehr still. Nebenher brachte Moritz die Homepage der Freiheitlichen weiter auf Vordermann. Gr�fe, der ihm von den Bewerbungsgespr�chen f�r das Wahlkampfteam berichten wollte, musste Moritz abwimmeln. Er ahnte, dass diese Woche die vielleicht stressreichste seines Berufslebens werden w�rde. Deutschland war bedroht wie nie seit 1945 � und Moritz war Teil einer Bewegung, die versuchte, dem Land Orientierung zu geben. Zwischendurch w�hlte er mehrmals Carolas Handynummer, doch es meldete sich nur die Mailbox. 32. Um alle Richtungen abzudecken, setzte Veller ein Zweierteam auf die einzige Spur an, die als Hinweis auf einen Anschlag Rechtsradikaler interpretiert werden konnte: der Unbekannte, der angeblich zur Tatzeit im Treppenhaus des Vordergeb�udes gesehen worden war. Falls in den n�chsten Stunden ein Bekennerschreiben aus der Naziszene auftauchte, durfte die Ermittlungskommission nicht unvorbereitet dastehen. Dombrowski, der Aktenf�hrer, w�rde sich mit dem Bundesamt f�r Finanzdienstleistungsaufsicht in Verbindung setzen und s�mtliche Bankdaten der drei Opfer besorgen. Konten, Geldtransfers, Zahlungsanweiser und -empf�nger. Die anfallenden Namen wiederum mit den einschl�gigen Dateien abzugleichen und den Hintergrund dieser Leute zu ermitteln, w�rde weitere Ermittler und mindestens den Rest des Tages beanspruchen. Eine Wohnung war bereits unmittelbar vor dem Bombenungl�ck durchsucht worden, n�mlich die der Eltern Abderrafi Diouris. Computer oder Handys seien nicht gefunden worden, versicherte Anna Winkler, die mit vor Ort gewesen war. Offenbar hatte der junge Marokkaner zu diesem Zeitpunkt bereits seine Habseligkeiten in das G�stezimmer des Kulturvereins verfrachtet. LKA-Techniker k�mmerten sich um die Auswertung der dort sichergestellten Gegenst�nde, besser gesagt: der Tr�mmer, die von ihnen noch �brig waren. Falls Handys gefunden wurden und Verbindungsdaten zu ermitteln waren, stand eine weitere Datenlawine bevor. Diouri d�mmerte auf der Intensivstation der Uniklinik im k�nstlichen Koma, an eine Befragung war vorerst nicht zu denken. Ein Uniformierter der D�sseldorfer Polizei bewachte die Station � El Kaida sollte keine Chance bekommen, einen Mitwisser auszuschalten. Veller schickte noch einmal zwei Leute zu den Eltern Diouris, um sie zu befragen. Blieben zwei Teams f�r die anstehenden Wohnungsdurchsuchungen. Die Beschl�sse dazu lagen vor. Wie Veller die Ministerialbeamten des NRW-Innenministeriums an der Haroldstra�e kannte, w�rden sie am liebsten schon jetzt ein detailliertes Dossier in den H�nden halten. Zudem erwartete die eigene Beh�rdenleitung, dass er an der Pressekonferenz teilnahm, die der LKA-Direktor und der zust�ndige Bundesanwalt f�r den sp�ten Nachmittag im Sitzungssaal des Landeskriminalamts anberaumt hatten. Doch Veller entschied, zun�chst selbst eine Wohnungsdurchsuchung vorzunehmen, um sich einen Eindruck von den T�tern zu verschaffen, und bestimmte Anna Winkler zu seiner Teampartnerin. Bevor sie sich auf den Weg machten, tippte er eine SMS an seinen Schachpartner, dem er den n�chsten Zug schuldete:�Bitte um Aufschub, Paps. Viel los im Moment. � Auf nach Klein-Marokko � um diese Tageszeit erschien Veller die Route �ber S�dring und Hennekamp als die schnellste Verbindung. Als sie auf eine rote Ampel zurollten, fragte er seine Beifahrerin: �Wie war das genau mit Diouri und dem Rauschgift?� �Wir hatten einen Anruf�, antwortete Anna. �Ein Informant eines Kollegen vom KK�11 behauptete, Rafi Diouri wolle eins von angeblich f�nfzehn Kilo Heroin an ihn verkaufen. Wir vermuten, dass der Stoff eine Hinterlassenschaft aus der Zeit ist, als Rafi und sein �lterer Bruder Noureddine das Zeug auf der Stra�e verkauften. Noureddine war der Kopf der damaligen Bande und wurde vor anderthalb Jahren von einem unbekannten T�ter erschossen. Jedenfalls haben wir gestern Abend unter F�hrung unseres Inspektionsleiters einen Einsatz gefahren, mit allem Pipapo: Telefon�berwachung, Mobiles Einsatzkommando und ein verdeckter Ermittler aus eurem Haus, der den K�ufer spielen sollte. Doch Rafi lie� das vereinbarte Treffen platzen.� Sie knabberte kurz an einem Daumennagel, dann fragte sie: �Ist inzwischen irgendetwas von dem Rauschgift am Tatort entdeckt worden?� �Nein. Das Labor hat keinerlei R�ckst�nde messen k�nnen und auch die Drogensp�rhunde haben nichts geschnuppert.� �Vielleicht hat Rafi sein Heroin anderweitig versilbert.� �Siehst du eine Verbindung zu der Bombe?� �Vielleicht wollte er den Stoff verticken, weil die Gruppe Geld f�r die Anschlagsvorbereitung brauchte.� Gr�n � Veller gab Gas. Er kommentierte Annas Spekulation nicht. Der Anruf des Informanten war zweifellos eine Spur, aber Veller erschien es r�tselhaft, wie die Kerle so rasch an Sprengstoff gekommen waren, wenn einer von ihnen erst noch Geld besorgen musste. �Wann kam Diouri mit seinen Verkaufsabsichten zu eurem Gew�hrsmann?�, fragte Veller. �Freitagnachmittag. Der Informant hat sich sofort danach bei uns gemeldet.� Drei Tage, �berlegte Veller � ein ungew�hnlich knappes Zeitfenster f�r eine Reihe brisanter Aktionen: Verkauf von Rauschgift, Erwerb der Chemikalien, Herstellung der Bombe. Da stimmte etwas nicht. Veller diktierte eine weitere Kurzwahlnummer in die Freisprechanlage, hatte die Berliner Zweigstelle des Bundeskriminalamts in der Leitung und lie� sich mit einem Kollegen verbinden, der dort im sogenannten�Gemeinsamen Internet-Zentrum�von BKA und Bundesamt f�r Verfassungsschutz arbeitete. Sie kannten sich von zahlreichen Konferenzen. Der Mann klang, als h�tte er mit dem Anruf gerechnet. Veller bat ihn um eine umfassende Internetrecherche. Militante Islamisten unternahmen selten einen Angriff, ohne vorab damit zu prahlen. Fanatiker �bten sich im Wettstreit, wer von ihnen der gl�ubigste und radikalste sei � sie mussten es nicht nur sich, sondern auch der muslimischen Welt beweisen. Deshalb hielt Veller es f�r denkbar, dass Diouri oder einer seiner Mitt�ter in einem der zahlreichen Dschihadisten-Foren Andeutungen �ber ihre Pl�ne verbreitet hatte. Veller nannte dem Berliner Kollegen die Namen der Toten sowie das mutma�liche Anschlagsziel. �F�nftausend Webseiten�, brummte der BKA-Mann. �Vorsichtig gesch�tzt.� �Bis morgen fr�h schafft ihr das�, erwiderte Veller. Ein Bekenntnis der T�ter w�rde den Verdacht des islamistischen Motivs best�tigen. Und vielleicht enthielt es Andeutungen auf die Vorgehensweise, auf Komplizen oder weitere Ziele. Veller hatte das ungewisse Gef�hl, dass hinter den drei Jungs jemand steckte. Zumindest musste er die Existenz von Mitt�tern in Betracht ziehen. �Was denkst du?�, fragte Anna, als Veller sein Gespr�ch beendet hatte. �Dass du Feierabend machen solltest, sobald wir die Wohnungsdurchsuchung hinter uns haben. Du bist seit gestern fr�h auf den Beinen.� �Ich hab heute Vormittag �ne Pause gemacht.� �H�chstens eine Stunde.� �Woher wei�t du das so genau? Schn�ffelst du auch deinen Kollegen hinterher?� �Nur, wenn sie weiblich sind und attraktiv�, antwortete er und grinste. �Ach. Und was erf�hrt man da so?� �Dass du gut bist und engagiert. Dass deine Chefin dich sch�tzt. Und dass s�mtliche Kollegen im Pr�sidium gern w�ssten, ob du schon vergeben bist.� Ein Seitenblick � seine Beifahrerin zeigte keine Regung. Veller wurde ernst. �H�r zu, Anna, vielleicht gibt dir ein brisanter Fall wie dieser einen besonderen Kick. Vielleicht l�uft in deiner Dienststelle nicht alles rund, wie du es gern h�ttest, und du willst dich mal bei uns umsehen. Vielleicht willst du dich auch mit der Arbeit von etwas anderem ablenken, wer wei�.� �Hobbypsychologe, was?� �M�glicherweise stehen wir vor einer noch nie gekannten Stufe islamistischer Bedrohung, aber gerade dann ist eine Stunde Schlaf entschieden zu wenig, und zu viel Ehrgeiz tut niemandem gut.� �Danke f�r das Fachgespr�ch�, erwiderte Anna. Sie passierten den Volksgarten, unterquerten die S-Bahn und erreichten den Stadtteil Oberbilk. In der n�chsten Querstra�e stand das Haus, in dem Said Boussoufa seine Wohnung gemietet hatte. Veller setzte den Blinker und bog ab. Zwei verschleierte M�dchen rannten �ber die Stra�e und Veller musste abrupt bremsen. Anna st�tzte die H�nde am Armaturenbrett ab. Einen Ring trug sie nicht. Vor der Haust�r begr��ten sie die beiden Kollegen der Bereitschaftspolizei, die Veller zur Verst�rkung angefordert hatte. Er dr�ckte die Klingel zum f�nften Mal und �berlegte, den Schl�sseldienst zu rufen, als die T�r endlich aufging. Eine komplett in Schwarz geh�llte Gestalt lie� sich blicken. Ihr Bauch w�lbte sich � ob die Frau dick oder schwanger war, vermochte Veller nicht zu beurteilen. Er und seine Kollegin zeigten ihre Dienstmarken. �Frau Boussoufa?�, fragte er. �Schon wieder Polizei? Was wollen Sie?� Die Stimme der Marokkanerin klang schrill, als sei sie den Tr�nen nahe. Selbst das Gesicht der Frau war bedeckt. Sie zupfte am Tuch, um durch den Sehschlitz sp�hen zu k�nnen. �Wir werden jetzt Ihre Wohnung durchsuchen. Hier ist die richterliche Anordnung.� Veller hielt das Papier hoch. Die Witwe huschte in den Flur zur�ck und riss den H�rer von einem Telefonapparat, der auf einem Schr�nkchen stand. Ein Ding mit W�hlscheibe � Veller wusste nicht, wann er so etwas zuletzt gesehen hatte. Miriam Boussoufa kehrte den beiden Beamten den R�cken zu und redete aufgeregt in ihrer Heimatsprache. Veller und Anna zogen ihre Schuhe aus, die uniformierten Kollegen taten es ihnen nach. Die Wohnung war klein und armselig m�bliert. Zwei Zimmer, K�che, Bad. Veller und einer der Uniformierten nahmen sich das Wohnzimmer vor. Auf einem Sideboard lag ein Laptop, den Veller sofort in die Kiste legte, die er aus dem Auto mitgebracht hatte. Die B�cher und Videokassetten packten sie dazu. Eine Reproduktion an der Wand zeigte arabische Handschrift, vermutlich einen Koranvers. Veller wusste, dass Kalli-grafie in vielen islamischen L�ndern wegen des dort herrschenden Bilderverbots die wichtigste Kunstform war. Er nahm das Ding vom Nagel und zerlegte den Rahmen � keine versteckten Anschlagspl�ne oder Korrespondenzen. Vor dem Fernseher stand ein alter, schwerer Heimtrainer. Die T�rklingel schrillte. Die Witwe �ffnete einer weiteren jungen Orientalin, die jedoch westlich gekleidet war. Lange, dunkle Locken, ein breites Gesicht. Enge Jeans und Pulli, �ppig aufgetragenes Kajal betonte gro�e Augen. Die beiden Frauen begr��ten sich auf Arabisch. Veller h�tte die Worte gern verstanden. �Wer sind Sie?�, fragte er die Besucherin. �Halima. Halima Boussoufa.�Ich bin Miriams Schw�gerin. Said war mein Bruder.� �K�nnen Sie mir sagen, wie er zu Rafi Diouri und Yassin alias Dennis Scholl stand?� �Said war ein guter Mensch. Mehr bekommen Sie nicht von mir zu h�ren.� �Aber Sie wissen, was passiert ist?� �Miriam hat meine Eltern verst�ndigt. Und die Nachrichten im Radio sind voll davon.� �Wie ist Said an den Sprengstoff gekommen?� �Er hatte damit nichts zu tun. Und ich muss mich beschweren. Heute Morgen haben Sie Miriam ausgefragt, ohne sie �ber ihre Rechte aufzukl�ren. Angeh�rige haben keine Aussagepflicht!� �Das war nicht ich, sondern meine Kollegen von der D�sseldorfer Polizei.� �Und Sie sind �?� �Paul Veller, Landeskriminalamt.� �Staatsschutz?� �Sie scheinen sich gut auszukennen.� �Ich arbeite bei einem Anwalt. Da kriege ich mit, wie sich die Polizei benimmt, wenn sie es mit Migranten zu tun hat.� �Frau Boussoufa, wir m�ssen wissen, ob noch weitere Personen hinter der Bombenexplosion stecken. Jemand hat Ihren Bruder verf�hrt. Unsere Ermittlungen richten sich nicht gegen Sie.� Die Schwester des Toten warf ihrer Schw�gerin einen kurzen Blick zu und schwieg. Anna war aus dem Schlafzimmer zur�ckgekehrt und musterte die beiden Marokkanerinnen. Veller sagte: �Vielleicht war Said auch nur zuf�llig am Ort der Explosion. Um das herauszufinden, brauchen wir Ihre Mithilfe.� �Said war ein guter Mann�, mischte sich Miriam, die Verh�llte, ein und ber�hrte ihren Bauch. �Allah hat ihm einen Platz im Paradies gegeben.� �Sei still!�, wies Halima sie zurecht. �Wir machen keine Aussage.� �Wir m�ssen Sie trotzdem zur Vernehmung vorladen.� Veller verteilte seine Visitenkarten. �Morgen fr�h um neun melden Sie sich beim Pf�rtner des Landeskriminalamts. Kann ich mich darauf verlassen oder brauchen Sie das schriftlich?� Das Telefon klingelte. Die junge Witwe ging ran und redete Arabisch mit dem Anrufer. Worum es in diesem Gespr�ch ging, w�rde Veller erfahren. Die �berwachung war geschaltet, der �bersetzer bestellt. Die Bemerkung der Witwe gab ihm zu denken:�Allah hat ihm einen Platz im Paradies gegeben. Veller winkte Anna in das Wohnzimmer und schaltete Satellitentuner und Fernsehger�t ein. Die Mattscheibe knisterte und wurde hell.�Al-Arabia,ein g�ngiger Nachrichtenkanal. Veller zappte weiter. Es waren ausschlie�lich arabische Programme eingestellt. Die Fundamentalisten unter ihnen erkannte Veller am Logo � w�hrend einer Fortbildung im letzten Sommer hatte er gelernt, welche Organisationen dahinterstanden und welche Botschaft sie verbreiteten: Verschw�rungstheorien, Hass und Mordaufrufe. Ein Verbot in Europa half nicht viel. Wurden die Terrorsender von Eutelsat verbannt, so strahlte ArabSat sie weiterhin aus. Mit dem Plazet der Arabischen Liga. Schweigend betrachteten sie eine Art Talkshow im Programm der libanesischen Hisbollah-Miliz. In tiefen Pl�schsesseln kauerten zwei versch�chterte Kinder vor einem Moderator, ein M�dchen und ein Junge, sch�tzungsweise sechs und f�nf Jahre alt. Als sie etwas gefragt wurden, streckte der Junge eine Maschinenpistole aus Plastik in die Luft und beide Kids skandierten Parolen � zur sichtlichen Zufriedenheit des Moderators. Man musste nicht Arabisch verstehen, um zu ahnen, worum es in dieser Sendung ging. � �Gespenstisch�, murmelte Anna, als sie wieder in das Auto stiegen. �Du wirst sie morgen in die Mangel nehmen�, erwiderte er. Anna warf ihm einen skeptischen Blick zu. Veller sagte: �Miriam wusste, was die drei vorhatten. Sie sprach vom Paradies. F�r sie ist ihr Mann ein M�rtyrer. Also ist Said nicht ganz unschuldig da hineingeraten.� �Aber selbst wenn sie seine Motive nicht teilt, w�rde sie dichthalten. Familienehre, Misstrauen gegen�ber Au�enstehenden. Das ist eine andere Welt. Positiv gesagt: Da h�lt man noch zusammen.� �Ich staune, Anna.� �Wieso?� �Ich dachte, du kennst dich in dieser Szene nicht aus.� �Unsereins wird sich da auch niemals auskennen, f�rchte ich.� Veller steuerte den Alfa durch das arabische Viertel. Gem�sel�den, ein Reiseb�ro, Caf�s. Er bem�hte sich, nicht in jedem Barttr�ger einen potenziellen Attent�ter zu vermuten, unter jedem Kopftuch Fanatismus und militanten Hass. Sein Handy ert�nte. Es war Dombrowski, der Aktenf�hrer. �Paul, wir haben die ersten Verbindungsdaten. Es geht um zwei Mobiltelefone und zwei Festnetzanschl�sse. Das dritte Handy hat es ziemlich zerlegt, da sitzen die Techniker noch dran, sind aber optimistisch. Rate mal, wie viele Kontaktpersonen bis jetzt zusammenkommen?� �Jag sie durch den Computer, schick sie an Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und BKA. Du kennst das doch. Und frag bei s�mtlichen Polizeibeh�rden an, ob sie Erkenntnisse haben.� �Wir brauchen mehr Leute.� �Ich rede mit dem Abteilungsleiter. Aber richte dich darauf ein, dass wir das Verst�rkungskontingent schon ausgesch�pft haben.� Veller zwinkerte Anna zu. �Noch was, Paul.� �Ja?� �Bisping meint, die Theorie, dass der Sprengsatz bei der Herstellung detonierte, k�nnten wir uns abschminken.� �Wieso?� �Dazu braucht man Ger�te, du musst das Zeug filtern und trocknen. Aber am Tatort hat er keinerlei Spuren von Beh�ltnissen oder Filtermaterialien gefunden, sagt Bisping.� �Danke.� Veller beendete das Gespr�ch und konzentrierte sich auf die Stra�e. Seine Beifahrerin sagte: �Also suchen wir jetzt auch den Ort, an dem die Bombe gebastelt wurde.� �Du schl�fst dich erst einmal aus.� �Ich wei� �brigens jemanden, der gern mitmachen w�rde.� �Noch einer, der lieber �berstunden schiebt, als zu Hause die Bude zu heizen?� �Martin Zander, ein Kollege vom KK�11. Sein Spitzname lautet Padre. Er kennt die Szene recht gut. Zander hat mal den hiesigen Rauschgift-Einsatztrupp geleitet. Wie lange es her ist, dass Rafis Bruder erschossen wurde, kann er dir auf den Tag genau herbeten.� �Padre? Ist der Typ etwa fromm?� Anna lachte auf. Veller riskierte einen l�ngeren Seitenblick. Er hatte sie erheitert. Es ging also doch. � Als Paul Veller das B�ro des LKA-Direktors betrat, konferierte der Beh�rdenleiter bereits mit Abteilungsleiter Meerhoff sowie einem �berraschend jungen Kerl mit Gelfrisur und Gr�bchen im Kinn, der als Einziger Krawatte trug � vermutlich der aus Karlsruhe angereiste Vertreter der Bundesanwaltschaft. Er wirkte, als sei er gerade mal drei�ig. Der Typ musste ein gnadenlos gutes Juraexamen gebaut oder noch bessere Beziehungen haben, wenn man ihn auf diesen Fall ansetzte, schoss es Veller durch den Kopf. �Da sind Sie ja�, begr��te ihn der Direktor und wies auf den Krawattentr�ger. �Herr Ludwig aus Karlsruhe.� H�ndesch�tteln, ein Stuhl am Besprechungstisch war noch frei. Veller zog seinen Bericht f�r das Ministerium aus der Tasche und reichte ihn dem Direktor, der sofort die ersten und die letzten Seiten �berflog. �Noch sehr d�nn�, kommentierte der Beh�rdenleiter. Veller fand, dass sein Chef urlaubsreif wirkte, fahl und mager. �So ist auch unser Erkenntnisstand�, antwortete Veller. Der junge Bundesanwalt fragte: �Hat sich Ihr Eindruck verfestigt?� Veller bejahte. �Au�er dem Material am Tatort fanden wir auf den Computern beider Marokkaner einschl�gige Verbindungsdaten ins Internet. Die Typen surften in letzter Zeit t�glich durch die Webseiten-Hitparade des militanten Islamismus. Sie hatten sich alle m�glichen Filmchen von Bin-Laden-Ansprachen heruntergeladen. Von ihren Familien hatten sich beide losgesagt, der eine vor drei Wochen, der andere vor wenigen Tagen. Auch das passt ins Muster. Der Konvertit hatte ebenfalls nur noch sporadischen Kontakt zu seiner Familie. Die Mutter ist eine v�llig verzweifelte Frau, die selbst zum Islam �bergetreten ist, nur damit die Verbindung zum Sohn nicht v�llig abriss. Dessen Entwicklung k�nnen wir einigerma�en nachvollziehen. Im Fall der Marokkaner sto�en wir bislang auf die �bliche Mauer des Schweigens.� �Also kein Anschlag von Neonazis?� �Daf�r gibt es nur eine sehr vage Spur, und die f�hrt bis jetzt nicht weiter.� �Und organisierte Kriminalit�t? Eines der Opfer hat eine einschl�gige Vergangenheit und ein paar Tage zuvor Heroin zum Kauf angeboten.� �Das ist auch der einzige Hinweis in diese Richtung. Wir gehen der Sache nach, aber �� �Halten wir fest: Die drei waren Islamisten.� �Sieht ganz danach aus.� �Also dringender Tatverdacht, gemeinschaftliche unerlaubte Herbeif�hrung einer Sprengstoffexplosion und Bildung einer terroristischen Vereinigung. Die Opfer sind demnach zugleich die T�ter, offenbar ein Fehler beim Bau der Bombe, sehe ich das richtig?� �Nein, hergestellt wurde der Sprengsatz woanders, wir wissen noch nicht wo.� �Dann eben ein Fehler bei der Lagerung.� �M�glich. Leider kennen wir bislang weder die Art des Sprengstoffs noch die des Z�ndmechanismus.� �Hinterm�nner, Handlanger, Komplizen?� �Kann sein, aber auch dazu ist es im Moment zu fr�h.� �Wann wird der Verletzte vernehmungsf�hig sein?� �Fr�hestens morgen, eher �bermorgen.� �Was war das Anschlagsziel?� �Ein Kinocenter. Es gibt einen Plan, in dem drei S�le angekreuzt sind.� �Drei S�le? Hei�t das, es gibt noch weitere Bomben?� Bedr�cktes Schweigen. Veller wandte sich an den Direktor. �Zwei, drei Leute mehr w�ren nicht schlecht.� Bevor der Beh�rdenleiter antworten konnte, piepste sein Handy und er ging ran. Nach wenigen Sekunden sprang er auf und postierte sich mit dem R�cken zu seinen Besuchern am Fenster. �Ja, Schatz�, war seine leise Stimme zu vernehmen. �Guten Flug! Umarm die Kleinen von mir. Wann ich nachkommen kann, wei� ich noch nicht.� Er steckte das Handy ein und kehrte zur�ck. �Sorry, meine Herren. Was wollen wir der Presse �ber die T�ter verraten?� �Kein Wort vom Kinocenter an die Medien!�, antwortete Meerhoff. �Die drei Kreuze auf der Skizze bleiben unter uns.� �Das sehe ich auch so�, stimmte der Bundesanwalt zu. �Ansonsten aber sorgt eine weitgehende Aufkl�rung der �ffentlichkeit daf�r, dass keine unangemessenen Spekulationen hochkochen. Je mehr Fakten wir nennen, desto g�nstiger ist das Bild, das wir als Sicherheitsbeh�rden abgeben.� �Aber denken Sie an die Eltern der T�ter, an die Mutter des Konvertiten. Wollen Sie, dass ab heute Abend die Fernsehkameras vor den H�usern dieser armen Leute postiert sind?� �Immer noch besser, als wenn sich die Medien auf uns einschie�en, weil wir mauern und den Eindruck von Unt�tigkeit oder Bollwerkmentalit�t erwecken. Das ist �brigens auch der Standpunkt der Bundeskanzlerin, die in engem Austausch mit meiner Chefin steht.� Damit hatte der junge Bundesanwalt die kurze Diskussion f�r sich entschieden. Der LKA-Direktor wandte sich an Veller, die blasse Stirn in Falten gelegt. �Wir m�ssen den Medien stets einen Schritt voraus sein. Wenn der Minister etwas aus der Presse oder dem Radio erf�hrt, was er nicht von uns hat, gibt�s ein Problem.� Veller nickte, er wusste Bescheid. Es ging um Posten und Prestige. Beim geringsten Ermittlungsfehler w�rden K�pfe rollen. Aber bevor ein Minister zur�cktrat, w�rde er nach S�ndenb�cken suchen � zuerst im Landeskriminalamt. Der Beh�rdenleiter stand auf und nahm eine Krawatte vom Garderobenhaken. �Sie werden �brigens morgen fr�h in Berlin erwartet, Herr Veller. Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum m�chte man Sie live erleben. Bundesminister Sch�uble wird an der Sitzung teilnehmen. Machen Sie uns keine Schande.� Es klopfte an der T�r, der Pressesprecher trat ein, behielt aber die Klinke in der Hand. �So voll habe ich den Saal noch nicht erlebt. Jede Menge ausl�ndische Korrespondenten. Sogar die Volksrepublik China hat ein Kamerateam geschickt.� Der Direktor des Landeskriminalamts band sich die Krawatte um. �Dann wollen wir mal.� 33. Die Bundesvorstandssitzung war f�r achtzehn Uhr anberaumt. Zwanzig Frauen und M�nner warteten auf die Parteivorsitzende, die sich noch immer nicht zur�ckgemeldet hatte. Es wurde getuschelt, Zeitung gelesen, telefoniert. Um Viertel nach sechs schlug Gesch�ftsf�hrer Gr�fe vor, ohne Carola Ott zu beginnen. Moritz kannte einige Vorst�ndler noch nicht. Er hatte ein langwieriges Palaver mit �berbleibseln des rechtsextremen Fl�gels erwartet, Kritik am neuen Kurs, Vorbehalte gegen ihn und Gr�fe. Doch auch die Repr�sentanten der zuletzt gegr�ndeten Landesverb�nde wirkten durchaus professionell und zogen am gleichen Strang, als h�tte die Bombenexplosion von letzter Nacht s�mtliche Eitelkeiten und Meinungsdifferenzen weggefegt. Zur Stunde waren bereits in mehr als drei�ig St�dten Demonstrationen angemeldet worden. Gr�fe begl�ckw�nschte Moritz zu der Idee. Der Anschlagsversuch bewegte die Republik, der geplante Aktionstag konnte nur ein Erfolg werden. Moritz staunte, wie weit der Parteiaufbau schon gediehen war. Keiner zweifelte daran, dass auch zur Bundestagswahl im n�chsten Jahr eine Liste der Freiheitlichen kandidieren w�rde. F�r die hei�e Phase des NRW-Wahlkampfs schlug Vorstandsmitglied Norbert Still einen zweit�gigen Kongress vor und hatte bereits einen Titel parat:�Angriff der Scharia � Behauptung der Freiheit.�Er stellte sich ein Tagungszelt auf der K�lner Domplatte vor, das Gotteshaus im R�cken und die geplante Zentralmoschee im Visier. Dazu wollte Still Vertreter ausl�ndischer Schwesterparteien einladen, die zum Teil seit L�ngerem in ihren nationalen Parlamenten vertreten waren. Als Still aufz�hlte, welche Leute er aufs Podium holen wollte, beschlich Moritz wieder ein mulmiges Gef�hl: Vlaams Belang, Lega Nord, FP� und Front National � die Aussicht, den franz�sischen Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen als prominenten Kongressredner nach K�ln zu holen, lie� Stills Augen hinter den Brillengl�sern gl�nzen. Zum Gl�ck fand der Vorschlag nur wenig Zuspruch, denn Gesch�ftsf�hrer Gr�fe wies auf die Kosten eines solchen Spektakels hin. Ein Arbeitskreis wurde gegr�ndet, der bis zur n�chsten Sitzung konkretere Pl�ne formulieren sollte � der Auftrieb der Rechtsau�en Europas war erst einmal auf die lange Bank geschoben. Moritz verteilte den Pressespiegel der letzten Tage und Ausdrucke des neuen Internetauftritts der Freiheitlichen, der auch als inhaltliche Richtschnur der Parteiwerbung dienen sollte. Er hatte s�mtliche Seiten neu getextet. Endlich waren sie frei von v�lkischem Geschwurbel, ausl�nderfeindlichen Plattit�den oder peinlicher Relativierung der deutschen Naziverbrechen. Rascher, als Moritz erwartet hatte, war die Sitzung beendet. W�hrend er die �brig gebliebenen Unterlagen einsammelte, sprach Simon Gr�fe ihn an: �Haben Sie heute Abend etwas vor?� Moritz dachte an Petra, die aber erst morgen zu Besuch kommen w�rde. �Warum fragen Sie?� �Im Haus eines Parteifreundes findet eine kleine Party statt. Freunde und m�gliche Spender, denen ich ein paar Schecks aus dem Kreuz leiern m�chte. Urspr�nglich hatte Frau Ott zugesagt, eine kleine Ansprache zu halten. Ich w�rde mich sehr freuen, wenn Sie einspringen k�nnten.� �Ich bin kein guter Redner.� �Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Kommen Sie, Herr Lemke. Sie kriegen das schon hin.� Als sie gemeinsam den Aufzug betraten, fragte Gr�fe: �Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wo Frau Ott stecken k�nnte?� �Ich hab den ganzen Tag versucht, sie zu erreichen.� �Ja, ich auch. Bei ihr zu Hause meldet sich nur die kleine Tochter oder ein Au-pair-M�dchen, das mit s��em Akzent meint, ich m�ge es sp�ter probieren.� �Wir sollten zur Polizei gehen�, sagte Moritz. �Wenn es bis morgen fr�h nicht ihr Mann getan hat, tun wir das�, stimmte Gr�fe zu. Die Aufzugkabine �ffnete sich im Untergeschoss. Die kahlen W�nde der Tiefgarage lie�en ihre Schritte hallen. �Ich muss st�ndig an Theo van Gogh denken�, sagte Moritz. �Sie meinen diesen niederl�ndischen Filmemacher? Den Typen, der von einem fundamentalistischen Fanatiker ermordet wurde? Wann war das � vor vier oder f�nf Jahren?� �Richtig. Van Gogh hatte �ffentlich den Islam kritisiert. Genau wie Carola gestern Abend im Fernsehen.� � Die Villa der van Straelens war in den Drei�igerjahren am Rand von Essen-Werden errichtet worden, ein wuchtiger Natursteinbau, die Fenster im Erdgeschoss waren vergittert. Schwarze Limousinen hatten die hell erleuchtete Auffahrt zugeparkt. Ausladende Magnolienstr�ucher bl�hten im Vorgarten. Ein paar Meter weiter fand Moritz eine gr��ere L�cke am Stra�enrand, in der auch Gr�fe sein Auto abstellen konnte. Sie stiefelten �ber den knirschenden Kies zum Eingang. Die Aussicht, eine Rede halten zu m�ssen, machte Moritz nerv�s. �Die van Straelens haben seit Generationen Nadeln hergestellt�, erkl�rte Gr�fe, �bis Max van Straelen in den Achtzigern die Fabrik verkauft und den Erl�s geschickt in Aktien investiert hat, was seinen Reichtum glatt verdoppelt hat. Diesen Mann juckt die jetzige Krise nicht im Geringsten. Er hat ein paar Leute des gleichen Kalibers eingeladen. Wenn wir sie �berzeugen k�nnen, dass den Freiheitlichen die Zukunft geh�rt, m�ssen wir uns um die Finanzierung des Wahlkampfs keine Sorgen mehr machen. Dann kann Norbert Still jede Woche einen Kongress veranstalten.� �Aber nicht mit dem Rassisten Le Pen�, antwortete Moritz. �Sehe ich auch so�, sagte Gr�fe und hob den T�rklopfer an. Im Inneren schellte es. Moritz wandte sich f�r einen Moment um. Tags�ber musste die Hanglage der Villa einen atemberaubenden Blick auf den Baldeneysee bescheren. Eine schlanke Dame mit faltigem Hals und rosig geschminkten Wangen �ffnete. Ganz in Schwarz gekleidet, eine Art Kaftan �ber einer Hose mit weit geschnittenen Beinen. Sie stellte sich als Gundula van Straelen vor und tat entz�ckt, als seien die Neuank�mmlinge alte Freunde des Hauses. In der Eingangsdiele war das Licht gedimmt, den Weg ins Wohnzimmer s�umten zahllose Windlichter. �Sie m�ssen entschuldigen�, bat die Hausherrin. �Sonst lassen wir zu Beginn unseres Jours fixe ein kleines Konzert auff�hren, aber heute bestand mein Mann darauf, den Fernseher einzuschalten.� Heimkino w�re der passendere Ausdruck gewesen. Etwa zwei Dutzend Leute hatten sich in dem d�mmrigen Raum versammelt. Von ihren Sofas und Sesseln aus verfolgten sie den ARD-Brennpunkt. Moritz blickte auf die Uhr: Er hatte noch nicht viel verpasst. Der imposante Flachbildschirm zeigte Bilder vom Explosionsort bei Tageslicht, aus dem gegen�berliegenden Haus aufgenommen. Zerst�rte Fensterscheiben und Polizeibeamte in wei�en Overalls, die auf dem Hof nach Spuren suchten. Dann folgte eine Chronologie ver�bter und vereitelter Anschl�ge seit dem 11. September 2001. Das Interview mit Konrad Rolfes h�tte nicht �berzeugender ausfallen k�nnen � auf fast jede Antwort erntete der Schriftsteller Beifall im Wohnzimmer der van Straelens. Als Rolfes erw�hnte, dass er wegen seiner Ablehnung der K�lner Zentralmoschee bereits Morddrohungen erhalten habe, musste Moritz erneut an Carola denken. Im letzten Beitrag ging ein Reporter der Frage nach, was junge Leute dazu trieb, Bomben zu bauen und Terrorakte zu begehen. Fotos zeigten Dennis S. aus Haan, einen fr�hlichen Jungen beim Badeurlaub am Meer. Dann als Yassin, grimmig und mit wildem Bart. Angeh�rige blieben wortkarg, Nachbarn �u�erten sich ratlos. Dennis hatte immerhin die Realschule absolviert, die anschlie�ende Lehre als H�rger�teakustiker aber abgebrochen. Ein ehemaliger Kollege nannte ihn �verschlossen, aber flei�ig�. Das Res�mee schien zu sein, dass es keine Erkl�rung gab. Ein braun gebrannter Mittsechziger erhob sich, offenbar der Hausherr, ein Schrank von einem Kerl mit einer Fernbedienung in der Hand. Der Flachbildschirm erlosch, zugleich wurde das Licht im Raum heller. �Ihr Lieben�, begann van Straelen, �ob der Idiot fr�her mal Dennis hie� und H�rst�psel verkaufte, ist mir ehrlich gesagt egal. Genauso wie es mir egal war, ob Gudrun Ensslin Pastorentochter war oder Andreas Baader mit f�nf noch ins Bett n�sste. Es wird immer mal wieder Spinner geben, denen unsere Gesellschaft nicht passt. Die sie mit Gewalt ver�ndern wollen. Wichtig ist nur, dass wir diese Leute rasch dingfest machen und m�glichst f�r immer wegsperren.� Die Stimme des Hausherren passte zu seiner Schrankfigur. Moritz stellte sich den Bariton einer Wagner-Oper vor. Ihm fiel ein, dass er den Mann schon einmal getroffen hatte: vor zehn Tagen im�Sheraton�am D�sseldorfer Flughafen. Gundula van Straelen mischte sich ein: �Unser Lieblings-Caterer hat ein paar H�ppchen zubereitet. Lasst es euch schmecken, meine Lieben.� Zwei junge Frauen trugen Tabletts von Gast zu Gast. Moritz sp�rte, wie hungrig er war, und griff zu. Lachs und Spargel, eingeh�llt in Maisfladen. �Meine Frau hat eingef�hrt, dass bei unserem Jour fixe junge Musiker auftreten. Aus aktuellem Anlass habe ich mir �berlegt, dass wir heute aber jemanden aus der Politik zu uns bitten. Wer mich kennt, der wei�, dass ich von unseren sogenannten Volksparteien nicht viel halte. Ich habe mich entschlossen, die Freiheitlichen zu unterst�tzen. Erst gestern konntet ihr Frau Ott-Petersen bei Beckmann erleben. Ich wei� nicht, ob das alle verfolgt haben. Also, von dieser mutigen Person k�nnte sich so mancher Politikdarsteller und Steuergeldverschwender in Berlin eine Scheibe abschneiden. Dass Frau Ott-Petersen an einem Tag wie diesem nicht so einfach mal zu uns nach Werden d�sen kann, ist selbstverst�ndlich. Aber ich freue mich, dass an ihrer Stelle der Bundesgesch�ftsf�hrer der Freiheitlichen unter uns weilt. Und wie ich h�re, Herr Gr�fe, haben Sie sogar noch jemanden aus Ihrer Parteizentrale mitgebracht.� Moritz schluckte rasch den Happen hinunter, an dem er kaute. �Ich bin nur der Buchhalter�, antwortete Gr�fe und zeigte sein bestes Vertreterl�cheln. �Aber Moritz Lemke, unser Mediendirektor und rechte Hand der Bundesvorsitzenden, wird Ihnen gern erkl�ren, was nach unserer Meinung die gebotene Antwort auf die schrecklichen Ereignisse der letzten Nacht sein muss.� Moritz deutete eine Verbeugung an und erntete schon vorab Applaus. Seine Nervosit�t war mit einem Mal verflogen. 34. In Liedberg endete die Ausbaustrecke. Am Ortsausgang zweigte ein geteerter Weg ab, der schnurgerade auf den Bauernhof zuf�hrte, den Benno Gr�ter und seine Frau bewohnten. Im Sommer war Zander zuletzt hier gewesen, denn jedes Jahr beging der Chef des KK�15 seinen Geburtstag mit Altbier vom Fass und einem Spanferkel. Wer sp�ter zu betrunken war, um nach Hause zu fahren, konnte mit Schlafsack und Isomatte in der Scheune kampieren. Zanders Einsatztrupp war stets eingeladen gewesen. Allerdings war im letzten Jahr fast die H�lfte der Mannschaft weggeblieben � die Ger�chte �ber den Maulwurf hatten bereits damals das Betriebsklima vergiftet. Regenpf�tzen und tiefe Fahrspuren im Matsch, der den Hof bedeckte. Zander parkte neben Gr�ters Gel�ndewagen. Er griff nach der Weinflasche, die er mitgebracht hatte, stapfte zum Hauptgeb�ude hin�ber und streifte den Dreck von den Schuhsohlen. Auf sein Klingeln �ffnete Lene, Gr�ters Frau, eine resolute Blonde, der man die vierzig nicht ansah. Sie arbeitete als Krankenschwester in einer Klinik im benachbarten M�nchengladbach. Als OP-Schwester, wie sie gern betonte. �Ist Benno da?�, fragte Zander. �In der Scheune�, antwortete Lene mit strengem Blick auf die Weinflasche. �Sag ihm, sein Schwager hat angerufen und erwartet seinen R�ckruf.� Zander ging hin�ber. Er brauchte jemanden zum Reden � der heutige Zusammenprall mit seiner neuen Chefin hatte ihn st�rker getroffen, als er es sich zun�chst eingestanden hatte.�Dein Verhalten stinkt zum Himmel und wird Konsequenzen haben�� als h�tte er nicht schon �rger mit Kripochef Engel. Vielleicht k�nnte Gr�ter ein Wort f�r ihn einlegen. Die Fl�gel des Scheunentors waren weit ge�ffnet. Zander trat ein. Die Beine des Kollegen ragten aus der Fahrert�r eines taubenblauen Mercedes, eines Heckflossenmodells aus den Sechzigern. Gr�ter werkelte und bemerkte ihn nicht. Zander r�usperte sich. �Nicht erschrecken, Benno, ich bin�s!� Der Angesprochene kletterte aus dem Auto, wechselte den Schraubendreher in die Linke und gab Zander die Hand. �Martin, was ist los mit dir?�, fragte er. �Du siehst aus, als h�ttest du den Krieg verloren.� Den dicken Verband hatte Zander abgerissen und durch ein Pflaster ersetzt. Darunter pochte die Wunde, vielleicht hatte sie sich entz�ndet. �Schicker Oldtimer�, sagte er. Der Autobastler klopfte auf das Blech. �Stell dir vor, f�r schlappe viertausend Euro. Hat einem Opa geh�rt, der ins Heim musste. F�hrt astrein, hatte blo� kein Radio. Ohne Dudelfunk w�rde Patrick nicht fahren. Den Benz kriegt er zum Abitur. Vorausgesetzt, er f�llt nicht durch.� �Wo steckt dein Sohn eigentlich? Ich hab ihn ewig nicht gesehen.� �Internat. Dort kriegen sie die Kids noch ans Lernen, und die Wahrscheinlichkeit, an falsche Freunde zu geraten, ist nicht ganz so hoch. Schlechte Zeiten, Padre, da hilft nur gute Erziehung.� Er deutete auf Zander. �Hab geh�rt, dass dir unsere Zielperson um die Ohren geflogen ist. Wie hie� er noch mal, Diouri?� Zander hob die Weinflasche. �Ich dachte, wir reden ein bisschen. Hast du einen �ffner?� Gr�ter warf den Schraubendreher in die Werkzeugkiste und wischte seine H�nde an der Hose ab. �Komm ins Haus.� � �Wirklich sch�n hier�, sagte Zander. Die Einrichtung des Wohnzimmers war ein kunterbunter Stilmix, strahlte aber Behaglichkeit aus. Viele Pflanzen: T�pfe mit Palmen und Bananen vor bodentiefen Sprossenfenstern, Schnittblumen auf dem Tisch. �Bei Tag schaut man bis auf den Liedberg�, erwiderte Gr�ter. Zander nickte. Mit gut f�nfzig Metern H�he z�hlte der H�gel zu den Giganten am Niederrhein. Sein fr�herer Chef hatte den Korkenzieher gefunden, lie� sich �chzend auf der Ledercouch nieder und machte sich an der Flasche zu schaffen. �Ich wei� gar nicht, ob der Wein noch taugt�, sagte Zander. �Hab ich im Keller gefunden.� Fast zehn Jahre eingelagert. Beate hatte Rotwein ebenso gemocht wie die Toskana. Zanders Schwager hatte ihr deshalb zum Vierzigsten eine Kiste Chianti geschickt. Der letzte Geburtstag, den sie erlebt hatte. Die verstaubte Holzkiste war bis heute nicht ge�ffnet worden. Mit dieser Geschichte wollte Zander den Kollegen allerdings nicht behelligen. �Fattoria Felsina�, las Gr�ter vom Etikett. �Chianti Classico Riserva Rancia, Jahrgang 95.�Nicht schlecht, Herr Specht.� Der Korken l�ste sich mit leisem Quietschen. Gr�ter roch daran, ganz der Kenner. Zander fiel auf, dass der Kollege die gleiche Uhr am Handgelenk trug wie er, zumindest eine �hnliche Kopie des gleichen Modells. Vielleicht ebenfalls aus Bangkok, dachte Zander. Gr�ter schenkte ein, schwenkte sein Glas, schnupperte und nippte. �Erstklassig.� �Ein Friedensangebot�, erkl�rte Zander. �F�r den Fall, dass du auch der Meinung bist, ich h�tte gestern Mist gebaut.� �Ach was.� �Ela Bach, die bl�de Zicke, hat mich zur Sau gemacht.� �Ist Thann auch zum Tatort rausgefahren?� �Ja. Wetten, dass Ela ihre Schnauze nur deshalb so weit aufgerissen hat, weil sie glaubte, Thann erwarte das von ihr? Arschl�cher, die mir sagen, wie ich meine Arbeit machen soll, sind das Letzte, was ich brauche. Vor allem, wenn neben mir gerade eine Bombe hochgegangen ist. Warum fragst du nach Thann?� �Weil er tats�chlich ziemlich sauer war.� �Dann stehe ich also bei s�mtlichen Obermuftis auf der Abschussliste.� Zander nahm einen gro�en Schluck. �Bei wem denn noch?�, wollte Gr�ter wissen. �Beim Kripochef, dem Stinker. Er h�lt mich f�r den Maulwurf. Oder glaubt, ich w�rde den Maulwurf decken.� �Engel? Der hat sie wohl nicht mehr alle!� �Am liebsten w�rde ich wieder in deiner Dienststelle arbeiten, Benno.� Alles in allem war es eine gute Zeit gewesen, dachte Zander. Gr�ter hatte den Einsatztrupp an der langen Leine gef�hrt. Wollte gelegentlich Bescheid wissen, mischte sich aber nicht ein. Mit einem solchen Chef konnte man leben. Gr�ter hob bedauernd die H�nde. �Du wei�t, dass das nicht geht.� Ja, das war Zander klar. Die Mannschaft des Einsatztrupps war auf die unterschiedlichsten Dienststellen verteilt worden. Alles, nur nicht Rauschgift. Gr�ter erg�nzte: �Bin wom�glich gar nicht mehr lange Chef des KK�15.� �Wieso das denn?� �Dr�ck mir die Daumen. Habe mich f�r den Lehrgang zum h�heren Dienst beworben. Am Montag erfahre ich, ob�s klappt.� Lene steckte den Kopf zur T�r herein. �Du sollst deinen Schwager zur�ckrufen.� �Morgen�, antwortete Gr�ter. �Der Gute nervt.� Zander fragte: �Muss ich dich siezen, wenn du als Polizeirat aus Hiltrup zur�ckkehrst?� �Denkst du so �ber mich?� �Hey, war nur ein Scherz. Ich dr�ck dir die Daumen, dass du Karriere machst und Engel als Kripochef abl�st.� �Langsam, langsam. Erst einmal muss ich die Zulassung zum Lehrgang schaffen.� �Klar schaffst du das.� Gr�ter wollte nachgie�en, doch Zander hielt die Hand �ber das Glas. Heute hatte er keinen Schlafsack dabei. Er r�usperte sich und fragte: �Hast du dir in letzter Zeit noch einmal �berlegt, wer unsere Razzien bei Noureddine Diouri verpfiffen haben k�nnte?� Die Stirnfalten des Rauschgiftchefs kr�uselten sich. �Du kommst nicht los von der Geschichte, was?� Zander zuckte mit den Schultern. Dadurch, dass Schmiedinger, der alte Hehler, ihn an Engel verpfiffen hatte, war er zur Marionette des Kripochefs geworden:�Sollten Sie den Maulwurf nicht finden ��� er hatte nur noch drei Tage. �Meine ehrliche Meinung?�, fragte Gr�ter. Zander nickte. Deshalb war er hergefahren. �Keiner�, sagte Gr�ter. �Die internen Ermittler haben den gesamten Trupp aufs Korn genommen und nichts festgestellt. Allm�hlich bin ich der Meinung, dass es keine undichte Stelle gegeben hat. Diouri war einfach zu schlau.� �Glaubst du wirklich?� Sein fr�herer Vorgesetzter breitete die Arme aus. �Das hei�t, ich war zu doof�, folgerte Zander. �Unsinn, Martin. Bist ein klasse Ermittler, und das wei�t du genau. Hast Erfahrung und kennst die Stadt wie kein anderer. Du l�sst dir von niemandem etwas vormachen.� �Bis zu Ela Bach hat sich das noch nicht herumgesprochen.� �Solltest vielleicht deine Methoden anpassen. Das KK�11 ist nicht der Einsatztrupp.� �Das hat meine neue Partnerin auch gesagt.� �H�bsches Ding. Wie ist sie so?� �H�r auf, Benno. Ich k�nnte ihr Vater sein.� �Hast du nach dem Tod von Beate nie daran gedacht, dich mal wieder mit einer Frau zusammenzutun?� �Benno, jetzt reicht�s. Ich bin zu alt, um mir auf diesem Gebiet Ratschl�ge erteilen zu lassen.� Zanders Handy vibrierte und gab einen kurzen Laut von sich. Er holte es hervor.�Neue Nachricht. Er las die SMS: Ela Bach teilte ihm mit, dass er sich morgen fr�h beim Landeskriminalamt einfinden solle, um gemeinsam mit Anna Winkler die Ermittlungskommission zu verst�rken, die ein gewisser Paul Veller leite. Kein weiterer Kommentar. Zanders Magen zog sich zusammen. Es gen�gte, die Zeilen der Zicke und ihren Namen zu lesen. �Kennst du einen Paul Veller beim LKA?�, fragte Zander. �Fl�chtig, von einer Fortbildung. So ein Sportwagentyp, wenn du verstehst, was ich meine. Wieso fragst du?� Zander hielt das Handy hoch. �Ich soll an der Bombensache mitarbeiten.� �Hey, zusammen mit der h�bschen Anna. Gratuliere!� Gr�ter grinste und unternahm einen zweiten Anlauf, die Gl�ser zu f�llen. Dieses Mal gab Zander nach. 35. �Wir sind nicht islamfeindlich�, erkl�rte Moritz zum Schluss seiner improvisierten Rede und stellte fest, dass es keinen im Raum gab, der ihm nicht gebannt zuh�rte. �Aber wir wehren uns dagegen, dass die Angst vor der Islamisierung Europas zum Tabu erkl�rt wird. Nach einer Studie des Hamburger Rothenbaum-Instituts sind sechzig Prozent der Bev�lkerung der Ansicht, muslimische Kultur und westliche Gesellschaft passten nicht zusammen. Wir sind die einzige Partei, die diese Sorgen ernst nimmt und ausspricht. Wo k�men wir hin, wenn Kritik am Islam in diesem Land nicht mehr erlaubt w�re!� Der Applaus war kurz, aber heftig. Ich kann es tats�chlich, staunte Moritz. Der Hausherr legte den Arm um ihn, ein Blitzlicht flammte auf. �F�r unser G�stebuch�, erkl�rte Gundula van Straelen, pr�fte auf dem Display ihrer Kamera, ob das Foto gelungen war, und zeigte es den beiden Abgelichteten. �Max und Moritz�, bemerkte ihr Mann gut gelaunt. Parteigesch�ftsf�hrer Gr�fe verteilte Mappen mit Bettelbrosch�ren, Werbekugelschreibern und �berweisungsformularen. Im Vorbeigehen zeigte er Moritz den erhobenen Daumen. Die G�ste diskutierten, was Moritz gefordert hatte: Zuzugsstopp f�r Muslime, Internierung aller Verdachtspersonen, Einschr�nkung von Freiheitsrechten zugunsten der Sicherheit � denn der Schutz von Leben und Unversehrtheit war die Grundlage jeder Freiheit. �Gestern noch h�tte ich mich gegen all das gewehrt�, vernahm Moritz eine Stimme, die er kannte: Gerhard Schulte, sein fr�herer Chef beimK�lner Kurier,�der als Programmdirektor H�rfunk zum WDR gewechselt war. �Achtundsechzigersozialisation. Bin ich gottlob frei davon�, antwortete ein Mann, der mit Oberlippenbart und B�rstenschnitt aussah wie ein Polizeibeamter vergangener Zeiten: Gernot Hagedorn, Schultes Nachfolger beim�Kurier�� Moritz verband ungute Erinnerungen mit diesem Mann. Dritter im Bunde war Alex Vogel vom�Blitz.�Geballte rheinische Medienmacht, dachte Moritz und sch�ttelte H�nde. Hagedorns Pranke zu greifen, kostete ihn �berwindung. Der�Kurier-Chef tat, als erinnerte er sich nicht daran, Moritz gefeuert zu haben. �Welch ein Zusammentreffen publizistischen Geistes�, schmeichelte Moritz und wandte sich an Schulte, den WDR-Programmdirektor. �Mir geht es �brigens ganz genauso. Fr�her haben wir mit Leidenschaft gegen jeden Anschein rechtspopulistischer Tendenzen gewettert, doch heute wissen wir, dass es die liberalen Gutmenschen sind, die einem historischen Irrtum aufsitzen.� �Neue Probleme, neue Antworten�, stimmte Schulte zu. �Wann haben Sie eigentlich den�Kurier�verlassen?� �Kurz nach Ihnen.� �Was, wir haben Sie ziehen lassen?�, wunderte sich Hagedorn. �Welch ein Fehler! Haben Sie ein K�rtchen von sich?� Der Kerl erinnerte sich tats�chlich nicht mehr. In seiner Anstrengung, eine seri�se Regionalzeitung, die der�Kurier�einmal gewesen war, in eine hochrentable Anlage f�r Kapitalbesitzer umzumodeln, hatte Hagedorn offenbar zu vielen Mitarbeitern die Existenz verhagelt, als dass er sich noch an Einzelne erinnern konnte. Moritz verteilte seine neuen Visitenkarten. Hagedorn w�hlte zum Austausch sein St�ck Pappe aus dem Portemonnaie, dr�ckte es Moritz in die Hand und erkl�rte: �Sollten die Freiheitlichen, was ich Ihnen wirklich nicht w�nsche, wider Erwarten scheitern und Sie, Herr, �h, Lemke, sich ver�ndern wollen, dann m�ssen Sie mich unbedingt anrufen. Ein Politikchef Ihres Verstandes und Formats w�rde meinem Blatt gut zu Gesicht stehen.� �Oder unserem Sender�, mischte sich Schulte ein. �Chefredakteur unserer Info-Welle, wie w�r�s, Herr Lemke?� Auch der WDR-Mann gab ihm sein K�rtchen. Moritz steckte es ein und fragte Vogel: �Und was haben Sie f�r mich?� Die Medienbonzen lachten. In diesem Moment rief Gr�fe: �Kommen Sie, Herr Lemke, der Hausherr will uns etwas zeigen!� Moritz entschuldigte sich bei seinen Gespr�chspartnern und folgte dem Bundesgesch�ftsf�hrer der Freiheitlichen. Auf dem Flur fl�sterte Gr�fe ihm zu: �Machen Sie einfach nur gute Miene zum schaurigen Spiel, das jetzt kommt. Heucheln Sie Interesse, so gut es geht. Bei Gott, diese Leute haben ein Rad ab, aber sie sind steinreich und haben Verbindungen!� � Dass Moritz die Luft anhielt, lag zun�chst am Qualm. Max van Straelen verteilte Zigarren und erkl�rte, er wolle die neu installierte Brandbek�mpfungsanlage testen. Auf den ersten Blick hielt Moritz den fensterlosen, achteckigen Raum f�r eine Art Bibliothek. Gerahmte Fotos an der Wand, alte B�cher in Schr�nken hinter Glas, Vitrinen unterschiedlicher Gr��e und ein paar bequeme Sessel. Moritz revidierte seinen Eindruck. Es war ein Kuriosit�tenkabinett. Aus einer Ecke starrte ein ausgestopfter Sch�ferhund her�ber. Die Vitrine daneben zeigte eine kopflose Kleiderpuppe, die einen grauen Mantel mit Metallkn�pfen und breiten Kragenaufschl�gen trug. Eine rote Binde am linken �rmel sprang Moritz ins Auge. Und das, was aufgedruckt war: ein Hakenkreuz � also davor hatte Gr�fe ihn gewarnt. Daneben ein Kasten, den ein schwarzes Tuch bedeckte. Als warte das j�ngste Ausstellungsst�ck auf seine feierliche Enth�llung. Offenbar hatte van Straelen Moritz� Verunsicherung bemerkt, denn er trat neben ihn und erkl�rte mit seiner Baritonstimme: �Vermutlich haben Sie noch nichts von meinem kleinen Museum geh�rt. Aber Sie werden mir zustimmen, dass man kein Nazi sein muss, um der Geschichte Respekt zu zollen. Meine Devise lautet, dass man das Vergangene begreifen sollte, um die Zukunft zu meistern. Das hier�, er deutete auf das graue Ding mit der Armbinde, �ist Hitlers Mantel. Der F�hrer trug ihn am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze. Ein Verwundeter wurde damit bedeckt, weshalb Stauffenberg den Mann f�r Adolf Hitler hielt und irrt�mlich seinen Mitverschw�rern meldete, das Attentat sei gegl�ckt.� �Hitler selbst trug diesen �� �Ja, sicher. Ich sammle ausschlie�lich Originale.� �Und der Hund? Ist das �� �Nein, das ist nicht Blondi, sondern Wolf, Blondis Sohn.� Van Straelen b�ckte sich und kraulte das Fell zwischen den Ohren, als lebte der Sch�ferhund noch. �Blondi wurde von russischen Soldaten verbrannt, wie Eva und Adolf Hitler auch. Der F�hrer hatte Blondi Zyankali verabreicht, quasi zu Testzwecken, bevor er und Eva selbst die Kapsel nahmen und er sich zus�tzlich in die rechte Schl�fe schoss. Wolf dagegen �berlebte und wurde nach Moskau verbracht. Stalin erschoss ihn eigenh�ndig und lie� den Kadaver pr�parieren.� Hagedorn schl�pfte durch die T�r herein. �Kommt noch jemand?�, fragte der Hausherr. Hagedorn verneinte, van Straelen trat zum verh�llten Kasten und griff nach dem Stoff. �Dann wollen wir mal.� Ein brusthoher Sockel wurde sichtbar, auf dem eine Glashaube sa�. Was sie sch�tzte, konnte Moritz zun�chst nicht erkennen. Ein Raunen ging durch die Versammlung. Im Schein der Deckenleuchte schimmerte eine elfenbeinfarbene Schale. Unregelm��ig geformt, zerbrochene R�nder. �Ist das�er?�, fragte jemand ehrfurchtsvoll. Moritz erkannte, dass es sich um das St�ck eines Sch�dels handelte. Oberhalb des gezackten Rands war ein Einschussloch zu sehen. Der Gastgeber erkl�rte: �Dieses Fragment wurde Anfang 1946 bei Grabungen der Roten Armee vor dem Bunker der Reichskanzlei entdeckt, zusammen mit einem St�ck vom Kieferknochen. Stalin pflegte beides in seinem Schreibtisch im Kreml aufzubewahren. Wie der ausgestopfte Hund, so diente ihm auch Hitlers Sch�del als sichtbares Symbol seines Triumphes �ber Deutschland.� �Mein Gott, der F�hrer�, entfuhr es einer korpulenten Frau, die einen auff�llig roten Schal um den Hals geschlungen hatte. Van Straelen fuhr fort: �Vor neunzehn Jahren habe ich erstmalig von der Existenz des Sch�delfragments erfahren. Zum f�nfundvierzigsten Jahrestag des Sieges �ber Deutschland gab es n�mlich in Moskau eine Ausstellung, die es neben anderen Memorabilien pr�sentiert hat. Ich h�tte zu gern auch den Kieferknochen erstanden, doch den hat mir leider ein britischer K�ufer weggeschnappt.� Der Hausherr b�ckte sich nach einem flachen Paket und begann, das Papier zu entfernen. �Dieses Teil ist im Vergleich dazu von geringerer Bedeutung, aber die Bieterschlacht war �berraschend heftig.� Wieder hielten die G�ste den Atem an. Van Straelen packte ein Bild aus. Klein, etwa drei�ig mal zwanzig Zentimeter. Ein Aquarell. Moritz trat n�her. Grobe Pinselstriche und verlaufende Farbfl�chen skizzierten einen Mann mit Hut, Kniebundhosen und hochgekrempelten Hemds�rmeln, der in einer Feuerstelle stocherte. Den Hintergrund bildete eine karge Landschaft, zwei B�ume, fast nur angedeutet � ihre Formen �hnelten der Rauchwolke, die vom Feuer aufstieg. K�nstlerisch nicht gerade herausragend, fand Moritz. Doch der Stolz auf die Zeichnung war dem Gastgeber anzusehen. �Mann mit Rauchstab�, erkl�rte van Straelen. �Vermutlich von 1911. Signiert mit seinen Initialen. Ein seltenes Bild, denn es unterscheidet sich stilistisch von den Landschaftsbildern und Stadtansichten, die er sonst gemalt hat.� Die Frau mit dem roten Schal verlie� fluchtartig das Zimmer. Van Straelen blickte irritiert hinterher, dann fuhr er fort: �Letztlich war der Preis �berh�ht, aber mich hatte das Fieber erwischt. Ich musste dieses Bild einfach haben.� Zustimmendes Gemurmel, Gratulationen. Van Straelen h�ngte das Aquarell an einen Wandhaken. Moritz erinnerte sich an die falschen Hitler-Tageb�cher, die der�Stern�in den Achtzigern als Sensation pr�sentiert hatte. �Und der Sch�del�, fragte er, �haben Sie den auch ersteigert?� �Nein, Herr Lemke, f�r solche St�cke gibt es keine Auktion. Da brauchen Sie Beziehungen. Vor einiger Zeit habe ich den damaligen Bundeskanzler auf einer Russlandreise begleitet. Dabei konnte ich gewisse Kan�le nutzen, um mich nach dem Verbleib des Fragments zu erkundigen. Und siehe da, der russische Staat hatte kein Interesse mehr daran. Es hat allerdings einige Zeit gedauert, bis meine Ansprechpartner und ich uns handelseinig wurden.� Die Frau mit dem Schal kehrte zur�ck, einen rundlichen Mann mit halbmondf�rmigen Brillengl�sern im Schlepptau, der sofort das Gem�lde ansteuerte und sich dann vor van Straelen aufbaute. Moritz kam der Mann bekannt vor. �Du�hast mir also den Hitler weggeschnappt!� �Nicht doch, Gisbert. Wie konnte ich wissen, dass du mitgesteigert hast?� Nat�rlich sind die Bieter anonym aufgetreten, �berlegte Moritz. Bei diesem Maler w�re es jedem K�ufer peinlich, namentlich bekannt zu werden. Der Dicke klang immer noch pikiert. �Gl�ckwunsch, Max! Du hast trotzdem einen guten Deal gemacht. Im Original kommen die Farben erst richtig zur Geltung. Und die Pinself�hrung! Nicht zu fassen, dass die Wiener Akademie diesen K�nstler abgelehnt hat!� Jetzt fiel es Moritz ein: Der Mann war Gisbert Valery, Ingenieur und Betreiber eines Planungsb�ros, das den Bau der D�sseldorfer LTU-Arena wie auch der j�ngsten Rheinbr�cke geleitet hatte. Ein Unternehmer mit Einfluss, der bislang als felsenfester Anh�nger der CDU gegolten hatte � dass Valery zu diesem Jour fixe erschienen war, erstaunte Moritz. Er blickte sich um. Wirtschaftskapit�ne und ihre Gattinnen himmelten Nazireliquien an. Medienbosse bekamen leuchtende Augen. Moritz versuchte, es pragmatisch zu sehen. Diese Leute standen f�r Geld, das die Freiheitlichen f�r ihren Wahlkampf ben�tigten. Du bist Profi. Eine junge Frau mit Sch�rze verteilte Aschenbecher, damit die Raucher ihre Stummel entsorgen konnten. Van Straelen rief: �Von wegen todsicheres Brandbek�mpfungssystem! Ich wusste es: Der Architekt hat Mist gebaut!� � Moritz a� im Wohnzimmer noch einen Happen, dann beschloss er, sich zu verabschieden. Ihm schwirrte der Kopf. Er brauchte dringend frische Luft und war reif f�r sein bescheidenes Bett in K�ln-Ehrenfeld. Van Straelen fing ihn ab. �Herr Lemke, wir brauchen Ihren Rat.� Der Hausherr stand mit Ingenieur Valery und Chefredakteur Hagedorn zusammen. �Ist Ihnen Borghild ein Begriff?� Nach den Eindr�cken in van Straelens Privatmuseum konnte Moritz den Namen sofort zuordnen. Vor ein paar Jahren war Borghild durch die Presse gegeistert, zumindest�taz�und�FAZ�hatten ein schr�ges Ger�cht kolportiert:�die Nazisexpuppe.�Angeblich habe SS-Chef Heinrich Himmler Anfang der Vierziger beim Dresdner Hygieneinstitut die Entwicklung einer m�glichst lebensechten Puppe in Auftrag gegeben. Sie sollte in Serie gehen und der Triebabfuhr dienen, damit sich die Wehrmachtssoldaten in den besetzten Gebieten nicht l�nger beim Bordellbesuch den Tripper holten. Geheime Reichssache, penible Forschungen. Als Modell f�r Borghild hatte Himmler sogar Filmstars casten lassen, wie es hie�. Nach der Niederlage von Stalingrad habe man die Arbeit an der Puppe jedoch eingestellt. Eine herrliche Story � nichts davon war jemals best�tigt worden. �Ich habe davon geh�rt�, gab Moritz zu. �Es soll einen Prototypen gegeben haben, der aber beim Luftangriff auf Dresden vernichtet wurde.� �Laut meinen Gew�hrsleuten waren es zwei Prototypen�, raunte Gisbert Valery. �Eine blonde Variante und eine dunkle. Aus Umfragen wusste die SS n�mlich, dass der Landser eher den exotischen Typ bevorzugte. Borghild zwei, also die Dunkle, wurde nach Berlin geschafft, um sie Himmler zu zeigen.� Der Dicke legte eine Kunstpause ein und lugte �ber seine Halbbrille. �Sie soll den Krieg �berdauert haben!� Moritz bemerkte, wie Hagedorn die Augen verdrehte � der�Kurier-Chef hielt ebenso wenig von dem Ger�cht wie er. �Das w�re etwas f�r mein Museum�, warf van Straelen ein. �Nichts da!�, widersprach Valery. �Du schnappst mir nicht auch noch die Puppe weg!� Van Straelen fragte: �Was meinen Sie, Herr Lemke, k�nnte der Prototyp echt sein oder nicht?� �Borghild ist ein Fake�, warf Hagedorn ein. �Ein Scherz im Internet, nichts weiter. Da will Ihnen nur jemand das Geld aus der Tasche ziehen.� �Ihre Meinung kennen wir, Herr Hagedorn. Ich habe Herrn Lemke gefragt.� Moritz erkannte, dass zumindest Valery keine Warnung h�ren mochte. Die Sammelleidenschaft strahlte aus seinem Gesicht. Moritz beschloss, sich den dicken Ingenieur gewogen zu halten. �Wo soll sich der zweite Prototyp befinden?�, fragte er. �Im Ausland�, antwortete Valery. �Genauer m�chte ich nicht werden. Ein Chemiker, der an der Erforschung neuer Kunststoffe arbeitete und ma�geblich an Borghilds Entwicklung beteiligt gewesen war, ging nach 1945 in die Sowjetunion, wo man ihn als Spezialist in der Raumfahrtindustrie besch�ftigte. Er brachte den Prototyp mit. W�hrend einer von Stalins S�uberungswellen fiel der Mann in Ungnade und ein Armeegeneral riss sich Borghild unter den Nagel. Sie verstaubte in seinem Ferienhaus am Schwarzen Meer. Nach dem Tod des Generals erwarb ein russischer Oligarch das Haus und entdeckte die Puppe, wusste zun�chst aber nichts mit ihr anzufangen. Schlie�lich gelang es ihm, anhand einer Typenbezeichnung auf der rechten Fu�sohle Borghilds Herkunft zu entschl�sseln.� �Und?�, fragte van Straelen noch einmal. �Ein Scherz, oder nicht?� �Ich w�rde nicht die Hand daf�r ins Feuer legen, aber �� �Aber?�, wiederholte Valery ungeduldig. �Aber angesichts der F�lle der Details klingt die Geschichte ziemlich glaubw�rdig�, sagte Moritz. �Danke!� Valery dr�ckte ihm die Hand, seine Stimme zitterte vor Ergriffenheit. �Den n�chsten Jour fixe veranstalten wir bei uns, Herr Lemke. Sie m�ssen unbedingt auch meine Sammlung besichtigen.� � Moritz schaffte es endlich, sich loszueisen. Vor der Garderobe stie� er zu seiner �berraschung auf Bucerius, den Baul�wen, der sich mit einem Unbekannten unterhielt. Die beiden legten gerade ihre M�ntel ab. Bucerius wippte auf den Zehen, als er Moritz begr��te: �Wie war�s?� �Ich glaube, Gr�fe hat einige Schecks einsammeln k�nnen.� �Und Sie wollen schon gehen?� Moritz antwortete: �Wenn Sie mich nicht mehr brauchen��� �Nein, vielen Dank.� Bucerius t�tschelte seine Schulter. �Wir haben nur ein paar gesch�ftliche Dinge mit van Straelen zu bereden.� Moritz fand seinen Trenchcoat und verlie� die Villa. Vor der Zufahrt bemerkte er zwei Mercedes-Limousinen der S-Klasse, die zuvor noch nicht hier geparkt hatten. Drei Typen standen herum und glotzten Moritz an, stiernackig und misstrauisch. Jeder von ihnen trug im Ohr einen St�psel, an dem ein Spiralkabel hing, das unter dem Mantelkragen verschwand. Ein vierter Kerl kam hinter einer Buchsbaumhecke hervor und verschloss den Rei�verschluss seiner Hose. Leibw�chter � in einem Nazifilm k�nnten sie Gestapo-Schergen spielen, dachte Moritz und beschleunigte seinen Schritt. � Mittwoch, 18. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: BOMBE IN OBERBILKER HINTERHOFMOSCHEE � ZWEI TOTE, EIN SCHWERVERLETZTER K�lner Kurier: EXPLOSION IN D�SSELDORF � MUTMASSLICHE ATTENT�TER SPRENGTEN SICH SELBST IN DIE LUFT Blitz: TERRORBANDE PLANTE HEILIGEN KRIEG GEGEN DEUTSCHLAND! 36. Der Flug Nummer LH�246 nach Berlin startete p�nktlich um zwanzig vor sieben. Die Stewardess, die den Sitz der Anschnallgurte kontrollierte, l�chelte Veller an, als ob sie sich kennten. Doch zuletzt war er vor eineinhalb Jahren mit Lufthansa geflogen, ebenfalls auf dieser Strecke � zu jener Zeit hatte die Sauerlandgruppe die Sicherheitsbeh�rden auf Hochtouren gebracht und ein Meeting das n�chste gejagt. Sein Magen knurrte, aber Veller musste lernen, dass Deutschlands gr��te Fluggesellschaft das Bordfr�hst�ck auf Inlandsfl�gen gestrichen hatte. Nicht einmal einen Keks gab es zum Kaffee. Ihr L�cheln kann sich die Tussi mit dem gelben Halstuch sparen, dachte Veller. Er vertiefte sich in seine Akten, denn er wollte gut vorbereitet sein. � Eine Stunde sp�ter trat er vor dem Terminal A des Flughafens Berlin-Tegel ins Freie und sah sich nach einem Taxi um. Eine Schlange hatte sich gebildet, an ihrer Spitze stritten sich zwei Frauen im Businesskost�m um das einzige freie Fahrzeug. Willkommen in der Hauptstadt. Veller schaltete sein Handy ein und tippte den PIN-Code. Ein Klingeln � die Mailbox. Dombrowski, der Aktenf�hrer, hatte eine Nachricht hinterlassen. Veller tippte die Eins ins Handy und h�rte sie ab. Hallo, Paul, Stefan hier. Da stimmt etwas nicht mit den Verbindungsdaten. Ruf mich zur�ck, sobald du gelandet bist. Endlich rollten Taxis in gr��erer Zahl von ihrem Warteplatz auf der unteren Etage heran. Veller konnte einsteigen und sagte zum Fahrer: �Am Treptower Park, die alte Kaserne.� Dombrowskis Nummer war besetzt. Aus der Audioanlage des Taxis dudelte der penetrante Jingle eines Privatsenders, dessen Name eine Zahl mit einer Neun hinter dem Komma war. Ein bestens gelaunter Moderator forderte die Berliner auf, sich das Logo des Senders ans Auto zu kleben. Dann g�be es etwas zu gewinnen. �Sie m�ssen sich anschnallen, junger Mann�, brummte der Fahrer von vorn. Junger Mann,�das fehlte noch. Veller rief Anna Winkler an. Sie wusste nicht, was Dombrowski herausgefunden hatte. �Haben wir weitere Verst�rkung bekommen?�, fragte Veller die Kollegin. �Ja. Martin Zander, von dem ich dir erz�hlt habe.� �Der Padre.� �Genau. Er kennt die Diouri-Familie und wird gleich mit Rafis Schwester reden.� �Ich m�chte, dass du dabei bist.� �Aber ich habe um neun die Vernehmung der Boussoufa-Schw�gerinnen.� �Dann fahrt ihr eben danach zu Fatima Diouri. Bis dahin kann sich Zander in den Fall einlesen.� Veller hatte sich �ber den Kollegen erkundigt. Sein Rauschgift-Einsatztrupp war wegen angeblicher Unregelm��igkeiten aufgel�st worden. Anna hatte ihn zwar als zuverl�ssigen Ermittler geschildert und er brauchte jeden Mann. Aber ihm war wohler, wenn Zander keine Alleing�nge unternahm. �Denkt daran�, erg�nzte Veller, �dass ich etwas Schriftliches auf dem Tisch haben will, wenn ich gegen eins zur�ck bin.� Ein zweiter Versuch bei Dombrowski, diesmal auf dem Mobiltelefon. Der Kollege ging nicht ran. Veller hinterlie� auf der Mailbox, dass er nun gelandet und zu erreichen sei. Drau�en flog das Ufer des Landwehrkanals vorbei. Es ging in den Ostteil der Stadt. �Junger Mann ��, begann der Fahrer noch einmal. �Schon gut�, sagte Veller und st�pselte f�r die letzten Kilometer den Gurt ins Schloss, um eine Diskussion zu vermeiden. � Die klobigen Gem�uer stammten aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und standen unter Denkmalschutz. Graue Natursteinfassaden, eine fr�here Kaserne des kaiserlichen Telegrafenbataillons, wie Veller wusste. Zur NS-Zeit waren auf dem Gel�nde Waffen erprobt worden, dann zog die Rote Armee ein, sp�ter eine Politoffiziersschule der DDR-Volkspolizei. Geschichte interessierte Veller � der Wandel der Zeiten und Machthaber, ihre Schattenseiten und Abst�rze. Seit der Vereinigung geh�rte die Liegenschaft der Bundeswehr. Zun�chst hatte man Asylbewerber darin untergebracht, schlie�lich einen Teil des Bundeskriminalamts, darunter die Abteilung f�r religi�s motivierten Terrorismus, die zuvor im rheinischen Meckenheim residiert hatte. Weitere Geb�ude wurden gerade renoviert, die Bauarbeiter mussten sich in G�ngen aus Maschen- und Stacheldraht bewegen, die Veller an Bilder aus Guant�namo erinnerten. Im Jahr 2004, wenige Monate nach den Bombenanschl�gen auf vier Madrider Vorortz�ge, bei denen 191 Menschen get�tet worden waren, hatte die Bundesregierung in der Kaserne auch das �Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum��eingerichtet, kurz GTAZ genannt, das Herzst�ck der Bek�mpfung des islamistischen Terrorismus in Deutschland � zumindest pflegte es der Bundesinnenminister voller Stolz so zu bezeichnen. Das Besondere am GTAZ war, dass hier nicht nur gut einhundert Polizisten des BKA arbeiteten, sondern auch ebenso viele Schlapph�te des Bundesverfassungsschutzes. Daneben gab es Verbindungsb�ros der Landeskriminal�mter sowie der Landesbeh�rden f�r Verfassungsschutz. Und schlie�lich mischten Bundesnachrichtendienst und Milit�rischer Abschirmdienst mit, Zollkriminalamt, Bundespolizei, das Bundesamt f�r Immigration sowie die Bundesanwaltschaft. Nachrichtendienste und Polizeibeh�rden arbeiteten also Hand in Hand � das Grundgesetz war bei der Schaffung des GTAZ recht elastisch ausgelegt worden, denn eigentlich galt die Verzahnung von Polizei und Geheimdiensten nach den Erfahrungen der Nazizeit als tabu. Das Taxi hielt am Rolltor, Veller bezahlte, lie� sich eine Quittung geben und steuerte das Hauptgeb�ude an. Er passierte die Schleuse, gab seinen Dienstausweis ab und steckte sich die Besucherkarte an die Jacke. Dann suchte er den gro�en Sitzungssaal auf, in dem sich an jedem Werktag um halb neun die Teilnehmer der Lagebesprechung einfanden. Der zentral gelegene Raum schien seit der Kaiserzeit kaum ver�ndert worden zu sein. Nur die gro�e Uhr und die Weltkarte an der Stirnseite waren neueren Datums. Die St�hle umringten einen Tisch in Form eines lang gezogenen U. Veller war fr�h dran und w�hlte einen Platz in der zweiten Reihe, die f�r Besucher vorgesehen war. Vor der Fensterfront erstreckte sich ein Einkaufszentrum � nicht gerade ein Ausbund an architektonischer Kreativit�t. �Nach dem Vorfall in D�sseldorf werden endlich s�mtliche Vorbehalte gegen weitere Sicherheitsma�nahmen Schnee von gestern sein�, sagte ein �lterer Herr, der neben Veller Platz nahm. Seine Augenbrauen waren buschig, das sch�ttere Haar �ber die Glatze gek�mmt. Er zeigte ein Haifischl�cheln, als sei ihm die Bombe gerade recht gekommen. Vellers Handy schlug Alarm. Auf dem Display stand Dombrowskis Nummer. Endlich. �Was gibt�s, Stefan?� �Wir haben jetzt alle Verbindungsdaten.� �Ja, und?� �Einer unserer Muslimbr�der telefonierte mit einer Person, die es nicht gibt.� �Was soll das hei�en?� �Wir haben eine Handynummer, unter der sich kein Mensch meldet. Der Mobilfunkbetreiber gibt einen Michael Winner an, Hunsr�ckenstra�e 37, aber Name und Adresse sind offenbar get�rkt. Ich hab�s pr�fen lassen. Unter der Hausnummer gibt es eine Starbucks-Filiale und B�ros, aber keinen verdammten Winner. In ganz Nordrhein-Westfalen ist kein Mensch dieses Namens gemeldet! Was ist das f�r einer, der sich so sorgf�ltig tarnt?� Gute Frage, dachte Veller. �Wer von den Br�dern hat mit dieser Person telefoniert?� �Der Konvertit. Dennis Scholl alias Yassin. Und zwar regelm��ig.� �Wie regelm��ig?� �Seit vorletzten Freitag fast t�glich.� � Den Vorsitz der Lagebesprechung f�hrte ein �lterer Kollege des BKA. Er stellte der Runde Vellers Nebenmann mit den buschigen Augenbrauen vor, Gerhard Augstein, Staatssekret�r im Innenministerium. Dessen Chef lie� sich entschuldigen � der Bundesminister hat also Besseres zu tun, dachte Veller: Interviews, Talkshows und H�ndchenhalten mit der Kanzlerin. Veller bekam das Wort und erl�uterte seine Sicht des Falls. Zu seiner Entt�uschung brachte die anschlie�ende Aussprache kein Ergebnis � Rafi, Said und Yassin schienen f�r s�mtliche deutschen Geheimdienste unbeschriebene Bl�tter zu sein, auch die amerikanischen Freunde hatten nichts gemeldet. Homegrown und autonom, dachte Veller. Die Vorstellung, dass junge T�ter ganz von sich aus einen Terrorakt planten und durchf�hrten, behagte ihm �berhaupt nicht. Netzwerke lie�en sich unterwandern. Internationale Banden fielen auf. Befehlsketten, deren Ursprung im Ausland lag, konnte man �berwachen. Aber hausgemachte Terroristen schossen aus dem Boden wie Pilze nach einem Regenguss, pl�tzlich und unberechenbar. Wenn die D�sseldorfer Zelle weitere, bislang unbekannte Mitglieder hatte, musste man auf alles gefasst sein. Wer zum Teufel war Michael Winner? Veller sagte: �Unter den Kontaktpersonen unserer Zelle gibt es eine Person, auf die ich besonders hinweisen m�chte.� Er gab weiter, was er von Dombrowski wusste, buchstabierte den Namen und nannte die Adresse. �Vielleicht ist dieser Mensch dem einen oder anderen Dienst bekannt.� Tasten klackerten, Gesichter beugten sich vor Flachbildschirme. �Michael Winner?�, wiederholte ein Rothaariger und sprach den Namen amerikanisch aus. Veller sch�pfte Hoffnung. �Hast du etwas �ber ihn?� �Michael Winner�, wiederholte der Geheimdienstmann, von seinem Bildschirm ablesend, �geboren 1935 in London, lebt in den Vereinigten Staaten. Regisseur und Produzent der Death-Wish-Reihe mit Charles Bronson, ein krasser Streifen aus den Siebzigerjahren.�Ein Mann sieht rot,so hie� der erste Film auf Deutsch, wisst ihr noch?� Ein paar j�ngere Leute machten gro�e Augen. Andere kicherten. �War�s das?�, fragte Veller. Er war entt�uscht und sauer, denn er argw�hnte, dass die eine oder andere Beh�rde Kenntnisse f�r sich behielt, um exklusiv damit gl�nzen zu k�nnen. Die Kooperation im famosen GTAZ kannte Grenzen, wusste Veller. Der Kollege vom Internet-Zentrum antwortete: �Wir haben das Netz durchforstet und sind sogar Foren durchgegangen, die von den harmloseren Islamisten betrieben werden, die normalerweise Gewalt ablehnen. Also religi�se Zirkel an den Unis, Kulturvereine, arabische Gemeinden und so weiter. Das Einzige, was wir finden konnten, sind ein paar Postings eines Said und eines Rafi. Die IP-Nummern, unter der sich beide Teilnehmer eingew�hlt haben, deuten auf D�sseldorf hin, also k�nnte es sich um Said Boussoufa und Abderrafi Diouri handeln. Die Forumsbeitr�ge vermitteln einen Eindruck, wie die beiden tickten, mehr aber nicht.� Der Internetspezialist lie� eine d�nne Mappe her�berwandern. Veller nahm sie entgegen und packte seine Sachen zusammen. Wenn er sich beeilte, w�rde er vielleicht einen fr�heren R�ckflug erwischen. Der Staatssekret�r hielt ihn zur�ck: �Einen Moment noch, Herr Veller.� �Was gibt�s?� Das Haifischgrinsen blitzte auf. �Der Bundesminister veranstaltet in einer Stunde eine Pressekonferenz und h�tte Sie gern dabei.� �Mich?� �Es geht um einige Grundgesetz�nderungen, die nach unserer Meinung unabdingbar geworden sind. Einsatz der Bundeswehr, erweiterte Pr�ventivbefugnisse f�r das Bundeskriminalamt et cetera. Sie w�rden sich auf dem Podium gut machen. Ein Mann der Praxis.� Veller war sprachlos. Er sollte den Kronzeugen f�r die politischen Ziele des Ministers spielen. �Als Kriminalbeamter brauche ich diese Ma�nahmen nicht�, antwortete er. �Und f�r solcherlei Show fehlt mir leider die Zeit. Sch�nen Tag noch.� Veller beeilte sich, den Saal zu verlassen. � W�hrend er auf ein Taxi wartete, vibrierte sein Handy:�Neue Nachricht von VV. Veller las die Kurzmitteilung seines Schachpartners:�Gibst du etwa auf? Auf keinen Fall, dachte Veller. Er durfte nicht zu lange mit seinem n�chsten Zug warten, denn Vitus Vellers zweite Leidenschaft galt schottischem Single-Malt-Whisky � wenn er nicht Schach spielte, fing er fr�her oder sp�ter zu trinken an. Die halbe Verwandtschaft hielt ihn deshalb mit Fernschach per SMS auf Trab. Bei seinem letzten Besuch in Detmold hatte Veller erlebt, wie der alte Herr sieben Bretter zugleich in Arbeit hatte. Das Taxi fuhr vor. Der Fahrer trug Dreadlocks und quatschte ihn nicht an. Die Musik war passabel. Auf der Fahrt zum Flughafen zog Veller die d�nne Mappe aus seiner Tasche, die der Kollege vom Gemeinsamen Internet-Zentrum zusammengestellt hatte. Das erste Blatt beschrieb den in M�nchen ans�ssigen�Verein junger Muslime,�in dessen Internetforum sich ein�Rafigetummelt hatte. Veller lernte, dass der Verfassungsschutz die Gruppierung als Ableger der�Islamischen Gemeinschaft in Deutschland�einsch�tzte, eine der �ltesten muslimischen Organisationen in Deutschland, die seit Jahren von der radikalen �gyptischen Muslimbruderschaft dominiert wurde. Einerseits bewegt sich die IGD als Gr�ndungsmitglied des Zentralrats der Muslime im �repr�sentativen� Spektrum des Islam in Deutschland. Andererseits handelt es sich um eine Organisation mit sehr verzweigten und schwer durchschaubaren Verbindungen in die islamistische Szene. Entsprechend ambivalent schien auch das Internetforum des�Vereins junger Muslime�zu sein, laut Verfassungsschutz eine der beliebtesten Diskussionsplattformen deutscher Sprache zu Fragen des Islam. Der zweite Ausdruck dokumentierte einen Themenstrang des Forums, �bertitelt mit�Heiratsb�rse.�Die Beitr�ge datierten vom Oktober letzten Jahres. Jemand mit dem User-Namen�Muslima72�beschwerte sich, wie schwer es f�r eine ernsthaft gl�ubige Muslimin sei, einen Partner zu finden. Ihre Eltern w�rden nur auf das Einkommen des Mannes schauen, nicht auf dessen Glauben. Sie selbst d�rfe auf keinen Fall einen potenziellen Partner ansprechen, denn das sei unschicklich. Die Typen wiederum trauten sich nicht oder fielen gleich mit der T�r ins Haus, indem sie fragten, ob sie verlobt sei � unweigerlich f�hle sich die Angesprochene dadurch zum Sexobjekt degradiert. Eine Zwickm�hle religi�ser Dogmen, in der sich die Frau verheddert hat, dachte Veller und las die Antworten. Die einen wiesen auf eine muslimische Internet-Heiratsb�rse hin, f�r andere war es das falsche Mittel, denn dort tummelten sich M�nner, die per Heirat eine Aufenthaltserlaubnis erwerben wollten oder au�erehelichen Sex suchten. Veller stie� auf den Beitrag des Users namens�Rafi.�In schlampiger Rechtschreibung pl�dierte er daf�r, gute Freunde mit der Partnersuche zu beauftragen. Im n�chsten Beitrag empfahl ein�BrudaSaid,�der unendlichen G�te Allahs zu vertrauen. So habe es auch bei ihm geklappt. Auf keinen Fall d�rfe die Frau den ersten Schritt tun. Na super, dachte Veller. Zwei weitere Postings bedankten sich bei�BrudaSaid�in h�chsten T�nen f�r den Rat � offenbar war der Typ ein angesehenes Mitglied im Forum. Das dritte Blatt: Beitr�ge vom November. Erneut schrieb�BrudaSaid.�Vorangegangen war die Frage, ob der Islam reformiert werden m�sse, da sich die Gesellschaft fortw�hrend wandle und die Religion vor die Aufgabe stelle, neue Antworten zu finden. Der User, der auf die G�te Allahs baute, hatte dazu eine klare Meinung: Wer behauptet, dass sich die Gesetze von der Schari�ah unterscheiden sollten, ist ein Kafir. Wer uns weismacht, dass wir gegen die Schari�ah versto�en d�rften, ist auch ein Kafir. Und zwar weil er sowohl Allah � subhanahu wa ta�ala � und Seinem Gesandten wie auch der �bereinstimmenden Ansicht der Umma widerspricht. Es ist Aufgabe des Qadi, ihn zur Reue aufzurufen, wenn er ein Muslim ist. Wenn er bereut, ist es gut. Wenn er nicht bereut, muss er als Abtr�nniger vom Islam get�tet werden. Veller kannte die arabischen Begriffe.�Kafir�war ein Ungl�ubiger,�Umma�die weltweite Gemeinschaft der Muslime und�Qadi�der Richter. Todesstrafe f�r Abweichler � die Lakonie, mit der�BrudaSaid�sein Urteil formuliert hatte, lie� Veller schaudern. Er h�tte gern gewusst, wie die �brigen Forumsteilnehmer reagiert hatten, doch der Ausdruck endete an dieser Stelle. Auf dem letzten Blatt ging es wieder um M�nnlein und Weiblein � ein Thema, das die Leute besonders bewegte, ob religi�s oder nicht. Rafi�beklagte sich �ber Frauen, die unverschleiert aus dem Haus gingen und damit die M�nner zur�Zina,�also zur Unzucht, anstifteten. Er erw�hnte ein M�dchen aus seiner Nachbarschaft, von dem er bef�rchtete, es k�nnte zur Schlampe werden. Veller notierte an den Rand:�Abderrafi Diouri � ungl�cklich verliebt? BrudaSaid�gab postwendend Antwort und empfahl, die junge Frau offen auf ihren Fehler anzusprechen und mit ihrer Familie zu reden oder, falls beides nichts helfe, bei k�nftigen Begegnungen die Augen niederzuschlagen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Rafi�erwiderte, dass er seinen Vorredner f�r die Klarheit der Ausf�hrungen bewundere. Doch in seinem Kopf herrsche ein Durcheinander der Gef�hle. Daraufhin forderte�BrudaSaid�ihn auf, ihm pers�nlich zu mailen, was registrierten Forumsbesuchern offenbar durch Klick auf den User-Namen m�glich war. Dieser letzte dokumentierte Eintrag stammte vom 7. Dezember, zwei Uhr nachts. So habt ihr beiden Br�der euch also kennengelernt. 37. Die Morgenbesprechung endete mit einer klaren Marschroute: Findet Michael Winner. Im Gesch�ftszimmer der Staatsschutzabteilung warteten bereits Miriam und Halima Boussoufa, die ungleichen Schw�gerinnen. Als Anna sie begr��te, erhob sich ein smarter Anzugtr�ger und stellte sich als Anwalt der beiden Frauen vor. Er reichte Anna seine Karte:�Cengiz S�kr�, Kanzlei �zaslan & S�kr�, Fachanw�lte f�r Familien-, Ausl�nder-, Sozial- und Mietrecht�� so, wie der Mann aussah und sprach, hatte Anna ihn f�r einen Deutschen gehalten. Sie lie� Halima, die Schwester des verungl�ckten Said, in der Obhut der Schreibkraft und ging mit Miriam, der vermummten Ehefrau, und ihrem Rechtsbeistand zur�ck in den Besprechungsraum, der sich inzwischen geleert hatte. Die Zeugenbefragung w�hrte nur kurz. Fast jede Frage, die Anna an Miriam richtete, beantwortete der Anwalt mit dem gleichen, gesch�ftsm��ig vorgetragenen Satz: �Meine Mandantin macht von ihrem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch.� Schlie�lich platzte Anna der Kragen. �H�ren Sie, Herr S�kr�, es geht hier nicht darum, Said Boussoufa vor dem Knast zu bewahren. Der junge Mann ist tot. Aber er und seine Freunde hatten vielleicht einen Mitt�ter! Ich frage Ihre Mandantin zum letzten Mal: Wer ist Michael Winner?� Keine Reaktion. �Wenn Sie schweigen, Frau Boussoufa, dann liegt die Vermutung nahe, dass Sie jemanden decken.� Anna wandte sich wieder an den Anwalt. �Niemand will Ihrer Mandantin das Recht auf Aussageverweigerung nehmen, aber ich bitte Sie, ihr zu erkl�ren, dass sie zumindest eine moralische Mitschuld tr�gt, falls der n�chste Anschlag gelingt.� �Davon kann keine Rede sein, Frau Winkler. Frau Boussoufa wei� nichts von angeblichen terroristischen Aktivit�ten ihres Mannes. Gleichwohl muss sie bef�rchten, dass die deutschen Beh�rden sie f�r eine Terroristin halten.� �Wie kommen Sie darauf?� �K�nnen Sie mir garantieren, dass Frau Boussoufa und ihre Schw�gerin nicht der totalen Kommunikations�berwachung unterliegen?�, fragte S�kr� zur�ck. �Dass Sie nicht jedermann pr�fen, der mit den beiden oder dem Rest der Familie auch nur ein Wort im Supermarkt wechselt?� �War es Ihre Idee, dass Frau Boussoufa nicht aussagt?� �Nat�rlich.� �Geh�ren Sie auch zu dieser Szene?�, entfuhr es Anna. �Zu welcher Szene?�, fragte S�kr� scharf. Anna wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte, und �berlegte, wie sie ihre Worte zur�cknehmen konnte. Falls sich der Mann beschwerte, w�rde das h�chstwahrscheinlich ihrer Laufbahn schaden. Der Anwalt fragte: �Halten Sie mich wirklich f�r einen Islamisten? Nur weil ich Muslim bin? Glauben Sie, dass ich Terror bef�rworte? Wie kommen Sie dazu, mir so etwas zu unterstellen?� �Sorry. Nein, nat�rlich unterstelle ich nichts. Ich bitte Sie um Verst�ndnis, Herr S�kr�. Wir m�ssen davon ausgehen, dass der Ehemann Ihrer Mandantin einen Anschlag auf das Leben Hunderter unschuldiger Menschen plante. Und dass es Leute gibt, die diese Pl�ne weiterhin verfolgen. Stellen Sie sich vor, jemand w�rde in Ihrem Land, sagen wir auf einem belebten Platz mitten in Istanbul �� �Wieso Istanbul? Dies hier ist mein Land. Ich bin deutscher Staatsb�rger.� �Tut mir leid.� Noch ein Fettn�pfchen, dachte Anna. Ich bin auch nicht besser als der Padre mit seinen Pigmentierten. S�kr� lachte. �Was tut Ihnen leid? Dass ich Deutscher bin?� Jetzt musste auch Anna lachen. Gut, dass der Mann das nicht so verbissen sah. Der Anwalt wandte sich an Miriam. �Frau Boussoufa, als Ihr Anwalt rate ich Ihnen, mit der Polizei zu kooperieren, wenn Sie etwas �ber Anschlagspl�ne wissen.� Saids Witwe schwieg. �Sie verstehen doch, was ich sage, oder?� �Ja, aber ich wei� nichts.� �Kennen Sie einen Mann namens Michael Winner?�, fragte Anna. �Nein�, antwortete die schwarz verh�llte Frau. � Runde zwei verlief mit dem gleichen Resultat: Anna redete mit Engelszungen auf Halima ein, die Schwester des Toten sch�ttelte nur ihre �ppigen schwarzen Locken. Annas Handy klingelte. �Winkler�, meldete sie sich. �Gut gelaunt klingt anders.� Es war die Stimme von Stefan Dombrowski, Vellers Stellvertreter in der Ermittlungskommission. Ein rheinischer Witzbold, dachte Anna. �Was gibt�s?�, fragte sie. �Wir haben hier einen Schl�sselbund. Die Tatortgruppe meint, ihn Said Boussoufa zuordnen zu k�nnen, aber die Schl�ssel passen zu keinem Schloss in Boussoufas Wohnung. Vielleicht k�nnen deine Zeuginnen etwas dazu sagen.� Anna entschuldigte sich bei Halima und dem Anwalt, eilte aus dem Besprechungsraum, holte die T�te mit dem Bund ab, zwei verschieden gro�e Buntbartschl�ssel, wie man sie zum Beispiel f�r Zimmert�ren verwendet, an einem Ring. Sie ging damit ins Gesch�ftszimmer. Die Witwe besah sich die Schl�ssel und behauptete, sie nicht zu kennen. Anna kehrte zur�ck zu Halima und S�kr�. Die Schwester des Toten z�gerte einen Moment, blickte S�kr� an, dann beteuerte sie ebenfalls, die Schl�ssel nicht zuordnen zu k�nnen. �Wirklich nicht?�, fragte Anna nach. �Ich hab sie nie zuvor gesehen.� �Hatte Ihr Bruder vielleicht eine zweite Wohnung? Eine Garage oder Werkstatt? Einen Schuppen, den er mal erw�hnte?� Die junge Marokkanerin musste sich r�uspern. �Said hatte keine Garage oder so. Er hatte nicht einmal ein Auto.� Anna bedankte sich. Sie blickte auf die Uhr � der n�chste Termin stand an. � Zander fuhr vom Parkplatz und f�delte den Dienstwagen in den dichten Verkehr der V�lklinger Stra�e ein. Seine Beifahrerin wirkte bedr�ckt. �Garantiert haben die beiden die Schl�ssel erkannt�, sagte sie. �Zumindest das Lockenk�pfchen Halima. Da wette ich.� �Du wettest?� �Willst du dagegenhalten?� �Nein, ich traue diesen Leuten auch nicht.� Anna g�hnte in die vorgehaltene Hand. �Heute Nacht schlecht geschlafen?�, fragte Zander. �F�rchterlich.� Zander war es nicht besser gegangen � Albtraumbilder von zerfetzten Leichen, das unabl�ssige Pochen seiner Wunde und die n�her r�ckende Frist, die der Kripochef ihm gesetzt hatte. Nur noch zwei Tage. �Der Leiter unserer Ermittlungskommission sammelt also Bonusmeilen�, wechselte Zander das Thema. �Paul fliegt sicher nicht zum Spa� nach Berlin.� �Es hei�t, Veller sei ein Sportwagentyp.� �Was soll das denn bedeuten?� Zander zuckte mit den Schultern. Anna begann zu lachen. �Bist du etwa eifers�chtig?� �Quatsch.� �Dann macht es dir ja nichts aus, wenn ich dir sage, dass Paul tats�chlich einen Sportwagen f�hrt und mit seinen blauen Augen aussieht wie Paul Newman als Butch Cassidy.� Mach, was du willst, dachte Zander. Ich habe dich gewarnt. Sie fuhren in das s�dliche Bilk, vorbei am Aachener Platz und dem Gel�nde, auf dem sich an den Wochenenden der Flohmarkt tummelte. Eine Br�cke brachte sie �ber den Autobahnzubringer in das Viertel um den Merowinger Platz. Zander presste eine Hand auf seine Wange. Dieses Schei�pochen. Anna runzelte die Stirn. �Tut�s noch weh, Padre?� Er ging nicht darauf ein. Die Stra�e, in der die Schwester von Noureddine und Rafi wohnte, war nur auf einer Seite bebaut. Nach S�den ging der Blick auf ein Kleingartengel�nde, in dem Str�ucher und Stauden erste Knospen zeigten. Hinter der n�chsten Kreuzung erstreckte sich das Areal der Universit�tskliniken. Trotzdem gab es in dieser Stra�e jede Menge freie Parkpl�tze � eine Seltenheit. Das Haus war schmal und rot geklinkert. Auf dem obersten Klingelschild lediglich Initialen:�FD.�Die Haust�r lie� sich aufdr�cken. Zander folgte Anna, die sich sportlich gab und die Treppen zur Dachwohnung sehr flott nahm. Als er ankam, hatte sie bereits geklingelt. Die Linse des T�rspions verdunkelte sich. Dann ging die T�r auf, so weit es die vorgelegte Kette erlaubte. Ein Gesicht zeigte sich, das Haar schien blond zu sein � Zander war irritiert. �Fatima Diouri?�, wollte er wissen. �Was gibt�s?�, fragte die Frau zur�ck, akzentfrei. �Ich kaufe keine Bibeln und wechsle auch nicht den Telefonanbieter.� Anna nannte ihren Namen, hielt den Dienstausweis hin und sagte: �Kripo. Wir haben ein paar Fragen zu Ihrem Bruder Abderrafi.� Die Frau zog die T�r zu, hakte die Kette aus und �ffnete. �Kommen Sie herein.� � Eine kleine, �berheizte K�che mit schr�ger Decke, die Einrichtung billig. Hastig r�umte Fatima Geschirr vom Tisch und bat die beiden Beamten, Platz zu nehmen. Nach allem, was Zander �ber Migranten aus Marokko wusste, war es un�blich, dass eine unverheiratete Tochter nicht bei ihren Eltern wohnte. Fatima war das zweite Kind der Diouris, vier Jahre �lter als Rafi. Ungew�hnlich wirkte auf Zander auch ihre Erscheinung: weite Baggy-Jeans und ein kariertes Hemd. Ihr Haar war streichholzkurz und weizenblond gef�rbt. Doch der Teint und die schwarzen Augen konnten die s�dl�ndische Abstammung nicht verleugnen. Fatima Diouri studierte Medizin, wie Zander in den Vernehmungsprotokollen ihrer Eltern gelesen hatte. Er warf seine Visitenkarte auf den Tisch, denn am Schluss des Gespr�chs w�rde er es todsicher vergessen. �Tee?�, fragte Fatima. �Danke�, lehnte Anna ab. Auch Zander sch�ttelte den Kopf. �Ihre Wange sieht nicht gut aus�, sagte die Marokkanerin zu ihm. �Sie sollten damit zum Arzt gehen.� Das geht dich einen Schei� an, Terroristenschwester, dachte Zander und entgegnete: �Wir versuchen herauszubekommen, woher der Sprengstoff stammte und ob es au�er Rafi und seinen zwei Freunden noch weitere Komplizen gibt.� �Wollten diese Idioten wirklich einen Anschlag ver�ben?� Zander nickte. �Ich wei� nichts. Ehrlich. Ich habe keinen Kontakt mehr zu Rafi. Ich bin froh, wenn ich ihm nicht begegne.� �Warum?�, fragte Anna. �Solange Noureddine lebte, war alles okay. Mein �lterer Bruder hat mich sogar unterst�tzt, nachdem er kapiert hatte, dass ich mein eigenes Leben f�hren muss. Aber nach Noureddines Tod fing mein Vater wieder mit der alten Leier an: Ich solle zur�ckkommen, st�ndig w�rden ihn die Leute anquatschen, im Laden, in der Moschee, was f�r eine Schande das sei und so weiter. Als marokkanisches M�dchen kannst du erst ein Individuum sein, wenn du dich von der Familie l�st.� �Und dann?� �Meine Eltern hatten einen Br�utigam f�r mich ausgesucht. Zuerst haben sie versucht, mich auf die freundliche Art zu �berreden, dann haben sie mir gedroht. Richtig krass wurde es, als Rafi seinen Glauben entdeckte und meinte, sich aufspielen zu m�ssen.� �Was hei�t �krass�?�, fragte Anna. Fatima stand auf und schob das Hemd hoch. Zwei h�ssliche Narben auf ihrem Bauch. Sie setzte sich wieder und z�ndete eine Zigarette an. �Haben Sie ihn nicht angezeigt?�, fragte Anna. �Den eigenen Bruder?� �Und das Krankenhaus hat den Vorfall auch nicht gemeldet?� �Der Arzt war Marokkaner und hat mich verstanden. Wenn ich Rafi ins Gef�ngnis gebracht h�tte, w�re er bald wieder rausgekommen und h�tte beim n�chsten Mal seine Freunde mitgebracht. Nee, ich bin aus dem alten Viertel weggezogen, halte meine Adresse geheim und gehe nicht mehr ohne Pfefferspray aus dem Haus. Mein Vater l�sst mich jetzt in Ruhe.� �Und Rafi? Hat er nicht versucht, Sie aufzusp�ren?� �Doch.� Fatima zog an der Zigarette und inhalierte tief. �Auch eine?�, fragte sie und schob die Schachtel in die Mitte des Tischs. Weder Zander noch Anna griffen zu. Die Studentin stand auf und �ffnete das Dachfenster. Kalte Luft mischte sich mit dem Rauch. �Kurz nach Weihnachten sind wir uns zuf�llig in der Stadt begegnet, Rafi und ich.� �Und?� Fatima lachte, ihre Augen blieben ernst. Sie blies den Rauch zum Fenster hin. �Seitdem wei� ich, dass Pfefferspray wirkt.� Von nebenan h�rte Zander ein leises Ger�usch, das wie ein Niesen klang. Dann noch einmal, ged�mpfter. Zander erinnerte sich, dass zwei benutzte Tassen auf dem Tisch gestanden hatten, als sie gekommen waren. �Meine Katze�, sagte Fatima. Rote Flecken zeichneten sich auf ihren Wangen ab. �Was wissen Sie �ber Rafis Freunde?�, fragte Anna. �Nichts. Ehrlich. Meine Welt ist das nicht. Aber wenn mein kleiner Bruder wirklich einen Anschlag vorbereitet hat, dann war es garantiert nicht seine Idee. Er orientiert sich immer nur an anderen. Fr�her war das Noureddine. An dem hing der Kleine wie eine Klette. Und irgendwann begegnete er diesen Leuten, die ihm einredeten, man m�sse als Muslim genauso leben wie der Prophet im siebten Jahrhundert. Als ich erfuhr, dass er in die Bombensache verwickelt ist, musste ich daran denken, wie er als Kind war. So zart und sch�chtern. Ein s��er Kerl. Ich habe ihn geliebt. Ehrlich.� �Sagt Ihnen der Name Michael Winner etwas?� �Nein, nie geh�rt.� �Was war mit Noureddine?�, fragte Zander. �Wie meinen Sie das?� �Wer hat ihn Ihrer Meinung nach ermordet?� �Sie wissen sicher, dass mein gro�er Bruder im Drogengesch�ft war.�Bisnes,�so hat er es genannt, als w�r�s ein ganz gro�es Ding. In Wirklichkeit hat er nur die Drecksarbeit f�r die Kurden gemacht. Und als sie ihn nicht mehr brauchten, haben sie ihn abserviert.� �Sicher?� �Rafi hat das erz�hlt.� Noch ein tiefer Zug, dann dr�ckte sie die Zigarette im Aschenbecher aus. Zander sagte: �Es gibt noch eine zweite Version.� �Die w�re?� �Eine Frauengeschichte.� Fatima lachte. Sie sch�ttelte die n�chste Zigarette aus der Schachtel und drehte sie zwischen ihren Fingern. Unter der rauen Schale steckt ein Nervenb�ndel, dachte Zander. �Wer k�nnte da infrage kommen?�, bohrte er weiter. �Als M�rder? Jeder gro�e Bruder einer Muslima. So denkt ihr Deutschen doch, oder etwa nicht?� �Ist es denn anders?� Anna mischte sich ein: �Mein Kollege will sagen, dass �� �Nee, schon gut�, unterbrach Fatima. �Noureddine hatte Charme und warf mit seinem Drogengeld um sich. Die Frauen flogen auf ihn, aber er passte auf, mit wem er sich abgab.� �Gab es vielleicht eine deutsche Frau?�, fragte Zander. Fatima dachte nach, z�ndete die Zigarette an und sch�ttelte den Kopf. �Das h�tte er erz�hlt. Au�erdem: Wer sollte Noureddine t�ten wollen, weil er mit einer Deutschen geht?� �Ihr Freund, wenn sie einen hatte.� �So sind die Deutschen nicht.� Zander blickte Anna an. �Jeder hat so seine Vorurteile, nicht wahr?� Fatima sagte: �Ihre Wange ist ernsthaft entz�ndet, Herr Kommissar. Wann haben Sie das Pflaster zuletzt gewechselt? Kommen Sie, ich schau mir das mal an.� Anna sah auf die Uhr, als wollte sie signalisieren, dass der n�chste Termin auf sie wartete. Zander folgte der Medizinstudentin ins Badezimmer. Sie lie� ihn auf dem Wannenrand Platz nehmen, riss ihm mit einem Ruck das Pflaster ab, das noch gar nicht alt war, und pfiff durch die Z�hne. Die Zigarette hatte sie mitgenommen, der fensterlose Raum war im Nu verqualmt. Fatima tr�nkte einen Wattebausch mit einer br�unlichen Tinktur und tupfte die Fl�ssigkeit auf die Wunde. Es brannte tierisch � Zander zuckte zur�ck. �M�nner sind wehleidiger als Frauen�, sagte sie. �Und das ist�kein�Vorurteil.� W�hrend sie Hansaplast zurechtschnitt, fragte Zander: �Noureddine hat es stets im Voraus gewusst, wenn die Polizei eine Razzia in seinem Caf� geplant hat. Woher?� �Die Kurden hatten Verbindungen.� �Die Kurden?� �Ja. Verbindungen zu Ihren Kollegen.� �Was wissen Sie dar�ber?� �Nichts.� �Reden Sie. Mir k�nnen Sie vertrauen.� �Nein, ehrlich, ich hab nur geh�rt, dass es die Kurden waren, die Noureddine Bescheid gaben.� �Wer genau?� �Da m�ssen Sie schon die Kurden selbst fragen.� Oder deinen kleinen Bruder, dachte Zander. In der Morgenbesprechung hatte es gehei�en, dass Rafi morgen aufwachen w�rde. Zander nahm sich vor, ihn m�glichst vor den anderen zu befragen. Fatima vollendete ihr Werk und dr�ckte die Kleber�nder fest. Im Spiegel sah Zander, dass das hautfarbene Pflaster fast die ganze Wange bedeckte. Viel zu gro� und auff�llig, doch Zander bedankte sich brav. Sie l�chelte, wich aber seinem Blick aus. Du wei�t mehr �ber das�Bisnes,�als du zugibst, dachte Zander. Er fragte: �Bringt man Ihnen im Studium nicht bei, dass Zigaretten giftig sind?� �Halten sich Polizisten stets an die Gesetze?�, entgegnete die Terroristenschwester und schnitt eine Grimasse. Nebenan befand sich das Schlafzimmer. Keine Ger�usche waren zu h�ren. Aber im Becher auf dem Bord lehnten zwei Zahnb�rsten. � Zander steckte den Schl�ssel ins Z�ndschloss, drehte ihn aber nicht. �Was soll das werden�, fragte Anna. �Mittagspause im arschkalten Auto?� �Wenn ich blaue Augen h�tte wie Paul Newman, w�rde dir das sicher gefallen.� �Idiot.� �Gib mir f�nf Minuten.� �Wozu?� Zander verglich seine Rolex mit der Uhr am Armaturenbrett und justierte sie nach. �Da war noch jemand in Fatimas Wohnung. Eine Person, die sich versteckt hat.� �Wie kommst du darauf?� �Hast du in Fatimas Wohnung ein Katzenklo gerochen?� �Nein.� �Na, siehst du.� Zander verdrehte den R�ckspiegel, um die Haust�r im Blick zu haben. Anna gab es auf zu protestieren. Zehn Uhr, Nachrichten. Er schaltete das Radio ein. Der Sprecher zitierte Politiker, die sich mit Kommentaren zur Bombe hervortaten. Nicht jeder Konvertit sei ein Terrorist, nicht jeder Moscheebesucher ein Sympathisant. Und die Deutschen seien zu besonnen, um jetzt auf Muslime loszugehen. In der n�chsten Meldung hie� es, dass Carola Ott-Petersen, die Bundesvorsitzende der Freiheitlichen, seit einem Talkshow-Auftritt in einem Hamburger Studio vermisst werde. Ihre �u�erungen h�tten zahlreiche Muslime emp�rt. Nach Angaben eines Parteisprechers habe Ott-Petersen Morddrohungen erhalten. Auch das noch, dachte Zander. Der Wetterbericht k�ndigte Regen an. Die f�nf Minuten waren um. In diesem Moment registrierte Zander eine Bewegung im R�ckspiegel. Eine junge Frau mit gro�er Umh�ngetasche verlie� das rot geklinkerte Haus. Sie fummelte am Schloss eines Fahrrads, das an einen Laternenmasten gekettet war, schob den Drahtesel auf die Stra�e und winkte kurz zur Dachwohnung hinauf. Ein blasses M�dchen im grauen Anorak, das eine schlichte Brille trug und um den Hals ein ausgewaschenes violettes Tuch. Langes, hellbraunes Haar flatterte im Wind, als sie am Auto der beiden Polizisten vorbeistrampelte. Trotz der gro�en Tasche hatte die junge Frau kein Problem, das Gleichgewicht zu halten. Zander dachte daran, dass er fitter und schlanker w�re, wenn er sich �fter aufs Rad schwingen w�rde. Die Frau bog in die Himmelgeister Stra�e und verschwand. Wie eine islamische Fundamentalistin hatte sie nicht gewirkt. Meine Katze, hatte die Marokkanerin gesagt. 38. Allm�hlich verlor die Zentrale der Freiheitlichen im Bucerius-Turm ihren provisorischen Charakter. Die Handwerker waren abgezogen, Gr�fe hatte weitere Leute eingestellt, st�ndig klingelte irgendwo das Telefon � regul�rer B�robetrieb. Und jetzt auch noch zwei B�umchen in Hydrokultur, die Moritz sofort auffielen, als er sein Zimmer betrat. Er h�tte nie gedacht, dass er sich daran gew�hnen w�rde, in D�sseldorf zu arbeiten. Ole Petersen hatte am Morgen angerufen und sich voller Sorge nach seiner Frau erkundigt. Gr�fe hatte es dann �bernommen, zur Polizei zu fahren, um Vermisstenanzeige zu erstatten. Moritz machte unterdessen das Verschwinden der Parteivorsitzenden �ffentlich, weil er f�rchtete, dass die Polizei wom�glich nichts unternehmen w�rde. Wie zu erwarten, l�ste er damit ein reges Echo aus: R�ckfragen interessierter Journalisten, besorgte Anrufe von Parteifreunden. Daneben musste Moritz die Vorbereitungen auf den Aktionstag am kommenden Samstag koordinieren � auf der gestrigen Vorstandssitzung war unter anderem beschlossen worden, dass nichts an die �ffentlichkeit gelangen solle, ohne vorher von Moritz gepr�ft worden zu sein. Gegen Mittag klopfte es an der T�r, Gr�fe platzte herein. �Kommen Sie mal r�ber, Herr Lemke?� Moritz folgte dem Gesch�ftsf�hrer in dessen Zimmer, wo bereits Norbert Still am Besprechungssitz sa�. Auch hier gab es neues Gr�n � Moritz registrierte eine Zimmerlinde. �Herr Still hat seine Verbindungen spielen lassen�, begann Gr�fe, �und die Berichterstattung der Medien tut ihr �briges. Jedenfalls scheint die Polizei das Verschwinden unserer Parteivorsitzenden endlich ernst zu nehmen. Gleich bekommen wir Besuch, die Beamten sind auf dem Weg hierher.� �Die Landesregierung hat �brigens zur�ckgerudert�, erg�nzte Still. �Die Untersuchung meiner Beh�rde gegen unsere Partei ist auf Eis gelegt.� �Nichts Neues von Frau Ott?�, fragte Moritz. �Nach wie vor kein Lebenszeichen.� �Wer spricht f�r die Partei, bis sie wieder auftaucht? Ich habe etliche Interviewanfragen.� Gr�fe wies auf den Langen mit der dicken Brille. �Herr Still, Sie geh�ren dem Vorstand an.� �Nein, nein�, wehrte der Angesprochene ab. �Ich bin weder fernsehtauglich noch rhetorisch begabt. Sie machen das selbst, Herr Lemke.� Moritz nickte. Warum auch nicht. Das Telefon klingelte. Der Gesch�ftsf�hrer hob ab und wechselte wenige Worte. Dann legte er auf und sagte: �Sie sind da.� Still sah auf seine Uhr. �Hoffentlich dauert das nicht lang. Sie k�nnen sich denken, was im Ministerium los ist, seit im Araberviertel die Bombe hochgegangen ist.� � Sie sa�en zu f�nft um den Tisch. Die Polizisten hie�en Klee und Rossberg, ein jovialer Dicker und eine junge Beamtin mit Pferdeschwanz, die kaum etwas sprach. �Wann haben Sie Frau Ott-Petersen zuletzt gesehen oder gesprochen?�, fragte Klee und �ffnete sein Sakko. �Am Montag�, antwortete Gr�fe. �In der Nacht zum Dienstag�, warf Moritz ein. �Sie rief mich an. Nach ihrem Auftritt bei Beckmann.� �Wann war das genau?� �Zwei Uhr, Viertel nach zwei.� �So sp�t beziehungsweise fr�h?� �Die Meldung bez�glich der Explosion beunruhigte sie.� Klee nickte. Seine Kollegin nieste in ihr Taschentuch. �Was sagt ihre Familie?�, fragte Moritz. �Ihr Mann hat sie am Montagmorgen zum letzten Mal gesehen, aber sie muss am Dienstag im Haus gewesen sein, weil das Motorrad verschwunden ist.� Ein Handy spielte den Anfang der�Shaft-Musik. Kommissarin Rossberg holte ihr Ger�t aus der Tasche, telefonierte kurz und machte sich Notizen, w�hrend alle anderen warteten. Dann meldete sie: �Frau Ott-Petersen hat am Dienstag das Flugzeug benutzt und ist um 11.45 Uhr in D�sseldorf gelandet. Flugnummer LH 077.� Klee fegte sich Schuppen von der Schulter. �Wie Sie sehen, nehmen wir das Verschwinden Ihrer Parteichefin durchaus ernst.� Still l�chelte. Gr�fe nickte. Moritz h�tte dem dicken Bullen am liebsten in den Arsch getreten. Rossberg fragte: �Kann es sein, dass sie nach Berlin gereist ist? Immerhin ist sie Bundestagsabgeordnete.� �Das w�ssten wir�, antwortete Moritz. �Au�erdem w�re sie wohl kaum die weite Strecke mit dem Motorrad gefahren. Wir sollten in Betracht ziehen, dass ihr etwas zugesto�en ist.� Klee fragte: �Wissen Sie, was Frau, �h, Ott-Petersen gestern vorhatte?� �B�rotermine und gegen Abend die Bundesvorstandssitzung hier im Haus�, antwortete Gr�fe. �Danach war sie noch zu einem privaten Termin in Essen eingeladen. Aber auch dort ist sie nicht aufgetaucht.� �Hm. Herr Petersen meint, dass seine Frau m�glicherweise einen Geliebten h�tte. Wissen Sie etwas dar�ber? Vielleicht ist sie ja bei ihm.� �Nein�, sagte Gr�fe mit Bestimmtheit. Still sch�ttelte den Kopf. Klee blickte Moritz an. �Sie?� �Nein, aber �� �Aber was?� �Als wir telefonierten, deutete Frau Ott an, ihren Mann verlassen zu wollen.� �Ach. Eine Ehekrise?� �Scheint so.� �Sie sprechen also �ber private Dinge?� �Nur das eine Mal.� �Und?� �Sonst hat sie nichts gesagt. Aber warum fragen Sie danach? Viel besorgniserregender sind doch die Morddrohungen durch radikal-islamische Kreise!� Der dicke Kommissar nickte, seine Kollegin notierte etwas. �Wir br�uchten m�glichst aktuelle Portr�tfotos von Frau Ott-Petersen. Haben Sie doch sicher.� Moritz ging in sein B�ro und druckte einige Bilder in mehrfacher Ausf�hrung aus, dazu noch s�mtliche E-Mail-Drohungen, die seit Carolas Fernsehauftritt eingetroffen waren. � Nachdem die Polizisten gegangen waren, verabschiedete sich auch Still von Moritz. �Gro�artig, Lemke!�, sagte er. �Was meinen Sie?� �Wie Sie immer wieder die Mohammedj�nger ins Spiel bringen. Sie finden stets einen Dreh, nicht wahr? Unsere Partei als Opfer der B�sen � damit sammeln wir weitere Sympathien. Sehr gut!� �Ich hoffe, dass ich mir umsonst Sorgen mache, aber �� �Genau. Und wir bleiben dabei, dass wir nichts �ber einen Lover wissen.� Still beugte sich vor und erg�nzte leise: �Die Freiheitlichen sind jetzt hoffentlich im Aufwind und da wollen wir doch kein Gerede �ber unsere Chefin.� �Nat�rlich nicht�, best�tigte Moritz und fragte sich, ob Still etwas wusste. Der seufzte: �Bucerius wollte unbedingt eine Frau an der Spitze. Jetzt haben wir den Salat. Vorzeigbar ist sie ja, aber auch sprunghaft.� Ein Schulterklopfen. �Aber wem sag ich das, nicht wahr?� Still machte sich mit gro�en Schritten davon, um in sein Ministerium zur�ckzukehren. Moritz versp�rte den Wunsch nach einem Kaffee und ging zu Heike. Die Sekret�rin starrte auf ihren Monitor und dr�ckte sich ein Tempo vor die Nase. Ihre runden Schultern bebten. �Was gibt�s denn, Heike?� �Frau Ott!� Moritz erschrak. �Hat man sie gefunden?� Die Sekret�rin sch�ttelte den Kopf. Er legte einen Arm um sie und las, was auf dem Bildschirm stand. Heike hatte neue E-Mails abgerufen. Es gibt keine Freiheit, sondern nur den Willen Allahs. Frau Ott und die Freiheitlichen sind die Feinde aller Muslime! Tod den Ungl�ubigen, die Allah, den Propheten und den Islam verh�hnen! �Ich hab solche Angst um unsere Chefin�, sagte Heike. �Leiten Sie diese Mail an die Polizei weiter. Klee und Rossberg hei�en die zust�ndigen Beamten.� Heike schniefte und nickte heftig. In diesem Moment klingelte Moritz� Handy. Die Mobilfunknummer, die das Display zeigte, kannte Moritz nur zu gut. Auf dem Weg zur�ck in sein B�ro nahm er das Gespr�ch an. �Ich bin�s, Petra�, meldete sich seine Ex. �Sch�n, deine Stimme zu h�ren�, antwortete Moritz. Ihm fiel siedend hei� ein, dass Petra f�r heute ihren Besuch angek�ndigt hatte. �Ich stehe gerade vor deiner Wohnung und finde keinen Schl�ssel unter der Fu�matte. Wo hast du ihn versteckt?� �Sorry, Petra. Ich hab nicht damit gerechnet, dass du die Wohnung schon am Nachmittag brauchst.� �Lass dir deshalb keine grauen Haare wachsen�, sagte sie. �Ich wollte mich nur etwas frisch machen und die Tasche abstellen. Dann schleppe ich das Ding eben zu meinem Termin. Aber heute Abend l�sst du mich rein, ja?� �Ich bin um sieben Uhr zu Hause. Versprochen. Ich freu mich auf dich!� Moritz setzt sich hinter seinen Schreibtisch und holte tief Luft. Ihm ging durch den Kopf, wie gem�tlich es zu Hause gewesen war, als Petra und Gretchen noch bei ihm gewohnt hatten. Ein Ort der Ruhe und Vertrautheit � er sp�rte, wie sehr er das brauchte. 39. Nat�rlich hatte Veller den fr�heren Flug nicht mehr bekommen, daf�r hatte die Zeit gereicht, um in einem Caf� ein belegtes Croissant hinunterzuschlingen und mit Cappuccino nachzusp�len. Immerhin startete auch der R�ckflug p�nktlich. Veller schnallte sich an und zog einen Schnellhefter aus seiner Tasche, der sein pers�nliches Dossier zur Sauerland-Gruppe enthielt. Er hatte es angelegt, weil er F�lle dieser Brisanz und Komplexit�t f�r lehrreich hielt. Einige der Informationen hatte Veller erst im Nachhinein erhalten, zum Teil aus der Presse. Vielleicht gab es Parallelen zu seinem aktuellen Fall. Die Sauerland-Gruppe hatte aus einem T�rken und zwei Deutschen bestanden, die Kontakte zur usbekischen Islamischen Dschihad-Union unterhielten. Das Trio hatte zuletzt mehr als f�nfhundert Beamte auf Trab gehalten, die als �Ermittlungsgruppe Zeit� von Stuttgart, Wiesbaden und Berlin aus koordiniert worden waren. Nach monatelanger �berwachung war die Bande schlie�lich im September 2007 von Leuten der GSG-9 und des Bundeskriminalamts in Oberschledorn, einem Dorf im hintersten Hochsauerlandkreis, festgenommen worden. Als Drahtzieher galt ein gewisser Fritz Gelowicz, Konvertit wie Yassin alias Dennis Scholl. Bereits 2005 war Gelowicz wegen Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung kurzzeitig festgenommen worden und hatte seither unter Beobachtung gestanden. Fritz und seine Freunde hatten sich im Ulmer�Multikulti-Haus�kennengelernt, einem islamischen Zentrum, wo sie bei einem Hassprediger namens Yehia Yousif in die Lehre gegangen waren. Je tiefer sich Veller in die Kopien und Zeitungsausschnitte w�hlte, desto merkw�rdiger erschien ihm der damalige Fall. Ausgerechnet dieser Yousif war V-Mann des baden-w�rttembergischen Landesamts f�r Verfassungsschutz gewesen. Seine Verpflichtungserkl�rung datierte von 2006. Heute lebte er in �gypten, das�Multikulti-Haus�war l�ngst geschlossen. Yousifs Sohn Omar war nach Saudi-Arabien ausgereist und arbeitete dort f�r eine islamische Wohlfahrtsagentur, die in einem Geb�ude der US-amerikanischen Vinnell Corporation untergebracht war. Vinnell schulte saudische Sicherheitskr�fte und galt als Tarnfirma der CIA. An Zuf�lle wollte Veller nicht recht glauben. Die Doppelrolle, die Yousif senior spielte, war ihm zuwider: Hassprediger�undVerfassungsschutzspitzel. Wer hier wen benutzte, ausspionierte, deckte oder f�hrte, dar�ber konnte Veller nur spekulieren. Nat�rlich behauptete die baden-w�rttembergische Beh�rde, von Yousif nur l�ckenhaft informiert worden zu sein und ihm keinesfalls den Auftrag gegeben zu haben, Fritz Gelowicz und dessen Gesinnungsbr�der zum Terror anzuleiten. Es gab noch weitere Ungereimtheiten. Als Fritz G. mit seinen Freunden die US-Kaserne in Hanau als m�gliches Anschlagsziel aussp�hte, hielten ihn die Ermittler an und nahmen seine Personalien auf. Das Gleiche geschah, als ein Mitglied seiner Zelle in einer von US-Soldaten frequentierten Disco randalierte. Und ein paar Tage sp�ter stiegen die Islamisten an einer roten Ampel aus und zerstachen die Reifen des Fahrzeugs, in dem ihre Beschatter vom Verfassungsschutz sa�en. Fritz und seine Kumpane wussten also, dass man sie kannte und observierte. Warum kauften sie dennoch 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid bei einem Gro�h�ndler in Hannover, karrten das Zeug zuerst nach und nach in den Schwarzwald, dann einen Teil davon ins verschlafene Neunhundert-Seelen-Sauerlandnest Oberschledorn und machten sich dort ans Sprengstoffmischen? Weil sie dumm waren? Oder weil sie glaubten, ihnen k�nne nichts geschehen, weil sie protegiert wurden und im Auftrag eines Geheimdienstes handelten? Veller konnte nur hoffen, dass in seinem aktuellen Fall die Schlapph�te ehrlich zu ihm waren. Anschnallen zur Landung, der Sinkflug begann. Veller packte das Dossier weg und hielt durch die Wolkenfetzen hindurch Ausschau nach dem Rhein. � Auf dem Weg durch das D�sseldorfer Flughafengeb�ude schaltete er sein Handy wieder ein, h�rte die Mailbox ab und rief Dombrowski an, bei dem die F�den der Ermittlung zusammenliefen. �Paul hier�, sagte Veller. �Wir wissen jetzt, wer Michael Winner ist.� �Und?� �Er lebt in Los Angeles und ist der Regisseur von�Ein Mann sieht rot.�Du erinnerst dich, dieser Selbstjustizfilm mit Charles Bronson.� �Was soll das bedeuten? Ein Islamist mit schr�gem Humor?� �Die Geheimdienstfritzen haben keinen Schimmer. Behaupten sie.� �Sag mal, Paul, was war da los in Berlin?� �Ich wei� nicht, was du meinst.� �Das Bundesinnenministerium hat sich �ber dich beschwert. Du h�ttest den Staatssekret�r beleidigt, oder so.� �Bl�dsinn!� �Jedenfalls will unser Direktor einen Bericht von dir.� Vor der Rolltreppe stauten sich die Passagiere, weil sich ein Opa mit seinem Trolley ungeschickt anstellte. Veller fragte in sein Mobiltelefon: �Habt ihr was Neues �ber unsere Bombenbastler?� S�mtliche Umstehenden glotzten ihn an. Veller nahm die Treppe. �Ja�, antwortete Dombrowski. �Die Ergebnisse der DNA-Untersuchung � die Toten sind jetzt identifiziert. Der Kerl, dem der Kopf fehlt, ist Scholl, der ohne Hand ist Boussoufa. �ber Diouri sagen die �rzte, dass sie ihn im Lauf des morgigen Tags aus dem k�nstlichen Koma aufwachen lassen. Ob wir ihn dann schon befragen k�nnen, m�ssen wir abwarten.� �Und die Spurenlage?� �Es gibt zwei Schl�ssel, die wir anhand der Fingerprints Said Boussoufa zuordnen k�nnen. Noch wissen wir nicht, wozu sie geh�ren. Die Marokkaner mauern, kreuzen mit Anwalt auf und verweigern die Aussage. Winkler und Zander waren bei Fatima Diouri, aber das M�del scheint nichts zu wissen. Ist schon l�nger von zu Hause fort.� Die letzte Automatikt�r �ffnete sich, Veller trat ins Freie und blickte in den D�sseldorfer Himmel, der nicht weniger grau war als der in Berlin. Eine Windb� fuhr in seine Jacke. Er lief auf das erste freie Taxi zu. �Und das Umfeld des Konvertiten?�, fragte Veller ins Handy. �Gleich kreuzt die Stiefschwester auf. Und im Minutentakt gehen bei der Hinweisaufnahme Anrufe ein. Nat�rlich mehr Spreu als Weizen.� �Wer spricht mit der Stiefschwester?� �Anna Winkler.� �Sag ihr, dass ich in f�nfzehn Minuten da bin. Sie soll mit der Befragung so lange warten.� �Und der Bericht f�r den Direktor?� �Wann werden wir endlich von solchem Schei� befreit und k�nnen in Ruhe unsere Arbeit tun?� �Auf Scherzfragen antworte ich prinzipiell nicht.� � Die Stiefschwester hie� Nadja Senghaas, lebte in Haan und zeigte kaum �hnlichkeit mit Dennis Scholl, urteilte man nach den Fotos, die den LKA-Ermittlern vorlagen. Sie war deutlich korpulenter und �lter, Mitte drei�ig, sch�tzte Veller. Eine Str�hne ihres Haares war violett gef�rbt, im Nasenfl�gel sa� ein Ring. �Ich hab Dennis eine Zeit lang quasi gro�gezogen�, erz�hlte sie. �Wenn er aus der Schule kam, war Mama noch im B�ro und G�nni, ihr zweiter Mann, hatte meist schon einen sitzen. G�nni hatte mal bei �ner Spedition gearbeitet. Es ist nicht so, dass er sich nicht um einen Job bem�ht hat, aber wer nimmt schon �nen Alkoholiker als Fahrer?� �Und Dennis?�, fragte Anna. �Ein stiller Typ, aber nicht dumm. Ich hab aufgepasst, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat. So hat er dann sogar den Realschulabschluss geschafft. Zu der Zeit war ich aber schon aus dem Haus.� �Die Diouris wohnten damals auch in Haan.� �Ja, in der Nachbarschaft. Herzliche Leute, vor allem die Mutter. Mein Br�derchen war oft dort. Fast ein zweites Zuhause. Doch dann sind sie nach D�sseldorf gezogen und haben dort �nen Fischladen aufgemacht. Da hat es Dennis auch nicht l�nger in Haan ausgehalten. Er hat die Lehre geschmissen und ist abgehauen.� �Hatten Sie danach noch Kontakt zu ihm?� �Nicht mehr viel. Ich war ja schon verheiratet. Irgendwann hab ich von Mama geh�rt, dass Dennis zum Islam �bergetreten ist.� �Was wissen Sie �ber seine Freunde?� �Na ja, das war vor allem der Noureddine. Mit dem war er viel zusammen. Sonst � keine Ahnung. Wie gesagt, er hat sich nur noch selten blicken lassen. Eigentlich nur, wenn er Geld brauchte. Er hatte diesen komischen Bart und hat nur noch von Allah geredet. Ich musste Yassin zu ihm sagen. Wenn ich ihn Dennis genannt hab, ist er gleich hochgegangen. Mit wem er so zusammen war? Moschee, w�rd ich sagen.� �Wovon hat er gelebt?� �Aushilfe im Fischladen der Diouris, glaub ich. Und dann war da so ein Caf� f�r Sportwetten, wo er �ne Weile gekellnert hat. Ansonsten? St�tze, w�rd ich sagen.� Anna notierte sich etwas. �War nicht einfach mit ihm�, erg�nzte die Dicke mit dem Nasenring. �Was meinen Sie damit?�, fragte Veller. �Na ja, wie er aussah, und das st�ndige Gesabbel �ber seinen Glauben. Mir f�llt ein, dass er auch mal als Kurierfahrer gejobbt hat, aber nur kurz. Eigentlich hat er sich mehr oder weniger durchs Leben geschnorrt.� �K�nnen Sie uns die Firma nennen, f�r die er fuhr?� Frau Senghaas sch�ttelte den Kopf. �Stellen Sie sich vor, nachdem sich G�nni totgesoffen hatte, wollte Dennis unsere Mama verkuppeln. Ausgerechnet mit G�nnis ledigem Bruder. Dennis hat gemeint, dass es sich f�r eine Frau nicht geh�rt, wenn sie allein lebt. Mein Br�derchen hat den Kopf voller Mist gehabt, aber dass er sich den Terroristen anschlie�en w�rde, h�tt ich nie gedacht.� Anna las in der Akte nach und sagte: �Ihre Mutter hat mit der Polizei Kontakt aufgenommen, als Dennis sich nach den Anschl�gen in London dahingehend �u�erte, dass auch in Deutschland Menschen sterben m�ssten, damit der Krieg im Irak und in Afghanistan aufh�re.� �So einen Schei� hat Dennis verzapft? Das hat mir Mama gar nicht erz�hlt.� Veller fragte: �Stimmt es, dass Dennis in Kairo bei einem Islamgelehrten studiert hat?� �In Kairo? Dennis?� �F�r einige Monate soll er dort gewesen sein. Zumindest hat er das einigen Leuten erz�hlt.� �Mein Br�derchen? Nie im Leben war Dennis in Kairo. Er hatte doch nicht mal einen Pass. Seine Papiere waren abgelaufen und er hat behauptet, dass die Beh�rden sie nicht auf Yassin umschreiben wollten. Ich glaub, ihm war blo� die Geb�hr zu hoch. Mein Mann hat gemeint, ich w�rd mein Geld niemals zur�ckkriegen, was ich Dennis all die Jahre gepumpt hab. Aber da hat er sich geirrt.� �Wieso?� �Vorletztes Jahr hat Dennis mir zum Geburtstag zehn Hunderter r�bergeschoben. Einfach so. Und letzte Woche hat er gemeint, dass er mir demn�chst wohl auch noch den Rest geben kann.� Veller dachte an Yassins Konto bei der Stadtsparkasse. Es lief auf den Namen Dennis Scholl und wies ein Guthaben von siebenundf�nfzig Euro und ein paar Cent aus. In den letzten zwei Jahren hatte es nie eine �berweisung gegeben, nur selten eine Einzahlung oder Abhebung in bar. �Das Caf� f�r Sportwetten, das Sie erw�hnten � geh�rte es Noureddine Diouri?� �Keine Ahnung.� �Wussten Sie, dass die Diouri-S�hne mit Rauschgift handelten?� �Nach Noureddines Tod habe ich so was mal geh�rt. Mir ist nur aufgefallen, dass Noureddine auf gro�em Fu� gelebt hat. Wei� man, wer ihn ermordet hat?� �Der Fall ist noch nicht abgeschlossen�, antwortete Anna. �Kennen Sie eine Person namens Michael Winner?�, fragte Veller. �Wer soll das sein?� �Mit einem Michael Winner hat Dennis vor seinem Tod fast t�glich telefoniert.� �Nie geh�rt.� �Denken Sie nach. Vielleicht hat Dennis den Namen einmal erw�hnt.� �Nein, echt nicht. Aber jetzt hab ich mal �ne Frage.� �Bitte.� Nadja Senghaas machte eine Pause, als m�sse sie sich erst sammeln. Dann sagte sie: �Was h�tten wir denn tun k�nnen, Mama und ich, um zu verhindern, dass Dennis so einer wird? Ich mein, es war doch nicht alles schlecht bei uns zu Hause! Warum hat er �berhaupt angefangen mit dem ganzen Mist, mit seinem Bart und dem Glauben und der Moschee und dem verr�ckten Namen, den er sich da ausgesucht hat? Yassin, so hei�t doch keiner. Ich meine, kein normaler Deutscher. K�nnen Sie mir verraten, warum ein Mensch sich so �ndert?� 40. Zander schnappte sich den Bund mit den zwei Schl�sseln. Anna hatte geklagt, dass sie bei der Befragung von Miriam und Halima Boussoufa auf Granit gebissen hatte � mal sehen, ob ich etwas rei�en kann, sagte sich Zander. Er setzte den Dienstwagen in eine L�cke vor einem marokkanischen Reiseb�ro, �berquerte die Stra�e und betrat das Haus, in dem die Eltern von Said sowie seine Schwester Halima wohnten. Ein Geb�ude aus den Sechzigern, im Erdgeschoss ein Lokal namens�Chez Chef. Die Boussoufas wohnten im Stockwerk dar�ber. Zander klingelte. Saids Mutter war unverschleiert und hatte kein Problem, ohne Anstandswauwau mit einem m�nnlichen Polizisten zu reden. Trotzdem fragte sich Zander, ob die Sitten es erlaubten, ihr die Hand zu geben. Vorsichtshalber lie� er es bleiben. Die Schl�ssel kenne sie nicht, behauptete die Frau � Zander war sich nicht sicher, ob sie die Wahrheit sagte. Ihre Augen waren ger�tet, sie schniefte und knetete ein Taschentuch. Ganz die trauernde Mama, dachte Zander und konnte keine R�hrung empfinden. Der tote Junge war schlie�lich ein Terrorist gewesen. Er fragte, ob er das Zimmer sehen k�nne, in dem Said vor seinem Auszug gewohnt hatte. Als er beim Betreten der Wohnung seine Schuhe abstreifte, war Zander froh, dass er seit Neuestem darauf achtete, Socken ohne L�cher anzuziehen. In Saids fr�herem Zimmer standen noch ein wei� lackiertes Doppelbett und ein Schrank. Zudem ein B�gelbrett und ein St�nder, auf dem W�sche zum Trocknen hing. Der Raum war ungeheizt, die feuchten Klamotten m�ffelten etwas. Zander versuchte, die Schl�ssel in das Schloss des Schranks zu fummeln, doch sie passten nicht. Die Schrankt�r sprang von selbst auf, an der Stange hingen Jacken und M�ntel, auf dem Einlegeboden war Bettw�sche gestapelt. Mutter Boussoufa lehnte am T�rrahmen, guckte traurig und sagte nichts. �Es tut mir leid�, sagte Zander, als er die Wohnung verlie�. Der K�chengeruch im Treppenhaus erinnerte Zander daran, dass er seit dem Fr�hst�ck nichts gegessen hatte. Er betrat das�Chez Chef,�w�hlte einen Fenstertisch und bestellte Taboul�, ein Gemisch aus Hartweizengrie�, klein gehackten Zwiebeln, Tomaten und Paprika sowie reichlich Minze und Petersilie. Beim Blick auf die Auslage in der gl�sernen Theke war er davon ausgegangen, dass man das Zeug f�r ihn warm machen w�rde, doch es schmeckte auch kalt. Dazu trank er bitters��en Tee.�When you are in�Rome, do like the Romans do�� immerhin war er in Klein-Marokko. F�nfzig Cent mussten als Trinkgeld gen�gen. Zander schl�pfte in seine Lederjacke und verlie� das Lokal. W�hrend er in der Tasche nach dem Autoschl�ssel fingerte, fiel sein Blick auf das Schaufenster des Reiseb�ros. Ein Boeing-Modell der�Royal Air Maroc. Zander musste daran denken, wie er als Kind Kampfjets zusammengeklebt und an Bindf�den von der Decke seines Zimmers hatte baumeln lassen, D�senj�ger der NATO und der Sowjetunion, friedlich als Staubf�nger vereint. Mit zw�lf hatte er Pilot werden wollen. Im Inneren des Reiseb�ros trat ein d�nner Kerl aus einer braun laminierten T�r, wischte sich die H�nde an seinem Anzug ab und nahm hinter einem Schreibtisch Platz. Zehntagebart, mittellanges Haar, das Sakko schlotterte drei Nummern zu gro� von den Schultern. Sieh an: Hiwa Kaplan. Zander �ffnete die Ladent�r, eine altmodische Klingel schellte. �Hallo, Effendi, was kann ich f�r dich tun?�, begr��te ihn Hiwa, doch Zander merkte ihm an, dass sich der Kerl keineswegs freute, ihn zu sehen. �Wie kommt es, dass ein Kurde in einem marokkanischen Reiseb�ro arbeitet?� �Mein Chef ist liberal. Der sieht das nicht so eng.� �Er muss wirklich sehr liberal sein. Oder hast du ihm verschwiegen, dass du ein Junkie bist?� Hiwa l�chelte unsicher. �Du solltest echt mal ausspannen. Zwei Wochen Strand. Agadir oder so. Da bist du hier genau richtig.� An den W�nden hingen Poster mit touristischen Motiven aus Marokko und Tunesien. Auf dem Tisch ein weiteres Modellflugzeug, diesmal mit der Aufschrift�Atlas Blue.�Zander packte das Ding am Sockel.�Atlas Blue�hob ab und flog Warteschleifen. Hiwa warf einen raschen Blick zur T�r hin�ber, aus der er gekommen war. Atlas Blue�landete wieder. �Du hast mich vorgestern Abend ganz sch�n blamiert�, sagte Zander. �Kann ich doch nichts daf�r, dass Noureddines kleiner Bruder nicht aufgekreuzt ist und sich stattdessen in die Luft gejagt hat.� �Du bist mir etwas schuldig.� �Was denn?�, fragte Hiwa und schaute wieder zur braunen T�r. �Ich will von dir wissen, wer euch gewarnt hat, wenn wir eine Razzia gegen Noureddines Caf� planten.� �Da musst du Noureddines Leute fragen.� �Das Alarmsystem lief �ber euch Kurden. Die PKK hatte alle F�den in der Hand. Streite das nicht ab. Ich wette, dass du Bescheid wei�t!� �Effendi �� �Und komm mir jetzt nicht wieder mit Akif, der in sein Heimatdorf zur�ckgekehrt ist.� �Er war der Kommandeur.� �Schei� drauf.� Zander st�tzte sich auf Hiwas Schreibtisch und nickte in Richtung Nachbarzimmer: �Ich glaube, ich muss mal mit dem Besitzer dieses sch�nen Reiseb�ros ein vertrauliches Wort wechseln. Er sollte wissen, welche Zecke er sich da in seinen Laden gesetzt hat. Einen Junkie, ehemaligen Drogenschmuggler und Held der PKK. Dabei g�be es so viele arabische Jungs, die dringend einen Job br�uchten.� �Ich war nie Mitglied der PKK.� �Schei� drauf�, wiederholte Zander. Hiwa schwieg. Die Kiefermuskeln des jungen Kurden arbeiteten. �Und?� �Azad�, sagte Hiwa leise. �Azad wer?� �Azad Barzani. Er war es, der den Draht zu euch Bullen hatte und Noureddine Bescheid gab.� �Barzani kenn ich. Noch so ein PKK-Kader. Und nur er kennt unseren Maulwurf?� �Richtig.� �Dein Kumpel Barzani sitzt im Knast, Ulmer H�he, und befindet sich im Hungerstreik, wie man h�rt.� �Schlimme Haftbedingungen.� �Wollen wir sie ihm erleichtern, Hiwa?� �Du meinst, ich soll mit Azad reden?� Die braune T�r ging auf, ein mittelalter, fetter Mann kam herausgewalzt und setzte sich gru�los an den zweiten Tisch. Zander schnappte sich einen Reiseprospekt aus dem St�nder, lie� sich Hiwas Handynummer an den Rand schreiben und sagte laut: �Danke f�r die Beratung, Herr Kaplan, ich werde mir das Angebot durch den Kopf gehen lassen.� � Zur Bismarckstra�e im Stadtzentrum war es nur ein Katzensprung. Hier logierte das Anwaltsb�ro, in dem Halima arbeitete. Zander parkte und griff sich erneut den Schl�sselbund. Deutsche Namen auf dem Kanzleischild:�Schmitz, Brothaus, Rechtsanw�lte. Zander klingelte und dr�ckte beim Summton die T�r auf. Im Treppenhaus roch es nach Putzmitteln, abgewetztes Linoleum bedeckte die Stufen. Nicht die beste Adresse, aber es muss auch Rechtsverdreher f�r das normale Volk geben, sagte sich Zander. Die Frau am Empfang lie� ihn warten. Zander musste stehen � keine Sessel, keine Zeitschriften. Endlich kreuzte ein mittelalter Typ in Jeans und Pullover auf, kein S�dl�nder. Jungenhafte Stimme, die leicht kiekste: �Herr Zander?� Dienstausweis unter die Nase. �Ich wollte eigentlich mit Frau Boussoufa sprechen.� �Ich leite die Kanzlei, J�rgen Brothaus ist mein Name. Halima hat bereits heute Morgen ihre Aussage gemacht. Sie l�sst ausrichten, dass sie nicht mit Ihnen reden will.� �Arbeitet bei Ihnen auch ein Anwalt namens S�kr�?� �Nein.� �Warum hat nicht jemand aus Ihrer Kanzlei Halima und ihre Schw�gerin ins Pr�sidium begleitet?� Der Jeanstyp zuckte mit den Schultern. �Weil sich die Familie f�r einen anderen Rechtsbeistand entschieden hat.� Zander trat einen Schritt auf den Anwalt zu. �Unter uns, Herr Brothaus. Steckt Ihre Mitarbeiterin mit den Terroristen unter einer Decke oder schweigt sie, weil ihre Familie Druck auf sie aus�bt?� Der Jeanstyp wich zur�ck. �Angesichts des Tons, den Sie anschlagen, w�rde ich Halima ebenfalls raten, die Aussage zu verweigern.� �Kommen Sie mir nicht mit diesem Anwaltsschei�, Brothaus. Sagen Sie Ihrer Angestellten, dass sie ihre Sippe mal f�r einen Moment vergessen soll. Dass kein Boussoufa etwas erf�hrt, wenn sie mir verr�t, was es mit diesen zwei Schl�sseln auf sich hat.� Zander dr�ckte dem Anwalt die Schl�ssel in die Hand. �Ich warte hier. Reden Sie ihr ins Gewissen. Oder wollen Sie, dass morgen die n�chste Bombe hochgeht?� � Nach zehn Minuten kehrte der Anwalt zur�ck und setzte zu einer Erkl�rung an: �Halimas Eltern sind verst�ndlicherweise sehr ersch�ttert �ber den Verlust ihres Sohnes, deshalb��� �Fassen Sie sich kurz, Brothaus.� �Die Familie f�rchtet, man k�nne sie abschieben. Meiner Meinung nach ist die Sorge unbegr�ndet, aber die Eltern haben Halima dazu verdonnert, nicht mit der Polizei zu reden.� �Und die Schl�ssel?�, fragte Zander ungeduldig. Brothaus gab ihm den Bund zur�ck und senkte die Stimme. �Im Kellerraum der Eltern steht ein Schrank. Es ist die zweite Kellert�r auf der rechten Seite.� �Sie sind echt der erste Schei�anwalt, der zu etwas nutze ist.� �Sie mich auch, Herr Kommissar.� Zander lachte und lief die Treppe hinunter. � Vor dem�Chez Chef�wurde gerade eine L�cke frei. Es d�mmerte und das marokkanische Lokal warf Licht auf den B�rgersteig. Drinnen sa�en zwei Opas und w�rfelten. Daneben die Haust�r, unverschlossen. Terrorverdacht, Gefahr im Verzug � das geht jetzt auch ohne richterlichen Beschluss, dachte Zander und lief die Treppe hinunter. Mit dem ersten Schl�ssel lie� sich der Kellerzugang des Hauses �ffnen. Bretterverschl�ge links und rechts. Zander stie� sich den Kopf an der niedrigen Decke und fluchte. In geb�ckter Haltung tastete er sich weiter vorw�rts. Es stank nach Moder. Der Schl�ssel passte auch in das Schloss des zweiten Kabuffs rechts � der Raum der Boussoufas, wie von dem Jeans-und-Pullover-Anwalt beschrieben. Zander fand einen Drehschalter. Die R�hre an der Decke summte und spendete ein wenig Licht. Ganz hinten der Schrank. Zander musste Kartons und Koffer beiseite r�umen. Spinnweben verfingen sich in seinem Gesicht. Er atmete Staub und unterdr�ckte den Hustenreiz. In der Schrankt�r fand Schl�ssel Nummer zwei das Loch, f�r das man ihn gemacht hatte. Eine Reisetasche lag auf dem mittleren Einlegeboden. Kein Zweifel, sie war es: goldene�Louis Vuitton-Initialen auf braunem Leder � die Tasche, die Noureddine seinem kleinen Bruder vermacht hatte. Rafi hatte sie nicht in das G�stezimmer des Moscheevereins mitgenommen, sondern hier deponiert. Zander zog das Ding heraus und �ffnete den Rei�verschluss: Pistole, Reservemagazin und helles Pulver in prall gef�llten Klarsichtbeuteln. Zander z�hlte dreizehn Pakete und ging davon aus, dass der Beutelinhalt abgewogen war: jeweils eintausend Gramm. Laut Hiwa hatte Rafi f�nfzehn Kilo angeboten. Also fehlten zwei davon. Zander untersuchte den Schrank. Im untersten Fach standen Beh�lter, die man ganz an die R�ckwand geschoben hatte. Unterschiedliche Etiketten, teils franz�sisch beschriftet. Warnhinweise � das Kleingedruckte konnte Zander im D�mmerlicht nicht entziffern. Auf dem dritten Kanister stand auf Deutsch:�Wasserstoffperoxid. Zander wusste Bescheid: ein starkes Oxidationsmittel. Zum Bleichen oder Desinfizieren. Man konnte aber auch Sprengstoff daraus fabrizieren. Zander dr�ckte die Nummer des Landeskriminalamts in die Tasten seines Mobiltelefons, stellte fest, dass er kaum Empfang hatte, und verlie� den Verschlag der Boussoufas in Richtung Kellerausgang. Er lie� sich mit der Dienststelle der Sprengstoffspezialisten verbinden, bekam Klaus Bisping in die Leitung und meldete seinen Fund. Bisping bat ihn, nichts anzufassen und zu warten. Es w�rde allenfalls f�nfzehn Minuten dauern. Zander kehrte zur�ck, setzte sich auf einen Umzugskarton, der unter ihm nachgab, und sah einer Spinne zu, die ein Regal erklomm. Sein Handy spielte�In-A-Gadda-Da-Vida�� es war die Mailbox, die ihm meldete, dass eine neue Nachricht eingegangen war. Wieder musste er bis fast vor den Ausgang gehen, um sie abzuh�ren. Hiwas Stimme. Zander verstand nicht viel mehr als�Ulmer H�he�und�Azad Barzani. Er rief den Kurden zur�ck. �Bin ich schnell, oder was, Effendi?�, meldete sich Hiwa. �Nur hab ich nicht verstanden, was du wolltest.� �Azad gibt seine Infos nicht f�r umsonst. Kannst du erreichen, dass er Haftverschonung kriegt, Kronzeugenregelung oder so?� �Du spinnst, Hiwa. Das w�rde nicht mal euer Allah f�r ihn hinkriegen.� �Dann wird er nicht reden. Tut mir leid, ich hab�s probiert. Jetzt sind wir quitt, okay?� �Warte.� �Was denn?� Zander sp�hte zur Stahlt�r hinaus � kein Mensch im Treppenhaus. Trotzdem senkte er die Stimme. �Ich habe etwas, was drei�igtausend Euro wert ist. Das sollte Azad weiterhelfen.� �Klingt nach einem Kilo Heroin.� �Ja oder nein?� �Zwei�Kilo, Effendi. Eins davon f�r mich, denn schlie�lich trage ich das ganze Risiko.� Zander hielt das f�r einen fairen Deal und stimmte zu. �Ich rede mit Azad�, versprach Hiwa. �Tu das, mein Junge. Ich bin mir sicher, er wird unserem Rat folgen. Mit drei�igtausend Kr�ten kann er den Hungerstreik an den Nagel h�ngen. Angenehmere Haftbedingungen sind dann wohl kein Thema mehr.� Zander h�rte Schritte und beendete das Telefonat. Er rannte zur�ck in den Gang, stie� sich den Kopf noch heftiger als zuvor, betrat nach Luft ringend den Abstellraum der Boussoufas und stopfte je einen Rauschgiftbeutel in die linke und rechte Innentasche seiner Jacke. Schei�egal, ob dreizehn oder elf Kilo in der Asservatenkammer landen w�rden. Im Gang n�herte sich jemand. Zander strich �ber seine Jacke und hoffte, dass sie nicht zu sehr ausbeulte. Dann wandte er sich um. Bisping stand in der T�r und blickte ihn entgeistert an. �Was gibt�s, Kollege?�, fragte Zander und f�rchtete schon, er sei aufgeflogen. �Du blutest.� Zander fasste sich an die Wange. Unter dem Pflaster, das Fatima Diouri ihm verpasst hatte, pochte es unver�ndert. �Nein, da.� Bisping machte eine Geste zum Kopf und Zander begriff. Er presste sein Taschentuch auf den Sch�del und begutachtete den Blutfleck auf dem wei�en Stoff. Unterdessen schleppte ein zweiter LKA-Mann einen Spurenkoffer herbei. Zander zeigte ihnen den Schl�sselbund. �Die Schl�ssel haben eure Leute gestern am Tatort gefunden�, erkl�rte er. �Mit Fingerspuren von Said Boussoufa drauf. Und hier ist der Schrank, zu dem die Dinger passen. Sieht nach elf Kilo Rauschgift aus und nach Zutaten zum Bombenbau. Ich hab lediglich die Griffe der Tasche und den Rei�verschluss angefasst.� �Gibt�s hier auch Licht?� �Brennt schon.� Zander zeigte nach oben zur flackernden Funzel. �Viel Spa� noch, Leute, ich muss jetzt los.� Er zw�ngte sich an den Kollegen vorbei und machte sich vom Acker. Im Auto stellte Zander fest, dass sich das Leder seiner Jacke �ber den Innentaschen nicht blo� ein bisschen ausbeulte. Er blickte an sich herunter und kam sich vor wie eine Transe mit zwei fetten Titten. 41. Veller zog die B�rot�r hinter sich zu. Er beschloss, sich nicht f�r seinen Zusammenprall mit dem Staatssekret�r in Berlin zu rechtfertigen. Kein Bericht an den Direktor, zumindest nicht schriftlich. K�nnen Sie mir verraten, warum ein Mensch sich so �ndert? Die Suche nach Anerkennung, vermutete Veller. Ihm fiel siedend hei� sein Vater ein. Er nahm die Schachtel mit dem Reiseschachbrett aus der Schublade, versetzte den wei�en Turm gem�� der gestrigen Anweisung und studierte die neue Konstellation. Er wurde nicht schlau daraus. Dass der gegnerische Turm ohne Not die offene Linie verlie� und auf ein Feld wechselte, wo ein eigener Bauer das Vorankommen behinderte, erschien Veller unlogisch. Vielleicht hatte Wei� einem Man�ver gegen den Turm zuvorkommen wollen. Wie auch immer � Veller f�hlte sich im Vorteil und griff mit einem seiner Bauern die feindliche Dame an. Er zog und tippte ins Handy:�c5. Die Antwort kam innerhalb einer Minute. Als h�tte sein Vater neben dem Brett gewartet. Veller fiel ein Stein vom Herzen. Da5. Bleibt ihm auch nichts anderes �brig, dachte Veller und verschob die wei�e Dame. Sein B�roapparat klingelte. Ein Blick auf das Display: Die ersten Ziffern geh�rten dem nordrhein-westf�lischen Innenministerium an der Haroldstra�e � ein Sesselfurzer, der schon wieder einen Report verlangte. Veller war versucht, den Anruf zu ignorieren, doch diesmal behielt sein Pflichtgef�hl die Oberhand. �Paul Veller, Landeskriminalamt.� �Innenministerium, G�nther Koch. Wegen der Bombe in D�sseldorf. Stimmt es, dass Sie die zust�ndige Ermittlungskommission leiten, Herr Weller?� �Veller, mit V. Was gibt�s?� Er kannte keinen Koch, jedenfalls nicht in der Abteilung vier, der die Polizeiaufsicht oblag und an die Veller seine Texte zur Beruhigung des Ministers zu schicken pflegte. �Es geht um Michael Winner.� Veller lief ein Kribbeln �ber den R�cken. Der Anrufer sagte: �Sie suchen doch eine Person dieses Namens, wie ich h�rte.� �Ja, und?�, fragte Veller, lauter, als er wollte. �Reden Sie schon!� Pl�tzlich war ihm klar, zu welcher Beh�rde des Innenministeriums der Beamte z�hlte, den er an der Strippe hatte: Abteilung sechs, das NRW-Landesamt f�r Verfassungsschutz. Wom�glich war auch G�nther Koch nur ein Deckname. T�uschen, tricksen, tarnen � darin war die Geheimdienstbande am besten. �Wir sollten uns treffen, Herr Weller. Wir haben da n�mlich ��, der Anrufer hustete leise, �� ein kleines Problem.� � Keine drei�ig Minuten sp�ter sch�ttelte Veller die Hand des Beamten. Auf dem Tisch im Besprechungsraum dampften die Kaffeebecher. Der Pressesprecher der Beh�rde war anwesend sowie Dombrowski, den Veller aus seiner Ermittlungskommission dazugeholt hatte. Zuletzt st�rmte Vellers Vorgesetzter Meerhoff herein und schloss die T�r. G�nther Koch hatte sich ganz allein auf das Territorium des Landeskriminalamts begeben. Ein kleiner, drahtiger Mann um die vierzig, dessen akkurat getrimmter, grau melierter Vollbart die Weichheit seiner Gesichtsz�ge nicht kaschieren konnte. Der Vertreter des Landesamts f�r Verfassungsschutz musste sich vorkommen wie auf der Anklagebank, doch er lie� sich nichts anmerken. �Wer ist Michael Winner?�, begann Veller das Gespr�ch. �Das darf ich Ihnen leider nicht sagen�, antwortete Koch. �Aber er arbeitet f�r Ihre Beh�rde.� �Als V-Mann-F�hrer, ja.� �Hei�t das, dass Yassin alias Dennis Scholl, geboren am 25. Januar 1984 in Haan, Rheinland � dass dieser Yassin ein Informant Ihrer Beh�rde war?� Der Verfassungssch�tzer verschr�nkte die Arme und lehnte sich zur�ck. �Das ist korrekt.� Meerhoff fragte: �Die anderen beiden Kerle auch?� �Nein, nur Scholl.� �Sind Sie Michael Winner?� Koch l�chelte. �Nein, ich arbeite im Referat 611, Grundsatzangelegenheiten und Auskunftsersuchen. Und falls Sie sich das etwa fragen: G�nther Koch ist mein wirklicher Name.� �Wir brauchen Ihre Akte�, sagte Veller. �Und wir m�ssen diesen V-Mann-F�hrer vernehmen.� �Unm�glich.� Stille im Raum. Nur das Summen des Verkehrs auf der V�lklinger Stra�e drang leise durch die geschlossenen Fenster. �Bitte haben Sie daf�r Verst�ndnis�, erg�nzte der B�rtige. �So geht das nicht�, widersprach Veller und bem�hte sich, ruhig zu bleiben. �Wom�glich haben die drei gar nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern Ihr famoser V-Mann-F�hrer hat sie als Agent provocateur eingesetzt.� �Na, h�ren Sie mal!� �W�re nicht das erste Mal, dass Geheimdienstler zu einer Straftat anstiften.� �In diesem Fall nicht. Sie haben mein Wort.� Veller warf seinem Abteilungsleiter einen Blick zu. Meerhoff widersprach: �Damit kommen Sie nicht durch, Herr Koch.� Der Verfassungssch�tzer blinzelte, als blende ihn ein Licht. Dann zog er ein Schreiben aus seiner Mappe und schob es �ber den Tisch. �Dies ist unsere schriftliche Best�tigung, dass die beiden Marokkaner als potenzielle Gef�hrder unter Beobachtung standen, dass der Konvertit f�r uns als Quelle arbeitete, dass wir jedoch nichts von den Anschlagsvorbereitungen wussten.� Veller las den roten Stempel auf dem Deckblatt:�geheim � amtlich geheim gehalten.�Somit durfte das Dokument nicht einmal in den Prozessakten auftauchen. Kein Mensch au�er ihnen sollte von der Verwicklung des Verfassungsschutzes erfahren. �Ich muss Ihnen doch nicht erkl�ren, dass polizeiliche und nachrichtendienstliche Arbeit zwei Paar Stiefel sind�, f�gte Koch hinzu. �Wenn wir Ihnen alles geben w�rden, dann w�rde es vor Gericht unweigerlich �ffentlich gemacht. Jedermann w�sste, wie das nordrhein-westf�lische Landesamt f�r Verfassungsschutz gegen das islamistische Milieu vorgeht. Die Arbeitsweise eines Geheimdienstes kann unm�glich transparent gemacht werden. Es geht hier nicht nur um aktuelle Operationen, die unmittelbar gef�hrdet w�ren, sondern um prinzipielle Kernfragen nachrichtendienstlicher Arbeitsweise. Dem Wohl der Bundesrepublik Deutschland w�rde schwerwiegender Nachteil entstehen. Verstehen Sie mich?� �Kommen Sie mir nicht mit der James-Bond-Nummer!�, schimpfte Meerhoff. Veller �berlegte, was der wahre Grund des Mauerns war. Vielleicht Eitelkeit und das �bliche Streben nach Herrschaftswissen. Der Mann vom Referat 611 lehnte sich zur�ck und stellte ein selbstbewusstes L�cheln zur Schau. Der Typ hat R�ckendeckung, schoss es Veller durch den Kopf. � Kurz darauf sa� Veller im B�ro des LKA-Direktors, der Kontakt mit der Generalbundesanw�ltin aufgenommen hatte. Die oberste Ankl�gerin der Republik z�gerte jedoch, Druck auf die Landesregierung auszu�ben, und wollte sich erst einmal in alle Details des Falls einweihen lassen. Veller w�rde deshalb nach Karlsruhe fahren m�ssen. Das bedeutete, sich morgen fr�h erneut um halb sechs aus dem Schlaf klingeln zu lassen und mindestens f�nf Stunden im Zug zu sitzen. Vorausgesetzt, die Bahn war frei von Versp�tungen. Wenn das der Preis f�r die Akteneinsicht war, war Veller bereit, ihn zu zahlen. Er rief die Kollegen der Ermittlungskommission zur Besprechung zusammen. Veller begr��te Martin Zander, dem er bis jetzt noch nicht begegnet war: ein bulliger Kerl �lteren Semesters. Eine frische Schramme zierte die rasierte Glatze, im Gesicht ein Pflaster und misstrauische Augen � ein Kerl, mit dem man nicht so schnell warm wird, erkannte Veller, als er ihm die Pranke sch�ttelte, und musste an einen Film denken: Bruce Willis, der es mit der ganzen Welt aufnahm. Als externer Berater nahm Thomas Heidenreich vom D�sseldorfer Pr�sidium teil, Mitarbeiter des dortigen Leitungsstabs und als Kontaktbeamter zust�ndig f�r die Moscheegemeinden der Stadt. Heidenreich verschaffte den Anwesenden einen �berblick �ber die zwanzig muslimischen Gemeinden. Alle hatten die sogenannte D�sseldorfer Erkl�rung unterschrieben, wonach sie sich von terroristischer Gewalt distanzierten. Einige h�ngten diese Erkl�rung sogar in ihren R�umen aus, schienen sie also ernst zu nehmen. Die Hinterhofmoschee in Oberbilk hatte bis vor einem halben Jahr als Anlaufpunkt von Fundamentalisten gegolten. Ab und zu waren dort radikale Wanderprediger aufgetaucht. Nach einem Wechsel an der Spitze des Kulturvereins war es in dieser Hinsicht ruhig geworden. Die Telefone der Moschee und der Vereinsvorst�nde wurden nat�rlich trotzdem �berwacht. Weil die unmittelbare Tatortarbeit inzwischen abgeschlossen war, konnte die Polizei das Areal zum morgigen Freitagsgebet freigeben. Veller beschloss, im Anschluss daran die Moscheebesucher befragen zu lassen. Er beauftragte ein Team damit und bat Heidenreich, den Einsatz zu begleiten. Es klopfte an der T�r, Sprengstoffspezialist Klaus Bisping segelte in den Raum, murmelte eine Entschuldigung wegen der Versp�tung und brachte Neuigkeiten: �Die Kanister aus dem Keller der Boussoufas enthalten mehrere Liter Wasserstoffperoxid in ausreichender Konzentration. Zum Teil stammen sie aus Belgien � offenbar hat sich der K�ufer M�he gegeben, nicht aufzufallen. Dazu drei Liter Aceton, ein g�ngiges L�sungsmittel, das man an jeder Ecke bekommt. Alles noch originalverpackt und unge�ffnet. Wir konnten Fingerspuren sicherstellen, ich rechne jeden Moment mit einem Anruf aus der Kriminaltechnik.� Veller warf ein: �Wenn man die Fl�ssigkeiten mischen w�rde �� �� wird�s hochexplosiv, genau. Mit einem Schuss verd�nnter S�ure als Katalysator entsteht Acetonperoxid, ein hei�es Zeug. Weil man es so einfach herstellen kann, ist es vor allem unter jugendlichen Bastlern recht beliebt. Aber auch unter Leuten, die es ernst meinen. Der Volksmund nennt den Stoff Apex. Er ist auch deshalb so reizvoll, weil man keinen Sprengz�nder braucht. Eine Wunderkerze, die man in den Beh�lter steckt, gen�gt. Oder die Wendel einer Gl�hbirne. Au�erdem reagieren die �blichen Sprengstoffdetektoren nicht auf Apex. Mit einer Detonationsgeschwindigkeit von f�nftausend Metern pro Sekunde hat es etwa die Sprengkraft von TNT, ist im Unterschied dazu allerdings wahnsinnig sensibel. Die kleinste Ersch�tterung oder Temperaturschwankung, ein Sonnenstrahl, der auf das Beh�ltnis trifft, oder eine nerv�se Hand beim Umr�hren � schon fliegt einem das Zeug um die Ohren.� �Hat die Sauerlandgruppe nicht auch versucht, Apex herzustellen?�, warf Dombrowski ein. �Und f�r die U-Bahn-Anschl�ge in London wurde das Zeug ebenfalls verwendet.� �Richtig. Wir haben aber keinen Hinweis auf irgendwelche Kontakte�, antwortete Veller. �Weder zu den Sauerlandleuten noch zu einer ausl�ndischen Organisation.� In diesem Moment unterbrach mehrstimmiges Handyklingeln die Diskussion. Einige Kollegen reagierten, aber es waren nur Veller und Bisping, die angerufen wurden. Veller hatte die Laborchefin am Ohr. �Der Sprengstoff ist identifiziert�, sagte sie. �Lass mich raten: Apex.� �Nein, Paul, das war kein Selbstlaborat, sondern ein gewerblicher Sprengstoff auf der Basis von Ammoniumnitrat. Der Handelsname lautetEurodyn 2000,�Hersteller ist die Firma Orica in Troisdorf.� F�r einen Moment war Veller verwirrt. �Bist du dir sicher?� �Trug der Prophet einen Bart? Die Antwort lautet: Ja.� �Kannst du r�berkommen?�, fragte Veller. �Wir sitzen gerade im Besprechungsraum.� �Okay.� Zugleich mit Veller steckte auch Bisping sein Mobiltelefon ein. Sie blickten sich an. �Du zuerst�, bestimmte Veller. �Die Fingerspuren auf den Chemikalienbeh�ltern aus dem Keller stammen von Said Boussoufa, wie zu vermuten war.� �Und auf der Tasche mit dem Heroin?�, fragte Anna. �Verschiedene Spuren, aber verwischt. Und dein Anruf, Paul?� Veller blickte in die Runde und sagte: �Apex war nur Plan�B unserer Zelle. Sie hatten etwas Besseres.� �Was meinst du damit?� �Wird uns gleich aus erster Hand erkl�rt. Dr. Frankenstein ist im Anmarsch.� Bisping kicherte, als fast im gleichen Moment die Laborchefin eintraf. Die Kollegin gr��te mit freundlichem L�cheln und reichte Dombrowski ein B�ndel an Unterlagen f�r seine Akten, bevor sie sich einen freien Stuhl suchte und zu berichten begann. � Am Ende der Sitzung schwirrte Veller der Sch�del. Die Ungereimtheiten des Falls wuschsen, statt sich zu verringern. Erstens: Eine Zelle von jungen Islamisten, die anscheinend autonom handelten � ausgerechnet in dieser Gruppe mischte der Geheimdienst mit. Zweitens: Ein Mitglied der Bande hatte Zutaten f�r Apex gehortet � was detonierte, war jedoch Stoff von ganz anderem Kaliber. Veller bl�tterte in den Unterlagen. Die�Orica Germany GmbH�in Troisdorf bei Bonn war die Tochterfirma eines australischen Konzerns und hatte sich auf zivile Sprengmittel spezialisiert.�Eurodyn 2000�galt als ihr Bestseller: ein gelatin�ser Sprengstoff, der vor allem im Bergbau, in Steinbr�chen, beim Anlegen von Tunneln oder zur raschen Abtragung ganzer Geb�ude eingesetzt wurde. Mit einer Detonationsgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Sekunde war der Stoff noch brisanter als TNT. Er besa� die Konsistenz von Knetmasse und wurde in Stangenform verkauft. Um das Zeug zur Explosion zu bekommen, ben�tigte man einen Sprengz�nder samt Booster. Laut Bisping musste man sich die Bombe so vorstellen: ein Karton, vielleicht ein simples Postpaket, in dem gesch�tzte zwei KilogrammEurodyn�die Z�ndkapsel umh�llten. Dazu die N�gel, verzinkte Stahlstifte von achtzig Millimetern L�nge, wie es sie in jedem Baumarkt gab und die als Schrapnelle gedient hatten. Bispings Leute hatten am Tatort fast drei Kilo davon aufgelesen. Jede Stange des Explosivmaterials wurde in Papier gewickelt und mit einer Identifikationsnummer bedruckt. Die K�ufer wurden registriert. Wir brauchen diese Nummern, dachte Veller. Dann wissen wir, wo der Sprengstoff geklaut worden ist, und sind einen Schritt weiter. Wenn der Sprengstoff mitsamt der Papierh�lle verwendet worden war, hatte sich die H�lle in Luft aufgel�st. Das galt auch f�r den Z�nder. Hatten die T�ter das�Eurodyn�jedoch ausgepackt, vielleicht um es in eine andere Form zu kneten, dann konnte es irgendwo �berreste des Papiers mit den Identifikationsnummern geben. Bisping hatte versprochen, s�mtliches Tatortmaterial daraufhin zu untersuchen. Auch die Wohnungsdurchsuchungen wurden wiederholt. Morgen fr�h w�rde ein Team zum Hersteller nach Troisdorf fahren. Dort oder bei einem der Kunden von Orica musste es eine Schwachstelle geben.�Eurodyn�lie� sich keinesfalls von Laien produzieren. Die Zelle musste also Verbindungen haben. Jemanden, der sich bestechen lie�, um Sprengstoff abzuzweigen. Und noch etwas: Kommerzielles Material war v�llig unempfindlich in der Handhabung. Dies war der entscheidende Unterschied zu Selbstlaboraten wie Apex. Was den Ablauf des Montagabends in ein v�llig neues Licht stellte. Die Bombe war nie und nimmer aus Versehen hochgegangen. � Veller packte alles, was er f�r Karlsruhe brauchte, zusammen und ging zur�ck in den Besprechungsraum, wo Anna noch an einem Computer arbeitete. Er setzte sich zu ihr und fragte: �Wo steckt dein Kollege?� �Martin Zander? Feierabend, sch�tze ich. Warum fragst du?� �Er war allein, als er das Rauschgift und die Chemikalien fand.� �Traust du ihm nicht?� Veller zuckte mit den Schultern. Anna blickte ihm in die Augen. �Ich kenne ihn noch nicht lange, aber ich kann die Hand f�r ihn ins Feuer legen.� Veller sah zu, wie sie ihre Notizen sortierte und wegpackte. �Seit wann geh�rst du zur D�sseldorfer Mordkommission?�, fragte er neugierig. �Ein paar Jahre. Sechs, um genau zu sein.� �Und wie kommst du mit den Leichen zurecht?� �Nur einmal ist mir ein Fall zu nahegegangen. Ich kannte das Opfer recht gut.� �Wie bist du damit fertig geworden?� �Ich habe eine Auszeit genommen und bin nach Bosnien gegangen.� �Bosnien?� �Die internationale Polizeimission der EU.� Sie lachte. �Schon nach einer Woche bekam ich f�rchterlich Heimweh, aber ich habe durchgehalten.� �Was hat dein Freund dazu gesagt?� �Was h�ttest du gesagt?� �Ich h�tte versucht, dich zu halten.� �Bist du verheiratet?� �Ich war�s mal.� �Wie lange?� �F�nf Jahre.� �Hat nicht geklappt mit dem Halten, was?� Veller wollte antworten, doch in diesem Moment trat Zander in den Raum. Der massige Glatzkopf b�ckte sich neben seinem Tisch, um sein Handy vom Ladeger�t abzust�pseln. Er bemerkte das Schweigen der beiden anderen und sagte: �Lasst euch nicht st�ren, ihr zwei H�bschen.� �Wir reden gerade �ber dich�, erwiderte Anna mit leichtem Spott in der Stimme. �Nur Gutes, hoffentlich.� �Ich versuche, mich an all die Ger�chte zu erinnern, die �ber dich in Umlauf sind.� �Oh, dann sitzt ihr noch l�nger hier�, sagte Zander. �Bis morgen, Kollegen.� Zu Veller: �Alles Gute, Mister Newman.� Die T�r fiel hinter ihm ins Schloss. Annas Wangen waren rot angelaufen. Sie fuhr den Computer herunter. �Unglaublich�, sagte Veller. �Der Kerl kokettiert auch noch mit seinem schlechten Ruf.� Anna ging nicht darauf ein. Sie nahm ihre Jacke von der Stuhllehne und zog sie �ber. �Was meinte er eigentlich mit seinem �Mister Newman�?� �Keine Ahnung.� Auf dem Weg nach unten fragte Veller: �Wie w�r�s mit �nem Happen zum Essen?� �Bitte?� �Du musst doch hungrig sein.� �Willst du mich anbaggern?� Eine wirklich harte Nuss, dachte Veller. Sie traten auf den Parkplatz. �Und wie ist es beim Staatsschutz?�, fragte Anna. �Weniger Leichen nat�rlich, zumindest bis jetzt. Daf�r jede Menge Schn�ffelei. Du kannst nicht in die Leute hineinschauen, aber du darfst auch nicht paranoid werden. Immer wenn ich beginne, hinter jedem s�dl�ndischen Bart einen islamistischen Massenm�rder zu vermuten, esse ich abends beim T�rken, um wieder runterzukommen.� Anna l�chelte. �Also gehen wir zum T�rken?� 42. Als Moritz nach Hause aufbrechen wollte, bemerkte er, dass die T�r zu Carolas B�ro offen stand. Ger�usche waren zu h�ren: ein Stuhl, eine Schublade, Geraschel. Sie ist zur�ck, war sein erster Gedanke. Er sah nach, doch da war nur Simon Gr�fe, der sich an ihrem Schreibtisch zu schaffen machte und dabei Knoblauchgeruch verstr�mte. �Was machen Sie?�, fragte Moritz. �Ich vermisse die Pr�fberichte zu den Finanzen der Landesverb�nde�, antwortete Gr�fe. �Frau Ott hat sie sich ausgeliehen, aber hier sind sie offenbar nicht.� �Vielleicht hat sie die Unterlagen mit nach Hause genommen.� �Nach K�ln?� �Sind sie wichtig?� �Morgen treffe ich die Landesschatzmeister und wir legen die Eckdaten f�r das kommende Jahr fest. Es w�re gut, wenn ich die Details parat h�tte.� In Moritz� Gedanken entspann sich eine Assoziationskette: Parteifinanzen � Steuerbetrug � Geldw�sche. Er sagte: �Ich muss sowieso nach K�ln. Ich k�nnte bei Carola vorbeifahren. Vielleicht findet ihr Mann die Sachen.� �Das w�re super, Herr Lemke, danke!� �Kein Problem.� �Ach, wissen Sie was?� Gr�fe ber�hrte Moritz am Ellbogen. Sein Atem ganz nah. Moritz hielt die Luft an. �Ich bin zwar der J�ngere von uns beiden, m�chte aber trotzdem gern vorschlagen, dass wir uns endlich duzen. Ich bin der Simon.� Moritz ergriff die entgegengestreckte Hand. �Moritz.� Kr�ftiges Sch�tteln, der Gesch�ftsf�hrer strahlte. �Du kennst das j�ngste Umfrageergebnis noch nicht, oder? Das Rothenbaum-Institut meldet jetzt vier Prozent, das ist ein Zuwachs um mehr als die H�lfte! Und das letzte Prozent, das uns noch fehlt, erobern wir auch noch. Oder glaubst du, das Verschwinden von Frau Ott k�nnte sich negativ auswirken?� �Hoffen wir, dass sie noch lebt, Simon.� �Na klar doch, Moritz. Wir brauchen sie ja.� � Moritz raste �ber die Fleher Br�cke und schaltete die Neunzehn-Uhr-Nachrichten ein. Der Bundesinnenminister erneuerte seinen Vorschlag, das Grundgesetz zu �ndern, um die Bundeswehr im Krisenfall auch im Inneren einsetzen zu k�nnen. Moritz �berlegte, was die Freiheitlichen dieser Forderung entgegensetzen konnten, um die Regierung zu toppen, doch dann sp�rte er, wie wenig ihn das im Moment interessierte. Wo zum Teufel steckte Carola? Moritz rief sich die Frau ins Bewusstsein, die ihm zeitweise so nah gewesen war. Ihr Lachen, ihre W�rme. Die Art, wie sie manchmal eine Augenbraue hochzog. Vier Tage war es her, dass er sie zuletzt in den Armen gehalten hatte � Moritz erschrak, wie rasch Erinnerungen verblassten. Auf der H�he des Autobahnkreuzes K�ln-Nord blitzte es und Moritz glaubte, wegen �bertretung des Tempolimits erwischt worden zu sein. Doch gleich darauf krachte schwerer Donner. Ein Wolkenbruch setzte ein, Moritz musste langsamer fahren. Ausfahrt Ehrenfeld � wenige Minuten sp�ter war er zu Hause. Vor seiner Wohnungst�r sa� Petra. �Entschuldige die Versp�tung�, sagte er. �Auf der Autobahn steht das Wasser.� Sie k�sste ihn zur Begr��ung auf den Mund � ein guter Auftakt. Er schloss die T�r auf und h�ngte den nassen Mantel auf einen B�gel. Der Kampftiger strich um Petras Beine. �Er ist hungrig�, stellte Moritz fest und ging zum K�hlschrank. �Oder erfreut, mich zu sehen�, sagte seine Ex. �Du kannst froh sein, wenn dir das Vieh nicht die Str�mpfe zerkratzt.� Petra war kleiner als Carola und schlanker, zierlich f�r ihre f�nfundvierzig Jahre, dabei ein Energieb�ndel, zumindest meistens. Ihr schwarzer Pulli und ihr kurzer Rock �ber der schwarzen, blickdichten Strumpfhose erinnerten ihn an die Mode zu der Zeit, als sie beide jung gewesen waren � jetzt vermutlich ein angesagter Retrolook und Moritz hatte das nur nicht mitbekommen. Sie trug ihre Reisetasche in das Zimmer, das Gretchen einst bewohnt hatte. Moritz tischte auf, was sein K�hlschrank bot. K�se und Wurst aus dem Bioladen, Tomaten, Sauerteigbrot. Er wusste, dass Petra die gleichen Dinge mochte wie er, zumindest war es fr�her so gewesen. Als sie sich an den Tisch setzte, fiel ihm ihre gute Laune auf. �Du fragst mich gar nicht, was f�r einen Termin ich hatte�, sagte Petra. �Muss jedenfalls gut gelaufen sein.� �Mir ist nach einem Gl�schen Sekt zumute. Hast du etwas da?� Moritz holte die Flasche Champagner aus dem K�hlschrank, die Carola und er am Samstag nicht mehr getrunken hatten. Er �ffnete sie und goss zwei Gl�ser voll. Sie musterte das Etikett und sagte: �Es scheint dir gut zu gehen.� Dann prostete sie ihm zu. �Ich hab ebenfalls einen neuen Job.� �Hier in K�ln?� �Da staunst du, was?� �Du kommst also zur�ck?� �Ich dachte, wir k�nnten vorl�ufig eine WG bilden, zumindest die ersten Tage, bis ich eine eigene Bude gefunden habe. Du hast doch hoffentlich nichts dagegen?� �Ganz im Gegenteil! Und was ist mit Gretchen?� �Das steht noch nicht fest. Unsere Tochter hat sich n�mlich verliebt und wei� im Moment nicht, was sie will, K�ln oder M�nchen. Heute so, morgen so. Ich mach ihr da keine Vorschriften. Sie ist alt genug, finde ich.� Moritz hatte da seine Zweifel. �Gretchen ist erst sechzehn.� �Siebzehn in einem Monat.� �Und ihr Plan, das kommende Schuljahr in Frankreich zu verbringen?� �Schnee von gestern. Du wei�t doch, wie sprunghaft M�dchen in dem Alter sind.� Er wusste es nicht. Gretchen lebte ja nicht bei ihm. Seine Tochter verliebt und allein in einer fernen Stadt � Moritz konnte sich das nicht recht vorstellen. Petra sagte: �Du hast mir immer noch nicht gratuliert.� �Was ist das denn f�r ein Job?� �Schauspielhaus, Pressestelle.� �Und die bayerischen Gr�nen?� �Von Politik hab ich endg�ltig die Nase voll.� �Gratuliere. Und nat�rlich kannst du hier einziehen, auch f�r immer. Das wei�t du doch.� �Du gehst ja ganz sch�n ran.� �Unsere Trennung war ein Fehler.� Petra musterte ihn. �Wie geht es dir?� �Ganz gut.� �Erz�hl von deiner neuen Arbeit.� Moritz schwieg. Petra hob die Augenbrauen. �Was ist los, Moritz?� �Ich muss dir etwas beichten.� �Sprich.� �Das Projekt, an dem ich arbeite �� �F�r diesen Bauunternehmer.� �Ja, das hei�t nein. Es ist vielmehr f�r eine Partei, die dieser Mann unterst�tzt. F�r die Zeit bis zur Landtagswahl mache ich dort die Pressearbeit.� Moritz schluckte. �Falls sie die F�nfprozenth�rde schafft, kriege ich einen h�bschen Bonus. Und nach der Wahl suche ich mir sowieso etwas anderes.� Zwei steile Falten auf Petras Stirn. Moritz wich ihrem Blick aus. �Du meinst doch nicht diese �� �Doch�, gestand Moritz. �Genau diese. Ich hoffe, du verstehst das. Ich meine, so schlimm ist das nicht, glaub mir. Und es hat auch nichts mit uns zu tun.� Petra schwieg. �Nur bis zur Landtagswahl. Es hilft mir, diese Wohnung zu halten.� Keine Reaktion. �Sag mir, dass sich deshalb nichts an unserem Verh�ltnis �ndert, ich meine �� Moritz sah ein, dass sein Reden nichts fruchtete, griff nach dem Telefon und erl�uterte: �Ich muss noch mal kurz wohin.� Petra nickte nachdenklich. �Dauert wirklich nicht lang�, sagte Moritz, w�hlte Carolas Privatnummer und fragte ihren Mann nach den Unterlagen, die Gr�fe brauchte. Als Moritz aufbrach, f�hlte er sich, als habe sich unter ihm eine Klappe aufgetan und er bef�nde sich im freien Fall. � Das Haus der Ott-Petersens lag ruhig in der Rostocker Stra�e des Stadtteils Weidenpesch, gerade mal zehn Autominuten von seiner Wohnung entfernt, doch Moritz war zum ersten Mal in dieser Gegend. Ein wei� gestrichenes Geb�ude mit Doppelgarage, der Vorgarten bestand aus einer schmalen Rasenfl�che, die durch einen niedrigen Buchsbaumstreifen vom Gehweg abgetrennt war. Alles in allem stilvoll und elegant. Moritz zog den Z�ndschl�ssel ab. Das Schweigen Petras war ihm in die Knochen gefahren. W�tende Attacken w�ren ihm fast lieber gewesen. Er rannte durch den Regen zum sch�tzenden Vordach. Unter der Klingel war der doppelte Nachname zu lesen. Moritz dr�ckte den Knopf und musste nicht lange warten. Er hatte einen Mann erwartet, dem man den Kotzbrocken ansah. Doch Ole Petersen wirkte fast sympathisch in seiner dunkelblauen Strickjacke, mit seinem L�cheln und der aufrechten Haltung. Makellose Z�hne, ein markantes Kinn. Am meisten war Moritz �ber das Alter des Mannes erstaunt, deutlich �ber sechzig, sch�tzte er. Ihm fiel ein, dass er nicht einmal wusste, was Carolas Mann beruflich trieb. Er konnte sich ihn als Moderator von TV-Shows vorstellen, als Zahnarzt, aber auch als Barpianist im Grandhotel. �Herr Lemke von den Freiheitlichen?�, fragte der freundliche Herr. Moritz bejahte. Leider bat ihn Petersen nicht ins Haus. Moritz h�tte interessiert, wie Carola wohnte. �Das hier m�ssten die Unterlagen sein.� Petersen �bergab ihm eine Einkaufst�te, die zwei Aktenordner enthielt. �Ich habe sie auf Carolas Schreibtisch gefunden.� �Danke�, sagte Moritz. �Und Sie haben keine Idee, wo sich Ihre Frau aufhalten k�nnte?� Das L�cheln erlosch. Petersen blickte zu Boden. �Sie hat das schon einmal gemacht.� �Was?� �Einfach abhauen und nach einer Woche wieder auftauchen, als sei nichts gewesen. Schon etwas her, ein paar Monate nach der Geburt unserer Tochter.� �Und warum?� �Eine Art postnatale Depression.� Moritz nickte, ohne genau zu wissen, was die Worte bedeuteten. �Vielleicht waren die letzten Wochen zu viel f�r sie�, f�gte Petersen hinzu. �Carola hat sich allerhand zugemutet. Vielleicht sitzt sie jetzt in einer Pension in der Eifel, liest einen Krimi und versucht abzuschalten. Ich hoffe es zumindest.� �Hat sie Gep�ck mitgenommen?� Petersen sch�ttelte den Kopf. �Nur ihr Motorrad fehlt.� Als Moritz die Akten im Kofferraum verstaut hatte, sah er noch einmal zum Haus zur�ck. Errichtet in den Siebzigern, sch�tzte er. Hinter der kleinen Scheibe der Eingangst�r erlosch das Licht. Moritz ignorierte den Regen und ging am Grundst�ck entlang bis zum Nachbarhaus. Auch auf der Seite waren die Fenster dunkel. Str�ucher verwehrten den Blick in den Garten. Die Tore der Doppelgarage waren verschlossen. Ein Bewegungsmelder sprang an und Licht flutete �ber die Zufahrt. Carolas letzter Satz am Telefon:�Was w�rdest du dazu sagen, wenn ich Ole verlasse? Vielleicht hatte sie tats�chlich nur eine Spritztour unternommen, um etwas Abstand zu gewinnen. � �Wei�t du eigentlich, wie sp�t es ist?�, fragte Henning, als er die T�r aufmachte. �Und was soll das werden? Ein Heiratsantrag?� Moritz hielt ihm eine Flasche spanischen Cava hin. Von der Sorte hatte er einen ganzen Karton an der Tankstelle erstanden. �Ich will mich f�r deine Hilfe in Sachen�YouTube�bedanken.� �Du und deine komische Partei�, sagte Henning und sch�ttelte den Kopf. �Komm rein.� Henning wohnte im Sechzigviertel von Nippes, einer ehemaligen Eisenbahnersiedlung. Seine Br�tchen verdiente er als Teilhaber eines Computerladens. Er reparierte PCs und Laptops und schwatzte seinen Kunden teure Sicherheitssoftware auf, die jede Kiste so lahm machte, dass auch gleich ein gr��erer Arbeitsspeicher n�tig wurde. Jedes Mal, wenn Moritz die kleine Wohnung betrat, wunderte er sich, wie man in einer solchen Unordnung leben konnte. Henning warf nichts weg. Schon im Flur t�rmten sich Stapel von Zeitungen und Fachzeitschriften und lie�en nur schmale Pfade frei. Die Wohnk�che stand voller Ger�mpel: ausrangierte Ger�te, Monitore, von denen einige flimmerten � offenbar nahm Henning Arbeit mit nach Hause. Moritz r�umte eine Ecke des Esstischs frei und stellte den Karton ab. An dem ausladenden M�belst�ck aus altem Teakholz hatte er schon manchen Abend mit Henning getrunken und diskutiert. �Wir hatten aus dem Stand fast hunderttausend Klicks�, berichtete Moritz. �Ich werde nie verstehen, wie du das hinkriegst.� �Sag mir, was los ist mit dir, Lemmi.� �Ich hab Besuch zu Hause.� �Und?� �Petra.� �Habt ihr euch gestritten?� �Ich glaube, sie hat etwas gegen meinen aktuellen Job.� �Ehrlich gesagt, mir ist es auch ein R�tsel, warum du bei den Freiheitlichen angeheuert hast.� �Ich bin eben eine PR-Hure. Manchmal macht es mir sogar Spa�. Bald beginnt die hei�e Phase des Wahlkampfs, und wie es aussieht, haben wir eine reelle Chance, den Filzokraten im Landtag in die Suppe zu spucken.� �Neulich hast du mir noch gesagt, dass du insgeheim hoffst, die F�nfprozenth�rde zu verfehlen.� �Da kannte ich die Partei noch nicht so gut. Klar, wir haben ein paar Mitglieder, f�r die war die Einf�hrung der Demokratie nach 1945 ein fataler Linksrutsch, weswegen sie Adenauer noch heute b�se sind. Aber insgesamt sind die Freiheitlichen dabei, sich zu einer modernen Partei zu wandeln.� �Was Petra vermutlich anders sieht.� Moritz zuckte mit den Schultern. Henning fragte: �Stimmt es, dass euch die Vorsitzende abhandengekommen ist?� �Ihr Mann meint, dass sie schon mal f�r ein paar Tage weg war. Aber es kann auch sein, dass ihr etwas zugesto�en ist.� �Wir haben uns getroffen.� �Carola und du?�, fragte Moritz erstaunt. Dann fiel ihm ein, dass er ihr die Nummer seines Hacker-Freundes gegeben hatte. �Was wollte sie?� �Sie behauptete, ihre Telefone seien verwanzt. Und sie wollte, dass ich mich in einen Computer in eurer Parteizentrale einhacke, aber das hab ich nat�rlich abgelehnt.� �Wann war das?� �Gestern fr�h rief sie mich von irgendeinem Flughafen aus an und wollte mich noch am gleichen Tag treffen. Wir haben dann im�Spitz�auf der Ehrenstra�e zu Mittag gegessen und ich dachte, sie l�dt mich ein, aber ich musste meinen Schafsk�sesalat selbst bezahlen. Sie trug eine Lederkombi in Schwarz und Rot. Schmucke Braut, muss ich sagen, zumindest f�r eine Politikerin, die f�r die Zwangschristianisierung aller Muslime eintritt.� �Tut sie nicht.� �Dann eben f�r die Ausmerzung alles Fremden.� �Das will kein Mensch bei den Freiheitlichen!� �Hey, man darf doch einen Scherz machen, Alter.� �Dienstagmittag, sagtest du?� �So zwischen eins und zwei.� �Dann bist du der Letzte, den ich kenne, der Carola gesehen hat.� Henning griff nach der Flasche. �Ist sogar halbwegs kalt, der Sprudel. Soll ich aufmachen?� �Lass mal. Du hast recht, es ist viel zu sp�t. Entschuldige die St�rung.� Moritz stand auf. Sein Freund begleitete ihn zur T�r. �Wenn Frau Ott abgetaucht ist, kann ich den Wanzendetektor wohl zur�ckgeben, den ich mir besorgt habe�, sagte Henning und schaltete die Treppenhausbeleuchtung ein. �Was hattet ihr vereinbart?�, fragte Moritz. �Dass ich morgen fr�h zun�chst ihr Haus in Weidenpesch untersuche.� �Du k�nntest etwas f�r mich tun, Henning.� �F�r dich oder f�r die Freiheitlichen?�, fragte der Computerfreak zur�ck. 43. Als Zander mit einer weiteren Flasche von Beates Geburtstags-Chianti aus dem Keller kam, h�rte er, wie sein Handy Laut gab. Hiwa Kaplan, dachte er � auf dem K�chentisch lagen zwei Beutel voller Heroin und warteten auf ihren Abnehmer. Was tun, wenn Hiwas inhaftierter PKK-Kumpel Azad Barzani nicht mit dem Namen des Maulwurfs herausr�ckte? Dann bliebe Option zwei, dachte Zander: Rafi Diouri, der morgen aus dem Koma geholt werden sollte. Es war gut, zwei Eisen im Feuer zu haben. Zander fand das Mobiltelefon in der Lederjacke, die �ber dem Stuhl hing. Der Anrufer hatte keine Nachricht hinterlassen. Zander tippte sich durch das Men� und fand eine Hamburger Nummer. Er wusste sofort, wem sie geh�rte, und rief zur�ck. �Pia Zander�, meldete sich eine Frauenstimme, die er viel zu selten vernahm. �Hallo, Pia. Du hast mich angerufen.� �Ich wollte nur ein bisschen plaudern, Papa.� �Wie geht�s dir?�, fragte Zander. �Ich hatte einen Unfall, aber es ist nicht der Rede wert.� �Was ist passiert?� �Mach dir keine Sorgen. Ich wollte eine Lampe montieren und bin etwas ungl�cklich von der Leiter �� �Bitte?� �Wirklich halb so wild.� Zander verkniff sich die Frage, warum sich Pias Freund nicht um die verdammte Lampe gek�mmert hatte. �Was ist kaputt?� �Das Sprunggelenk. Sie haben mir einen Gips verpasst. Heute habe ich den ganzen Tag auf der Couch gelegen. Stell dir vor, meine Putzfrau hat mir selbst gebackene Pl�tzchen vorbeigebracht.� �Sehr aufmerksam.� �Frau G�nes ist Gold wert. Sie tr�gt bei jeder Jahreszeit einen langen Mantel und zwei Kopft�cher �bereinander. Aber sie ist eine Seele von einem Menschen.� Die Putze ist meiner Tochter n�her als ich, dachte Zander. Pia r�usperte sich. �Hauptsache, dem Kind ist nichts passiert.� �Welchem Kind?� �Ich bin schwanger, Papa. Hab ich das noch nicht erz�hlt?� �Nein, hast du nicht. Gl�ckwunsch.� Seine Tochter war siebenundzwanzig, im besten Alter f�r Nachwuchs, wie Zander fand. Sie arbeitete als Werbekauffrau in einer Hamburger Agentur, wenn sie nicht mit Gipsfu� auf dem Sofa lag. Ihr Freund Drago bezeichnete sich als Mediaplaner � Zander hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Jetzt ist es so weit, dachte er. Ich werde Opa. Sein letztes Telefonat mit Pia lag vier Wochen zur�ck. Warum war sie nicht in D�sseldorf geblieben, wo die Reklamebranche ebenfalls florierte? Dann h�tte er mehr von ihr und dem Enkel. �Ist eure Wohnung gro� genug f�r Nachwuchs?�, fragte er. �Zu Beginn sicher.� �Wollt ihr heiraten?� �Erst einmal ist das kein Thema.� �Behalte auf jeden Fall deine Stelle.� �Hab ich auch vor. In sp�testens zwei, drei Jahren will ich wieder arbeiten.� Zander h�tte am liebsten entgegnet, dass sie gleich nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins B�ro gehen sollte, um auf eigenen F��en zu stehen. �Bist du gl�cklich?�, fragte er. �Klar.� Doch Zander fiel auf, dass Pias Stimme belegt klang. �Es wird ein Junge�, sagte sie. �Wenn�s nach mir geht, wird er Martin hei�en. Wie sein Opa.� �Was hast du, Pia?� �Ich �� Sie schluchzte und es dauerte einen Moment, bis sie weiterredete. �Ich muss so oft an Mama denken und �� �Ja, mein Schatz?� �Ich frage mich manchmal, ob das, was Mama hatte, erblich ist.� �Ist es nicht.� Eine Weile war es still am anderen Ende, dann beteuerte Pia: �Es geht mir gut.� Zander sp�rte das starke Bed�rfnis, seine Sachen zu packen und sofort nach Hamburg zu fahren. Auch wenn es wieder Streit mit Pias Freund geben w�rde � Drago glaubte, Zander h�tte etwas gegen ihn. �Im Moment ist bei mir beruflich die H�lle los�, sagte Zander. �Sonst w�rde ich �� �Die Bombe?�, fragte Pia. �Ja, auch. Sobald ich hier weg kann, komm ich dich besuchen.� �Ich verfolge alles im Fernsehen. Jeden Tag gibt es einen�Brennpunkt�und die Talkshows kennen kein anderes Thema mehr. Frau G�nes meint, das k�nnen keine Muslime gewesen sein.� �Es waren aber welche.� �Sie meint, keine echten. Ein echter Muslim w�rde Menschen helfen und nicht t�ten.� �Wenn sie es sagt.� Zander ging mit dem Handy auf und ab und dachte an Pias Freund. Wenn dieser Jugo sie schlecht behandelte, konnte er was erleben. Zander hatte Drago �berpr�fen lassen, eine Kriminalakte gab es �ber den Kerl nicht. Immerhin. �Freut sich Drago ebenfalls, dass du schwanger bist?� �Nat�rlich.� �Pia �� �Ja?� �Wenn Drago nicht m�chte, dass der Junge Martin genannt wird, solltet ihr deswegen nicht streiten. Martin ist wirklich kein modischer Name.� �Modisch? War das eure Absicht, als ihr mich Pia genannt habt?� �Nein.� �Na, siehst du. Ich finde Martin gut.� Teil IV Der Maulwurf Donnerstag, 19. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: DAS TRIO DES TERRORS: R�TSELRATEN UM SEINE PL�NE K�lner Kurier: BUNDESREGIERUNG: �ANSCHLAGSGEFAHR SO AKUT WIE NIE� Blitz: MULTIKULTI AM ENDE? Wer sch�tzt uns vor Bin Ladens J�ngern? Und darunter: BANGEN UM MUTIGE CAROLA: VERMISST NACH MORDDROHUNGEN FANATISCHER MUSLIME! 44. Er schlug die Augen auf und wusste nicht, wo er war. Die Helligkeit blendete ihn. Wei�e W�nde, vor dem gardinenlosen Fenster ein tr�ber Himmel. Eine Frau im wei�en Kittel hantierte neben dem Bett an einem metallenen Gestell. Ihr breiter Hintern streifte ihn. Die Huris im Paradies sehen anders aus, dachte Rafi. Als die Frau sich umdrehte, schloss er die Augen und tat, als schliefe er. Die Krankenschwester verlie� den Raum. Rafi wartete ein paar Sekunden, dann setzte er sich auf. Sofort wurde ihm schwindelig. Ein Piepsen t�nte und ging ihm auf die Nerven. �berall Verb�nde, am K�rper und im Gesicht. Von seinem Arm lief ein Schlauch zu einer Flasche, die am St�nder neben dem Bett hing. Sie pumpen Bet�ubungsmittel in meinen Blutkreislauf, weil ich ein Staatsfeind bin, dachte er. Said, Yassin und ich, die gr��te Bedrohung f�r dieses verrottete Land. Doch er wagte es nicht, den Schlauch aus der Vene zu ziehen. Wom�glich w�rde er verbluten. Rafi versuchte, eine Erkl�rung daf�r zu finden, warum er in einer Klinik lag. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war das G�stezimmer des marokkanischen Kulturvereins, in dem er Unterschlupf gefunden hatte, nachdem es zum Bruch mit seinem Vater gekommen war. Meine Br�der m�ssen mir helfen, dachte Rafi. Er schob ganz langsam seine Beine aus dem Bett. Das d�nne Hemd, in das man ihn gesteckt hatte, reichte gerade bis zu den Oberschenkeln. Beim ersten Schritt in Richtung T�r versagte sein rechtes Bein den Dienst. Rafi glitt zu Boden und stie� sich den Kopf am Metallrahmen des Betts. M�hsam zog er sich wieder hoch. Alles schmerzte. Sein Bein war fast taub. An den Infusionsst�nder geklammert, humpelte er langsam vorw�rts. Er dr�ckte den Schlauch, um nicht mehr von dem Bet�ubungszeug abzukriegen. Trotzdem erwischte ihn ein neuer Schwindelanfall, ihm wurde hei� und kalt. Rafi fand einen Stuhl und wartete, bis es vorbei war. Das Bein, die M�digkeit � ich muss hier raus, dachte er. Mit Allahs Beistand werde ich es schaffen. Die Schweinefresser d�rfen mich nicht l�nger festhalten, vergiften und im knappen Hemd der L�cherlichkeit preisgeben. Vorsichtig �ffnete er die T�r und lugte durch den Spalt. Die Schwesternschlampe mit dem fetten Arsch sch�kerte am Ende des Flurs mit einem Kerl, der eine Uniform trug. Verdammt, ein Bulle! Die Krankenschwester verschwand in einem Zimmer. Der Polizist folgte ihr. Rafi schob sich in Richtung des Ausgangs. Lautlos, so hoffte er. Der Infusionsst�nder gab ihm einigerma�en Halt. Rafi erreichte die T�r. Er schwitzte vor Anstrengung, als er am Griff zog. Sein rechtes Bein schmerzte mehr als alles andere. Er schl�pfte ins Treppenhaus, unbemerkt,�al-hamdulillah! Verschwitzt stand Rafi im Luftzug, der von unten heraufwehte. Er starrte auf den durchn�ssten Verband am Bein. Alles drehte sich. Rafi lehnte sich gegen die Wand und hoffte, dass es vor�berging. Die Aufzugt�r �ffnete sich. Eine Frau trat heraus und erstarrte vor Schreck. Rafi erkannte sie sofort, obwohl sie das Haar kurz geschnitten und blond gef�rbt hatte. Das Bild vor seinen Augen verschwamm. 45. Veller betrat die Empfangshalle und orientierte sich mit einem Blick auf die Anzeigentafel. Gleis f�nfzehn � fast am anderen Ende des Bahnhofs. Er schob sich durch das Gew�hl Tausender Menschen, die durch die zentrale Passage str�mten, im Gesicht den Frust des vergangenen Tages oder eine vage Hoffnung auf den neuen. Im Zeitschriftenladen deckte Veller sich mit der Tagespresse ein, an einem Imbissstand kaufte er sich ein Sandwich. Die Verk�uferin tr�delte mit dem Wechselgeld. Er schenkte ihr die f�nfzehn Cent und hastete weiter. Er rannte die Rolltreppe hoch, sein Intercity stand bereits da. Kurz vor halb sieben � Veller staunte, wie frisch er sich f�hlte. Erst gegen Mitternacht hatte er Anna nach Hause gebracht. Fast w�re es noch sp�ter geworden. Veller war sich sicher, dass die Kollegin mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn auf einen letzten Schluck in ihre Wohnung einzuladen. Dann w�re alles drin gewesen. Der Zug setzte sich in Bewegung, immer rascher glitt die Stadt auf dem Weg nach S�den am Fenster vorbei. Der Puff hinter dem Bahndamm, die Oberbilker Allee, der Volksgarten. Vororte, Industriegebiete. Veller verschlang das belegte Baguette. Nach gut zwanzigmin�tiger Fahrt fuhr der Zug in den K�lner Hauptbahnhof ein. Veller wechselte in den Intercity, der auf dem gegen�berliegenden Gleis wartete und ihn nach Karlsruhe bringen w�rde. Sein Platz war reserviert. Eine junge Frau rollte den Kaffeewagen vorbei. Veller kaufte ihr einen Becher ab. Die Br�he war hei� und schmeckte d�nn. Veller studierte die Zeitungen. Die Regierung in Berlin t�nte, als bef�nde sich das Land im Krieg. Die Kanzlerin warnte vor einem Nine Eleven f�r Deutschland. Der Bundesinnenminister pl�dierte f�r eine Einschr�nkung des Grundgesetzes und die Freiheitlichen gaben sich noch radikaler: Sie forderten die serienm��ige Ausstattung aller Computer mit einer Software, die den Sicherheitsbeh�rden das jederzeitige Mitlesen s�mtlicher Daten erm�glichte. Chinesische Verh�ltnisse, dachte Veller. Die Republik spielte verr�ckt. � Kurz vor acht Uhr verlie� der Zug den Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens. Veller w�hlte Dombrowskis B�ronummer im Landeskriminalamt. �Was gibt�s Neues, Stefan?�, erkundigte er sich. �Diouri ist abgehauen!� �Bitte?� �Du kannst dir nicht vorstellen, was los ist.� �Rafi Diouri? Ich dachte, der Kerl liegt im Koma!� �Dass er aufgewacht ist, war wohl von den �rzten geplant. Aber dass er aufstehen k�nnte, h�tte niemand f�r m�glich gehalten.� �Und die Bewachung?� �Der Kollege war kurz f�r kleine Jungs. Behauptet er zumindest. In seiner Haut m�chte ich jetzt nicht stecken.� �Hast du jemanden hingeschickt?� �Anna Winkler h�rt sich um. Und eine Einsatzhundertschaft durchk�mmt das ganze Krankenhaus. Rafi kann nicht weit sein. Vermutlich hat er sich in eine W�schekammer verkrochen und ist ohnm�chtig geworden. Nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn aufsp�ren. Hoffentlich gibt er bis dahin nicht den L�ffel ab.� �Gib mir Bescheid, wenn du etwas h�rst. Und setz bitte alle �brigen Kollegen auf die Sprengstoffspur an, Stefan. Kn�pft euch noch einmal s�mtliche Kontaktpersonen unserer Terrorzelle vor. Vielleicht arbeitet jemand im Bergbau, in einem Steinbruch, beim Stra�enbau, was auch immer. Oder er hat einen Bezug zur organisierten Kriminalit�t, also jemand, dem wir zutrauen k�nnten, dass er sich Sprengstoff, Z�nder und das ganze Zeug auf dem schwarzen Markt besorgt.� �Das Innenministerium will �brigens wegen Diouris Flucht etwas Schriftliches. Am liebsten sofort.� �Die sollen erst einmal Yassins Verfassungsschutzakte herausr�cken.� �Das habe ich dem Typen von der Polizeiaufsicht auch gesagt.� �Und?� �Fand er nicht so lustig.� � Der Intercity raste die Rheinebene entlang. Pferdekoppeln, blattloser Wald, Gewerbegebiete. Der Fahrtwind trieb Regentropfen �ber die Scheibe. Veller w�hlte Annas Nummer. �Bist du noch in der Klinik?�, fragte er, als sie sich meldete. �Ja. Auf der Station, wo er lag, hat sich Rafi nicht versteckt. Das steht schon mal fest.� �Was hast du herausbekommen?� �Die schwache Blase des Aufpassers war eine Schutzbehauptung. Der Kollege war gar nicht auf dem Klo. Die Stationsschwester sagt, dass er ihr die ganze Zeit mit plumpen Ann�herungsversuchen auf den Geist gegangen ist. Aber das nehme ich lieber nicht zu Protokoll. Sonst sieht das ziemlich �bel f�r den Kollegen aus.� �Doch, Anna. Schreib auf, was die Schwester sagt.� �Auf die Gefahr hin, dass der Kollege �?� �Stell dir vor, wie das Ministerium reagiert, wenn wir ihn decken und trotzdem alles auffliegt. Die Schwester k�nnte mit der Presse reden.� �Verstehe.� Veller h�rte ihr an, dass ihr die Vorstellung, einen Kollegen zu verpetzen, zuwider war. Er sagte: �Dr�ck mir die Daumen, dass die Generalbundesanw�ltin bereit ist, Druck zu machen.� �Warum sollte sie nicht?� �Politik. Wer wei�, was da abgeht.� �Wenn du so charmant bist wie gestern Abend �� �Das bin ich nicht zu jeder.� 46. Moritz hatte allein gefr�hst�ckt. Er r�umte gerade den Tisch ab, als Petra aus Gretchens Zimmer kam. Ihr Outfit war weniger sexy als gestern: ein dicker Pulli zur Jeans. Sie brachte ein Glas mit und trug es zur Sp�le. �Lass mal, ich mach das schon�, sagte Moritz. Die Mutter seiner Tochter ignorierte sein Angebot. Ihr Zug w�rde am Nachmittag gehen, erkl�rte sie. Vorher wollte sie noch die Immobilienanzeigen im Internet studieren und mit Maklern telefonieren. �Kann ich n�chste Woche noch einmal bei dir �bernachten?�, fragte Petra und trocknete das Glas. �Ich versuche, alle Besichtigungstermine auf einen Tag zu legen.� �Du wei�t, dass du ganz hier einziehen kannst.� �Nicht n�tig, Moritz.� Es klingelte. Moritz ging zur T�r und lie� Henning herein. Sein Freund hielt ein Ger�t in der Hand, das wie ein Walkie-Talkie aussah, mit Stummelantenne und Drehregler. �Dann wollen wir mal.� Noch im Flur drehte Henning am Knopf. Es tickte sofort los. �Eine Wanze?�, fragte Moritz. �Bis jetzt zeigt das Ger�t nur an, dass es betriebsbereit ist.� Henning regulierte. Eine Reihe LEDs flammte auf. Er schlich den Gang entlang und entdeckte Petra, die in der K�che �ber den Zeitungen br�tete. �Hallo, Petra, sch�n dich zu sehen. Zieht ihr wieder zusammen?� Moritz und Petra tauschten Blicke. Sie hielt den�Kurier�in die H�he. �Ist euch klar, dass wir uns auf dem besten Weg in den Faschismus befinden?� �Du �bertreibst�, versuchte Moritz zu beschwichtigen. �Die antiliberale Str�mung wird allm�hlich mehrheitsf�hig. Nicht nur in der CDU, sondern weit dar�ber hinaus. Von den Freiheitlichen ganz zu schweigen�, sagte Petra und klatschte gegen die Seite, die sie aufgeschlagen hatte. �Das l�uft auf einen kalten Staatsstreich hinaus! Die Umwandlung der Demokratie in einen autorit�ren �berwachungsstaat unter dem Deckmantel der Terrorbek�mpfung. Innenminister Sch�uble und seine Freunde planen das schon lange.� Henning grinste: �Hey, ich liebe Verschw�rungstheorien.� �Du, das ist nicht lustig! Gerade dir als Computerfreak m�ssten sich doch alle Nackenhaare str�uben. Vorratsdatenspeicherung, Mitlesen jeglichen E-Mail-Verkehrs, Bundestrojaner, Zugriff auf private Computer, sogar ohne richterlichen Beschluss! Mensch, Henning, das ist kein Science-Fiction-Schm�ker, das will Sch�uble wirklich! Die Speicherung s�mtlicher Passbilder und Fingerabdr�cke, fl�chendeckende Video�berwachung mit automatischer Gesichtserkennung, die bald kommen soll wie in England, und jetzt diskutieren die Hardliner schon �ber einen Plastikchip mit Sender, den Straft�ter unter die Haut gepflanzt bekommen sollen, damit man sie auch nach Verb��ung der Haft jederzeit verfolgen kann.� �Nur bei Terroristen und Sexualstraft�tern�, warf Moritz ein. �Du findest das auch noch okay? Und immer wieder die Bundeswehr: polizeiliche Befugnisse f�r die Armee, Abschuss ziviler Flugzeuge, sobald der Anschein besteht, sie seien entf�hrt worden. Hallo, wo lebe ich denn auf einmal? Einer aus�deiner�Partei fordert sogar, dass die Bundestrojaner schon ab Werk in jeden Computer �� �Beruhig dich, Petra�, unterbrach Moritz. �Das ist nicht Mehrheitsmeinung. Mit mir war das nicht abgesprochen.� �Hast du schon einmal dar�ber nachgedacht, was es bedeutet, wenn Sch�uble den Einsatz der Bundeswehr im Inneren propagiert?� �Doch nur f�r Krisenzeiten.� �Moritz, du bist ein kluger Journalist. Zumindest warst du es einmal. Dir sollte bekannt sein, dass die Notstandsgesetze von 1968 diesen Einsatz l�ngst vorsehen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass eine Zweidrittelmehrheit des Bundestags zustimmt. Verstehst du? Das ist es, was den Rechten ein Dorn im Auge ist: Sie wollen auch ohne parlamentarische Zustimmung den Kriegszustand installieren k�nnen, wann immer es ihnen passt! Erinnerst du dich an Gladio?� �Klar. Eine Verschw�rung von Milit�rs und Rechtsradikalen in Italien und Belgien w�hrend des Kalten Kriegs. Ist 1990 aufgeflogen. Was hat das mit uns zu tun?� �Gladio wurde vom NATO-Hauptquartier in Mons gef�hrt, war f�r eine Reihe von Attentaten verantwortlich, die niemals richtig aufgekl�rt wurden, und erstreckte sich jahrzehntelang �ber ganz Westeuropa und die T�rkei. Eine EU-Resolution protestierte dagegen und forderte Aufkl�rung, aber Italien und Belgien waren die einzigen L�nder, in denen gegen Gladio ermittelt wurde. Mich w�rde es nicht wundern, wenn Teile des Netzwerks noch heute aktiv sind.� Petra sah ihn zornig an und Moritz hatte das Gef�hl, dass sie sich aus blo�er Opposition zu ihm in derartige Rage geredet hatte. �Sprecht weiter�, sagte Henning. �Ich kann den Minisender nur aufsp�ren, wenn er aktiv ist. Die meisten Wanzen sind n�mlich schallgesteuert. Das hei�t, sie schalten ab, wenn es still ist, um Batterien zu sparen.� �Wer soll diese Wohnung denn verwanzt haben?�, fragte Petra irritiert. Moritz z�gerte. Henning, der Computerfreak, antwortete an seiner Stelle: �Wolfgang Sch�uble, der Gro�meister der deutschen Sektion von Gladio.� �Verarsch mich nur.� �Sorry, Petra. Nein, Lemmi und die mutige Carola haben den Verdacht, dass ihre Gespr�che belauscht werden.� �Die mutige Carola?� Henning grinste. �Der�Blitz�nennt sie so, das Fachblatt f�r Volksbildung. Aber das liest du ja nicht. So gebildet, wie du bereits bist.� Petra sch�ttelte den Kopf und schaltete das Radio ein. �Ich denke, dieser Kasten liefert genug Ger�usche f�r eure Wanzenjagd, oder?� Henning hob den Daumen als Zeichen seiner Zustimmung, dann setzte er die Suche fort. In s�mtlichen R�umen der Wohnung peilte er mit dem Antennenstummel �ber W�nde und Parkett, �ber M�bel, Blument�pfe und Heizungsverkleidung. Besonders ausf�hrlich besch�ftigte er sich mit dem Telefon. Er wies Moritz sogar an, per Handy seinen Festnetzanschluss anzuw�hlen � manche Wanzen begannen erst zu senden, wenn in der Leitung gesprochen wurde. Nichts, keine Anzeichen eines Lauschangriffs. Henning schaltete den Detektor aus. Petras Handy piepste. Moritz fragte: �K�nnen wir auch mein B�ro untersuchen?� �In D�sseldorf?� Henning blickte auf die Uhr. Petra las die SMS, die sie erhalten hatte, und bemerkte m�rrisch: �Gretchen l�sst dich gr��en, Moritz.� �Was schreibt sie?� Petra reichte ihm das Mobiltelefon. Habe mit Volkan Schluss gemacht und komme mit nach K�ln. Gib Paps einen Kuss von mir, Gret. �Volkan?�, fragte er. �Ein T�rke, ja und?�, entgegnete Petra. �F�r deine Partei ist das vermutlich Rassenschande. Aber du brauchst dich nicht aufzuregen. Offenbar ist es aus zwischen den beiden.� Den Kuss, den Petra mir von Gretchen geben soll, kann ich mir abschminken, dachte Moritz und freute sich trotzdem, dass seine Tochter zumindest wieder in seiner N�he leben w�rde. Petra nahm ihr Handy zur�ck. �Gut, dass sie sich entschieden hat, bevor ich eine Wohnung nehme, die dann zu klein ist.� �Warum zieht ihr denn nicht hier ein?�, fragte Henning verwundert. �Das hat wahrscheinlich etwas mit dem drohenden Faschismus zu tun�, sagte Moritz und begann, die innenpolitischen Teile der Zeitungen in seine Tasche zu packen. Er w�rde sie im B�ro lesen. �Komm, lass uns fahren.� Henning winkte ab. �Sorry, Alter, aber D�sseldorf kommt nicht infrage, schon rein zeitlich nicht. Vor meinem Laden wartet sicher schon Kundschaft.� Er dr�ckte Moritz den Wanzensucher in die Hand. �Versuch es selbst. Du hast ja gesehen, wie es geht.� 47. �Du kannst hier nicht bleiben.� Rafi schlug die Augen auf. Die Deckenlampe schien ihm grell entgegen. Gebl�mte Vorh�nge waren zugezogen, obwohl es Tag war. Aus der K�che nebenan kam leise Radiomusik. �Die Polizei sucht dich�, fuhr seine Schwester fort. �Sicher stehen sie bald auch hier auf der Matte. Und ich hab alles versucht, glaub mir. Deine Verletzungen sind schlimmer, als ich dachte. Du musst zur�ck in die Klinik, sonst wirst du den Tag nicht �berleben.� Rafi glaubte ihr nicht. Er suchte nach W�rtern. �Hast du�� Said erreicht?� �Said ist tot. Und Yassin ist auch tot. Ihr und eure Schei�bombe!� �Tot?� Rafi hatte sich bereits gedacht, dass etwas schiefgelaufen war. Aber mit dem Tod seiner Mitk�mpfer h�tte er nicht gerechnet. Wie hatte Allah das zulassen k�nnen? �Ihr habt euch in die Luft gesprengt�, sagte Fatima. �Wei�t du das nicht mehr?� Rafis Erinnerungen lagen irgendwo im Nebel. Sein Umzug in das G�stezimmer der Moschee. Seine Verabredung mit Said und Yassin am Montagabend � Er fuhr seine Schwester an: �Mit wem hast du vorhin telefoniert, wenn nicht mit Said?� �Ich hab eine Kommilitonin angerufen, die vorbeikommen wollte. Es w�re dir sicher nicht recht, wenn sie dich hier sieht. Und jetzt m�ssen wir zur Klinik zur�ck, bevor die Polizei kommt. Ich kann nichts f�r dich tun.� �Du bist �rztin.� �Quatsch, ich studiere noch. Mir fehlen s�mtliche Mittel, um dich zu behandeln. Oder willst du auch noch draufgehen?� Rafi versuchte, sich durch den Nebel seines Ged�chtnisses zu tasten. Yassin hatte angerufen und er, Rafi, ihm beschrieben, wo er klopfen sollte � �Du und deine beschissenen Freunde�, sagte Fatima. In Rafi keimte ein Verdacht. �Du hast mit den Bullen telefoniert, stimmt�s?� �Nein, mit einer Freundin, ehrlich! Und ich hab dich mit keinem Wort erw�hnt. H�r zu, Rafi, wir beide gehen jetzt hinunter zum Auto und ich fahre dich zur�ck zur Klinik.� Was war nach Yassins Ankunft geschehen? Rafi erinnerte sich, dass sie guter Dinge gewesen waren. Sie hatten beschlossen, den Sprengstoff nicht selbst herzustellen. �Es war ein Fehler, dich hierher zu bringen. Die Polizei wird mich auch noch f�r eine Terroristin halten. Komm, lass uns aufbrechen. Das ist f�r dich am besten und f�r mich auch.� Yassin hatte schon am Vortag angedeutet, er k�nne eine Bombe beschaffen. �H�rst du mir zu, Rafi?� Chemikalien und Heroin hatten sie in einem Keller versteckt, weil sie vorerst nicht ben�tigt wurden. �Rafi!� In einem Keller, zu dem Said den Schl�ssel hatte. Rafi fasste einen Entschluss. Er w�rde weiterk�mpfen. Bis zum letzten Atemzug. Er war st�rker, als seine dumme Schwester glaubte. �Hast du einen Dietrich?�, fragte er. �Bitte?� �Oder ein St�ck Draht, das ich zurechtbiegen kann.� �Was hast du vor?� �Du bringst mich weg. Aber nicht ins Krankenhaus.� Auf Fatima gest�tzt, humpelte Rafi in die K�che. Dort half sie ihm, aus einem Kleiderb�gel einen Dietrich zu fertigen. Im Radio kamen Nachrichten. Rafi vernahm, dass seine Flucht die Sensation des Tages war. Minutenlang redete der Sprecher nur von ihm, von der Bombe und was sie angeblich ausgel�st hatte. �Das bin ich�, sagte er stolz. �Abderrafi Diouri!� �Spinner�, antwortete Fatima. Rafis Blick fiel auf eine Visitenkarte, die auf dem Tisch lag:�Martin Zander, Kriminalhauptkommissar. �Was ist das, du Schlampe?�, schrie Rafi und stemmte sich aus dem Stuhl. Der Schmerz schoss durch sein Bein. Fast h�tte er wieder das Bewusstsein verloren. �Du brauchst eine Infusion.� �Nein. Kein Gift! Rede, was ist das f�r eine Karte?� �Die Polizei war gestern hier und hat nach dir gefragt. Das ist normal, wenn der Bruder zum Staatsfeind geworden ist.� �Arbeitest du f�r die Bullen? Hast du vorhin die Bullen verst�ndigt?� �Nat�rlich nicht.� �L�gnerin!� Rafi stie� sie weg, ihr Kopf schlug gegen den T�rrahmen. Fatima glitt zu Boden. Rafi angelte ihren Autoschl�ssel aus der Handtasche. Seine verfluchte Schwester regte sich. Rafi riss Schubladen auf und suchte nach einem Messer, um der Verr�terin den Rest zu geben. Dann sagte er sich, dass er daf�r keine Zeit hatte. Jeden Moment konnte dieser Zander hier sein. Auf dem Hosenboden rutsche Rafi die Treppenstufen zur Haust�r hinunter. Das eine Bein war praktisch nutzlos, aber Allah leitete ihn. Rafi stolperte ins Freie. Keine Polizei zu sehen. Rafi wankte auf Fatimas alten Corsa zu. Er w�rde ein zweites Zeichen setzen. 48. Ein pl�tzlicher Schauer, Moritz schaltete die Scheibenwischer schneller, die Gummibl�tter quietschten �ber das Glas. Irgendwo im Motor des Mondeo rasselte etwas. Moritz ging trotzdem nicht vom Gas. Er war sp�t dran. Er verstand Petras Haltung nicht und hasste die bornierte Art, wie sie st�ndig politisch korrektes Geschichtsbewusstsein demonstrieren musste. Als sei Deutschland nicht sch�tzenswert, nur weil die n�tigen Ma�nahmen sie entfernt an Nazimethoden erinnerten. Moritz hoffte, dass sich Gretchen nicht zu sehr von ihrer Mutter beeinflussen lie�. Vergiss Petra, sagte er sich. Es war der dritte Tag nach der Bombe von D�sseldorf und es gab eine Menge zu tun. Moritz wollte erreichen, dass die Republik auf die Freiheitlichen schaute. Die Chance dazu war da. Sein Handy klingelte. Moritz nahm das Gespr�ch an und versuchte, sich unver�ndert auf die Fahrbahn zu konzentrieren. Mit hundertzwanzig Sachen schlingerte der Wagen durch Spurrillen voller Regenwasser. �Moritz Lemke.� �Rossberg, Kripo D�sseldorf�, antwortete eine junge Frauenstimme. Moritz erinnerte sich an die Beamtin mit dem Pferdeschwanz. Es ging also um Carola. Sein Herz schlug schneller. �Was gibt�s?� �K�nnen Sie uns nach Duisburg-Wedau ins St�dtische Klinikum begleiten?� �Wieso?� �Herrn Petersen erreichen wir nicht, er sitzt im Flieger, ist auf dem Weg zu einem Kongress oder so, und da dachten wir, dass Sie doch genauso gut die Identifizierung vornehmen k�nnten.� �Identifizierung? Hei�t das etwa �� Moritz �berholte einen Lastzug. Aufgewirbeltes Wasser schlug gegen die Scheibe und raubte ihm f�r einen Moment die Sicht. Kommissarin Rossberg nieste Moritz ins Ohr. �Gesundheit�, sagte er automatisch. Er konnte wieder sehen und beschleunigte. Die Beamtin antwortete: �Die Krefelder Kollegen haben heute fr�h nahe des Rheins bei Uerdingen einen Motorradunfall mit einer weiblichen Leiche entdeckt. Die Maschine ist auf Carola Ott-Petersen zugelassen und die Tote weist �hnlichkeit mit der Vermissten auf. Behaupten die Kollegen. Treffen wir uns im Pr�sidium am J�rgensplatz?� �Bin in f�nfzehn Minuten da.� Moritz brauchte drei Anl�ufe, bis er die Taste fand, um das Gespr�ch zu beenden. Er schleuderte das Handy auf den Beifahrersitz und umklammerte mit beiden H�nden das Lenkrad, bis seine Kn�chel wei� hervortraten. Ein Motorradunfall bei Uerdingen � wenn es Carola war, was hatte sie dort zu suchen? � Der Rechtsmediziner �ffnete den K�hlraum, verschwand hinter dem Vorhang und kam mit einer Rollbahre zur�ck. Eine nackte Frauenleiche lag darauf. Zu ihren F��en ein Helm und Kleidung. Moritz erkannte eine Motorradkombi. Es war Carola. Ihr Gesicht war dunkel angelaufen. Ein langer, h�sslicher Schnitt vom Hals bis zum Schambein, mit groben N�hten verschlossen. Sicher hatte der Rechtsmediziner auch den Sch�del ge�ffnet. Moritz sp�rte, wie ihm schlecht wurde. �Sie haben sie obduziert?�, fragte er. �Der Staatsanwalt hat es so gewollt�, antwortete der Rechtsmediziner. Rossberg schn�uzte sich in ein zerkn�lltes Tempo und fragte: �Ist sie es?� Moritz nickte. �Wie ist sie gestorben?� �Hirntrauma, stumpfe Gewalt�, erkl�rte der Arzt. �Die Frau ist mit ihrem Motorrad von der Stra�e abgekommen und gegen einen Baum geprallt.� �Mit hundertzwanzig Sachen, zumindest laut Tacho ihrer Harley�, erg�nzte der Kommissar aus Krefeld, dessen Namen Moritz nicht behalten hatte. �Wann ist es passiert?� Fast z�rtlich ber�hrte der Wei�kittel die Wange der Leiche. �Die Totenflecken haben sich schon zum Auffindezeitpunkt nicht mehr wegdr�cken lassen. Also ist sie dort mindestens sechsunddrei�ig Stunden gelegen. Dienstagnachmittag oder -abend, w�rde ich sch�tzen.� Der Kripomann aus Krefeld fragte: �K�nnte es Gr�nde f�r einen Suizid gegeben haben?� �Unm�glich!�, erwiderte Moritz �Es gibt keine Bremsspur auf dem Stra�enbelag. Sie war betrunken, etwa eins Komma zwei Promille, und au�erdem hatte sie im Blut Methyl�� Hilfe suchend blickte er den Rechtsmediziner an. �Methylphenidat�, half der Wei�kittel aus, �besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin.� �Ritalin?�, wiederholte Moritz ungl�ubig. �Das Zeug, das man zappeligen Kindern gibt, damit sie in der Schule besser aufpassen?� �Es gibt auch Erwachsene, die es einnehmen. Als Appetitz�gler zum Beispiel. In hoher Dosierung wirkt es antriebssteigernd oder euphorisierend. Ein Aufputschmittel wie Amphetamin, nur legal und ohne die h�sslichen Nebenwirkungen. Aber daf�r m�sste man schon sehr viele Pillen schlucken.� �Und das hat sie getan?� �Schwer zu bestimmen, da ich den Zeitpunkt der Einnahme nicht kenne.� �Also ein Unfall unter Einfluss von Alkohol und Medikamenten oder Selbstmord�, fasste der Krefelder Kommissar zusammen. Moritz gefiel beides nicht. Dass Carola getrunken hatte, lie� sie posthum als labile Person dastehen, nicht als Heldin der Nation. �Vergessen Sie nicht die Morddrohungen�, sagte er. �Vielleicht ist Frau Ott vergiftet worden. Kann doch sein, oder?� �Mit Alkohol und Ritalin�, bemerkte Kommissarin Rossberg sp�ttisch. �Und dann hat man sie auf ihr Motorrad gesetzt und gegen den Baum geschoben. Nein, wirklich, Herr Lemke! Einen M�rtyrertod geben die Fakten nie und nimmer her.� Der Rechtsmediziner schob die Rollbahre in den K�hlraum zur�ck. M�rtyrertod�� vielleicht kann ich doch etwas deichseln, dachte Moritz. 49. Am mangelnden Charme hat es nicht gelegen, dachte Veller voller Frust, als er die R�ckfahrt antrat. Die Generalbundesanw�ltin, eine Frau in den Sechzigern mit glattem, blondem Haar und festem H�ndedruck, hatte leider nicht den Eindruck gemacht, dass sie das NRW-Landesamt f�r Verfassungsschutz unter Druck setzen wollte. Dabei galt die oberste Strafverfolgerin der Republik als Hardlinerin. Im vorletzten Jahr hatte sie den Big-Brother-Award verliehen bekommen, eine Schm�hauszeichnung f�r Eingriffe in Pers�nlichkeitsrechte des Einzelnen � w�hrend des Weltwirtschaftsgipfels in Heiligendamm hatte sie Privatpost von Gipfelgegnern �ffnen und K�rpergeruchsproben von Demonstranten archivieren lassen. Die Preisstatue, eine abstrakte Steinfigur, stand auf ihrem Schreibtisch und sichtlich war die Dame stolz darauf. Doch wenn es um Regierungsstellen ging, zeigte sie sich weniger hart. �Glauben Sie etwa, ein deutscher Geheimdienst w�rde Terroristen mit Sprengstoff versorgen?�, hatte sie gefragt, als h�tte es in der Achtundsechzigerzeit keinen Bommi Baumann gegeben und kein Celler Loch w�hrend der Jagd auf die RAF. Ob er denn nicht die gewichtigen Argumente kenne, warum die Verfassungssch�tzer auf Geheimhaltung best�nden? Nat�rlich. Es waren immer dieselben. Zum Teufel mit dem Geheimschei�. Der Zug ratterte nordw�rts. Die unsch�ne R�ckseite einer Kleinstadt, B�schungen und L�rmschutzmauern. Veller z�ckte sein Handy, rief Dombrowski an und fragte nach Neuigkeiten. �Bei Orica in Troisdorf wird kein Sprengstoff vermisst�, sagte der Aktenf�hrer. �Wir brauchen die Liste aller Kunden von Orica.� �Liegt bereits vor. Soweit sie in der Region ans�ssig sind, habe ich auch schon Leute hingeschickt.� �Sehr gut.� �Wie war�s bei der Generalbundesanw�ltin?� �Sie will mit Berlin R�cksprache halten.� �Und was hei�t das?� �So kurz vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wird sich die Kanzlerin sicher nicht gegen ihre Parteifreunde in der Landesregierung stellen.� Mit quietschenden R�dern erreichte der Zug den Bahnhof von Mannheim. Neue Passagiere dr�ngten in den Gro�raumwagen. Ein junger Typ mit wildem Vollbart setzte sich auf den freien Platz neben Veller. Er trug einen Anorak, der ihm zu gro� war, und roch nach Schwei�. Taliban, dachte Veller unwillk�rlich und sagte: �H�r zu, ich muss jetzt Schluss machen. Bis sp�ter.� Er steckte das Handy weg und schimpfte sich einen paranoiden Spie�er � wahrscheinlich war der Kerl nur ein harmloser pakistanischer Student, dem einfach eine Dusche und ein Deo fehlten. Der Zug ruckte und fuhr weiter. 50. Rafi sp�rte, dass er Blut verlor und den Autositz einsaute. Fast w�re er w�hrend der Fahrt eingenickt. Beim Versuch, vor dem�Chez Chefeinzuparken, rammte er zwei Autos. Als Rafi in den Hausflur humpelte, h�rte er Stimmen � M�nner liefen aus dem Restaurant, um den Schaden zu begaffen. Ihr werdet gleich noch mehr staunen, dachte Rafi. Gott gab ihm die Kraft, die Kellertreppe zu bew�ltigen, doch unten versagte sein kaputtes Bein endg�ltig. Auf allen vieren kroch Rafi voran, eine breiter werdende Blutspur auf dem rauen Betonboden verschmierend. Said hatte besorgt, was n�tig war. Rafi w�rde die Mission vollenden,�inschallah.�Er w�rde ein Haus in die Luft jagen. Das erstbeste: dieses Haus. Er hielt inne, denn f�r einen Moment war ihm, als h�tte Gott ihm bereits einen Blick ins Paradies geg�nnt. Gischt und wei�e Schleier, blendend hell � sch�ne Frauen, die in einem Wasserfall badeten. Dann waren die Schmerzen wieder da. Rafi arbeitete sich weiter. Als er die T�r zum Kellerraum der Boussoufas erreichte, fiel ihm ein, dass er den selbst gebastelten Dietrich in Fatimas K�che vergessen hatte. Ich habe es im letzten Moment vergeigt, dachte Rafi. Von irgendwoher kamen Stimmen. Die Bullen, die Fatima auf ihn gehetzt hatte. Rafi zog sich am T�rrahmen hoch. Seine H�scher sollten ihn nicht in unw�rdiger Stellung entdecken. Wieder blitzte der wei�e Wasserfall auf. Er schwankte gegen die T�r, die pl�tzlich nachgab. Rafi fiel auf seinen Hintern. Er lag im Kabuff der Boussoufas, vor ihm der Schrank. Es war ein Wunder. Gott selbst hatte ihm ge�ffnet,�al-hamdulillah! Noch drei Meter, die Rafis ganze Kraft verlangten. Seine Finger tasteten nach der Sperrholzt�r. Er musste nur die Chemikalien im richtigen Verh�ltnis mischen. Das schaffte er auch im Liegen. Das alte Gem�uer w�rde mit einem Riesenknall in sich zusammensacken. Die Scharniere �chzten � auch diese T�r war unverriegelt! Rafi starrte in einen leeren Schrank. Kein Aceton, kein Wasserstoffperoxid. Auch die Tasche mit dem Heroin und seiner Pistole war weg. Rafi wollte schreien, doch er brachte nur ein St�hnen zustande. Er war von Gott verlassen, dessen Pr�fung er doch so freudig angenommen hatte. Ihm war, als st�rze alles, was jemals in seinem Leben schiefgelaufen war, zugleich auf ihn ein. Er w�re gern wieder Kind gewesen. Der kleine Junge, den Noureddine, der gro�e Bruder, lobte. Der Stolz seiner Schwester, die ihn beim Spielen den ganzen Tag kaum loslie�. Dann wurde es zum letzten Mal wei� vor seinen Augen. Auf dem Gang n�herten sich Schritte. Erregte Rufe kommentierten die Blutspur. Zwei Bewohnerinnen des Hauses st�rzten in den Raum, b�ckten sich nach Rafi und sch�ttelten ihn. Sie begannen zu kreischen, als sie erkannten, dass sie eine Leiche entdeckt hatten. 51. Zander befand sich auf der R�ckfahrt von Dortmund, als sein Handy Piepst�ne von sich gab. Vermutlich ging dem Akku schon wieder der Saft aus. Er hatte die Zentrale der�Dahme-Gruppe�besucht, die im westf�lischen Raum zahlreiche Anlagen zum Abfallrecycling betrieb, aber auch mit Baustoffen handelte und im Sauerland an zwei Standorten Kalkstein f�rderte. Er hatte sich einiges Gelaber �ber K�rnungsgr��en vom Sand �ber Edelsplitt bis hin zum Schotter anh�ren m�ssen und dabei das Gef�hl gewonnen, sich v�llig umsonst �ber die verstopfte Autobahn gequ�lt zu haben. Ja, in beiden Steinbr�chen werde mit�Eurodyn 2000�gearbeitet. Nein, es habe noch nie Unregelm��igkeiten gegeben. Ein Angestellter hatte Zander die Belege gezeigt. Sehr ordentlich, das Ganze, fand Zander, soweit er das beurteilen konnte. Dann hatte der Angestellte Ger�chte kolportiert: Bei einem Konkurrenzunternehmen, das im Westerwald Natursteinplatten und Asphaltmischgut produziere, sei schon mal etwas weggekommen. Und eine Firma in Ibbenb�ren, der die Insolvenz drohe, besitze den Ruf, schlampig abzurechnen. Zander hatte sich Notizen gemacht � vielleicht w�rde Kommissionsleiter Veller das f�r eine Spur halten. Als das Handy wieder piepste, w�hlte Zander es aus der Jackentasche und erkannte, dass es noch gen�gend Energie besa�. Eine SMS war eingegangen. Zander erwischte die richtige Taste und las:�Was macht die Maulwurfjagd? Erwarte Sie um zw�lf Uhr bei mir. Engel. Der Kripochef. Dabei sollte das Ultimatum doch erst morgen ablaufen. Zander wischte sich den Schwei� von der Glatze und schaltete die Heizung des Dienstwagens zur�ck. Er w�hlte Hiwas Nummer, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Wieder nur die Mailbox. Und Rafi Diouri war abgehauen. � Zander parkte vor dem Landeskriminalamt, ging hinauf in den Besprechungsraum und tippte dort seinen Bericht. Er beschloss, dem Leitenden Kriminaldirektor einen Korb zu geben, denn er hatte es satt, sich hetzen zu lassen. Aber immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Engel w�rde es nicht wagen, ihn wegen der alten Juwelensache anzuzeigen � der Ruf der D�sseldorfer Polizei w�re unweigerlich besch�digt. Au�erdem war der Einbruch verj�hrt. Dann revidierte Zander sein Urteil. Der Kripochef w�rde ihn zwar nicht vors Gericht zerren, aber aus dem Polizeidienst jagen. Den Beamtenjob w�re er los und seine Pension k�nnte er in der Pfeife rauchen. Zander blickte auf die Rolex. Das verflixte Ding war stehen geblieben. Ihm brach erneut der Schwei� aus. Er klickte den Druckbefehl, das Ger�t surrte und spuckte Papier aus. Zander schnappte sich das Protokoll und eilte zum B�ro des Aktenf�hrers. Fast h�tte er auf dem Flur Anna �ber den Haufen gerannt. �Padre, was ist los mit dir?�, wollte die Kollegin wissen. �Wie war�s im Krankenhaus?�, fragte Zander zur�ck. �So eine Menschenjagd habe ich noch nie erlebt. Aber noch keine Spur von Rafi.� �Kannst du mir sagen, wie sp�t es ist?� �Punkt zw�lf Uhr.� Zander dr�ckte Anna seinen Bericht in die Hand. �Gibst du das bitte bei Dombrowski ab?� �Du siehst gar nicht gut aus.� �Engel sitzt mir im Nacken. Ich hab einen Termin und bin sp�t dran.� �Was will er von dir?� �Ach, wegen des Maulwurfs in meinem fr�heren Einsatztrupp. Engel verlangt, dass ich ihn finde, sonst �� �Sonst was?� �Ich hab jetzt keine Zeit, alles zu erkl�ren, Anna. Wenn etwas ist, erreichst du mich auf dem Handy, okay?� Zander lief los, die Treppe hinunter, �ber den Vorplatz zum Dienstwagen. Kavalierstart mit Vollgas. Er wettete zehn zu eins, dass Anna ihn keines Blickes mehr w�rdigen w�rde, sobald sie w�sste, was f�r ein Idiot der fr�here Martin Zander gewesen war. � Wenige Minuten und eine bei Rot �berquerte Kreuzung sp�ter erreichte Zander die Teppichbodenetage des Pr�sidiums. Er klopfte an die T�r des Leitenden Kriminaldirektors. Kripochef Engel verlor kein Wort �ber Zanders Versp�tung. Stattdessen bot er ihm Espresso an. Auf einer Aktenkommode funkelte Engels Designmaschine. Zander lehnte ab. �Was haben Sie mit Ihrem Gesicht gemacht?�, fragte der Kripochef. Das Telefon klingelte, Engel ging ran. Zander blickte sich um. Ein ger�umiges Zimmer. Der Drehsessel mit Lederbezug. Der schicke Anzug, den Engel trug. Zander fragte sich, ob man skrupellos sein musste oder ein Anpasser, um es zum Leitenden Kriminaldirektor zu bringen. Vielleicht beides. Engel legte auf. �Zeugen haben den fl�chtigen Terroristen gesichtet.� Ich muss ihn finden, dachte Zander. Ihm entlocken, wie das Warnsystem der�Bisnes-Bande funktionierte. �Bilden Sie sich blo� nicht ein�, fuhr Engel fort, �dass Sie in Sachen Maulwurf aus der Pflicht genommen sind, nur weil Sie sich zum Landeskriminalamt verdr�ckt haben.� �Was hei�t verdr�ckt? Anordnung von Kollegin Bach. Au�erdem bin ich ganz dicht dran.� �Ich f�rchte, Sie haben den Ernst Ihrer Situation nicht richtig begriffen.� �Doch, nat�rlich. Meine Informanten � Ich rechne st�ndlich mit der entscheidenden Nachricht.� Zander kam sich vor wie ein Bittsteller und hasste sich daf�r. Engel leerte den Inhalt seiner kleinen Tasse. �Das ist gut, denn bis morgen um vierzehn Uhr brauche ich das Resultat. Ich wollte Sie nur daran erinnern. Nicht dass Sie meinen, ich h�tte Ihnen die Frist nur aus Jux und Tollerei gesetzt.� Engel zog eine Schublade auf und nahm eine d�nne Mappe heraus. �Ihre Akte, Zander. Der Juwelenraub an der K�nigsallee vor neun Jahren. Ich war flei�ig, die Beweisf�hrung ist l�ckenlos. Es liegt ganz an Ihnen, ob die Akte zum Staatsanwalt wandert oder durch meinen Schredder.� �Wie viel Zeit hatte der Innere Dienst, um die undichte Stelle zu finden? Und wie viele Leute haben vergeblich daran gearbeitet?� �Jammern Sie nicht, sondern bewegen Sie Ihren Arsch. Ich kenne Ihre Methoden nicht, Zander, und ich will sie auch nicht kennen. Hauptsache, Sie werden f�ndig. Wenn Sie, wie Sie behaupten, dicht dran sind, k�nnen wir ja noch hoffen.� Er legte die Akte zur�ck in die Schublade. Wieder schellte das Telefon, dieses Mal f�hrte Engel ein l�ngeres Gespr�ch. Danach zeigte Engel eine ernste Miene. �Der Terrorist�, sagte er. �Wir haben ihn. Sie haben hoffentlich nicht damit gerechnet, dass Abderrafi Diouri Ihnen den Maulwurf nennen w�rde?� �Wieso?� �Diouri ist tot, in einem Keller verblutet, in dem er sich offenbar verstecken wollte.� Dann bleibt mir noch der Kurde, �berlegte Zander. Er ignorierte die ausgestreckte Hand des Kripochefs und machte sich auf den Weg. � Zander fuhr zum Reiseb�ro. Hiwa Kaplan war nicht da und der Chef hatte keine Ahnung, wo sich seine Aushilfskraft herumtrieb. Zander kreuzte durch das Viertel, in dem sich Hiwa f�r gew�hnlich aufhielt. Er suchte einschl�gige Lokale auf und quatschte Leute an. Keiner wollte den Junkie in den letzten vierundzwanzig Stunden gesehen haben. Schlie�lich kehrte Zander zum Reiseb�ro zur�ck, wurde laut und drohte Hiwas Chef mit Steuerfahndung und Gewerbeaufsicht. Eine Adresse am Worringer Platz war alles, was der fette Marokkaner ihm nennen konnte. Zander setzte sich wieder in den Wagen. Das Haus h�tte einen neuen Anstrich vertragen k�nnen. Werbezettel lagen im Hausflur verstreut, im Treppenhaus hatten sich Graffiti-Sprayer ausgetobt. Das T�rschloss der Wohnung war demoliert. Zander ging hinein. Ein Geruchscocktail aus Haschisch, M�ll und Pisse lie� fast sein Fr�hst�ck hochkommen. Irgendwo schnarchte jemand. Zander schob die Hand unter seine Jacke und �ffnete das Holster der Pistole, w�hrend er dem Ger�usch nachging. Ein d�steres Zimmer. Nur wenige Meter vor dem Fenster ragte eine Brandmauer auf und lie� kaum Tageslicht herein. Auf einer versifften Matratze schlief ein P�rchen seinen Rausch aus, zugedeckt mit einem ausgebreiteten Schlafsack. Zander riss das Ding weg und leuchtete mit seiner Taschenlampe in erschrockene Gesichter. Der Typ war nicht Hiwa. Es waren Junkies. Str�hnige Haare, glasige Augen, schlechte Z�hne. Sie behaupteten, dass sie noch nie von einem Kurden namens Hiwa Kaplan geh�rt h�tten. Ein Unbekannter habe ihnen die Bude �berlassen. Keine Ahnung, wem sie geh�rte. Zur Sicherheit stellte Zander das Drecksloch auf den Kopf � nichts, kein Hinweis auf den jungen Kurden, auf den sich inzwischen sein ganzer Zorn konzentrierte. Zander st�rzte auf die Stra�e und ging dazu �ber, sich Junkies und s�dl�ndische Kiffertypen zu greifen. Er lie� sie strammstehen und filzte sie, nahm sie aus und tat ihnen weh � wie in besten Padre-Zeiten. Er kassierte Kleingeld, Heroin-Bubbles und Spritzbestecke. Er verdrehte Arme und trat gegen Kniekehlen, bis die Dreckskerle Stra�enstaub fra�en. Wer motzte, den nahm Zander erst recht in die Mangel. Alles, was er erntete, waren Tr�nen, Fl�che und HIV-verseuchter Rotz, den ihm die S�chtigen entgegenspuckten. Zander ekelte sich vor sich selbst. Er war wieder ganz der Alte. Und Hiwa, seine Hoffnung, blieb vom Erdboden verschluckt. 52. Im Foyer des Innenministeriums verstellten Tafeln den Weg zu den Aufz�gen: eine Ausstellung bunter Bildchen, ein Comic im Manga-Stil, in dessen Mittelpunkt ein Junge namens�Andi�stand, im beispielhaften Kampf gegen Rechtsextreme wie gegen Islamisten. Auf dem ersten Bild ber�hrte ein orthodox verh�lltes M�dchen namens Ayshe den blonden Helden verliebt am Arm und schlug dabei die Augen nieder � so also stellt sich das Ministerium interkulturelle Verst�ndigung vor und zieht in die Schlacht um die Schulh�fe, dachte Veller. In der Ausstellung erkannte man die B�sen auf den ersten Blick: den Mullah im langen Gewand, den jungen Fanatiker mit stechendem Blick. Vellers Magen knurrte, als er den Aufzug nahm. Aber vor dieser Sitzung konnte er sich als Leiter der Ermittlungskommission nicht dr�cken. Abderrafi Diouri hatte sie ihm eingebrockt. Zwei Sesselfurzer von der Polizeiaufsicht l�cherten ihn mit Fragen zur Bewachung und zur Flucht des Marokkaners. Dass der mutma�liche Terrorist seinen Verletzungen erlegen war, minderte die Aufregung der Ministerialbeamten nicht. Veller konnte ihre Angst vor ihren Vorgesetzten f�rmlich riechen � die Unsicherheit machte sie pedantisch und entscheidungsschwach zugleich. Fast eine Stunde br�teten sie in einem Raum von der Gr��e einer Teek�che �ber Formulierungen f�r das Briefing des Ministers, als ginge es um den Henri-Nannen-Preis. Dann schrillte Vellers Handy. Es war G�nther Koch, der Mann vom Verfassungsschutz. �In Ihrer Dienststelle sagt man, Sie seien hier im Haus�, begann Koch. �Richtig.� �K�nnen wir miteinander reden?� Also doch, dachte Veller � sein Besuch bei der Generalbundesanw�ltin zeigte offenbar Wirkung. � Zwei Stockwerke h�her, eine �hnlich winzige Zelle. Vellers Magen knurrte wieder. �Bekomme ich endlich die Akten?�, fragte er. �Meinen Sie etwa die Fallakte zur D�sseldorfer Zelle und die Quellenakte Yassin inklusive Auswerterbericht? Und wom�glich auch die Personalien des Quellenf�hrers, den Sie als Michael Winner kennen?� Koch sch�ttelte den Kopf. �Sie glauben also noch immer, der Verfassungsschutz w�rde die Hosen herunterlassen, Herr Weller?� �Veller, mit V.� �Die Generalbundesanw�ltin hat sich unserer Beurteilung angeschlossen. Geben Sie sich geschlagen. Mag ja sein, dass Ihnen die D�sseldorfer Bombe als spektakul�rer Fall erscheint, aber die drei sind tot und damit hat sich die Sache erledigt.� �Bilden Sie sich blo� nicht ein, dass ein roter Geheimstempel gen�gt, um den Deckel dicht zu halten�, drohte Veller. �Fr�her oder sp�ter wird sich die �ffentlichkeit ein eigenes Bild machen.� Mit diesen Worten verlie� er Kochs B�ro. �Keine Dummheiten!�, rief ihm der Geheimdienstmann hinterher. �Sie machen sich strafbar, wenn Sie an die Presse gehen!� � Als Veller den Parkplatz des Ministeriums verlassen wollte, streikte die Schranke. Er dr�ckte den Knopf des Notrufsystems und gestikulierte in die Sicherheitskamera, doch nichts tat sich. Nach einer Weile reihte sich hinter ihm ein Audi ein und Veller �berlegte, ob er zum Pf�rtner gehen sollte. In diesem Moment sprang die Schranke hoch. Veller fuhr los und stellte �ber die Freisprechanlage die Verbindung mit Karlsruhe her. Das Freizeichen tutete zwei Mal, dann hatte er Bundesanwalt Ludwig an der Strippe. �Wie kommt Ihre Chefin dazu, nachzugeben?�, fragte Veller. �Uns sind die H�nde gebunden�, antwortete der Bundesanwalt. �Der Vorgang unterliegt der Geheimhaltung und es gibt nun mal Dinge, die wir den B�rgern besser nicht verraten.� H�r dir diesen jungen Karrieristen an, dachte Veller. Ludwig erg�nzte: �Zumal sich die D�sseldorfer Zelle quasi selbst liquidiert hat.� �Warum tun dann die Politiker so, als bef�nden wir uns im Krieg?� �Es gibt in Deutschland Hunderte von Gef�hrdern, die vielleicht in diesem Moment schon an der n�chsten Bombe basteln. Die Explosion von Montagabend gibt uns die Chance, nach den n�tigen Mitteln zu greifen, um die Demokratie zu verteidigen. Oder wollen Sie eine Zwangsislamisierung und die Diktatur der Mullahs?� �Sie reden fast schon wie einer von diesen Freiheitlichen.� �Blicken Sie mal �ber den Tellerrand und vergessen Sie das Parteiengez�nk.� �Dann diente die Bombe also dazu, das Land wachzur�tteln.� �So kann man das betrachten.� �Also h�tte auch der Staat selbst die Bombe legen k�nnen.� �Herr Veller, werden Sie nicht albern.� Fast h�tte Veller eine Ampel �bersehen, die vor ihm auf Rot sprang. Im letzten Moment stieg er auf die Bremse. Der Audi hinter ihm hatte M�he, rechtzeitig anzuhalten. Immerhin hupte der Fahrer nicht. �Jedenfalls taugt der Fall nicht dazu, ein gro�es Fass aufzumachen�, sagte Ludwig. �Deckel drauf und fertig. Sollten die Medien etwas spitzkriegen, werden wir jede Verwicklung des NRW-Verfassungsschutzes dementieren.� Veller fand keine Worte mehr. �Sch�n, dass wir uns offenbar verstehen�, sagte Ludwig. �Nein, das tun wir nicht�, widersprach Veller und beendete das Gespr�ch. Die Ampel zeigte Gr�n. Veller bog in die Gegenrichtung ab, zur�ck in die Innenstadt. Er hatte einen Entschluss gefasst. Eine Ver�ffentlichung im�Blitz�w�rde die gr��ten Wellen schlagen. Die Redaktion sa� an der K�nigsallee. Er kannte dort zwar keinen, aber die Story, die er anzubieten hatte, w�rde ihm s�mtliche T�ren �ffnen. Den �rger, den ihm das einbringen w�rde, nahm Veller in Kauf. Er musste zweimal um den Block fahren, bis er eine L�cke fand. Beim Einparken befielen ihn Zweifel. Was war, wenn sich der Chefredakteur von dem Geheimhaltungsgetue beeindrucken lie�? Wenn er den Schwanz einklemmte und es vorzog, kein politisches Erdbeben auszul�sen? Weil wom�glich sein Verleger ein Golfpartner des Ministerpr�sidenten war? Ein wei�er Audi fuhr vor�ber. Der Beifahrer glotzte. Veller kam das Auto bekannt vor. Es war die Karre, die hinter ihm vom Parkplatz des Ministeriums gerollt war. Verfassungsschutzleute. Eine professionelle Observierung sieht anders aus, dachte Veller. Die Schlapph�te wollten ihn einsch�chtern. Jetzt erst recht, dachte Veller und dr�ckte die Klingel. Der �ffner summte. Veller betrat das Geb�ude. In diesem Moment klingelte sein Handy. Koch, der Beamte vom Referat 611, Grundsatzangelegenheiten und Auskunftsersuchen. �Gerade habe ich an Ihre Beh�rde gedacht�, sagte Veller. �Lassen Sie die Scherze�, antwortete Koch. �Wir gew�hren Ihnen die Akteneinsicht.� �Warum nicht gleich so?� �Morgen bei uns im Ministerium. Ich stehe Ihnen ab neun Uhr zur Verf�gung. Sie d�rfen nichts mitnehmen oder koppieren. Das hei�t, Sie erhalten volle Kenntnis, k�nnen das Material aber nicht in einem m�glichen Strafverfahren verwenden. Ist das ein Kompromiss, mit dem Sie leben k�nnen, Herr Weller?� Veller atmete tief durch, dann sagte er: �Einverstanden.� Er trat ins Freie. In der n�chsten Einfahrt stand der wei�e Audi. Wie ein Sieger f�hlte sich Veller nicht.�Die drei sind tot und damit hat sich die Sache erledigt�� pl�tzlich war ihm klar, dass in der Verfassungsschutzakte nichts Gegenteiliges stehen w�rde. 53. Moritz hatte Blumen, Kr�nze und Windlichter organisiert. Danach hatten die Parteiangestellten ihre Zentrale f�r den Rest des Tags dichtgemacht und waren in Richtung Krefeld-Uerdingen aufgebrochen. Nat�rlich hatte Moritz die Medien informiert, und so wurde es ein Pilgerzug von etwa f�nfzehn Autos, der seinem Mondeo auf der Suche nach der Ungl�cksstelle folgte. Gr�fe sa� auf dem Beifahrersitz und musste drei Mal mit der Polizei telefonieren, bis er Moritz zum richtigen Baum lotsen konnte. Heike, die hinten Platz genommen hatte, heulte unterdessen mehrere Tempopackungen voll. Hier also, dachte Moritz, als er den Wagen in der M�ndung eines Feldwegs abstellte und ausstieg. S�dlich von Uerdingen, au�erhalb des Dorfs Gellep, das noch zu Krefeld geh�rte. Die schmale Landstra�e verlief zwischen Rhein und Autobahn. Carola war von Norden gekommen. Im Kurvenbereich neigte sich die Fahrbahn t�ckisch nach au�en, es gab keine Leitplanke und die dicht berankte B�schung fiel sch�tzungsweise einen Meter tief ab. Aus Efeu und Gestr�pp ragte der Stamm einer alten Ulme. Auf den ersten Blick erkannte Moritz, dass das Gel�nde an dieser Stelle zu absch�ssig f�r seine Inszenierung war. Er dirigierte den Trupp der Parteiangestellten zum n�chsten Baum, der dichter an der Stra�e stand. Dort legten sie ihre Kr�nze ab, drapierten Blumenstr�u�e, entz�ndeten eine Unzahl von Lichtern. Nicht nur Heike musste lauthals schluchzen. Das Blitzlichtgewitter der mitgereisten Fotografen w�hrte einige Minuten lang. Moritz improvisierte eine kurze Trauerrede, die von Carola handelte, wie sie zwischen zwei Terminen Entspannung auf der geliebten Harley gesucht hatte, aber den Stress nicht absch�tteln konnte, der auf ihr lastete. Die �konomische und moralische Krise der Republik, die anhaltende Terrorgefahr, offene Morddrohungen durch religi�se Fanatiker, die beispiellose Anfeindung durch die Zirkel der politischen Macht, die um ihre Pfr�nde zitterten. Als Moritz die tote Parteichefin als Lichtgestalt aller freiheitlich Gesinnten in den Himmel hob, sp�rte er, wie ihm selbst die Tr�nen der R�hrung in die Augen schossen � als die Kameras draufhielten, wusste er, dass es stimmungsvolle Bilder geben w�rde. W�hrend Gr�fe sich eine Zigarre anz�ndete und Heike mit den anderen noch etwas trauerte, rief Moritz Alex Vogel an, weil ihn irritierte, dass der�Blitz�nur einen Fotografen, aber keinen Reporter geschickt hatte. Er wiederholte einige Stichworte seiner Ansprache, um den Chefredakteur auf Linie zu bringen. �Ich habe geh�rt, sie war blau, als sie gegen den Baum fuhr�, sagte Vogel. �Das m�ssen Sie ja nicht erw�hnen�, schlug Moritz vor. �Mensch, Lemmi, altes Haus, gerade das ist doch die W�rze der ganzen Nachricht! Die sch�ne Carola ertrug ihre Arbeit f�r eure Partei nur unter Alkohol. Supi!� �Ha, ha, selten so gelacht.� �Ich mache keine Witze. Ich entwerfe gerade den Aufmacher f�r morgen. Eins Komma vier Promille kann ich nicht einfach so unterschlagen.� �Eins Komma zwo�, berichtigte Moritz. �Fahrunt�chtig bleibt fahrunt�chtig.� �Aber so k�nnen Sie doch nicht �ber eine Tote schreiben.� �Muss ich! Der Boulevard lebt von der Zuspitzung.� Moritz versuchte es mit seiner urspr�nglichen Idee: �Und wie w�r�s mit Mord?� �Bitte?� �Ein feiger Mordanschlag!� �Sie meinen, man h�tte Frau Ott gegen ihren Willen Schnaps eingefl��t, damit sie �� �Vergessen Sie mal f�r einen Moment den Alkohol. Es kann doch sein, dass sie jemand mit dem Auto von der Stra�e abgedr�ngt hat. Einer, dem es nicht schmeckt, wie die Freiheitlichen den Politbetrieb aufmischen. Jemand, dem die mutige Carola ein Dorn im Auge war, seit sie von der CDU zu uns gewechselt ist.� �Sie meinen die Kanzlerin?� ��berlegen Sie mal, Herr Vogel: Dass Frau Ott nicht ganz n�chtern war, steht morgen auch in den Artikeln Ihrer Konkurrenz. Das Mordkomplott h�tten Sie exklusiv.� �Ich wei� nicht recht.� �Wo bleibt Ihr ber�hmter Mut?� �F�r so eine R�uberpistole br�uchte ich selbst erst mal eins Komma zwei Promille, mein Lieber.� Ich war nicht �berzeugend, dachte Moritz konsterniert, als er das Gespr�ch beendete. Wie auch. Seiner Idee fehlte jegliche Substanz. Und letztlich war auch seine Inszenierung hier drau�en vermutlich f�r die Katz. Eins Komma zwei Promille � wie hatte Carola den Freiheitlichen so etwas antun k�nnen? Allm�hlich begann es zu d�mmern. Die Fotografen hatten sich bereits vom Acker gemacht und auch unter den Mitarbeitern der Parteizentrale machte sich Aufbruchstimmung breit. Moritz warf einen letzten Blick auf die Stelle, an der Carola gelegen hatte. Erst anderthalb Tage nach dem Unfall hatte man ihre Leiche entdeckt � ein gruseliger Gedanke. Dann fragte sich Moritz erneut, was Carola auf die schmale Landstra�e gef�hrt hatte. Vielleicht war sie auf dem Heimweg nach K�ln gewesen, aber woher war sie gekommen? Sein Blick fiel auf rote und wei�e Lichter, die im Norden schimmerten � Autos, die bei Uerdingen den Rhein �berquerten. Duisburg lag auf der anderen Seite. Moritz fiel Bucerius ein. 54. Veller beschloss, den Abend bei seinem Lieblingst�rken ausklingen zu lassen, wo er bereits gestern mit Anna gegessen hatte. Er bestellte�Etli Makarna,�Huhn mit Nudeln, und weil er besonders hungrig war, vorweg den Vorspeisenteller. Das Lokal f�llte sich, ein gemischtes Publikum wie immer, t�rkisch und deutsch, M�nner und Frauen, das Palaver an den Tischen schwoll zur fr�hlichen L�rmkulisse an � als funktioniere das multikulturelle Nebeneinander doch. �Heute allein?� Der Kellner war an den Tisch getreten und schnalzte bedauernd mit der Zunge. �Hat nicht geklappt, gestern?� Veller kannte den Namen des jungen Mannes nicht, aber sie gr��ten sich jedes Mal herzlich. �Zum Trinken bitte ein Wasser und ein Viertel Yakut�, bestellte Veller. �Probier mal den Buzbag. Ist kr�ftiger.� �Okay, wie du meinst.� Ein Mann im Parka kam herein und verteilte Zettel. Er wurde angemotzt, der Kellner mischte sich ein und der Parkatr�ger floh mit wehendem Schal nach drau�en. Ein Flugblatt war neben Veller zu Boden gesegelt. Er hob es auf.�Zeichen setzen f�r die Freiheit!�� der Flyer warb f�r eine Demo. Der Kellner brachte den Wein und be�ugte das Blatt, w�hrend er das randvolle Glas abstellte. �Die Bombe kommt denen gerade recht�, kommentierte er. �Was meinst du damit?� �Es ist wie damals in Berlin zur Nazizeit. Ein Irrer z�ndet den Reichstag an und die Deutschen gehen gegen die Juden los. Kaum l�uft die Wirtschaft nicht gut, werden die Leute f�r so was empf�nglich. Und wir Muslime sind die Juden von heute.� �Ich glaube, da gibt es Unterschiede. Der Islamismus ist eine reale Gefahr. Auch in der T�rkei gibt es Anschl�ge.� �Die Bombe in Istanbul? Keiner wei�, wer es wirklich war. Aber nat�rlich gibt der Staat den Kurden oder El Kaida die Schuld. Es ist genauso wie hier. Der Anschlag passt ins Kalk�l der Herrschenden.� Linksradikale Wortwahl, dachte Veller. Leute am Nachbartisch winkten dem Keller ungeduldig zu, doch der schien das nicht zu bemerken. �Globalisierung, Finanzkrise, Rezession. Da brauchen die Herrschenden einen S�ndenbock, damit die Hartz-IV-Leute nicht auf die Stra�e gehen, verstehst du? Alle sind gegen Muslime, aber keiner wei�, was das �berhaupt ist. Nimm mich zum Beispiel. Bin hier geboren, trage keinen Bart, bete nicht und trinke Alkohol. Unglaublich, oder?� �Das mit dem Bart sehe ich�, sagte Veller. �Und wei�t du was?�, fuhr der Kellner unbeirrt fort. �Garantiert h�rt der Staat schon unser Telefon ab. Es macht ganz komische Ger�usche. Mit den Juden hat es auch so angefangen. Erst kommen die Vorurteile, dann die Verfolgung.� Veller nahm einen Schluck und sagte: �Du hast recht. Der hier ist kr�ftiger.� �Ich quassel zu viel �ber Politik, was?�, fragte der Kellner. Eine Frau setzte sich an Vellers Tisch. �Hallo, Paul�, gr��te sie. Zu seinem Erstaunen war es Anna. Der Kellner zwinkerte Veller zu und raunte: �Hat also doch geklappt!� Dann wandte er sich dem Nachbartisch zu und verteilte dort Speisekarten. �Was hat geklappt?�, wollte Anna wissen. �Wei� ich auch nicht�, antwortete Veller. �Dombrowski meinte, du w�rst hier.� Ohne zu fragen, nippte Anna von Vellers Glas, wischte sich �ber den Mund und sagte: �Allm�hlich bekomme ich auch schon fast den Tunnelblick. Aber religi�se Extremisten sind nur eine winzige Minderheit, auf die weiter kein Mensch reinf�llt. Ist doch so, oder, Paul?� Veller ging nicht darauf ein. Er freute sich ganz einfach, dass Anna da war. Sie sagte: �Werden uns die Akten vom Verfassungsschutz weiterhelfen?� �Mal sehen�, antwortete Veller. �Hauptsache, wir stellen uns schlauer an als der Frosch im Brunnen.� �Der Frosch im Brunnen?� �Ein Gleichnis. Kennst du es nicht?� Anna sch�ttelte den Kopf. �Der Frosch sitzt auf dem Grund und sieht immer nur ein Segment des Himmels�, erkl�rte Veller. �Deshalb h�lt er den Brunnenrand f�r den Horizont und kann sich gar nicht vorstellen, dass es da noch mehr gibt als nur das eine St�ckchen vom Himmel.� �Sch�ne Geschichte. Hast du noch mehr davon?� Mal schauen, dachte Veller. � Der Kellner r�umte den Vorspeisenteller ab und Veller �berlegte, ob er ein zweites Glas�Buzbag�bestellen sollte. Sein Handy klingelte. Es war Klaus Bisping von der Tatortgruppe. Er sagte: �Wir haben gerade etwas entdeckt.� Veller blickte auf die Uhr. Halb neun. Der Kellner brachte das Huhn. �Dienstlich?�, fragte Anna. Veller nickte. �Komm r�ber und schau�s dir mal an, Paul�, t�nte Bispings Stimme aus dem Handy. �Sieht lecker aus�, sagte Anna und griff zur Gabel. �Ich bin in zehn Minuten da�, versprach Veller. Er sprang auf und legte dem Kellner zwei Zwanziger auf das Tablett. �Sorry�, sagte er zu Anna und ber�hrte ihren Arm. �Es gibt eine neue Spur. Kann ich dich sp�ter anrufen?� Sie blickte ihn irritiert an. Veller lief hinaus und schloss seinen Wagen auf. Hastige Schritte n�herten sich. Anna stieg auf der Beifahrerseite ein. �Glaubst du, ich lasse dich den Fall alleine l�sen?� 55. Zander z�hlte die Stunden. Noch achtzehn bis zum Ablauf des beschissenen Ultimatums:�morgen, Freitag, vierzehn Uhr�� als h�tte die Frist, die Kripochef Engel ihm gesetzt hatte, eine besondere Bedeutung. Er pr�fte sein Handy. Kein Anruf in der letzten Zeit. Von seinem Informanten kein Pieps.�Mierda,�Padre. Der Gang in den Keller und der Griff in die Kiste, die Beate zum Vierzigsten geschenkt bekommen hatte, war Zander schon fast zum abendlichen Ritual geworden. Die dritte Flasche vom 95er Chianti Classico Riserva � Zander trug sie zu seinem Auto. Es war noch nicht zu sp�t am Abend, um Benno Gr�ter zu besuchen. Sein Kumpel und fr�herer Vorgesetzter w�rde wissen, was zu tun war. Zander hatte sich vorgenommen, ihm all seine Verfehlungen zu beichten. Gr�ter konnte den Kripochef ebenfalls nicht leiden. Es war nie falsch, Verb�ndete zu haben. � Der Bauernhof w�rde mir auch gefallen, dachte Zander. Wenn er nicht so abgelegen w�re. Benno Gr�ter �ffnete auf sein Klingeln. Zander streifte den Lehm von seinen Sohlen und nahm die Flasche aus der T�te. �Gleicher Stoff wie neulich?�, fragte der Hausherr. �Komm rein.� Zander folgte ihm in das Wohnzimmer. Gr�ter schaltete den Fernseher aus, verschwand kurz in der K�che und kehrte mit dem Korkenzieher zur�ck. �Du hast etwas auf dem Herzen, Martin�, sagte er. �Ich seh�s dir an.� �Macht einfach keinen Spa�, allein zu trinken�, erwiderte Zander. �An einem Abend wie diesem ist Alleinsein besonders Schei�e.� �H�r auf mit dem depressiven Gequatsche. Was macht deine h�bsche Mordkollegin? Wie hei�t sie � Anna? Hast du sie endlich mal zum Essen eingeladen oder ins Kino?� Zander versuchte, in Gr�ters Gesicht zu lesen, ob er es ernst meinte oder ihn nur auf den Arm nahm. �Vielleicht, wenn der ganze �rger vorbei ist�, antwortete Zander. Aber nein, dachte er. F�nf zu eins, dass Hiwa Kaplan sich auch morgen nicht meldet und Engel, der Stinker, ihn, Martin Zander, zum Paria stempelt. �Welchen �rger meinst du?� Gr�ter stellte zwei besonders bauchige Gl�ser auf den Tisch. �Sag schon, Alter!� �Will deine Frau nicht auch einen Schluck?�, fragte Zander, weil er nicht wusste, wie er seine Beichte beginnen sollte. �Nachtschicht.� Gr�ter hatte den Chianti entkorkt und goss ein. �Eigentlich m�sste das St�ffchen ein wenig chambrieren, bevor man es trinkt.� Chambrieren�� der Mann kannte sich aus. Benno Gr�ter war tough, hatte es zu etwas gebracht und seine Karriere war noch l�ngst nicht am Ende. �Kann man eigentlich schon zum Lehrgang f�r den h�heren Dienst gratulieren?� �Nein, erst am Montag erfahre ich, ob ich zugelassen werde.� Sie stie�en an. Jetzt bemerkte auch Gr�ter die �hnlichkeit ihrer Armbanduhren. �Zeig mal. Hey, eine�Yacht-Master,�willkommen im Club! Guter Geschmack erweist sich auch bei der Wahl des Chronometers, was, Padre?� Zander wurde bewusst, dass Gr�ters Rolex echt war und der KK-15-Leiter davon ausging, auch er h�tte Tausende von Euro f�r eine Uhr ausgegeben. Das Guter-Geschmack-Getue war Zander peinlich. Er bemerkte, dass sein�Chronometer�schon wieder stehen geblieben war. Der Hausherr kaute den Wein, bevor er ihn schluckte. �Sag schon, Padre, wo dr�ckt der Schuh? Du f�hrst doch nicht zum Spa� zu mir aufs Land hinaus.� �Bist�du�immer sauber geblieben, Benno?� Stirnrunzeln. �Ich denke schon.� �Stets korrekt, all die Jahre?� �Was fragst du da?� In Zanders Kopf jagten sich pl�tzlich die Gedanken. Engels Ultimatum � Gr�ters Bewerbung um den Lehrgang in M�nster-Hiltrup. Als KK-15-Leiter war Gr�ter �ber die Razzien des Einsatztrupps Rauschgift weitgehend im Bilde gewesen. Er lebte auf relativ gro�em Fu�. Und er brauchte Engels Zustimmung f�r den Lehrgang. Pl�tzlich sah Zander es sonnenklar: Der Kripochef verd�chtigte Benno Gr�ter. Unm�glich. Zander holte tief Luft und begann: �Wei�t du, Benno, ich hab mal Mist gebaut, gro�en Mist, schon lange her, praktisch verj�hrt. Aber Engel ist dahintergekommen. Da glaubst du, alles perfekt eingef�delt zu haben, und dann kommt es doch ans Tageslicht.� �Und?� �Der Stinker setzt mich unter Druck. Er will mich fix und fertig machen, wenn ich ihm nicht bis morgen Nachmittag den Maulwurf nennen kann.� �Den Maulwurf im alten Einsatztrupp.� �Ja.� �Was hat der Kerl gegen dich in der Hand?� Zander trank einen Schluck und fragte zur�ck: �Deine Uhr ist echt, oder?� Gr�ter lachte unsicher. �Deine etwa nicht?� Verdammte Schei�e, dachte Zander. Warum hatte ihm der Kripochef nichts von seinem Verdacht erz�hlt? Weil er wusste, dass ich mit dem Kerl befreundet bin, fiel es Zander ein. Der Stinker bef�rchtete, ich w�rde ihm nicht glauben. Ich sollte selbst darauf kommen. Zander sagte: �Und zum Abitur eures Sohns l�sst du dich auch nicht lumpen. Viertausend hat der Oldtimer gekostet, sagtest du. Und die Privatschule ist sicher auch nicht billig, zumal mit Internat.� �Worauf willst du hinaus, Martin?� �Und der umgebaute Bauernhof. Schick renoviert. Ich k�nnte wetten, dass bestimmt auch ein gutes St�ck Land dazugeh�rt.� �Lene und ich haben zwei Einkommen, machen �berstunden, geben sonst nicht viel aus.� �Klar.� �Hey, Padre, dein Gerede gef�llt mir nicht.� �Trotzdem hat dir der Innere Dienst nichts nachweisen k�nnen. Als Dienststellenleiter haben sie dich doch ebenfalls unter die Lupe genommen, oder?� �Glaubst du wirklich �� �Der Kripochef scheint sich sicher zu sein.� �Hat�er�dich geschickt?� Gr�ter wurde laut und lief rot an. �Bist du dienstlich hier? Tr�gst du etwa Mikro und Rekorder unter der Lederjacke? Ist das jetzt eine Vernehmung? Kommst du so in mein Haus? Hey, Sie haben vergessen, mich �ber meine Rechte aufzukl�ren, Kollege Zander!� �Schrei nicht so.� Der Kollege verstummte. Auf seiner Schl�fe pochte eine Ader. Er rieb die H�nde auf den Schenkeln. Ausgerechnet du, dachte Zander. �Mensch, Benno, wie konntest du nur solch eine Schei�e bauen?� Dann fiel ihm ein, dass sein Vorwurf auch auf ihn selbst zutraf. Der Einbruch an der K�nigsallee im Jahr 2000. Die Juwelen, die er an Schmiedinger, den Hehler, verkauft hatte. Seine wilde Zeit, die Engel gegen ihn verwandte. �Sei ehrlich, Martin, hat dich der Kripochef geschickt?�, fragte Gr�ter noch einmal. Zander sch�ttelte den Kopf. �Und jetzt? Was hast du vor? Deinen Kopf retten, indem du meinen pr�sentierst?� Gr�ter fuhr fort, seine Schenkel zu massieren. �H�r endlich auf, Benno. Du glaubst doch nicht im Ernst, ich k�nnte dich verpfeifen!� Der Kumpel starrte ihn an. �Die Drogen-Connection der PKK ist zerschlagen, nicht wahr?�, fragte Zander. �Das kann man wohl sagen. Die Kollegen vom Staatsschutz haben ganze Arbeit geleistet. Azad und �mer sitzen im Knast.� �Du stehst nicht mehr auf ihrer Lohnliste.� �Es ist fast zwei Jahre her, dass ich zum letzten Mal Geld genommen habe. Und es war weniger, als du glaubst.� �Das hei�t, du bist jetzt sauber und wirst es auch in Zukunft sein?� Gr�ter nickte. Zander nahm einen Schluck Wein, genoss das Aroma und fasste seinen Entschluss. �Dann wird das unter uns bleiben, Benno. Versprochen.� Gr�ter fragte: �Das hei�t, du hast mit niemandem dar�ber geredet? Weder mit dem Kripochef noch mit sonst irgendjemand?� �Nein, habe ich nicht.� Gr�ter seufzte. �Ich brauch jetzt etwas St�rkeres als diesen Wein. Du auch?� Zander nickte. Der KK-15-Leiter ging hinaus und machte sich in der K�che zu schaffen. �Du musst mir aber einen Tipp geben, wie ich mit Engel umgehen soll�, rief Zander ihm durch die offene T�r hinterher. �Dir f�llt doch sicher etwas ein.� Sein Kumpel kam zur�ck. In der Rechten eine Pistole. �Nein, tut mir leid�, antwortete Gr�ter und dr�ckte ab. 56. �Ich glaube nicht, dass ich noch l�nger f�r die Freiheitlichen arbeiten kann, Herr Bucerius.� �Was sagen Sie da?� Der Blick vom Chefb�ro im Industriegebiet von Duisburg-Mittelmeiderich ging hinunter auf den Rhein-Herne-Kanal. Jenseits davon existierten nur Lichtpunkte vor der Kulisse der Nacht. Sie bildeten Strukturen, Linien und Schleifen. Moritz glaubte, die Ruhr ausmachen zu k�nnen sowie zwei Autobahnen, die sich weiter s�dlich kreuzten. Er hatte Bucerius um das Gespr�ch gebeten. Zum ersten Mal wurde Moritz im Allerheiligsten der�Bucerius KG�empfangen. Die Einrichtung im Art-d�co-Stil stammte vermutlich noch vom Firmengr�nder. Schwere Lederfauteuils, doch unter dem Hintern sp�rte Moritz die Stahlfedern. �Ich habe wirklich lange nachgedacht�, erkl�rte Moritz. �Mit Frau Ott habe ich mich sehr gut verstanden, sie stand f�r die Neuausrichtung. Ich sehe keinen, der das fortf�hren k�nnte. Das �brige Vorstandspersonal steht entweder zu weit rechts oder hat einfach nicht das Zeug dazu, eine Partei in die hei�e Phase des Wahlkampfs zu f�hren. Frau Ott �� �Sie sind sich in den zwei Wochen recht nahegekommen, nicht wahr?� Moritz nickte. Er hatte die Kurve bei Uerdingen vor Augen. Die blasse Leiche auf der Rollbahre des Rechtsmediziners und den h�sslichen Schnitt, der von der Obduktion herr�hrte. Das dunkel verf�rbte Gesicht � offenbar hatte Carola mit dem Kopf nach unten im Gestr�pp gelegen. �Es ist schon ein Jammer�, sagte Bucerius. �Ich kannte ihren Vater recht gut. Und ich wusste, dass Carola in der CDU nicht gl�cklich war. Deshalb dachte ich sofort an sie, als ich beschloss, mich f�r die Freiheitlichen zu engagieren. Carola wird der Partei fehlen, aber das kann doch kein Grund daf�r sein, dass Sie die Flinte ins Korn werfen!� �Warum ist Ihnen die Partei so wichtig?� �Mir, wieso?� �Ihr finanzielles Engagement ist ungew�hnlich.� �Ich habe nichts gegen unsere muslimischen Mitb�rger, falls Sie das meinen. Wussten Sie, dass meine Firma die Zentralmoschee in Duisburg-Marxloh gebaut hat? Der weltanschauliche Kram hat mich nie gek�mmert. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin Unternehmer und muss nach vorne schauen. Gerade in Zeiten wie diesen. Ich investiere, um einen Vorteil zu erhalten.� �Einfluss auf die Landespolitik.� Bucerius machte eine Geste, die Zustimmung andeutete. Er stellte zwei kunstvoll gravierte Gl�ser auf den Tisch und schenkte bernsteinfarbenen Sherry aus einer Karaffe ein. Moritz dachte an Carola, die wegen der Parteifinanzen beunruhigt gewesen war. Und daran, dass ihr Telefon vermutlich abgeh�rt wurde. Schwarze Kassen, deren Inhalt �ber eine Partei gewaschen wurde � f�r einen Moment stellte sich Moritz vor, Carola habe vielleicht deshalb sterben m�ssen. Der Baul�we trat ans Fenster. �Kaum ein Unternehmen von unserer Gr��e kann es sich noch leisten, die politische Landschaft nicht zu pflegen. Die meisten spenden der CDU oder den Liberalen. Meinetwegen auch den Sozis oder den Gr�nen. Aber was wollen Sie machen, wenn man Sie �berall mobbt? Wenn sich auf einmal die Konzerne zusammentun, um die mittelst�ndische Konkurrenz aus dem Weg zu r�umen? Wenn alte Freunde aus dem Landtag, denen Sie jahrelang dicke Umschl�ge �berreicht haben, Ihnen pl�tzlich den R�cken kehren, Hetzkampagnen gegen Sie lostreten und s�mtliche Auftr�ge den besagten Konzernen zuschustern?� �Eine neue Partei ins Spiel bringen?� �Richtig.� Der Baul�we hakte die Daumen in die �rmelausschnitte seiner grauen Weste. �Die Freiheitlichen mussten nur kapieren, dass man allein mit Ausl�nderhetze nicht in den Landtag kommt. Und die Kurskorrektur musste rasch vollzogen werden, denn ich kann nicht bis zur �bern�chsten Wahl warten, wenn ich die Rezession �berleben will.� �Ich bewundere Ihre Offenheit, Herr Bucerius.� �War ich jemals unehrlich zu Ihnen?� �Carola war hier, bevor sie verungl�ckt ist, stimmt�s?� �Woher wissen Sie das?� �Ich glaube, ich kenne auch den Grund, warum Carola Sie besucht hat.� �Es war die Bombe. Die Explosion am Vortag hatte sie zutiefst beunruhigt. Allein die M�glichkeit, dass ihr Auftritt in dieser Talkshow einen Neonazi dazu gebracht haben k�nnte, eine Moschee anzugreifen. Sie wusste, dass es die Islamisten selbst waren, aber sie wollte nicht einfach zur Tagesordnung �bergehen. Und dann war da noch ihre Sorge, ob das Geld, mit dem ich die Freiheitlichen unterst�tze, auch ordentlich versteuert worden ist.� �Was haben Sie ihr erz�hlt?� �Die Wahrheit.� �Wie hat sie reagiert?� �Ich denke, sie hat es verstanden.� Moritz schwieg. �Jedes Unternehmen verf�gt �ber eine geheime Kriegskasse. Irgendwo h�uft sich immer etwas an, und wenn ich es investieren will, laufe ich nicht erst mit einer Selbstanzeige zum Finanzamt. Gr�fe h�tte Carola gar nicht mit den Finanzen behelligen sollen.� �Sie sind wirklich erstaunlich offen.� �Weil Carola erw�hnt hat, mit Ihnen �ber das Thema gesprochen zu haben. Und weil ich nicht m�chte, dass Sie den Job hinwerfen, Herr Lemke.� Moritz nippte vom Sherry. Leckerer Tropfen. Er hob ihn gegen das Licht und studierte die Reflexe. �Wie oft haben Sie Carola nachgeschenkt?� �Sie hat ihr Glas nicht einmal anger�hrt. Wenn sie angetrunken war, dann lie� sie sich nichts anmerken. Herr Lemke, �berlegen Sie es sich noch einmal.� �Die Freiheitlichen werden es auch ohne mich schaffen.� �Nein, wir brauchen Sie. Unser Projekt steht erst am Anfang. Wir treten jetzt in Phase zwei ein, in der wir den W�hlern vermitteln m�ssen, dass es den Freiheitlichen mit dem neuen Kurs auch wirklich ernst ist. Dass die Partei w�hlbar geworden ist. Ich lege gern noch einmal tausend Euro im Monat drauf, um Sie zu halten. Weil ich nach wie vor an unser Projekt glaube.� Bucerius setzte sich zur�ck an seinen Platz und beugte sich vor. Seine Stirnglatze gl�nzte im Licht der Schreibtischlampe. Nein, befand Moritz. Dieser Mann hat keinem Killer den absurden Auftrag erteilt, Carola von der Fahrbahn zu dr�ngen. �Was ist mit Ihnen, Herr Lemke?�, fragte der Unternehmer. �Bitte?� �Glauben Sie nicht auch an das Projekt, das Sie selbst mit angeschoben haben?� Petra oder der Job, dachte Moritz. Bucerius blickte ihm fest in die Augen und fl�sterte fast: �K�nnten Sie sich vorstellen, den freien Posten zu �bernehmen?� �Welchen Posten?� �Na, den Parteivorsitz!� 57. Die Tatortgruppe Sprengstoff/Brand war wegen Platzmangels ausgelagert und in einem Gewerbegebiet in Heerdt untergebracht worden, das noch zu D�sseldorf geh�rte, aber an der Stadtgrenze zu Neuss auf der anderen Rheinseite lag. Veller beschleunigte auf der Rheinkniebr�cke, raste die A52 entlang, schaltete vor der ersten Ausfahrt zur�ck und nahm mit aufheulendem Motor die Kurve. Zweimal rechts, dann die Heerdter Landstra�e entlang. Er fand die unbeschilderte Zufahrt neben einem mehrst�ckigen Verwaltungsgeb�ude. L�chriger Asphalt, vorbei an leeren Parkpl�tzen und einer Reihe �der Flachbauten. Nirgendwo brannte Licht. Veller hielt vor dem letzten Geb�ude. Drei Stufen f�hrten zum Eingang, neben der Klingel stand�Au�enstelle.�Veller dr�ckte den Knopf und wartete vergeblich. �Komm�, sagte er zu Anna. Sie umrundeten das Geb�ude und erreichten den garagenartigen Anbau, der zur Dienststelle geh�rte. Das Tor stand einen Spalt auf. Im Lichtschein, der von innen auf den nassen Asphalt fiel, stand eine Kollegin, die eine laubfroschgr�ne Regenjacke trug und rauchte. �Klaus ist drinnen�, sagte sie zu Veller und nickte Anna einen Gru� zu. Ein kahler, schlecht geheizter Raum. Mehrere Tische waren zu einer langen Reihe zusammengeschoben. Darauf h�ufte sich ein Gro�teil der Bruchst�cke, die am Ort der Detonation von Bispings Leuten eingesammelt worden waren. Ein gigantisches Puzzle. Bisping inspizierte etwas mit einer dicken Lupe. �ber ihm summten Neonr�hren. �Hallo, Klaus�, gr��te Veller. Der schnauzb�rtige Kollege reichte ihm die Lupe und wies wortlos auf ein winziges Teil. Eine Glasscherbe, nur wenige Millimeter gro�. Eine Ecke war abgerundet. Winzige Buchstaben waren neben der Bruchkante aufgedruckt:�oom. Veller gab die Lupe an Anna weiter und fragte Bisping: �Deshalb hast du uns das Abendessen vermiest?� �Das ist es wert.� �Lass h�ren, Klaus.� �Die Scherbe ist uns schon gestern aufgefallen, aber da konnten wir uns noch keinen Reim auf sie machen. Fundort ist der Hof der Moschee. Erst heute sind wir dazu gekommen, auch die Dachrinne des Vorderhauses zu untersuchen. Dabei haben wir das hier gefunden.� Bisping zog mit spitzen Fingern etwas kleines Rundes an den Rand des Tisches. Ein St�ck Metall, etwa sechs oder sieben Millimeter im Durchmesser, sch�tzte Veller. Mit blo�em Auge erkannte er das eingestanzte Firmenlogo, das aussah wie zwei Pfeilspitzen oder ein�M. �Motorola�, erkannte Veller und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche. Der gleiche Knopf sa� ganz oben zwischen den Schlitzen des Handylautsprechers. Bisping fragte: �Und wo befindet sich bei deinem Ger�t die Kameralinse?� Veller drehte das Handy um. Die Linse war mit einem trapezf�rmigen Glaspl�ttchen bedeckt. Abgerundete Ecken, unten rechts eine Beschriftung. Veller nahm die Lupe zu Hilfe. 4xzoom. Er zeigte es Anna. Bisping deutete nach drau�en. �Sandra wusste sofort Bescheid. Sie hat auch so ein Ding.� Er dirigierte seine Besucher an das andere Ende des Tisches und zeigte ihnen ein winziges H�ufchen schwarzer Kr�mel. �Plastik�, stellte Veller fest. �Und?� Der Chef der Tatortgruppe nickte. �Kann nat�rlich alles M�gliche sein. Aber die meisten Handys sind schwarz und aus dieser Sorte Kunststoff gefertigt. Nachdem wir den Knopf mit dem Logo identifiziert hatten, haben wir uns gefragt, ob wir irgendwelche Teile �bersehen h�tten, aber das hier ist alles, was sonst noch von einem Motorola-Handy stammen k�nnte.� �Was bedeutet das?�, fragte Anna. �Das Telefon ist regelrecht zerbr�selt worden, war also ziemlich nah am Sprengstoff.� �Wie nahe?� �Gute Frage.� Bisping sch�ttelte eine Zigarette aus der Packung. �Raucht ihr?� Anna verneinte. Veller sch�ttelte den Kopf. Sie gingen hinaus zu Sandra, die gerade ihre Kippe austrat. Bisping steckte seine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. �Hab�s eigentlich aufgegeben�, sagte er. Sandra lie� ein raues Lachen h�ren. Bisping verbesserte sich: �Das hei�t, ich bin jetzt bei drei St�ck pro Tag.� �Kann man eine Bombe per Mobiltelefon z�nden?�, fragte Veller. �Genau das ist der Punkt�, sagte Sandra. �Es geht tats�chlich. Du bettest das Ding in den Sprengstoff, legst die Leitung frei, die vom Akku zum Lautsprecher f�hrt, und verbindest den Draht mit der Z�ndkapsel. So kannst du die Bombe fernsteuern. Du musst nur mit deinem Telefon die Nummer des eingebauten Handys anw�hlen. Das hei�t, du l�sst es nicht klingeln, sondern buchst�blich krachen.� �Das funktioniert?� �Vorausgesetzt, der Akku ist geladen. Das hei�t, man darf die Bombe nicht endlos lagern.� Bisping strich �ber seinen Schnauzbart: ��brigens eine beliebte Methode zum Beispiel bei Pal�stinensern. Wenn sie einen Selbstmordattent�ter mit einem Sprengstoffg�rtel ausstatten, vertrauen sie nicht immer darauf, dass der Typ scharf auf die Paradiesjungfrauen ist. Oft bauen sie zus�tzlich ein Handy ein und helfen nach, sobald der Attent�ter z�gert.� �Schweine�, kommentierte Anna. �Lasst mich mal zusammenfassen�, sagte Veller. �Da war also ein Mobiltelefon der Marke Motorola im Spiel, das vielleicht als Bestandteil der Bombe unserer Terrorzelle gedient hat.� �In Anbetracht der Spurenlage m�ssen wir das in Betracht ziehen�, antwortete Bisping. �Deshalb ist es denkbar, dass die Bombe ferngez�ndet wurde, wie ihr es geschildert habt.� �Richtig.� �Von einem vierten T�ter, der die anderen drei in die Luft gejagt hat.� Sandra nickte. Bisping nahm einen letzten Zug, hustete und schnipste die Zigarette in eine Pf�tze. Es zischte leise. F�r einen Moment sagte keiner etwas. Veller runzelte die Stirn. Der unbekannte Vierte warf alle bisherigen Theorien �ber den Haufen. 58. Zitternd vor Konzentration machte sich Benno Gr�ter an die Arbeit. Er trug eine Plastikplane aus der Scheune herbei, zerrte den schweren Leichnam darauf, wickelte ihn ein und schleifte ihn durch den K�chenausgang, �ber den nassen Rasen hinter dem Haus bis zum ehemaligen Stall. Vor Monaten hatte er begonnen, das kleinere Nebengeb�ude zur Wellnessoase auszubauen. Die W�nde waren bereits eingezogen, es gab ein Klo und eine �bergro�e Duschkabine mit allem Schnickschnack. Komplett gefliest � hier konnte er das Blut leicht wegsp�len. Zuerst versengte er Zanders Fingerkuppen und Handinnenseiten mit dem Feuerzeug. Dann holte er eine Eisenstange, um die Z�hne auszuschlagen � wenn man die Leiche fand, sollte sie nicht mehr zu identifizieren sein. Gr�ter versuchte zu treffen, ohne hinzusehen, doch der Hieb ging daneben, eine Fliese brach. Er riss sich zusammen und zielte genau. Ein Dutzend Schl�ge, dann lie�en sich die Z�hne entfernen. Ihm wurde schlecht. Nur so kannst du deine Familie sch�tzen, dachte er, ging in die kalte Nacht hinaus und atmete tief durch, bis sich sein Magen wieder beruhigt hatte. Zur�ck im Wohnzimmer hob er die Patrone auf und zog das Geschoss, das Zanders Sch�del durchschlagen hatte, aus dem Wandputz. Er r�hrte Gips an, f�llte das Loch und kaschierte die Stelle, indem er ein paar Zentimeter dar�ber einen Nagel einschlug und ein gerahmtes Foto seines Sohnes anbrachte, das bis dahin neben seinem Bett gestanden hatte. Ein Blick auf seine Rolex, die stets zuverl�ssig ging. Die Schicht seiner Frau endete um sechs Uhr. Vor halb sieben w�rde sie nicht aus M�nchengladbach zur�ck sein. Also noch gut f�nf Stunden � die Zeit w�rde gen�gen. Gr�ter brachte Werkzeug in den Stall und entkleidete den Toten. Die Sachen w�rde er zuletzt gemeinsam mit seinen eigenen verbrennen. Es durften keine Spuren zur�ckbleiben. Das Zerteilen der Leiche bereitete Gr�ter gr��ere Probleme, als er gedacht hatte. Beim Rumpf geriet er ins Schwitzen. Zwischendurch kotzte Gr�ter ins Klo. Er drehte die Dusche auf, brauste sich den Kopf ab und trank Leitungswasser. Rei� dich zusammen, sagte er sich. Du machst das f�r Lene und Patrick. M�llt�ten fand er in ausreichender Zahl. Die abgetrennten Arme konnte er knicken, weil die Leichenstarre noch nicht ausgepr�gt war. Die Beine musste er jeweils im Kniegelenk zers�gen, damit sie in die T�ten passten. Um drei Uhr hatte er den letzten Sack verknotet. Er h�rte ein Summen wie von dicken Fliegen, doch das Ger�usch sa� in seinem Kopf. Am liebsten h�tte sich Gr�ter ins Bett gelegt. Eine Tablette eingeworfen und den ganzen Tag verpennt. Doch das kam nicht infrage. Er kalkulierte eine Stunde f�r das Verscharren im Wald, eine weitere, um im Stall gr�ndlich sauber zu machen. Schlie�lich eine Stunde, um sich um all das zu k�mmern, was er eventuell vergessen hatte � er durfte nicht schlappmachen. Gr�ter fuhr seinen Gel�ndewagen mit dem Heck an die Stallt�r und �ffnete die Klappe. Als er die dritte blaue T�te in das Auto lud, vernahm er ein Motorenger�usch und das Rollen von Reifen in der Hofeinfahrt. Lichtkegel strichen �ber Scheune und Stall. Das Brummen erstarb, die Scheinwerfer blieben an. Gr�ter blinzelte. Es war der Wagen seiner Frau. Lene stieg aus. �Benno, was machst du da?� Das Brummen in seinem Kopf wurde st�rker, ein hohes Pfeifen war hinzugekommen. Bleib cool, sagte er sich. �Und du?� Seine Frau hob ihre verbundene linke Hand. �Ein bl�der Unfall. Hab mich verbr�ht. Der Arzt hat mich nach Hause geschickt.� �Schlimm?� �Nein, halb so wild, ich hab Salbe, vielleicht kann ich morgen schon wieder �� Sie unterbrach sich und fragte: �Warum schl�fst du nicht?� �Ich mach nur noch schnell etwas fertig.� Er setzte den M�llsack ab und verbarg seine blutigen Finger hinter dem R�cken. �Mitten in der Nacht?� Gr�ter br�llte: �ICH MACHE NUR RASCH ETWAS FERTIG, OKAY?� Lene starrte ihn an. Gr�ter versuchte ein L�cheln. �Entschuldige, Liebes.� �Kann ich dir helfen?� �Nicht mit deiner verletzten Hand, danke, Lene.� Wie zum Beweis, dass er sehr gut allein zurechtkam, schwang Gr�ter den Sack auf die Ladefl�che. Dann ging er, um rasch den n�chsten Beutel zu holen. Er hoffte, seine Frau w�rde im Haus verschwunden sein, wenn er zur�ckkam. Doch Lene schrie. Ein hysterisches Kreischen, das sie nur unterbrach, um Luft zu holen. Gr�ter eilte zur�ck. Die Plastikhaut des Sacks war aufgerissen. Zanders Arm baumelte von der Ladefl�che. Lene hielt sich die Ohren zu und h�rte nicht auf zu schreien. Teil V Dschihad Freitag, 20. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: BUNDESINNENMINISTER SCH�UBLE: �IM KAMPF GEGEN DEN TERROR IST JEDES MITTEL LEGITIM� K�lner Kurier,�Titelseite: H�CHSTE ALARMSTUFE: BERLIN DENKT �BER FL�CHENDECKENDE KAMERA�BERWACHUNG NACH Blitz,�Titelseite: DIE LETZTE FAHRT DER CAROLA OTT � WER DR�NGTE SIE IN DEN TOD? F�r die einen war sie eine Lichtgestalt, f�r die anderen ein Schreckgespenst. Doch ihr tragischer Tod schockiert die Menschen auch �ber Parteigrenzen hinweg. Carola Ott-Petersen, 42, war der Shootingstar der deutschen Politik. Bereits am Dienstag hat sie auf ihrem Motorrad den Tod gefunden. Ein Radfahrer fand ihre Leiche an einer Landstra�e bei Krefeld-Uerdingen. Deutschland r�tselt: Wie konnte es dazu kommen? Fest steht: Carola Ott fuhr zu schnell und hatte Alkohol im Blut. Doch sie beherrschte ihre Harley-Davidson und die Stra�enverh�ltnisse waren gut. Fest steht auch, dass Ott Feinde hatte. Religi�s fanatisierte Wirrk�pfe, aber auch Spitzenpolitiker etablierter Parteien, die um ihre Macht f�rchteten, weil die Freiheitlichen-Chefin die Herzen der W�hler zu erobern begann. Musste sie sterben, weil sie zu unbequem war? Dass sich die Polizei vorschnell auf einen Unfalltod festlegte, verst�rt Angeh�rige und Freunde. Gab es Anweisung von oben, den Mordverdacht nicht weiterzuverfolgen? Ott hinterl�sst Ehemann Dr. Ole Petersen (Psychiatrieprofessor in K�ln) und die gemeinsame Tochter Franziska (6). Petersen erreichte die Nachricht vom Tod seiner Frau bei einer Kongressreise in den USA, die er sofort abbrach. Weggef�hrten Carola Otts legten gestern an der Todeskurve Kr�nze nieder, lie�en ihren Tr�nen freien Lauf. Alle betonten, wie bravour�s Ott bis dahin alle Anfechtungen verkraftet hatte. Die Energie der mutigen Carola schien grenzenlos zu sein. Moritz Lemke, Sprecher der Freiheitlichen und rechte Hand der Parteichefin, fasst die Gef�hle zusammen: �Wir sind schockiert, die Trauer ist unbeschreiblich. Aber wir sind es Carola Ott schuldig, den Weg fortzusetzen, den sie Deutschland aufgezeigt hat.� 59. Der Klingelton ihres Handys riss Anna aus dem Schlaf. Sie tastete nach dem Klamottenhaufen neben dem Bett, bekam das Telefon zu fassen und nahm das Gespr�ch an. �Ja?� �Morgen, Anna, Thilo hier�, antwortete der Blondschopf vom KK�11. �Sorry, wenn ich dich geweckt habe.� Neben ihr knarrte es, Paul begann, sich zu regen. Anna dachte daran, dass es beim ersten Mal nie das ganz gro�e Feuerwerk war, aber mit Paul Veller war es dem schon erstaunlich nahegekommen. Dann fiel ihr Jonas ein, ihr Freund, und dass sie sich entscheiden musste. �Was gibt�s?�, fragte Anna und las die Digitalanzeige des Weckers: 6.20 Uhr � in zehn Minuten h�tte das Ding ohnehin Alarm gegeben. Paul gab ein leises Brummen von sich. Thilos Stimme kam z�gernd und klang bedr�ckt. �Ich dachte, du sollst es nicht �ber Umwege erfahren. Er war immerhin dein Partner, zumindest in der letzten Zeit �� �Zander?�, unterbrach sie. �Was ist mit ihm?� Paul hatte sich aufgesetzt, kratzte sich am Nacken und warf ihr einen fragenden Blick zu. �Er ist tot�, sagte Thilo. Anna rang um Luft. �Wie es aussieht, hat Benno Gr�ter �� �Wer?� Anna war laut geworden. �Was sagst du da?� �Gr�ter von den Rauschgiftleuten. Er hat Zander erschossen und in T�ten gepackt.� �Steckt dein Kollege in der Klemme?�, lie� sich Paul vernehmen. Anna wiederholte fassungslos: �In T�ten gepackt?� �Schei�e, ja. Gr�ters Frau hat kurz vor halb vier den Notruf gew�hlt, deshalb waren die Kollegen der Kreispolizei Neuss als Erste vor Ort. Wir sind seit einer halben Stunde in Liedberg und � Mein Gott, Schei�e, es sieht aus wie im Schlachthof!� �Aber warum �� �Keine Ahnung. Bislang ist das ein v�lliges R�tsel, aber ich halte dich auf dem Laufenden, sobald wir mehr wissen.� Sie r�usperte sich. �Ich bin in sp�testens vierzig Minuten bei euch.� Paul starrte sie fragend an. �Das ist nicht n�tig, Anna�, sagte Thilo. �Wir sind genug Leute und kommen zurecht. Ich wollte nur, dass du es nicht aus den Medien oder so �� Anna beendete das Gespr�ch und stieg rasch in die Klamotten, die ihr am n�chsten lagen. �Was ist los?�, fragte Paul. �Das Bad ist nebenan, ein frisches Handtuch findest du im Schrank. Mach dir Kaffee und Fr�hst�ck, Paul, aber ich muss los. Die Morgenbesprechung werdet ihr ohne mich abhalten.� �Sag schon, Anna, was ist mit Zander?� �Ich sch�tze, er ist bei unseren Ermittlungen auf etwas gesto�en, was seinem fr�heren Chef nicht gefallen hat.� �Und?� �Benno Gr�ter hat ihn heute Nacht erschossen.� � Wie unter Hypnose erreichte sie Liedberg. Das Dorf war rasch durchquert. Eine Abzweigung hinter dem Ortsschild � das blaue Flackern der Einsatzfahrzeuge wies von Weitem den Weg. Autos verstopften die Zufahrt, gr�n-silberne und zivil lackierte, Anna setzte ihren Golf auf die Wiese und rannte auf den Bauernhof zu. Vor einem Stall luden zwei M�nner in billigen Anz�gen M�lls�cke auf eine Rollbahre. Die Bestatter, stellte Anna fest. In T�ten gepackt�� ihr Herz schlug heftiger. Neben der T�r stand eine Einsatztasche mit Schutzkleidung. Hastig zog sie den wei�en Plastikoverall an, �berschuhe, Kopfhaube und Handschuhe. Dann betrat sie einen wei� gekachelten Raum. Schlachthof�� es war das richtige Wort. Das Geschmiere auf den Fliesen war bereits angetrocknet. Verstreute Kleidung und verdrecktes Werkzeug: S�ge, Rosenschere, Beil. Verschiedene Messer. Zanders braune Lederjacke. Thilo Becker verteilte Schilder mit Ziffern und fotografierte. Die�Zehn�stellte er neben eine Handvoll blutiger Stummel � als Anna erkannte, worum es sich handelte, wurden ihre Knie weich und sie musste sich gegen die Wand st�tzen. �Hallo, Anna�, gr��te Thilo. �Erschossen, sagtest du?�, stie� Anna hervor, als sie Worte fand. Der Blondschopf nickte. �Es gibt eine Schleifspur vom Wohnhaus bis hierher. In einem Zimmer fanden wir zwei Weingl�ser und einen Blutfleck auf einem Sessel. Wegmann hat dort die Arbeit �bernommen.� �Wo ist das Schwein?� �D�sseldorf, Polizeigewahrsam. Hat sich bislang nicht zur Sache ge�u�ert.� Anna wollte sich auf den Weg machen, aber Thilo hielt sie fest. ��berlass ihn uns�, sagte er. In diesem Moment vernahm Anna einen leisen Klingelton, den sie kannte. Verzerrte Hardrock-Kl�nge, die �lter waren als sie selbst � Zanders Handy. Mit ihren behandschuhten Fingern fischte sie es aus Zanders Lederjacke und dr�ckte die Taste mit dem H�rersymbol. �Ja?� �Wer ist da?�, fragte eine m�nnliche Stimme mit Akzent. �Anna Winkler. Am Apparat von Martin Zander.� �Ich spreche nur mit dem Effendi selbst.� Jetzt hatte Anna den Anrufer erkannt. �Hiwa Kaplan?� Stille im �ther. �Sind Sie noch dran, Herr Kaplan? Legen Sie nicht auf. � Bitte, es ist wichtig!� �Wo ist Zander?� �Was wollen Sie von ihm?� �Er will etwas von mir.� �K�nnen wir uns treffen? Wir m�ssen reden!� �Das geht Sie nichts an. Sagen Sie ihm, er kann mich jetzt wieder erreichen.� �Zander ist tot.� Eine Pause � Anna h�rte ihr eigenes Atmen. �Sie verarschen mich jetzt, oder?� �Nein, er wurde ermordet.� �Ich war�s nicht, ich schw�r�s!� �Der M�rder ist bereits gefasst. H�ren Sie zu, Hiwa, ich muss mich mit Ihnen treffen. Am besten gleich.� �Wer hat ihn denn umgebracht?� Anna z�gerte. Sie blickte Thilo an. Dann sagte sie: �Ein Kollege.� �Gr�ter von der Rauschgiftfahndung?� �Woher wissen Sie das, Herr Kaplan?� �H�tt ich mir denken k�nnen, dass der Effendi den Maulwurf auch ohne meine Hilfe findet.� �Hiwa, wo kann ich Sie �� Freizeichen, aufgelegt. � Anna zog frische �berschuhe an, bevor sie das Haupthaus betrat. Im Wohnzimmer stie� sie auf weitere Kollegen in wei�er Verkleidung, darunter Wegmann und Ela Bach, die Leiterin des KK�11. Auf dem Tisch eine Packung Moltofill sowie eine Gummischale, in der das Zeug anger�hrt worden war. Daneben ein Foto im Glasrahmen, das einen sch�chtern l�chelnden Jungen auf einem Pony zeigte. Wegmann machte sich an der Wand zu schaffen und erkl�rte: �Ist noch frisch. Hier ist das Projektil eingeschlagen. Unser Kollege hat dort im Sessel gesessen. Gr�ter muss ihn �berrascht haben.� Kripochef Engel kam herein und gr��te. Er musste sich ducken, als er durch die T�r trat. Sein Overall war an Armen und Beinen zu kurz. Anna fing seinen Blick auf. Ihr Zusammenprall mit Zander fiel ihr ein. Gestern, auf dem Flur im Landeskriminalamt:�Engel sitzt mir im Nacken. Wegen des Maulwurfs in meinem fr�heren Einsatztrupp.�Annas Puls beschleunigte sich. Sie sprach den Kripochef an: �Zander hatte den Auftrag herauszufinden, wer Noureddine Diouris Bande damals vor den Razzien des Rauschgift-Einsatztrupps gewarnt hat, stimmt�s?� Engel nickte. �Warum haben Sie das nicht dem Inneren Dienst �berlassen?� �Auf die �bliche Weise kamen wir nicht mehr weiter.� ��bliche Weise?� �Sie kennen doch den Ruf, den sich Zander in langen Jahren erworben hat.� �Was soll das hei�en?�, fragte Anna giftig. Die Kollegen der Mordkommission �bten sich in betretenem Schweigen � es geh�rte sich nicht, dem Leitenden Kriminaldirektor in diesem Ton zu begegnen. �Wollen Sie etwa andeuten, dass Martin �� �Wir wissen beide, dass Zander nicht gerade die Zierde unserer Beh�rde war�, unterbrach Engel sie. �Glauben Sie, ich h�tte ihn wegen seiner Ermittlerf�higkeiten in die Mordkommission gesteckt?� �Warum nicht?� �Zander trickste, misshandelte Verd�chtige, war selbst kriminell. Tun Sie nicht so, als w�ssten Sie das nicht, Kollegin Winkler.� �Ich wei� wirklich nicht, wovon Sie sprechen, Herr Engel. Der Martin Zander, den ich kannte, war ein guter Kerl.� Der Kripochef l�chelte nur. Am liebsten h�tte Anna ihm in die selbstgef�llige Fresse gespuckt. 60. Freitag, Dienstbeginn, die dritte Morgenbesprechung, seit die Ermittlungen in der Bombensache beim Landeskriminalamt lagen. Veller bediente sich an der Kaffeemaschine � in Annas K�che hatte er weder Filter noch Pulver gefunden. Die Kollegen trudelten im Besprechungsraum ein. Dampfende Becher, Fr�hst�cksteilchen, hingeklatschte Notizbl�cke. Verstohlenes G�hnen. Veller begann mit der Nachricht, dass Martin Zander nicht mehr lebte. Die Kollegen waren schockiert, auch wenn die Nachricht keinem so an die Nieren ging wie Anna � Zander hatte in der kurzen Zeit seiner Mitarbeit keine Freundschaften geschlossen. Neuigkeit Nummer zwei: die Bereitschaft des Landesamts f�r Verfassungsschutz, den Ermittlern Akteneinsicht zu gew�hren. Schlie�lich der Fund, der Bisping und seiner Tatortgruppe zu verdanken war: die Splitter eines Motorola-Handys.�Der unbekannte Vierte. Nun war auch der Letzte wach. �Irgendwelche Ideen?�, fragte Veller. �Wenn die Bombe aktiviert wurde, indem jemand das eingebaute Handy anrief, kann das im Prinzip von jedem Punkt der Welt aus geschehen sein�, �berlegte ein Kollege. �Kommt darauf an�, erwiderte ein zweiter. �Wenn ich sichergehen will, dass alles klappt, w�rde ich die Bombe im Auge behalten. Zumindest den Raum, in dem sie sich befindet.� �Der Typ im Vorderhaus!�, rief Dombrowski und alle Blicke wandten sich ihm zu. �Da gab es doch diese T�rkin, die im Treppenhaus einen Fremden �� Er bl�tterte hastig in den Akten, die er vor sich ausgebreitet hatte. �Ich hab�s, �brigens hat das noch Martin Zander protokolliert. Hier, die Beschreibung, die ihm die Anwohnerin gegeben hat � Na ja, ziemlich vage. Er lief an der Zeugin vorbei Richtung Ausgang. Angeblich ein Deutscher. Deshalb glaubten zun�chst viele im Haus an einen Rechten, der es auf die Moschee abgesehen hatte.� �Nur ist dann bald der islamistische Hintergrund der drei Jungs aufgefallen�, stellte Veller fest. Der Frosch im Brunnen: Hatten sie sich vorschnell auf die Dschihad-Nummer eingeschossen und andere Hinweise vernachl�ssigt? �Holt die Zeugin her. Sucht mit ihr unseren Phantombildspezialisten auf und besorgt zur Sicherheit einen Dolmetscher.� Veller bestimmte das Team, das sich darum k�mmern sollte, sowie vier weitere Kollegen, die gegen Mittag die Moschee im Hinterhof aufsuchen sollten, um die Teilnehmer des Freitagsgebets zu befragen. Er bl�tterte in seinen Notizen und stie� auf die Nummer des Beamten, der im D�sseldorfer Pr�sidium f�r den Kontakt zu den muslimischen Gemeinden zust�ndig war � der Kollege hatte zugesagt, die Ermittlungskommission zu unterst�tzen, und vielleicht konnte der Mann den Imam �berreden, seine Sch�fchen zur Mitarbeit aufzufordern. �Fragt die Leute nicht blo� nach Rafi, Said und Yassin�, bat Veller. �Aber auch nicht direkt nach einem m�glichen rechtsextremistischen Hintergrund. Fingerspitzengef�hl ist gefragt. Eine Hysterie wie in Mainz, wo T�rken auf deutsche Feuerwehrleute losgegangen sind, kann niemand gebrauchen.� Dombrowski res�mierte: �Halten wir also fest: M�glicherweise wurde die Bombe ferngez�ndet, es gibt also noch eine vierte Person, ob Neonazi oder auch nicht, und er muss telefoniert haben, um die Detonation auszul�sen.� �Richtig�, stimmte Veller zu. �Wir brauchen eine Funkzellenauswertung. Ich k�mmere mich darum. Wer sonst nichts zu tun hat, setzt sich an die Aufzeichnungen der Telefon�berwachungen und geht noch einmal s�mtliche Kontaktpersonen durch.� Die Sitzung l�ste sich auf. Veller eilte in sein B�ro, rief im Landesamt f�r zentrale Polizeidienste an und bekam den zust�ndigen Kollegen an die Strippe. Veller schilderte seinen Fall und nannte Adresse und Uhrzeit der Detonation vom 16.�M�rz. Jedes eingeschaltete Handy w�hlte sich automatisch ins Mobilfunknetz ein, indem es sich den n�chstgelegenen Sendemasten suchte. Die Antennen der Netzbetreiber definierten Waben oder Funkzellen. Jede Einwahl wurde gespeichert: Ort, Uhrzeit, Telefonnummer. Wer sich mit eingeschaltetem Handy durch die Stadt bewegte, von Wabe zu Wabe, meldete sich st�ndig neu an und hinterlie�, meist ohne sich dessen bewusst zu sein, ein Bewegungsbild � die Chance, den omin�sen vierten Mann dingfest zu machen, wie Veller hoffte. �Bis wann kann ich mit den Daten rechnen?�, fragte er. �In diesem Jahr m�sste es noch klappen.� �Das war ein Scherz, oder?� �Ja, beruhige dich, Kollege. Kann es sein, dass ihr vom LKA in letzter Zeit etwas d�nnh�utig geworden seid?� 61. Anna st�rmte die Treppe zu Zanders Wohnung hoch. Sie hatte eingesehen, dass sie bei Gr�ters Vernehmung nichts zu suchen hatte � die Erregung �ber den Mord w�rde sie alle Regeln der Befragungstaktik vergessen lassen. Aber sie hatte das Gef�hl, irgendwie bei der Ermittlung helfen zu m�ssen. Als sei sie dem Padre etwas schuldig. Thilo schleppte den Einsatzkoffer und keuchte Anna hinterher. Sie nahm zwei Stufen auf einmal, Zanders Schl�sselbund in der Hand, den sie wie das Handy der Jackentasche des Toten entnommen hatte. Anna �ffnete die Wohnungst�r und betrat einen muffigen, schummrig beleuchteten Flur. Links lag das Badezimmer, rechts ging es in die K�che. Anna zog die vergilbte Gardine zur Seite und riss das Fenster auf, um zu l�ften. Ihr Blick fiel auf den Tisch. Zwei Klarsichtbeutel, prall gef�llt mit hellgrauem Pulver. Sofort wusste sie, was das war: Zander hatte das Heroin im Keller der Boussoufas entdeckt und offenbar etwas abgezweigt � zu welchem Zweck auch immer. Hastig packte Anna die beiden Beutel und verschwand damit im Bad, gerade rechtzeitig, bevor Thilo in die Wohnung kam. Ihr Herz klopfte heftig. Zur Sicherheit verriegelte sie die T�r. �Wo steckst du?�, rief Thilo. �Ich muss mal�, erwiderte Anna. Sie schlug den Klodeckel zur�ck und grub die Fingern�gel in die Plastikh�lle des ersten P�ckchens, doch sie war zu fest. Im Spiegelschrank fand Anna eine Nagelschere. Sie schlitzte den Beutel auf und lie� den Inhalt ins Klo rieseln. Sie wiederholte die Prozedur mit dem zweiten Paket. Ein heller Haufen, der langsam im Wasser versank. F�nfzehn Kilo hatte Rafi verkaufen wollen. Elf davon waren Zander offiziell in die H�nde gefallen. Die Differenz betrug vier Kilo, also fehlten noch zwei � hoffentlich lagen sie nicht ebenfalls in dieser Wohnung herum. �Willst du nicht lieber nach Hause gehen und ausspannen?� Thilos Stimme, dicht vor der T�r. �Das hier schaff ich wirklich auch allein.� Anna dr�ckte die Sp�lung. Das Zeug verschwand in Richtung Kl�rwerk. Sie fragte sich, was Paul dazu sagen w�rde. Der Mann war straight, korrekt, folgte immer einer klaren Linie. Trotzdem f�hlte sie sich, als h�tte sie eine gute Tat vollbracht. Sorgf�ltig wusch Anna die leeren Beutel aus, trocknete sie mit einem Handtuch und stopfte sie in die Taschen ihrer Jeans. Ihr Pulsschlag beruhigte sich. Ein letzter, pr�fender Blick � keine Kr�mel auf den Bodenfliesen. Zander war ein guter Kerl, sagte sie sich. Und er sollte ein guter Kerl bleiben. 62. Als Veller aus der T�r kam, entdeckte er Anna, die gerade ihr Auto abschloss, einen blauen Golf. Er sprach sie an: �Wie war�s?� Tr�nen traten in ihre Augen. Veller nahm sie in den Arm. Anna krallte sich an ihn und heulte gegen seine Schulter. V�llig fertig, die Frau. Kein Wunder. Er stellte sich die Kollegen vor, die von ihren B�ros aus zusahen. Lass sie tratschen, dachte er. �Willst du den Tag freinehmen?�, bot er an. �Nein, blo� nicht.� Anna wischte sich die Tr�nen ab. �F�hrst du zum Innenministerium?� �Ja.� �Ich komme mit.� W�hrend der kurzen Fahrt fasste Veller den Verlauf der Morgenbesprechung zusammen: �Wir m�ssen wieder die M�glichkeit ber�cksichtigen, dass die Explosion einen rechtsextremistischen Hintergrund hat. Erinnerst du dich an den Mann, den eine T�rkin im Vorderhaus gesehen haben will?� �Ja. Und da war auch noch ein Auto.� �Tats�chlich?� �Als Zander und ich im Hof waren. Kurz nach dem gro�en Knall wurde es vor dem Haus gestartet.� �Was f�r ein Auto?� �Gesehen habe ich es nicht, nur geh�rt.� �Ein sattes Brummen oder eher ein Knattern? Hatte der Motor eine Eigenart, vielleicht Aussetzer?� Sie sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Vielleicht erinnerst du dich sp�ter.� �Ja, vielleicht.� Sie erreichten das Ministerium. Diesmal �ffnete sich die Schranke zum Parkplatz anstandslos. �Es war sehr sch�n, heute Nacht�, sagte Veller. �Geht mir auch so �� �Anna �� Sie r�usperte sich und unterbrach ihn. �Heute Abend kommt Jonas von seiner Dienstreise zur�ck.� Vellers Herz zog sich zusammen. Ihr Freund, der Chemiker und Brandursachenspezialist. Veller hatte diese Konstellation zu oft erlebt, um nicht damit zu rechnen, letztlich der Verlierer zu sein. Doch dieses Mal w�rde es ihm wehtun. �Ihr liebt euch nicht wirklich�, sagte er. �So einfach ist das nicht, Paul. Wir sind immerhin seit �ber drei Jahren zusammen, Jonas und ich.� Veller antwortete nicht darauf. Anna musste selbst wissen, was sie wollte. Mit Aufdringlichkeit w�rde er bei ihr nichts erreichen. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Rei� dich zusammen, dachte Veller.�Tu deinen Job. � G�nther Koch vom Referat f�r Grundsatzangelegenheiten und Auskunftsersuchen holte sie beim Pf�rtner ab. �Sie haben Verst�rkung mitgebracht?�, fragte der Verfassungssch�tzer gut gelaunt. Veller stellte seine Kollegin vor. �Kriminaloberkommissarin Anna Winkler, Tatortspezialistin bei der Polizei D�sseldorf, die unsere Ermittlungsgruppe verst�rkt.� �G�nther Koch, Innenministerium�, entgegnete der B�rtige und gab Anna die Hand. �Tatortspezialistin? Ich finde toll, was Sie leisten. Ich verpasse keine Folge von CSI!� Der Kerl ging voraus. Anna warf Veller einen Blick zu und verdrehte die Augen. Sie fuhren in den sechsten Stock. Dort brachte Koch sie in ein Zimmer, das mit Tisch, Aktenschrank und nur zwei St�hlen sp�rlich m�bliert war. �Nehmen Sie sich Zeit, so viel Sie brauchen�, sagte Koch und setzte sich auf das Fensterbrett, um die Ermittler im Auge zu behalten. Zwei dicke und zwei d�nnere Akten lagen auf dem Tisch. Auf jedem Deckel ein roter Stempel:�geheim � amtlich geheim gehalten. Veller nahm sich den Auswerterbericht, Anna griff nach der umfangreicheren Fallakte. Nach kurzem Bl�ttern blickte Veller auf. �Hier sind jede Menge Stellen geschw�rzt.� �Bei mir auch�, sagte Anna. Koch kratzte sich den grauen Stoppelbart. �Trotzdem m�ssen Sie zugeben, dass wir in ungew�hnlichem Umfang kooperieren. Und dass wir nichts Relevantes zur�ckhalten. Wie Sie dem Vorgang entnehmen k�nnen, z�hlen wir die drei Angeh�rigen der D�sseldorfer Zelle zum dschihadistischen Fl�gel der Salafiya, also derjenigen Bewegung, die sich streng am Koran und dem Leben des Propheten orientiert, Andersdenkende als Feinde ansieht und der Scharia weltweite Geltung verschaffen will. Nach der Erfahrung von Montagabend m�ssen wir eingestehen, dass Yassin alias Dennis Scholl uns nur sehr l�ckenhaft informiert hat. Wir wussten, dass sich die Gruppe an radikalen Webseiten und Predigten extremistischer Imame hochgeschaukelt hat, nicht jedoch, dass die M�nner schon selbst einen Anschlag planten.� �Der V-Mann-F�hrer wird nirgendwo genannt�, beschwerte sich Anna. �Wer ist es?�, fragte Veller. �Seit der Bombenexplosion hat unsere Beh�rde alle Aufzeichnungen �ber Yassin eingehend gepr�ft und vergeblich nach Hinweisen auf m�gliche Komplizen gesucht. Es steht Ihnen v�llig frei, das Gleiche zu tun. Wenn Sie wollen, verbringen wir das ganze Wochenende hier. Aber die Enttarnung des Quellenf�hrers w�rde Ihnen keinen Schritt weiterhelfen.� Veller �rgerte sich. Der Verfassungsschutz war entweder einem unzuverl�ssigen Informanten aufgesessen, der Honorar kassiert hatte, ohne wirklich auszupacken. In diesem Fall musste der V-Mann-F�hrer ziemlich naiv gewesen sein. Oder Koch log, die Quelle hatte gesprudelt, doch aus irgendeinem Grund tauchten die relevanten Fakten nicht in den Akten auf. Tats�chlich fand Veller keine Spur, die ihm weiterhalf. Keine Mitverschw�rer, keine Sprengstoff-Connection, keine Nazis, die sich mit einem der drei Glaubensbr�der gezofft h�tten. Lediglich belanglose Details aus dem frommen Alltag von Yassin und seinen Freunden. Das Mobiltelefon forderte Vellers Aufmerksamkeit, eine Duisburger Nummer auf dem Display � der Kollege vom Landesamt f�r zentrale Polizeidienste, schneller, als es Veller erwartet hatte. �Hast du die Funkzellenauswertung?�, fragte Veller. �Ja�, meldete der Beamte. �Die betreffende Wabe umfasst vier H�userblocks. Und so gut wie jeder, der dort wohnt, scheint ein Handy zu besitzen. Rate mal, wie viele Nummern mir vorliegen, die zur fraglichen Zeit in eines der Netze eingew�hlt waren!� �Schick mir alles, was du hast�, antwortete Veller und buchstabierte seine dienstliche E-Mail-Adresse. Dann wandte er sich an Anna: �Kommst du allein zurecht?� �Nat�rlich.� Er ber�hrte ihre Hand und sagte leise: �Bis sp�ter.� Anna nickte. Sie war blass, die Haare str�hnig. Am liebsten h�tte Veller sie gek�sst. Er nickte Koch, der am Fenster lehnte, einen knappen Gru� zu und machte sich auf den R�ckweg. 63. Moritz nannte es den Kennedy-Effekt. Ein fr�hes Ableben half ungemein, jemanden zur Ikone zu stilisieren. Carola als Lady Di der Freiheitlichen, als Kanzlerin der Herzen. Die unerschrockene Islamkritikerin, die f�r Deutschland eine Art von M�rtyrertod gestorben war. Nur unverbesserliche Miesmacher konnten die Trag�die als Fahrfehler einer Betrunkenen abtun. Wer so redete, war ein Komplize jener Kr�fte, die Carola auf dem Gewissen hatten. Seit dem fr�hen Morgen arbeitete Moritz an der Legendenbildung. Daneben leierte er die Produktion von Fanartikeln an � die Wahlkampfhelfer auf den Stra�en wurden mit Kapuzenshirts versorgt, die das Konterfei Carolas im Che-Guevara-Stil trugen, und die Homepage der Partei bot eine ganze Produktpalette zur Bestellung per Kreditkarte an: Carola-Ott-Kaffeebecher, -Schirme, -M�tzen in Schwarz, Schilf oder Khaki. Dass die morgigen Demonstrationen in mehr als vierzig St�dten der Republik ein Erfolg werden w�rden, zeichnete sich schon jetzt ab. Die Beisetzung Carolas am Montag sollte den Rummel noch toppen. Moritz nutzte seine Kan�le, um die Medienpr�senz zu sichern. Das dritte Programm des WDR wollte die Trauerfeier sogar live �bertragen. Moritz w�rde die Rede halten � Professor Dr. Petersen, der Witwer, hatte zugestimmt. In einer Reihe mit dem �lteren Herrn und seiner kleinen Tochter w�rde Moritz auf dem Bildschirm gut r�berkommen. Ihm fiel das Wanzensp�rger�t ein. Er holte es aus der Aktentasche und drehte am Regler. Das Ticken ging ansatzlos in ein Heulen �ber. Er schreckte zusammen und regelte die Empfindlichkeit so weit zur�ck, dass gerade noch die erste Leuchtdiode glomm. Henning hatte ihm alles vorgemacht, aber Technik war nicht Moritz� Ding. Er zielte mit dem Antennenstummel auf die Wand. Tack-tack-tack � ganz normal. Lichtschalter, Steckdose, Pflanzenk�bel. Die Deckenlampe und die D�se der Sprinkleranlage. Nirgendwo eine Reaktion. Moritz richtete das Ger�t auf seinen Schreibtisch. Jetzt jaulte es auf. Er regelte weiter herunter und n�herte sich, um die Quelle des Alarms zu orten. Tack-tack-tack. Das Telefon � nichts. Moritz lie� die Antenne wandern. Wieder heulte es. Das Ding, auf das der Detektor zielte, war sein Handy. Moritz wusste, dass jedes eingeschaltete Mobiltelefon Signale von sich gab. Er nahm es, presste den Aus-Knopf und das Ding meldete sich mit dem Jingle des Netzbetreibers ab. Tack-tack-tack � ruhig, wie zuvor. Moritz nahm den Telefonh�rer ab. Sofort schrillte der Detektor los. Jetzt war er wirklich f�ndig geworden: Der Ton des Freizeichens hatte den Sender einer Wanze aktiviert. Moritz legte den Detektor beiseite und hebelte mit einem Schraubenzieher die Plastikschale des H�rers auf. Lange starrte er auf das elektronische Innenleben, bis er entschied, ein buntes, daumennagelgro�es St�ck Platine zu entfernen, das an zwei kurzen Dr�hten hing. Er richtete den Detektor erneut auf den H�rer und drehte den Regler in Normalstellung: Tack-tack-tack � die Wanze war eliminiert. Moritz untersuchte den Rest des Raums. Kein weiteres Aufheulen. Er steckte das H�rergeh�use wieder zusammen und hob das Teil ans Ohr. Freizeichen � er hatte den Apparat nicht ruiniert. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Moritz betrachtete die kleine Wanze, die nun von dem Draht getrennt war, der sie mit Energie versorgt hatte. Laut Henning mussten sich in maximal zwei Kilometern Entfernung ein Empf�nger nebst angeschlossenem Rekorder befinden. Moritz �ffnete seine Zimmert�r und lugte hinaus. Aus einem B�ro am Ende des Gangs t�nte Norbert Stills Stimme her�ber, der lautstark in holprigem Franz�sisch telefonierte. Es ging um Stills Lieblingsprojekt, den Kongress gegen die Islamisierung, und um die Teilnahme des Vorsitzenden des�Front National. Schluss damit, sagte sich Moritz und �berpr�fte den Sitz der schwarzen Gedenkschleife an seinem Revers. 64. Veller verband Erinnerungen mit Oberbilk. In dem Stadtteil s�d�stlich des Hauptbahnhofs hatte er nach der Trennung seiner Eltern einige Jahre seiner Kindheit verbracht, nicht weit entfernt vom Stahlwerk, das damals noch hier gestanden hatte. Die Industrie war l�ngst B�rogeb�uden gewichen: Volkshochschule, Stadtb�cherei, Finanz- und Arbeitsgericht. In das Malocherviertel waren Migranten gezogen. Die Hausbesitzer kn�pften ihnen Miete ab, ohne in die maroden Gem�uer zu investieren. Auf den Pl�tzen lungerten Fixer, seit die Drogenszene vom Bahnhof vertrieben worden war. Drei�igtausend Menschen lebten hier auf vier Quadratkilometern, jeder dritte von ihnen galt als Ausl�nder. Klein-Marokko war das Gebiet um die Eller Stra�e, das T�rkenkarree schloss sich im Osten an. Etwa dazwischen befand sich die Moschee des marokkanischen Kulturvereins. Veller las die E-Mail, die er vom Landesamt f�r zentrale Polizeidienste empfangen hatte. Die Funkwabe, die der Duisburger Kollege ermittelt hatte, umfasste rund siebzig Wohnh�user, mehr als eintausendf�nfhundert Bewohner. Am Montag, 16. M�rz, waren dort kurz vor Mitternacht 652 Mobiltelefone eingeschaltet gewesen. Ein Wust an Nummern und Namen. Veller druckte sie aus, um sie mit den Listen zu vergleichen, die seine Ermittlungsgruppe bislang erstellt hatte � die Kontaktpersonen der drei Islamisten Abderrafi Diouri, Said Boussoufa und Yassin alias Dennis Scholl. Veller holte Dombrowski hinzu und sie lasen sich gegenseitig die Namen vor. 652 Namen � und eine �bereinstimmung. Veller sp�rte, wie Adrenalin durch seine Adern pulste. Er griff zum Telefon. � Der LKA-Direktor kam in Vellers B�ro geeilt. Abteilungsleiter Meerhoff folgte � vor Aufregung hatte der Mann Schluckauf bekommen. Veller stellte die Telefonverbindung nach Karlsruhe her und aktivierte die Mith�rfunktion seiner Anlage. Die Generalbundesanw�ltin war ebenfalls ganz aus dem H�uschen. �Ich k�mmere mich darum�, versprach sie. �Bleiben Sie so lange dran?� Dann war es still, w�hrend in Karlsruhe auf einer anderen Leitung telefoniert wurde. Es klopfte, Anna Winkler platzte herein. �St�re ich?�, fragte sie mit irritiertem Blick auf Vellers Vorgesetzte. Veller machte sie mit Meerhoff und dem Beh�rdenleiter bekannt, dann fragte er: �Etwas gefunden?� �Nichts�, antwortete Anna. �Die Akten sind frisiert. Ich bin mir sicher, dass da nicht blo� ein paar Namen geschw�rzt wurden.� �Hast du konkrete Anhaltspunkte daf�r?� �Yassins Verpflichtungserkl�rung datiert von Ende 2005. Zu dieser Zeit arbeitete er noch in Noureddine Diouris�Bisnes.�Doch in den Akten fehlt jeglicher Hinweis darauf. Entweder hat der V-Mann-F�hrer unterschlagen, was Yassin beruflich so trieb, oder seine Aufzeichnungen sind nachtr�glich manipuliert worden.� Veller nickte. Die beiden Chefs starrten wieder auf das Telefon, das aber stumm blieb. Anna fragte: �Gibt�s etwas Neues?� �Der vierte Mann�, erkl�rte Veller. �Es ist Yassins V-Mann-F�hrer.� �Michael Winner?� �Genau der. Wer auch immer sich hinter dem Namen verbirgt.� Endlich gab der Lautsprecher ein Scharren von sich, als w�rde in Karlsruhe ein Stuhl verschoben, und die Generalbundesanw�ltin fragte: �Sind Sie noch dran?� Der LKA-Direktor neigte sich zur Telefonanlage und bejahte. �Der nordrhein-westf�lische Innenminister ist der Ansicht, dass die �bereinstimmung der Daten nichts beweist. Das Handy k�nnte dem V-Mann-F�hrer geklaut worden sein, hei�t es.� �Sie m�ssen Berlin einschalten�, insistierte der Direktor. �Zwecklos. Berlin scheut den Konflikt, so kurz vor den wichtigen Landtagswahlen.� Meerhoffs Schluckauf t�nte. Sein Gesicht war rot angelaufen, als explodierte er jeden Moment. �Au�erdem k�nnte das Handy tats�chlich geklaut worden sein�, gab die Stimme aus Karlsruhe zu bedenken. �Wie sicher sind Sie sich eigentlich?� Veller mischte sich ein: �Von jemandem, der stolz auf den Big-Brother-Award ist, w�rde ich annehmen, dass er sich nicht von so windigen Ausreden beeindrucken l�sst.� �Sie haben vermutlich recht, aber das Problem ist, dass ich kein Druckmittel gegen Ihre Landesregierung in der Hand habe.� �Doch.� Veller sah auf die Uhr. �In f�nfundzwanzig Minuten gibt es Nachrichten im Radio. Und eine Stunde sp�ter die n�chsten.� Stille im B�ro und in Karlsruhe. �Was soll das hei�en?� �Die Leute vom Verfassungsschutz wissen, dass ich es ernst meine.� �Sie werden doch nicht �� �Machen Sie der Kanzlerin klar, dass ihre gesamte Sicherheitspolitik als Farce erscheint, sobald die �ffentlichkeit erf�hrt, dass die von ihrer Partei gef�hrte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Aufkl�rung des Bombenanschlags verhindert, weil sie wom�glich selbst involviert ist.� �Sie bluffen, oder?� �Jetzt sind es nur noch vierundzwanzig Minuten.� �Wenn Sie die Medien unterrichten, sind Sie Ihren Job los, Herr Veller.� �Die Landesregierung wird es noch h�rter treffen.� �Sie sind verr�ckt.� �Die Zeit l�uft.� Veller legte den H�rer auf die Gabel. � Die Minuten verstrichen. Dombrowski brachte frischen Kaffee. Veller starrte auf das Reiseschach, bis ihm klar wurde, dass er sich nicht darauf konzentrieren konnte. �F�r die Zw�lf-Uhr-Nachrichten ist es jetzt zu sp�t�, bemerkte Anna. �Vielleicht sollten wir tats�chlich an die �ffentlichkeit gehen�, erwiderte Meerhoff. Sein Schluckauf hatte sich gelegt. �Das will ich jetzt nicht geh�rt haben�, widersprach der Beh�rdenleiter. Das Telefon klingelte. Veller ging ran und schaltete wieder den Lautsprecher ein. Die oberste Ankl�gerin der Bundesrepublik Deutschland meldete sich. �Ich habe seine Identit�t.� Vier M�nner und eine Frau atmeten im B�ro des D�sseldorfer LKA auf. �Und?�, fragte der Direktor. �Vorab eine Frage an Hauptkommissar Veller. Sie h�tten es doch nicht wirklich getan, oder?� �Was glauben Sie?�, antwortete Veller ausweichend. Die Generalbundesanw�ltin lachte dreckig, dann nannte sie den echten Namen Michael Winners und eine Adresse in Ratingen, die Veller notierte. �Kennen Sie den Mann?�, fragte die Stimme aus Karlsruhe. �Nein, noch nie von ihm geh�rt.� �Wir haben gro�en Wirbel verursacht, Herr Veller. Sollte dieser Quellenf�hrer unschuldig sein, werden Sie sich ganz sch�n warm anziehen m�ssen.� 65. Als Moritz das B�ro betrat, hatte Still gerade sein Telefonat beendet. Der Lange hatte tats�chlich Carolas Schreibtisch in Beschlag genommen. �Sie werden das Rad nicht zur�ckdrehen�, sagte Moritz und sah seinem Gegen�ber in die Brillengl�ser. �Ich lasse nicht zu, dass Sie den Freiheitlichen Schaden zuf�gen.� �Wer sind Sie denn, dass Sie so mit mir reden?�, fragte Still giftig. Moritz hielt seinem Blick stand. �Ich habe von den Pl�nen unseres G�nners geh�rt�, sagte Still. �Glauben Sie nicht, dass Sie eine Chance haben, Frau Ott zu beerben, Lemke. Die Freiheitlichen werden sich Bucerius nicht noch einmal beugen. Da kann er noch so sehr mit seinem Geld winken. Wir lassen uns nicht kaufen.� �H�rt, h�rt.� �Die Partei l�sst sich kein zweites Mal einen Vorsitzenden vor die Nase setzen, der von au�en kommt. Frau Ott hatte l�ngst nicht die Strahlkraft, die Sie ihr posthum andichten. Und wir k�nnen kein liberales Weichei gebrauchen, das nicht einmal Parteimitglied ist.� �Ich bin heute Morgen eingetreten. Fragen Sie Gr�fe.� �Ich wei�.� Still zeigte ein kaltes L�cheln. �Und Sie werden rasch wieder austreten. Sp�testens, wenn Sie die Wahl zum Vorsitzenden verloren haben.� �Wollen Sie gegen mich antreten?� �Vielleicht.� �Sie werden nicht weit kommen. Gr�fe telefoniert gerade mit den Landesverb�nden. Es gibt keine Unterst�tzung f�r Sie.� Moritz �ffnete seine Faust und hielt Still die Wanze hin. �Und schon gar nicht f�r Ihre Methoden!� �Wo haben Sie das Ding her?� �Aus meinem Telefon.� �Hier oder bei Ihnen zu Hause?� Moritz musste lachen. Still wollte ihn einsch�chtern, und wenn Moritz nicht gestern mit Henning, dem Hacker, seine Wohnung �berpr�ft h�tte, w�re er auf den Bluff hereingefallen. �Verschwinden Sie aus diesem B�ro�, sagte Moritz. �Carola Otts Fu�stapfen sind zu gro� f�r Sie.� Still hob den Zeigefinger. �Ich habe �ber jeden auf dieser Etage ein Dossier, vor allem �ber Sie!� �Im Sammeln von Daten scheinen Sie Ihre Bestimmung gefunden zu haben, nicht wahr? Vermutlich leiten Sie alles br�hwarm an den Verfassungsschutz weiter. Der Ministerpr�sident wird Ihnen daf�r sicher einen Orden anstecken. Ist es das, was Sie antreibt?� �Sie haben nichts begriffen.� �Dann erkl�ren Sie�s mir doch.� �Leute wie Sie glauben an Begriffe wie Zivilisation und Gesellschaft, doch das sind Luftschl�sser, die nur real erscheinen, solange die Menschen einander vertrauen. Eine absurde T�uschung. Die Menschen kennen einander nicht und hoffen trotzdem, dass sie irgendwie alle dasselbe wollen. Sie sind f�rmlich s�chtig danach, einander zu vertrauen. Und selbst wenn sie von Managern und Politikern entt�uscht sind, glauben sie, es ginge irgendwie weiter. Aber nur solange dieser Irrtum nicht auffliegt, schlagen sie sich nicht die Sch�del ein.� Still wischte sich Schwei�perlen von der Stirn. �Die Leute tr�umen, Lemke. Als PR-Profi verstehen Sie es, mit diesen Tr�umen zu spielen, aber letztlich tr�umen auch Sie.� �Nur Sie besitzen den Durchblick, was?� �Wer so viel wei� wie ich, kann das Gerede vom Miteinander der Kulturen nur f�r Tr�umerei halten. Die Vertrauensblase wird platzen. Wenn nicht jetzt, dann in der n�chsten Wirtschaftskrise. Ohne Kontrolle wird das Dach, unter dem Sie so ruhig schlafen, einst�rzen, noch bevor Sie richtig aufgewacht sind. Und dann herrscht Krieg. Das Ende der Moral. Ihre Aufregung wegen der Wanze ist kindisch, Lemke. Nur Kontrolle kann das Schlimmste verh�ten.� Still streckte die Hand aus. �Geben Sie mir die Wanze zur�ck und machen Sie sich vom Acker.� �Sie reden, als hielten Sie sich f�r Gott.� Es klopfte an der T�r, die offen stand. Moritz bemerkte Heike, die Sekret�rin. Sie trug schwarze Sachen und hatte sich ebenfalls die Gedenkschleife angesteckt. Ihre Augen wirkten noch immer verheult � sie war Carolas gr��ter Fan gewesen. �Da sind Leute von der Polizei�, sagte Heike. Drei M�nner und eine Frau dr�ngten sich an ihr vorbei in das B�ro. Zwei Uniformierte und ein P�rchen in Zivil, Kripoleute. Still ignorierte sie. �Was man Gesellschaft nennt, Lemke, ist in Wirklichkeit ein einziger Boxring. Jeder pr�gelt auf den anderen ein. Und der St�rkste definiert die Regeln und darf mit Applaus rechnen.� Moritz sp�rte, dass ihn der Mann anwiderte und zugleich faszinierte. �Wie k�nnen Sie mit einer solchen Einstellung leben?�, fragte er. �Sie halten sich f�r einen tollen Hecht, nicht wahr, Lemke? Und das nur, weil Bucerius Ihnen das eingefl�stert hat.� Der Anf�hrer der Polizisten, ein blonder Enddrei�iger, der mit etwas Fantasie �hnlichkeit mit Paul Newman besa�, zeigte seine Dienstmarke. �Wer von Ihnen ist Norbert Still?� � Anna konnte es nicht fassen. Die beiden Parteiheinis philosophierten �ber Gott und die Welt und ignorierten die Polizei. Paul hob die Stimme: �Herr Still, oder soll ich Michael Winner sagen?� Der Kerl hinter dem Schreibtisch, ein Hagerer mit dicker Brille, sah auf. �Was wollen Sie?� Anna stellte fest, dass er in etwa der Beschreibung der T�rkin entsprach. Der Mann im Treppenhaus. Paul antwortete: �Wir nehmen Sie jetzt fest wegen des Verdachts der Herbeif�hrung einer Sprengstoffexplosion und dreifachen Mordes. Zuerst werden wir Sie durchsuchen.� Die uniformierten Kollegen aus der Wache am J�rgensplatz traten nach vorn. Der j�ngere richtete die Waffe auf Still, der �ltere schob Still gegen die Wand, schubste ihm die F��e auseinander und tastete ihn sorgf�ltig ab, bevor er ihm Handschellen anlegte. Die abgebr�hte Routine des Kollegen erinnerte Anna an Martin Zander, den Padre. Still alias Winner brummte: �Von mir bekommen Sie keine Aussage.� Die Uniformierten f�hrten ihn hinaus. Die Sekret�rin schlug die Hand vor den Mund und machte gro�e Augen. Anna lie� sich den Ausweis des zweiten Parteiheinis zeigen. Moritz Lemke, wohnhaft in K�ln. Ende vierzig, sauber gescheitelt. Dunkelblauer Anzug, gestreifte Krawatte � Politikeruniform. �Herbeif�hrung einer ��, stotterte Lemke. �Meinen Sie die Bombe vom Montagabend? Das muss ein Irrtum sein. Die Freiheitlichen haben jedenfalls nichts mit dem zu tun, was Sie Herrn Still vorwerfen!� �Ist das Stills B�ro?� �Nein, das unserer verstorbenen Vorsitzenden, Carola Ott. Herr Still hat es lediglich ein paarmal benutzt.� Anna sagte: �Wir haben einen Durchsuchungsbeschluss.� �Bitte�, antwortete Lemke und breitete die Arme aus. �Tun Sie, was Sie tun m�ssen. Die Unterst�tzung der Freiheitlichen ist Ihnen gewiss. Herr Still hat hier nur rein ehrenamtlich gearbeitet. Und schauen Sie, er hat mit seinen Geheimdienstmethoden auch unsere Partei gesch�digt.� Er zeigte Anna ein kleines Elektronikteil, dann hielt er es ihrem LKA-Kollegen unter die Nase. Paul steckte es in eine Beweismittelt�te, die daf�r viel zu gro� war. �Norbert Stills Machenschaften richteten sich also auch gegen uns.� Moritz Lemke zeigte ein Autoverk�uferl�cheln und wiederholte: �Mit der Bombe hat die Partei nichts zu tun!� �Das wird sich zeigen�, antwortete Anna. 66. Norbert Stills Einfamilienhaus befand sich in H�sel, einem Ortsteil im Norden der Nachbarstadt Ratingen, ruhig am Waldrand gelegen. Recht gro� f�r einen allein lebenden Mann, dachte Veller. Stills Frau hatte schon vor Jahren das Weite gesucht. Als Veller eintraf, hatten Bisping und seine Tatortleute das Haus bereits auf Sprengstoff durchsucht, aber nichts gefunden � weder�Eurodyn 2000�noch etwas Selbstgebasteltes, auch keine Z�nder oder Sprengfallen. �Aber schau dir mal den Keller an�, sagte Bisping und machte sich vom Acker. Veller stieg die steile Treppe hinunter. Eine schwere Stahlt�r, dahinter eine Schleuse. Durch die n�chste T�r gelangte Veller in eine Einliegerwohnung der spartanischen Art: Spind und Pritsche, Bad, Behelfsk�che. Die Regale der Abstellkammer bogen sich unter der Last eines Konservenvorrats, mit dem ein Mensch vermutlich Jahre �berleben konnte. Zuerst tippte Veller auf ein Verlies, das Still f�r ein Entf�hrungsopfer vorgesehen hatte, doch dann stie� er auf einen Schrank mit allerlei Gewehren und Handfeuerwaffen. Hinter der letzten T�r befand sich ein Maschinenraum � Veller las Messanzeigen und Beschilderungen:�Klimaanlage, Luftfilter, Wasseraufbereitung�undNotstromaggregat. Eine Festung f�r Still selbst, dachte Veller. Ein Bunker, in den der Geheimdienstmann ein Verm�gen investiert hatte, um eine Seuche oder einen Atomkrieg �berleben zu k�nnen. Veller kehrte zur�ck nach oben und stie� auf den Hundef�hrer, den er aus D�sseldorf angefordert hatte. Der K�ter zerrte nerv�s an der Leine. �Die Tatortgruppe hat zwar nichts gefunden�, erl�uterte Veller, �aber wir wollen nichts unversucht lassen. Der Bewohner dieses Hauses steht unter Verdacht, die Bombe von Montagnacht gez�ndet zu haben. Vielleicht hat er sie auch selbst pr�pariert, wom�glich hier im Haus.� Der Beamte nickte und lie� den Sprengstoffsp�rhund von der Leine. Das Tier und sein Halter verschwanden im Keller. Veller schaute sich in den oberirdischen Wohnr�umen um. M�bel im Stil der Achtziger, viel Messing und schwarzer Glanzlack. Im ersten Stock die Schlafr�ume. Einer davon war zu einem Lagerraum umgebaut worden. Regale bis zur Decke an drei W�nden, eine Sammlung diverser Datentr�ger, beschriftet mit Datum und Bezeichnungen, die Veller auf den ersten Blick nichts sagten. Er erinnerte sich an die Wanze, die der Parteisprecher ihm ausgeh�ndigt hatte. Es w�rde Wochen dauern, das gesamte Material zu sichten. Im Erdgeschoss traf Veller wieder auf den Uniformierten. Sein Hund lief rastlos hin und her, als suche er sein Lieblingsspielzeug. �Und?�, fragte Veller. �Der Waffenschrank da unten. Vermutlich ist eine der Pistolen nicht gut gereinigt worden und tr�gt noch Spuren von Pulver oder Schmauch.� Veller beobachtete, wie der Hund am Couchtisch schn�ffelte und auf dem Teppich scharrte. Pl�tzlich setzte sich das Tier und hielt v�llig still. �Brav, Hero, komm her!� Der Vierbeiner gehorchte. �Was bedeutet das?�, fragte Veller. �Auf dem Tisch lag Sprengstoff.� �Ich sehe nichts.� �Ein paar Molek�le gen�gen. Hast ein feines N�schen, Hero, nicht wahr?� Er wandte sich wieder an Veller: �Euer T�ter hat hier mit Sprengstoff hantiert.� �Warum hat Hero nicht gebellt?� �Das soll er nicht. Die Hunde sind so trainiert, dass sie stillhalten, wenn sie etwas finden, damit sie sich im Notfall nicht selbst gef�hrden.� �Hier soll also Sprengstoff gelegen haben?� �Mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit.� Veller verst�ndigte das Labor. � Er lie� s�mtliches Material aus Stills Archiv in seine Dienststelle schaffen. Zweiundf�nfzig Kisten, die sich an den W�nden des Besprechungsraums stapelten. Er schnappte sich eine davon und trug sie in sein Zimmer. Auf mehreren H�llen stand�IM.�Veller interpretierte das als�Informeller Mitarbeiter�und hoffte auf Erkenntnisse �ber Yassin alias Dennis Scholl. Er legte die erste DVD in das Laufwerk, wurde jedoch entt�uscht. Mit den weiteren Datentr�gern ging es ihm �hnlich. Sie enthielten Videoaufnahmen aus verschiedenen B�ros. Telefonate, Gerede von Menschen, die Veller nicht kannte und die sichtlich keine Ahnung hatten, dass sie gefilmt wurden. Veller glaubte zun�chst, Szenen aus der Zentrale der Freiheitlichen zu beobachten, dann erkannte er, wof�r�IM�stand: Still hatte die eigene Beh�rde ausgesp�ht, das nordrhein-westf�lische Innenministerium, inklusive der B�ros von Minister Andermatt und seinem Pressesprecher. Veller sah und h�rte genauer hin. Nichts Brisantes � Still war einfach ein durchgeknallter Kontrollfreak. Ein Sammler und Paranoiker, der jedes Ma� verloren hatte. Dann stie� Veller auf ein Gespr�ch, das Andermatts Sprecher mit einem Besucher f�hrte, der leider nicht zu erkennen war. Als Leiter der Pressestelle bin ich bevollm�chtigt, Betr�ge bis zehntausend Euro ohne R�cksprache abzuzeichnen. Also ist erheblich mehr f�r Sie drin. Sagen wir neun statt drei? Davon zahlen Sie mir zwei in bar als Provision zur�ck. Ein Angestellter der �ffentlichen Verwaltung erteilte einen Auftrag gegen private Zuwendung � eindeutig strafbar. Veller beurteilte Still nun differenzierter: Der Verfassungssch�tzer hatte Material gesammelt, das Macht bedeutete, Sprengstoff im �bertragenen Sinn. Ob Still den Ministeriumssprecher erpresst hatte, war zu �berpr�fen. Und unabh�ngig von Vellers Staatsschutzermittlung w�rde sich die Strafverfolgung mit dem Leiter der Pressestelle besch�ftigen m�ssen. Veller holte sich die n�chste Kiste. Auf jeder H�lle der gleiche Name:�Tonia. Er schob die erste Silberscheibe in das Laufwerk. Eine junge Frau in ihrem Zuhause � ein Kontrast zu dem, was Veller bislang gesehen hatte. Kein B�ro, keine Politik, keine Dienstgespr�che. Nur ein M�dchen, das fr�hst�ckte, vor dem Fernseher sa� und ein paarmal mit Bekannten telefonierte. Veller kontrollierte die Beschriftung: Das Datum lag rund sechs Monate zur�ck. Die Kiste enthielt siebenundvierzig Discs, die Aufnahmen deckten die letzten drei Jahre ab. Der Rekorder hatte auf Tonsignale reagiert, bei v�lliger Stille schaltete er ab. Veller legte die n�chste Scheibe ein. Eine andere Kameraperspektive. Das Mobiliar war umger�umt, einige St�cke ausgetauscht. Veller wurde klar, dass es sich um eine andere Wohnung handelte. Die Frau war jedoch dieselbe geblieben. Nach der achten DVD wusste Veller, dass sie h�ufiger umzog. Sie trug langes, hellbraunes Haar und meist eine ovale Brille mit einfachem Metallgestell. Selten empfing sie Freunde, man kochte und a�. Veller fiel auf, wie sorgf�ltig die junge Frau Ordnung hielt und wie hastig sie durch die R�ume huschte, als sp�rte sie den Blick des Beobachters. Veller kramte nach der �ltesten Aufnahme und spielte sie ab. Erneut eine andere Wohnung. Als die Frau nackt aus dem Bad kam, sch�tzte Veller sie auf etwa zwanzig Jahre. Den Gespr�chen, wenn sie telefonierte, entnahm er, dass sie studierte. Vermutlich Medizin. Auf dieser Scheibe wirkte sie unbeschwerter. Pl�tzlich sah Veller sie auf dem Sofa liegen und masturbieren. Es war ihm peinlich, er schaltete auf schnellen Vorlauf. Ihm fiel ein, dass es auf keiner anderen DVD eine Sexszene gegeben hatte. Drau�en begann es zu d�mmern. Veller beschloss, Anna hinzuzuholen. Vier Augen sahen mehr als zwei, au�erdem wollte er die Kollegin auf diese Weise davon abhalten, Feierabend zu machen und ihren Freund zu treffen.�Jonas und ich, seit �ber drei Jahren zusammen. � Tonia kurvte mit dem Staubsauger durch das Zimmer, hastig, fast wie im Zeitraffer. Datentr�ger Nummer zehn. �Unser Typ ist anscheinend ein Voyeur�, sagte Veller. �Der Inhalt einer ganzen Kiste hat diese Frau im Fokus. Wie bei Big Brother, nur wohnt das arme Ding allein.� �Ich hab mir die Mitschnitte aus den B�ros der Freiheitlichen angeguckt�, antwortete Anna. �Nichts, was jemanden vom Hocker hauen k�nnte. Keinerlei Zusammenhang mit der Bombe, wenn man davon absieht, dass der 16. M�rz die Beliebtheit der Freiheitlichen deutlich gesteigert hat.� �Vielleicht lag gerade darin das Motiv.� Anna deutete auf den Monitor. �Wer, sagtest du, ist diese Frau?� �Keine Ahnung.� Veller sah noch einmal auf der H�lle nach. �Tonia�steht hier. Sie ist Anfang zwanzig, studiert und hat selten Besuch, meistens Kommilitoninnen, mit denen sie lernt. Still scheint einen Narren an dem einsamen M�dchen gefressen zu haben, aber frag mich nicht, wieso.� �Diese Frau habe ich schon einmal gesehen�, sagte Anna. �Wo?� �Keine Ahnung.� Sie starrten beide auf den Bildschirm. Tonia hatte jetzt Besuch. Eine Freundin � von hinten sah man nur ihr blondes Haar. Die beiden tranken Wein. Auf einem dreiarmigen St�nder flackerte eine einzelne Kerze. Veller drehte den Ton lauter. Die beiden Frauen redeten �ber Tonias Vermieter, einen unfreundlichen Kerl, der im gleichen Haus wohnte. �Ohne ihre Brille ist sie fast blind und sie bindet sich gern T�cher um den Hals, wenn sie die Bude verl�sst�, stellte Veller fest, als k�nnte er damit Annas Erinnerung auf die Spr�nge helfen. Die Kollegin reagierte nicht. Veller dr�ckte den schnellen Vorlauf. Die Freundin ging, Tonia war wieder allein. Im Zeitraffer zog sich das M�dchen aus, kroch ins Bett, stand bei Tageslicht auf und fr�hst�ckte. Normale Geschwindigkeit: Tonia trank Kaffee aus einem Becher und las ein Buch, in dem sie gelegentlich etwas anstrich. �Studentin?�, fragte Anna. �Medizin.� �Ich glaube, ich wei� jetzt, wer das ist.� Anna griff nach der Fernbedienung und hielt das Bild an. Das M�dchen erstarrte in einer Bewegung, die das Gesicht von vorn sehen lie�, fast als blicke Tonia in die Kameralinse. �Kannst du das Bild ausdrucken?� Veller bewegte die Maus, klickte einige Male, dann surrte sein Drucker, ein sehr langsames Ger�t. �Spielst du Schach?�, fragte Anna, die aufgestanden war und das Brett auf dem Aktenschrank bemerkt hatte. �Ein wenig�, antwortete Veller und hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Das Videoprint lag im Ausgabefach. Anna griff danach. �Komm mit�, sagte sie. � �M�chtest du fahren?�, fragte Veller. �Ich m�sste mal telefonieren.� Er warf ihr den Schl�ssel zu und stieg auf der Beifahrerseite des Alfa ein. W�hrend sie vom Parkplatz rollten, rief Veller seinen Vater an. Am anderen Ende meldete sich Frau Windisch, Vitus Vellers Nachbarin, die manchmal Eink�ufe f�r den alten Herrn machte und jeden Tag nach ihm sah. �Wie geht�s ihm?�, erkundigte sich Veller. �Besser.� �Was hei�t �besser�? Ist ihm etwas zugesto�en?� �Er hat getrunken und Beethoven geh�rt. Die Anlage war bis zum Anschlag aufgedreht, deshalb habe ich ihn noch rechtzeitig gefunden.� �Rechtzeitig?� �Der Notarzt meinte, er h�tte am Erbrochenen ersticken k�nnen.� �Verdammt.� �Heute Nachmittag haben sie ihn schon wieder nach Hause geschickt.� �Er war im Krankenhaus?� �Machen Sie sich keine Sorgen.� �Geben Sie ihn mir mal.� �Ich wei� nicht, ob ihm das recht ist. Sie kennen ihn doch, wie er reagiert, wenn man sich um ihn sorgt.� �Bitte, Frau Windisch.� Veller h�rte Gemurmel, dumpfe Ger�usche, dann war die br�chige Stimme seines Vaters in der Leitung. �Paul, du hast verloren. Zeit�berschreitung.� �Sei doch nicht so streng.� �Du solltest mal wieder Beethoven h�ren. Fidelio, ganz gro�e Kunst. Es geht um Liebe und Treue. Aber das sind ja Fremdw�rter in der heutigen Zeit.� �Ich komm dich besuchen, Paps.� �Wann?� Veller z�gerte. Sein Vater sagte: �Ich geb dir Frau Windisch�, und bevor Veller protestieren konnte, hatte er wieder die Nachbarin am Apparat. Leise fragte sie: �Wissen Sie noch die Aufstellung Ihres letzten Spiels, bevor es unterbrochen wurde?� �Klar.� Veller hatte ein Brett im B�ro und eines zu Hause. Die Figuren standen bereit f�r den n�chsten Zug. �K�nnen Sie eine Zeichnung machen und Ihrem Vater schicken? Er hat n�mlich Fidelio dirigiert und im Hinfallen das Schachbrett vom Tisch gesto�en. Ich glaube, er w�rde die Partie gern zu Ende spielen.� �Warum sagt er mir das nicht selbst?� �Sie kennen ihn doch.� Klar, dachte Veller, es ist ihm peinlich. Ein komplizierter Mensch, schon immer gewesen. Abweisend, wenn man seine N�he suchte, beleidigt, wenn man es nicht tat. Veller versprach, den Brief so rasch wie m�glich zu schreiben, und beendete das Telefonat. �Dein Vater?�, fragte Anna. �Ja.� Veller verharrte in Gr�belei. Wie lange w�rde der alte Herr noch allein leben k�nnen, im H�uschen am Stadtrand von Detmold? Zwei Stunden einfache Fahrt bis dorthin � jeder Besuch ein Tagesausflug. Und Paps konnte anstrengend sein. In einem Heim w�rde er sich kaum integrieren. Gut, dass es Frau Windisch gab. Anna erz�hlte von ihrem ersten Besuch bei Fatima Diouri und vom Sp�rsinn des seligen Zander. Von einer Katze, die nicht existierte, und der jungen Frau, die sich im Nebenzimmer verborgen gehalten hatte, solange die Polizei in der K�che sa�. Sie erreichten den Stoffeler Damm und stoppten vor einem rot geklinkerten Haus mit Blick auf die Kleing�rten. In der obersten Wohnung brannte Licht. Anna �ffnete die Fahrert�r, doch Paul hielt sie zur�ck. �Es ist schon sp�t�, sagte er. �Du musst nicht mitgehen, wenn du nicht willst. Da vorn an der Ecke h�lt die Stra�enbahn.� �Wie meinst du das?� �Nun, ich dachte, dein Freund sei endlich von seiner Dienstreise zur�ck und du willst vielleicht �� Er sprach den Satz nicht zu Ende, denn Anna stiefelte bereits auf die Haust�r zu. � Auf der Treppe zu Fatimas Wohnung fragte sich Anna, ob sie tats�chlich einen ironischen Unterton in Pauls Stimme vernommen hatte, als er Jonas erw�hnt hatte � der Typ schien sich verdammt sicher zu sein. Sie dagegen war sich seit der Pubert�t ihrer Gef�hle nicht mehr so ungewiss gewesen � dass ihr das noch mit Mitte drei�ig widerfahren w�rde, h�tte sie nie gedacht und es �rgerte sie. Anna f�rchtete, dass Paul nur spielte: Kolleginnen aufriss, um den Platzhirsch zu markieren und unter seinen Kumpels damit zu prahlen. Auf so einen Schei�kerl w�re sie dann hereingefallen. Ihr fiel eine Bemerkung Zanders ein. Sie wandte sich um und bemerkte spitz: �Man sagt, du seist ein Sportwagentyp.� �Was soll das jetzt bedeuten?�, spielte Paul den Ahnungslosen und klang am�siert dabei. Anna erreichte das oberste Stockwerk und klingelte. Die Linse des T�rspions verdunkelte sich, dann �ffnete Fatima Diouri, ohne die Kette vorzulegen � offenbar hatte sie Anna erkannt. �Guten Abend�, gr��te sie knapp und k�hl. �Beileid wegen Ihres Bruders�, sagte Anna. �Schon gut, was wollen Sie?� Die Medizinstudentin trug ein �hnliches Outfit wie neulich � in die Jeans, die ihr G�rtel tief auf der H�fte hielt, h�tte sie zweimal hineingepasst. Anna stellte ihren Kollegen vor und entfaltete den Ausdruck von Stills �berwachungsvideo. �Ich nehme an, Sie kennen diese Frau. Eine Mitstudentin?� �Was ist mit ihr?� Veller fragte: �Wer ist sie und wo finden wir sie?� �Bei mir�, sagte Fatima und hielt die T�r auf. Anna betrat die kleine K�che zuerst und stutzte. Die Frau aus dem Video sa� am Tisch und starrte ihr entgegen. Langes Haar, gro�e, helle Augen hinter einer Brille mit d�nnem Metallrahmen. Sie hatte die Beine untergeschlagen, Wollsocken an den F��en, die H�nde hielten einen Kaffeebecher fest, als wolle sie sich daran w�rmen. Die Radfahrerin, auf die Zander sie aufmerksam gemacht hatte � Anna hatte sich richtig erinnert. �Darf ich vorstellen?� Fatima wies auf ihre Freundin. �Tonia Still.� Anna war sprachlos. �Verwandt mit Norbert Still?�, fragte Paul. Tonia zog die Stirn kraus und fixierte weiterhin Anna. �Hat mein Vater Sie geschickt?� �Nein, wieso?� Die junge Frau sprang auf, sichtlich in Panik. �Sie l�gen! Ich hab Sie gesehen. Sie haben mich observiert, zusammen mit einem �lteren Glatzkopf. Sie geh�ren zu den Leuten meines Vaters!� Paul z�ckte seinen Dienstausweis. �Da liegt ein Irrtum vor, Frau Still. Wir arbeiten nicht f�r den Verfassungsschutz, sondern f�r das Landeskriminalamt. Mein Name ist Paul Veller und das ist meine Kollegin Anna Winkler von der Kripo D�sseldorf. Wir ermitteln wegen des Bombenanschlags vom Montag.� �Wegen des �?� Z�gernd nahm Tonia wieder Platz. �Und was habe ich damit zu tun?� �Norbert Still ist also Ihr Vater?� Tonia warf Fatima einen Blick zu. Anna erkl�rte: �Er steht unter dringendem Tatverdacht. Es gibt eindeutige Indizien. Wir wissen nur noch nicht, warum er den Sprengsatz gez�ndet hat.� �Dein Alter?�, wunderte sich die Marokkanerin. �Da kann ich Ihnen nicht helfen�, sagte Tonia. �Wir haben kaum noch Kontakt.� Anna legte den Ausdruck auf den Tisch. �Er hat Sie mit versteckter Kamera aufgenommen, Frau Still. Wir fanden zahlreiche Datentr�ger mit heimlich aufgenommenen Videos in seinem Keller.� �Dieser Arsch!�, fauchte Fatima. Anna schob das Print zu Tonia hin. Dabei bemerkte sie die Visitenkarte, die der Padre am Mittwoch zur�ckgelassen hatte. �Ich wei� von diesen Videos�, sagte Tonia, ohne einen Blick auf das Bild zu werfen. �Tats�chlich?� �Mein Vater ist verr�ckt. Er glaubt, er k�nnte mein ganzes Leben bestimmen.� �Woher wissen Sie davon?� �Dass er mich filmt, hat er mir selbst erz�hlt. Au�erdem bricht er in meine Wohnung ein und schn�ffelt herum, wenn ich an der Uni bin, da bin ich mir sicher. F�nf seiner Minikameras habe ich bereits gefunden und zerst�rt, aber er bringt immer wieder welche an. Was meinen Sie, wie oft ich deshalb schon umgezogen bin. Aber es hilft nichts. Es dauert keinen Monat und schon ruft er an und prahlt damit, dass er mich gefunden hat. Kontrolle ist sein gro�es Thema. Ich �� Sie begann zu schluchzen. �Ich traue mich kaum noch in meine eigene Bude.� Die Marokkanerin ergriff Tonias Hand. �Wir lieben uns.� �Fatima!� �Verstehst du nicht, Tonia? Das Versteckspiel ist endlich zu Ende. Dein Vater hat Leute umgebracht. Der sitzt jetzt im Knast und du bist endlich frei!� Tonia zog ihre Hand zur�ck, packte wieder den Kaffeebecher und starrte gegen die Deckenschr�ge, als k�nne nicht wahr sein, was sie geh�rt hatte. � Schlie�lich begann sie zu erz�hlen. Von der Ehe ihrer Eltern, der krankhaften Eifersucht des Vaters und der Flucht der Mutter, als Tonia sechzehn war. Daraufhin �bernahm Norbert Still die vollst�ndige Regie �ber das Leben seiner Tochter und verbot ihr fast jeden Kontakt au�erhalb der Schule, vor allem mit Jungen. Tonia wusste damals schon, dass sie lesbisch war � ihr Geheimnis, das Still trotz aller �berwachung nie entdeckt hatte. Nach dem Abitur hielt Tonia es zu Hause nicht mehr aus. Dass ihr Vater ihr keine Steine in den Weg legte, sie sogar finanziell unterst�tzte und ihr beim Umzug half, h�tte sie stutzig machen sollen. Dann, im vorletzten August, hatte Still ihr unverbl�mt er�ffnet, dass er sie seit �ber einem Jahr unter Beobachtung hielt. Tonia st�tzte ihren Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Beuge � als ob sie sich klein und unsichtbar machen wollte. Fatima griff nach Tonias Hand und dieses Mal lie� die Freundin das zu. Anna ertappte sich dabei, dass sie mit Zanders K�rtchen spielte, und legte es zur�ck. Ihr fiel auf, dass sich die Schicksale der beiden Studentinnen �hnelten. Fatima war von ihrem Bruder verfolgt worden, Tonia von ihrem Vater. �Sie h�tten zur Polizei gehen k�nnen�, sagte Anna. �Das h�tte ihn nicht gestoppt�, antwortete Tonia, ohne aufzublicken. �Aber warum hat er die Bombe gez�ndet?�, fragte Paul. �Tonias Vater ist ein Nazi�, behauptete Fatima. �Er hasst Ausl�nder. Araber ganz besonders.� Annas Handy klingelte. Der Blick auf das Display sagte ihr, dass es Jonas war, der anrief. Ausgerechnet jetzt. Sie entschuldigte sich, ging hinaus in den Flur und zog die K�chent�r hinter sich zu. �Hallo, Jonas�, meldete sie sich. �Ich habe Wolfsbarsch eingekauft, was sagst du dazu?� Also ist er schon l�nger wieder da, �berlegte Anna. Typisch Jonas. L�sst tagelang nichts von sich h�ren und meint, beim ersten Lebenszeichen k�me ich gerannt. � Allzu oft hatte sie das auch getan. �Das passt jetzt ganz schlecht�, antwortete sie. �Wir sind mitten in einer Zeugenbefragung. Es wird voraussichtlich sp�t heute. Ich ruf dich zur�ck, wenn wir fertig sind, okay?� �Immer noch die Moscheegeschichte?� �Ja. Warte mit dem Essen nicht auf mich.� Sie beendete das Gespr�ch und kehrte zur�ck in die K�che. �Was Neues?�, fragte Paul, als sie wieder Platz nahm. �Jonas�, antwortete Anna und war sauer auf den LKA-Kollegen, der ihre Gef�hle so durcheinanderbrachte. Paul fuhr fort mit Fragen zur politischen Einstellung Norbert Stills. Die Tochter gab an, dass der Geheimdienstmann gern die angebliche �berfremdung Deutschlands beklage � �eben der �bliche xenophobe Schei߫, wie sie sich ausdr�ckte. Parteipolitisch sei Still jedoch erst aktiv geworden, nachdem er sich bei der Neubesetzung eines Abteilungsleiterpostens �bergangen gef�hlt habe. Seitdem sei sein Hass auf die Vorgesetzten im Ministerium noch ausgepr�gter als der auf Schwarze, Muslime und Liberale. �Aber er hat den Anbau der Moschee in Oberbilk in die Luft gesprengt, nicht das Hochhaus an der Haroldstra�e�, wandte Paul ein. �Vielleicht auf Anweisung seiner Beh�rde?�, spekulierte Fatima. Tonia zuckte mit den Schultern. Ihr Blick traf Anna. Tr�nen standen in den Augen der Studentin. Da ist noch mehr, dachte Anna. Die Frau verschweigt uns etwas. Drau�en war es l�ngst dunkel geworden. Paul waren die Fragen ausgegangen. Anna sp�rte seine Unzufriedenheit. Fatima und Tonia hielten H�ndchen, als sie die beiden Ermittler an der Wohnungst�r verabschiedeten. Paul bat beide Frauen f�r den morgigen Vormittag ins Landeskriminalamt, um ihre Aussagen protokollieren zu k�nnen. Tonia legte den Kopf schief. �Hat mein Vater den Bombenanschlag gestanden?� �Noch nicht�, antwortete Paul. �Was passiert, wenn er behauptet, er h�tte das Handy verloren oder man h�tte es ihm gestohlen? Wenn er angibt, jemand anderes h�tte den Sprengsatz gez�ndet?� Oder Still schweigt weiterhin, dachte Anna. Es k�me auf dasselbe heraus. Tonia hakte nach: �Es ist also noch gar nicht sicher, dass er im Gef�ngnis bleibt, stimmt�s?� �Morgen entscheidet ein Richter �ber die Untersuchungshaft, danach sehen wir weiter.� �Schei�e�, sagte Tonia und wandte sich ab. � Wortlos fuhren sie zur�ck zum Landeskriminalamt. Die Digitalanzeige am Armaturenbrett des Alfa sprang auf einundzwanzig Uhr. �Und jetzt?�, fragte Paul, als sie den Parkplatz erreichten. �Ich bin hundem�de�, sagte Anna. Paul nickte. �Ich fand es �brigens super, wie du heute gedroht hast, an die �ffentlichkeit zu gehen�, fuhr Anna fort. �Ich glaube nicht, dass ich den Mut gehabe h�tte.� �Doch, h�ttest du.� �Die beiden Studentinnen tun mir leid.� �Sie geben sich gegenseitig Halt. Das ist schon mal etwas. Hat nicht jeder.� �Was ist, wenn Norbert Still �� �Fang du nicht auch noch damit an. Die Vorstellung, dass jemand anderes mit Stills Handy die Bombe gez�ndet h�tte, ist absurd.� �Aber ein guter Anwalt �� �Klar.� Sie schwiegen. Anna �berlegte, wie sie reagieren sollte, wenn Paul ihr vorschlug, die Nacht bei ihm zu verbringen. Gleichzeitig wartete Jonas auf sie. Jeder Schritt bedeutete eine Entscheidung. Doch Paul fragte sie nicht. �Also dann�, sagte Anna und �ffnete die T�r. �Warte.� �Ja?� �Sagst du mir, was das hei�en soll, ich sei ein Sportwagentyp?� In Annas Tasche meldete sich Zanders Handy, das sie noch immer mit sich herumtrug. �In-A-Gadda-Da-Vida�,�kommentierte Paul und zeigte sein Newman-L�cheln. Anna nahm das Gespr�ch an. �Ja, bitte?� �Spreche ich mit der Polizistin, die gerade bei Fatima war?� Eine zaghafte Stimme, fast ein Fl�stern. Tonia Still. �Ja. Anna Winkler.� �Was gibt�s?�, fragte Paul. Anna winkte ab. �K�nnen wir uns treffen?�, fragte die Studentin. �Gern.� �Aber Sie m�ssen mir versprechen, dass Fatima nichts davon erf�hrt. Okay?� Anna blickte Paul an und sagte: �Versprochen.� 67. Tonias aktuelle Wohnung befand sich an der Corneliusstra�e, einem stark befahrenen Autobahnzubringer s�dlich des Zentrums. Um sich unterhalten zu k�nnen, durfte man die Fenster nicht �ffnen. Tonia f�hrte die beiden Kripoleute in das einzige Zimmer. Die typische Studentenbude: eine Tischplatte voller aufgeschlagener Fachb�cher auf zwei B�cken. Eine Pinnwand mit Notizen. B�cher und Puppen im Ikea-Regal. Ein Schlafsofa, eine Kommode. Veller wusste sofort, dass er den Raum schon einmal gesehen hatte. Er wanderte umher, bis er die Perspektive aus dem �berwachungsfilm wiedererkannte. Dann drehte er sich um und musste nicht lange suchen: Die Kamera steckte im Kopf einer Holzpuppe, die zwischen zahlreichen Romanen im Regal sa� � versteckt in der dunklen H�hle des lachenden Mundes. �Das Schwein hat meinen Kasper pr�pariert�, murmelte Tonia, nahm Veller die Marionette ab und fingerte nach der Kamera, bekam sie aber nicht zu packen. W�tend schmetterte Tonia die Figur auf das Linoleum. Sie stampfte auf den Kopf und h�rte auch nicht auf, als er l�ngst zertr�mmert war. Anna ber�hrte ihren Arm, um sie zu beruhigen. Tonia riss sich los, schaltete Fernseher und DVD-Spieler ein und wandte sich der Kommode zu. Sie w�hlte in der untersten Schublade zwischen Kleidungsst�cken. Eine Disk, die sie dort versteckt hatte � Tonia schob sie in das Abspielger�t. �Sie d�rfen auf keinen Fall Fatima davon erz�hlen�, wiederholte sie. �Garantieren Sie mir das?� �Meine Kollegin hat Ihnen doch schon �� �Ich will es auch von Ihnen h�ren�, verlangte Stills Tochter. �Laut und deutlich.� �Ja, versprochen�, antwortete Veller, obwohl er wusste, dass seine Zusicherung nichts wert war, falls die DVD im Prozess gegen ihren Vater eine Rolle spielen w�rde. Er war gespannt auf das, was die marokkanische Freundin nicht wissen durfte. Tonia startete den Film. Eine Aufnahme aus ihrer ersten Wohnung. Sie sahen zu, wie die Studentin Kerzen anz�ndete und jemandem die T�r aufhielt. Ein Mann kam herein. Er stellte eine Flasche auf den Tisch und umarmte Tonia ungest�m. Ein attraktiver Typ. Ende zwanzig, schwarzes Haar, Dreitagebart. Tonia hielt das Abspielger�t an. �Mein Vater hat mir diese Aufnahme gegeben. Damit machte er mir klar, dass ich seine Sklavin bin. Dass ich nur tun darf, was er mir erlaubt. Anderthalb Jahre ist das jetzt her. Seitdem wei� ich, was Kontrolle bedeutet.� Sie lie� den Film weiterlaufen. Der Kerl �ffnete die Flasche. Veller erkannte das Etikett einer teuren Champagnermarke. Tonia brachte Gl�ser, doch das P�rchen trank nichts, sondern kam auf dem Sofa rasch zur Sache. Bevor das erste Kleidungsst�ck zu Boden fiel, dr�ckte Tonia die Taste und das Bild fror wieder ein. �Sie k�nnen sich denken, wie es weitergeht.� �Ihrem Vater gefiel nicht, dass Sie M�nnerbesuch hatten?�, fragte Anna. �Vor allem nicht, dass es ein Marokkaner war. Mein Vater machte mir klar, dass so etwas nie wieder passieren d�rfte.� �Wer ist der junge Mann?�, fragte Veller. �Ich habe ihn durch Fatima kennengelernt. Er wusste nicht, dass sie und ich zusammen sind. Wir waren immer darauf bedacht, unsere Beziehung geheim zu halten. Dieser Mann hat mich irgendwie �berrumpelt. Er machte mir recht ausdauernd den Hof und war sehr charmant dabei. Eigentlich habe ich mir nicht viel aus ihm gemacht, aber an diesem Abend hatte ich etwas getrunken und wollte wissen, wie es ist, es mal mit einem Mann zu tun.� �Deshalb darf Ihre Freundin also nichts davon wissen�, folgerte Anna. �Das ist noch nicht alles�, sagte Tonia und hielt die DVD-H�lle fest. Die Finger zitterten. �Reden Sie weiter�, ermunterte sie Veller. Tonia fl�sterte: �Mein Vater hat mir damit gedroht, dass er jeden Araber, mit dem er mich erwischen w�rde, t�ten werde, wie er diesen Mann get�tet hat.� Der Kerl auf dem Standbild hatte seine Hand unter Tonias Bluse geschoben und lachte. Veller wurde klar, an wen ihn die Gesichtsz�ge erinnerten. Die Br�der sahen sich �hnlich. Veller sagte: �Sie h�tten zur Polizei gehen m�ssen.� �Tonia hatte Angst vor ihrem Vater�, bat Anna als Erkl�rung an. �Nein, vor Fatima� entgegnete die junge Frau und begann zu schluchzen. �Ich habe sie mit ihrem eigenen Bruder betrogen. Das ist Noureddine. Und ich bin der Grund daf�r, dass er tot ist! Wenn Fatima das erf�hrt, verl�sst sie mich. Sie werden diese Information f�r sich behalten. Sie haben mir Ihr Wort gegeben!� W�hrend Veller die DVD an sich nahm, lie� Tonia ihren Tr�nen freien Lauf. Er wollte ihr sein Taschentuch leihen, doch sie sprang pl�tzlich auf und musterte die Regalwand. Sie begann, Marionetten und B�cher herauszurei�en und auf den Boden zu schleudern, bis Anna sie stoppte. �Es ist gut, Tonia�, sagte sie. �Beruhigen Sie sich. Er kann Ihnen nichts mehr tun. Es wird nie wieder Kameras in Ihrer Wohnung geben.� Stills Tochter riss sich los. �Mein Vater hatte Helfer. Er gab sogar damit an, dass er einen Verfassungsschutzmitarbeiter auf Noureddine angesetzt h�tte.� �Das alles hat er Ihnen verraten?� �Er wusste genau, wie sehr er mich mit jedem Detail, das er mir erz�hlte, treffen w�rde. Ich f�rchte, ich werde die Angst vor ihm niemals los, auch wenn er f�r immer eingesperrt bleibt!� Veller fragte: �Was hat Ihr Vater �ber den Mord an Noureddine erz�hlt?� �Dass er ihm jeweils dreimal in Kopf und Herz geschossen hat. Dass sein Spitzel ihm geholfen hat, Noureddine in die Falle zu locken. Dass er Zugriff auf s�mtliche Daten, die der Staat von den B�rgern sammelt, h�tte und ich seiner Kontrolle niemals entkommen w�rde.� Tonia starrte auf den Fernseher, auf dem noch immer Noureddine lachte. �Und er sagte � er drohte mir, dass er immer � dass er immer f�r mich da sein wird!� � �Wahnsinn�, sagte Anna, als sie Tonias Wohnung verlie�en. Veller trug die zerst�rte Minikamera und die Silberscheibe, die Tonias Eskapade mit Noureddine Diouri dokumentierte, in Beweismittelt�ten mit sich. Die Chance, Stills Fingerspuren darauf zu finden, war zwar gering, aber Veller wollte nichts unversucht lassen. Je drei Sch�sse in Kopf und Herz � ob das auf Noureddines Ermordung zutraf, w�rde leicht zu erfahren sein. �Der Spitzel, der Norbert Still geholfen hat, war Yassin�, sagte Anna. �Wetten?� �Alias Dennis Scholl�, stimmte Veller zu. �Erinnerst du dich an die Aussage der Stiefschwester, bei der er sich durchschnorrte? Dennis hatte ihr vorletztes Jahr zum Geburtstag tausend Euro zur�ckgezahlt. Ich hab nachgesehen, der Geburtstag ist im September. Und letzte Woche hatte Dennis die R�ckzahlung seiner restlichen Schulden angek�ndigt. Wie wollte der notorisch klamme Kerl an die Knete kommen?� �Du meinst, indem er Still erpresste. Yassin meldet sich bei seinem V-Mann-F�hrer und verlangt erneutes Schweigegeld.� �Weil er mitbekommen hat, dass du und Zander die Ermittlungen im Mordfall Noureddine wieder aufgenommen hattet.� �Rafi k�nnte ihm das erz�hlt haben.� �Und dann hat Still beschlossen, Yassin zu beseitigen, indem er ihm die Bombe unterjubelt.� �Wahnsinn�, wiederholte Anna. Nein, dachte Veller. Aus Stills Sicht war es genial. Mit der Z�ndung der Bombe hatte der Geheimdienstmann nicht nur seinen Mordkomplizen beseitigt. Zugleich hatte er eine Gruppe verhasster muslimischer Fundis ausgeschaltet und, indem der Verdacht auf die Opfer selbst fiel, im ganzen Land eine Angststimmung erzeugt, die Stills eigene Paranoia best�tigte. Dass die Panik auch noch der Partei zugutekam, in der sich Still engagierte, war gleichsam das Sahneh�ubchen gewesen. Veller schloss den Alfa auf, den er auf den B�rgersteig gesetzt hatte. �Bringst du mich nach Hause?�, fragte Anna. �Gern.� Veller fuhr nordw�rts. Wo tags�ber die U-Bahn-Baustellen f�r Staus sorgten, waren die Stra�en fast leer. Eine kalte Nacht � Veller drehte den Regler f�r die Sitzheizung seiner Beifahrerin auf. �Ich bin todm�de.� Anna deutete ein G�hnen an. �Klar.� �Glaub nicht, dass ich nach einem solchen Tag noch Lust auf Sex habe.� �Wieso meinst du, dass ich darauf spekulieren w�rde?�, fragte Veller mit gespielter Emp�rung. �Es ist viel zu sp�t daf�r.� �Da hast du v�llig recht.� �Nur kuscheln.� �Genau.� Annas Augen blitzten. Von wegen nur kuscheln, dachte Veller und beschleunigte seinen Wagen. In der N�he ihrer Wohnung fand er eine Parkl�cke im Halteverbot. Vielleicht w�rde ihn der Gewerkschaftsaufkleber vor einem Kn�llchen bewahren. Als sie ausstiegen, brummte ein Taxi vorbei. �So hat das Auto geklungen�, sagte Anna, pl�tzlich ganz ernst. Veller wusste sofort, was sie meinte. Das Fahrzeug, das unmittelbar nach der Explosion vom Tatort weggefahren war. �Ein Dieselmotor�, stellte Veller fest. �F�hrt Still einen Diesel?� �Darum k�mmern wir uns morgen.� � Samstag, 21. M�rz,�Blitz,�Titelseite: D�SSELDORFER TERRORBOMBE: ERSTE FESTNAHME Sonntag, 22. M�rz,�Blitz am Sonntag,�Titelseite: BUNDESWEITE DEMONSTRATIONEN GEGEN RELIGI�SE GEWALT Hunderttausende gedachten Carola Ott Montag, 23. M�rz,�Blitz,�Titelseite: DIE TERRORBOMBE: ARBEITETE DENNIS S. F�R DEN VERFASSUNGSSCHUTZ? Dienstag, 24. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: BEWEGENDE TRAUERFEIER F�R CAROLA OTT Mittwoch, 25. M�rz,�K�lner Kurier,�Titelseite: NRW-VERFASSUNGSSCHUTZAFF�RE: FREIHEITLICHE FORDERN BEDINGUNGSLOSE AUFKL�RUNG Donnerstag, 26. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: POLITISCHES ERDBEBEN IN D�SSELDORF: INNENMINISTER NIMMT HUT, REGIERUNGSCHEF WACKELT 68. Das Haus der Valerys lag in Meerbusch-B�derich, einem linksrheinischen Vorort der Landeshauptstadt. Kein Palast wie das Anwesen der van Straelens in Essen-Werden, doch Moritz wusste, dass Gisbert Valery, Ingenieur und Inhaber eines international erfolgreichen Planungsb�ros, als steinreich galt und aufgrund der Beziehungen seiner weitverzweigten Familie �ber einen nicht zu untersch�tzenden Einfluss verf�gte. Die Wohnhalle des Erdgeschosses schm�ckte ein abstrakter Schinken � Moritz tippte auf ein Original von Gerhard Richter. Davor hatte sich ein Streichquartett postiert, das Barockmusik zum Besten gab, w�hrend die M�dels vom Cateringservice H�ppchen und Getr�nke verteilten. Moritz hatte Alex Vogel mitgebracht � eine gute Chance, die Beziehungen zur Presse auszubauen. W�hrend der Fahrt nach B�derich hatten sie spekuliert, wie sich die politische Landschaft Deutschlands in den n�chsten Jahren wandeln w�rde. Mit jedem Kilometer, den sie zur�cklegten, verloren die etablierten Parteien zugunsten der Freiheitlichen an Boden. Nach der Rheinquerung stand fest, dass Moritz� Truppe im n�chsten Jahr auch den Einzug in den Bundestag schaffen w�rde. Verhaltener Applaus, die Streicher begannen, ihr zweites St�ck zu fiedeln, etwas Bekanntes von Bach. Der Hausherr empfing Moritz und seinen Begleiter. �Kommen Sie�, raunte Valery. �Ich will Ihnen etwas zeigen.� Der Gastgeber f�hrte sie in den Keller. Viel helles Holz, eine Sauna nebst Bar. Vogel runzelte die Stirn. Als Valery eine weitere T�r �ffnete und Stimmen zu h�ren waren, ahnte Moritz, was kommen w�rde. Sie betraten einen Ausstellungsraum. Vitrinen voller Soldatenklamotten und Abzeichen � Moritz wollte gar nicht wissen, wer das Zeug bei welchem Anlass getragen hatte. An einer Wand reihten sich Pulte mit aufgeschlagenen Bildb�nden. Vogel bl�tterte ohne wirkliches Interesse. Hinter Glas hing eine braune Parteiuniform. �Von der Gr��e her k�nnte sie Joseph Goebbels geh�rt haben�, riet Moritz � ein Schuss ins Blaue. Valery nickte stolz. �In dieser Uniform empfing er die Stars der UFA in seinem Liebesnest am Bogensee.� Nicht schlecht, dachte Moritz. Er begr��te Bucerius, van Straelen sowie Hagedorn vom�K�lner Kurier.�Fast schon gute Freunde � verschworene Treffen zwischen Nazidevotionalien schwei�en zusammen. �Welch ein exquisites Zusammentreffen von Medien- und Wirtschaftsmacht�, sagte Moritz. �Und Politik�, wandte van Straelen ein. �Gratuliere zum Parteivorsitz!� �Noch ist das alles nur kommissarisch.� �Herr Lemke wird ein w�rdiger Nachfolger unserer viel zu fr�h aus dem Leben geschiedenen Frau Ott sein�, prophezeite Bucerius. �Und nach der Wahl geh�rt ihm das Innenministerium. Da gibt es vieles aufzur�umen, wie man jetzt �berall h�rt und liest.� �Ein entsprechendes Votum der W�hler vorausgesetzt�, wandte Moritz ein. Er tat bescheiden, wie es sich geh�rte, aber in seinen Tr�umen sah er sich bereits als Spitzenkandidat f�r die Bundestagswahl im n�chsten Jahr. Danach Fraktionschef in Berlin oder Minister einer k�nftigen Bundesregierung � alles war drin. Max van Straelen fragte: �Wie lauten die j�ngsten Umfragen? Acht Prozent?� �Das war bei Wochenbeginn. Im Moment liegen wir bei zw�lf. Und die Verfassungsschutzaff�re wird uns weiteren Auftrieb geben.� �Trotz Still?� �Wegen ihm�, warf Bucerius ein. �Die Bombe hat vor allem die Angst vor dem Islam gesch�rt, denn die Terrorzelle hat es ja tats�chlich gegeben. Und dass einer wie Still dem Verfassungsschutz angeh�rt, l�sst die Regierungsparteien als komplette Versager erscheinen. Dass Still auch im Vorstand der Freiheitlichen sa�, haben die Medien zum Gl�ck nicht sehr breitgetreten. Au�erdem hat Herr Lemke hervorragende Arbeit geleistet und die Partei als ein weiteres Opfer von Norbert Still dargestellt.� �Bitte erw�hnen Sie seinen Namen nicht mehr!�, st�hnte Moritz. Die Runde lachte. Valery klatschte in die H�nde und rief: �Lasst uns nach nebenan gehen!� Er �ffnete eine T�r, dahinter befand sich ein abgedunkelter Raum. �Willst du uns endlich deine Filme zeigen?�, fragte van Straelen. �Nein, vielleicht ein andermal, Max.� �Was f�r Filme meinen Sie?�, wollte Vogel wissen. Van Straelen raunte hinter vorgehaltener Hand: �Gisbert hat vor einigen Jahren die private Pornosammlung des F�hrers erworben. Neckische Nackedeis in allerlei pikanten Posen, wie es hei�t. Der F�hrer konnte angeblich nicht genug davon haben. Aber Gisbert hat uns die Filmchen bis heute vorenthalten.� �Ich habe etwas Besseres f�r euch�, erwiderte Valery und dr�ckte einen Schalter. Ein Raunen ging durch die Gruppe � grelles Licht fiel auf eine nackte Frau. Es war eine Puppe. Ziemlich lebensecht stand sie auf einem niedrigen Sockel aus Holz. Standbein und Spielbein. Schulterlanges, dunkles Kunsthaar. Tats�chlich erinnerte das Gesicht an einen Filmstar der Vierzigerjahre. Moritz trat n�her und erkannte ein Netz feiner Risse in der blassen Kunststoffhaut. An einigen Stellen war die oberste Schicht abgebr�ckelt. Doch ihre gl�sernen Augen funkelten und f�r einen Moment stellte sich Moritz vor, er tr�ge Goebbels� Uniform und eine blutjunge Anneliese Uhlig w�rde sich ihm an den Hals werfen � in der Hoffnung auf die Hauptrolle im n�chsten Propagandastreifen. �Borghild�, erkl�rte Valery voller Stolz. Seine G�ste gratulierten ihm zu der Neuerwerbung. Selbst Hagedorn vom�Kurier,�der zuletzt noch vor dem Schwindel gewarnt hatte, tat beeindruckt. �Darf ich dar�ber schreiben?�, fragte Vogel. �Eine irre Geschichte f�r unseren�Kurier�, schw�rmte Hagedorn. Der Hausherr winkte ab. �Nein, das ist nichts f�r die �ffentlichkeit.� �Vielleicht, wenn die Freiheitlichen erst einmal fest im Sattel sitzen�, sagte Edwin A. Bucerius, der Baul�we aus Duisburg, lachte breit und klopfte Moritz auf die Schulter. Frau Valery hob ihr Glas. �Auf die Zukunft!� Bucerius reckte sich und raunte Moritz ins Ohr: �Sie sind wirklich einer von uns geworden. Mehr als Carola es jemals war. Wir sind stolz auf Sie, Herr Lemke!� � Freitag, 27. M�rz,�D�sseldorfer Morgenpost,�Titelseite: DAS GEST�NDNIS DES MOSCHEEBOMBERS NORBERT S. Er hasste Muslime und vor allem den Konvertiten Yassin, der ihm als Informant in Islamistenkreisen diente. Jetzt legte Moscheebomber Norbert S., 47, sein Gest�ndnis ab. Der Beamte des D�sseldorfer Landesamts f�r Verfassungsschutz beschaffte die Bombe, �bergab sie unter einem Vorwand seinem V-Mann und z�ndete sie selbst per Fernsteuerung, als Yassin sich mit seinen Freunden im Nebenraum der marokkanischen Moschee in D�sseldorf-Oberbilk traf. Ungekl�rt bleibt die Frage der Schuldf�higkeit. W�hrend sein Anwalt die �berweisung des Inhaftierten in eine psychiatrische Klinik verlangt, geht die Polizei davon aus, dass Norbert S. zum Zeitpunkt des Attentats im Besitz seiner geistigen Kr�fte gewesen ist. Unterdessen ermittelt die Kripo in einem weiteren Fall gegen den mittlerweile suspendierten Verfassungsschutzbeamten. Auch der Mord an dem Marokkaner Noureddine D. vor anderthalb Jahren soll auf das Konto von Norbert S. gehen. Die Verwicklung der Verfassungsschutzbeh�rde in den Anschlag vom 16. M�rz sorgt weiterhin f�r Aufregung. Das Innenministerium war wom�glich fr�her, als bislang zugegeben, �ber die Rolle des V-Mann-F�hrers Norbert S. im Bilde und verheimlichte der Polizei entscheidende Informationen. Die Kanzlerin stellte sich noch am Donnerstag hinter Ministerpr�sident Fahrenhorst und lobte sein �kraftvolles Krisenmanagement�. Bis zur Landtagswahl �bernimmt Fahrenhorst das Amt des NRW-Innenministers in Personalunion. Die Freiheitlichen r�umten ein, dass Norbert S. ihrem Parteivorstand angeh�rte. �Wir sind uns sicher, dass er im Auftrag seiner Beh�rde gehandelt hat, um unsere Arbeit zu torpedieren�, so der designierte Parteivorsitzende Moritz Lemke, der zugleich seine R�cktrittsforderung gegen den Ministerpr�sidenten erneuerte. �Die Regierung macht den Bock zum G�rtner, indem sie Rechtsradikale wie Norbert S. auf islamistische Gef�hrder ansetzt. Dieser Saustall muss ausgemistet werden, bevor Schlimmeres geschieht.� Lemkes Chancen, die Ank�ndigung wahr zu machen, stehen gut. W�hrend die Sympathiewerte der Koalitionsparteien in den Keller rutschen, sehen j�ngste Umfragen die Freiheitlichen als drittst�rkste Kraft im Landtag. 69. Nach zwei freien Tagen, an denen sie �berstunden abgefeiert hatte, trat Anna wieder ihren Dienst im Kriminalkommissariat�11 des D�sseldorfer Polizeipr�sidiums an. Die Kollegen begl�ckw�nschten sie zur Aufkl�rung der Bombensache. Anna winkte ab � andere hatten weit gr��eren Anteil daran gehabt. Die Morgenbesprechung holte sie in den Dienstalltag zur�ck: Die Nachtschicht der Kriminalwache hatte zwei Leichenfunde hinterlassen, vermutlich tote V�gel, wie die Mordkommission diejenigen F�lle bezeichnete, die sich nach Leichenbesichtigung und R�cksprache mit Angeh�rigen und Hausarzt als nat�rlicher Tod erwiesen. Kommissariatsleiterin Ela Bach verteilte die Aufgaben und fragte Anna, ob sie sich dem Team anschlie�en wolle, das den Mord an Martin Zander bearbeitete. Anna lehnte ab. Der Fall war gekl�rt und die Vorbereitung des Prozesses gegen Benno Gr�ter lief auch ohne ihre Mitwirkung. Sie verzog sich in ihr B�ro und fuhr ihren Laptop hoch. Paul hatte eine E-Mail geschickt: die Abschrift des Gest�ndnisses von Norbert Still, den die Medien seit seiner Festnahme den �Moscheebomber��nannten. Die Ergebnisse des LKA-Labors hatten Still zum Reden gebracht. Die Sachbeweise waren deutlich: Sprengstoffpartikel auf dem Couchtisch in seinem Haus, zudem hatten Bispings Leute Asche in Stills M�lltonne entdeckt. Ein r�tlicher Papierfetzen war nicht vollst�ndig verbrannt. Zwar stand auf ihm keine Identifikationsnummer, aber die Papiersorte entsprach den H�llen, in die�Orica Germany�seinen Bestseller zu packen pflegte:�Eurodyn 2000.�Still hatte eingesehen, dass sein Schweigen ihm nichts bringen w�rde. Inzwischen hatte er auch den Mord an Noureddine zugegeben und die Tat damit begr�ndet, dass er geglaubt habe, nur so das Leben seines Informanten Yassin sch�tzen zu k�nnen � eine haneb�chene Ausrede, die ihm nie und nimmer einen Strafnachlass bescheren w�rde. Der politische Schaden war enorm. Anna hatte nie viel f�r die Figuren �brig gehabt, die in Berlin und D�sseldorf am Ruder waren. Aber der Gedanke, dass die Machtmittel, die diese Leute unter dem Vorwand der Terrorbek�mpfung derzeit anh�uften, einmal in die H�nde der Freiheitlichen fallen k�nnten, beunruhigte sie. Sie begann, den Abschlussbericht f�r die Akte des KK�11 zu tippen.�Mordsache zum Nachteil des Noureddine Diouri, geboren am � Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Drei Wochen war es her, dass Zander und sie den Fischladen der Diouris aufgesucht hatten. Anna stand auf und lauschte an der Verbindungst�r. Sie stellte sich vor, der Padre s��e nebenan und telefonierte. Seine Kaffeemaschine gurgelte � er hatte sie stets mitversorgt. Sie �ffnete die T�r und betrat das Nachbarzimmer. Ihr fiel auf, wie unpers�nlich es wirkte. Nicht einmal eine Gr�npflanze in Hydrokultur. Zander hatte es nicht eilig gehabt, hier heimisch zu werden. Sie �ffnete die Dose mit dem Kaffeepulver. Zwei Zwanzigeuroscheine steckten darin. Ihre erste und einzige Wette � der Padre hatte fest an den Ermittlungserfolg geglaubt. Sie beschloss, ihm f�r das Geld Blumen aufs Grab zu stellen. Die Beerdigung vor drei Tagen � Anna hatte Zanders Tochter Pia kennengelernt. Aber kein einziger der Obermuftis hatte sich blicken lassen. Zander trickste, war selbst kriminell. Tun Sie nicht so, als w�ssten Sie das nicht. Anna fielen die zwei Kilo Heroin ein, die nie aufgetaucht waren � sie wollte lieber nicht wissen, was ihr Kollege damit angestellt hatte. Er war ein guter Kerl gewesen. Basta. Ihr Telefon klingelte. Es war Paul, der sich mit ihr zum Mittagessen verabreden wollte. � Anna hatte den koreanischen Imbiss vorgeschlagen, den sie einmal mit Zander besucht hatte. Paul studierte die Karte und machte eine am�sierte Bemerkung �ber die Internationalit�t des Angebots:�Gyros-Pizza, Leberk�se Hawaii, Schnitzel s��-sauer. �Letztlich ist alles Hund�, sagte Anna, sich an eine Bemerkung ihres toten Partners erinnernd. Sie entschieden sich beide f�r Salat. �Wie geht es deinem Vater?�, fragte Anna. �Gut. Er hat mich �brigens in zehn Z�gen geschlagen. Und das Bl�de ist, dass ich nicht wei�, wo ich den Fehler begangen habe.� �Ich sch�tze, du hast ihm damit eine Riesenfreude bereitet.� �Ja, ich rangiere bei ihm gleich hinter Beethoven, Scotch der Marke Glenfiddich und der�Lindenstra�e�im Fernsehen.� �Immerhin.� Paul stocherte in seinem Salat. �Wie alt bist du eigentlich?�, fragte Anna. �Neununddrei�ig, wieso?� �Du l�gst.� �Wie kommst du darauf?� �Du hast den Song erkannt, den der Padre als Klingelton auf dem Handy hatte.�In-A-Gadda-Da-Vida�ist von 1968. Hab ich im Internet nachgesehen.� Paul lachte. �Ich bin in der ostwestf�lischen Provinz aufgewachsen. Die geilsten Scheiben kamen da immer mit Versp�tung an.� �Auch das noch�, antwortete Anna. �Ein Sportwagentyp aus Ostwestfalen, der auf Hardrock steht.� �Und wie alt bist du?� �Tu nicht so. Als Staatssch�tzer hast du doch schon l�ngst meine Daten abgefragt und mich obendrein auf Verfassungstreue durchleuchtet.� �Stimmt.� �Versprich mir, dass du nie meine Wohnung verwanzen wirst!� �Versprochen.� Paul r�usperte sich. �Wie hat Jonas es eigentlich aufgenommen?� Anna gabelte Gr�nzeug und kaute. �Du hast es ihm doch gesagt, oder?� �Entz�ckt war er nicht gerade�, antwortete sie. Paul griff nach ihren H�nden. �H�ttest du Lust, mich am Wochenende zu begleiten, wenn ich meinen Vater besuche?� �Ostwestfalen?� �So �bel ist das auch wieder nicht.� Seine blauen Augen strahlten sie an. Ein Kollege, dachte Anna. Das konnte doch niemals gut gehen, oder? �Okay�, sagte sie. 70. Der Mann hatte eine Sporttasche dabei und setzte sich zu ihr auf die Parkbank. Miriam f�hlte sich unwohl, allein mit diesem Unbekannten. Sie legte die Hand auf ihren Bauch, als machte sie die Schwangerschaft unantastbar. Miriam sp�rte, wie sich das Ungeborene bewegte.�Allahu akbar,�dachte sie. Gott wollte, was sie tat, sonst h�tte er sie nicht hierher gef�hrt. �Bist du Jewgeni?�, fragte sie. Der Mann nickte. Er sah sich um, dann tauschte er seine Tasche gegen ihren Einkaufsbeutel und kontrollierte die T�ten, die darin steckten. �Zwei Kilo�, betonte Miriam. �Wollen wir hoffen, dass du uns nicht beschei�t�, antwortete der Russe. �Normalerweise schaue ich Leuten in die Augen und wei� Bescheid. Mit einer wie dir hab ich noch nie Gesch�fte gemacht.� Miriam zupfte nerv�s an dem Stoff vor ihrem Gesicht, zog den Rei�verschluss der Sporttasche auf und lugte hinein. �Ein Schuhkarton�, stellte sie fest. �Der es in sich hat.� �Hoffentlich.� �Vertrauen ist das Wichtigste auf der Welt. Wo k�men wir hin, wenn wir einander nicht vertrauen k�nnten?� Miriam wunderte sich, das aus dem Mund eines Gangsters zu h�ren. Jewgeni f�gte hinzu: �Das Zeug zu besorgen, war nicht so leicht. Ganz sch�n teuer, den Angestellten zu bestechen.� �Ich dachte, der Steinbruch geh�rt deinen Leuten.� Seinem Gesicht konnte sie ablesen, dass sie ihn beim Schwindeln ertappt hatte. Aber es war ihr egal. Sie hatte, was sie wollte. Sie hob den Deckel des Schuhkartons an. Er war voller Schrauben und Muttern. Darin eingebettet ein B�ndel Stangen in r�tlichem Papier. Der Inhalt gab nach, als sie eine Stange anfasste. Miriam erschrak. Sie zog den Rei�verschluss wieder zu und umklammerte die Tasche mit beiden H�nden. Der Kleine in ihrem Bauch trat mit seinen winzigen F��en. Er w�rde stark werden, ein K�mpfer,�inschallah�� Dschihad, Sohn des Said Boussoufa, Spross eines M�rtyrers. �Ich will gar nicht wissen, was du damit vorhast�, sagte der Mann, der neben ihr sa�. �Frieden und Gerechtigkeit.� �Das behaupten alle.� �Du musst mir noch erkl�ren, wie man das Ding z�ndet.� Wieder blickte Jewgeni sich um. �Du hast die roten Stangen gesehen?� �Ja.� �Sie umschlie�en ein Handy, und der Stromkreis, der es normalerweise klingeln l�sst, ist mit der Z�ndkapsel verbunden.� Der Russe gab ihr einen Zettel. �Wenn du diese Nummer w�hlst, schlie�t sich der Kreis, der Akku des Handys l�sst die Z�ndkapsel hochgehen und damit den ganzen Sprengstoff. Kapiert?� �Das hei�t, ich darf nicht zu lange warten, sonst ist der Akku leer.� �Schlaues M�dchen. D�rfte ich mal dein Gesicht sehen?� �Das war�s dann, nehme ich an.� Sie stand auf, um zu gehen. �Warte! Hast du einen Plan?� Miriam wandte sich um. �Einen Plan?� �Ja, f�r Frieden und Gerechtigkeit und den ganzen Kram.� Miriam l�chelte unter ihrem Hijab. �Gott macht die Pl�ne. Ich bin nur das Werkzeug.� �Klar. Das stell ich nicht infrage, aber �� �Ja?� �Sag mir trotzdem, was du vorhast, zumindest ungef�hr. Ich meine � Mir w�r�s n�mlich lieb, nicht mittendrin zu sein, wenn du dein, �h, Zeichen setzt.� �Bleib einfach morgen Abend zu Hause.� �Morgen Abend also?� �Ja. Morgen Abend,�inschallah.� Dank an die zahlreichen Freunde und gro�z�gigen Helfer, die mir w�hrend der Arbeit an diesem Roman mit ihrem Sachverstand zur Seite standen. Namentlich nennen m�chte ich Samy Charchira und Michael Kiefer von der Aktion Gemeinwesen und Beratung AGB, Klaus D�necke, Dirk Sauerborn und Detlev Sostak vom Polizeipr�sidium D�sseldorf, Max Starmann, Dirk Spliethoff und Kai Lorra vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen, dessen Direktor Wolfgang Gatzke und seine Pressestelle sowie Guido Schweers, Bertram Job und Christoph M�ller. Ein herzliches Dankesch�n an Jutta Bechstein-Mainhagu vom Goethe-Institut Bordeaux und an das Department Gironde, in dessen Autorenresidenz die ersten Kapitel geschrieben wurden. Mein besonderer Dank gilt erneut meinen Erstlesern Klaus Eckert und Kathie Wewer, die Stunden ihrer Lebenszeit opferten, um mir Beistand, Rat und Kritik zu schenken, sowie dem wunderbaren Team von Grafit. 8